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Der Imagewechsel der NPD

Der Ruf nach einem Verbot der NPD wird wieder lauter, die Partei hat nichts in ihrer Gefährlichkeit eingebüßt. Doch "die NPD" ist "auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft", das zeigen die Autoren Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem äußerst aktuellen und detailreichen Band. Die Dresdner Fernsehjournalistin Claudia Hempel bietet einen anderen Blick auf die rechtsextreme Szene und lässt "Mütter erzählen". Reiner Scholz hat beide Bände gelesen.

14.04.2008
    Auf ihrer Website gibt sich die NPD gern als normale Partei. Keine Spur von Nazi-Vergangenheit und Kampfmontur. Die Seiten sind in zurückhaltendem Pastellgrau gehalten. Die Partei sucht erkennbar den Weg ins bürgerliche Lager. In dieser Partei, die 1996 nur 2.600 Mitglieder hatte, sehen die Herausgeber das neue Zentrum der extremen Rechten. Der Hamburger Journalist Andreas Speit:

    "Die NDP hat in den letzten Jahren eine enorme Gravitationskraft entwickelt. Das heißt ganz konkret, dass tatsächlich aus dem Spektrum der Freien Kameradschaften, aber auch aus allen rechtsextremen Parteien die NPD Zulauf hat. Sie ist auch mittlerweile die organisationsstärkste neonazistische Struktur in der Bundesrepublik mit über 7.200 Mitgliedern."

    In acht Kapiteln beschäftigen sich die Autoren mit Facetten der NPD, so mit ihrer Entwicklung, ihren Finanzquellen, ihren Vordenkern und ihren gewaltbereiten Rändern. Sie beleuchten ihre teilweise verdeckten Strukturen, etwa in Bayern, berichten über die expandierenden Frauenbünde und die deutschtümelnde Kinder- und Jugendarbeit, die die Partei gern geheim hält. Ein eigenes Kapitel gilt der rechtsradikalen Kulturarbeit, in der mittlerweile – so die Autoren – bis zu 20 Liedermacher und 180 Rechtsrock-Bands mitmischen und zum Teil gut davon leben.

    Mit dem Vorsitzenden Udo Voigt, einem früheren Hauptmann der Bundeswehr, rückte 1996 einer an die Spitze der Partei, der keine Skrupel hat, Rechtsterroristen in der NPD eine Heimat zu bieten. Der aber auch der NDP den Weg in die bürgerliche Mitte predigt: "Wir brauchen Führungskräfte und keine Kleiderfetischisten", so lautet ein Satz von ihm. Die NPD hat damit Erfolg, nicht nur im Osten:

    "Die NPD hätte fast den Einzug im Saarland geschafft, bei der letzten Landtagswahl. Sie haben dort über vier Prozent bekommen, eine Zahl, die fast gar nicht wirklich wahrgenommen worden ist im Westen. Bei Kommunalwahlen, gerade in Niedersachsen, hat die NPD es auch geschafft, 18 Mandate zu erringen. Das war für sie ein enormer Erfolg, und wenn man sich das noch weiter anschaut, kann man feststellen, dass rechte Ressentiments - die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat das ja festgestellt - im Osten weniger verbreitet sind als in Westdeutschland."

    Zudem würden rechtsextreme Einstellungen bei Menschen mit höherem Bildungsabschluss in letzter Zeit zunehmen. Hier sehen die Neo-Nazis ihre Chance, so Autor und Mitherausgeber Andreas Speit:

    "Die NPD ist sehr bemüht, einen Imagewechsel zu vollziehen. Sie möchte ganz bürgernah erscheinen. Der eine Punkt ist tatsächlich, dass sie biederer aussehen. Der andere Punkt ist, dass sie versuchen, in den Gemeinden und im Vereinsleben als nette Vereinsbrüder, die hilfsbereit und ehrenamtlich tätig sind, sich zu gerieren. Der weitere Punkt ist schlicht und einfach, dass sie versuchen, dort, wo sie kommunale Mandate haben, die Interessen der Leute aufzugreifen. Und dazu werden sogar die Kader auch extra geschult."

    Das Buch über die NPD ist äußerst aktuell, detailreich, sachlich und in seinen Berichts- wie Reportageteilen gut geschrieben. Ein Personenregister erleichtert die Orientierung. Denn Orientierung tut not.

    Davon zeugt das Buch von Claudia Hempel: "Wenn Kinder rechtsextrem werden". Darin lässt die Autorin, eine Journalistin aus Dresden, Eltern von Kindern zu Wort kommen, die in der rechten Szene waren oder noch sind. Es sind tragische Geschichten: Geschichten von der anfänglichen Verdrängung und dem Gewahrwerden, Geschichten von Verlustängsten, von Scham und Selbstvorwürfen.

    Dass es vor allem Mütter sind, die über das Reinrutschen ihrer Kinder in die rechtradikale Szene berichten, ist kein Zufall. Wer diese Geschichten liest, der wird geradezu gestoßen auf das Versagen vieler Väter. Eine Mutter berichtet über sich und ihren Sohn:

    "Was eine Mutter machen kann, das habe ich gemacht. Da brauche ich mir gar keine Vorwürfe zu machen. Aber es gibt einfach bestimmte Sachen, wo Söhne ganz doll ihren Vater brauchen. Und den Vater hat er immer vermisst. Er war nie da. Und wenn, dann hat er immer etwas auszusetzen gehabt an dem, was er macht. Es gab nicht einmal den Punkt, wo er gesagt hat: Mensch, das hast du super gemacht."

    Die eindrucksvollen Berichte, die die Autorin nach den Erzählungen betroffener Mütter – sowie einem Vater - verfasst hat, offenbaren zumeist deren absolute Hilflosigkeit. Plötzlich liegen Landser-Hefte im Kinderzimmer, plötzlich trägt der Sohn Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln, plötzlich hagelt es Strafanzeigen, etwa wegen Körperverletzung. Zwar bekommen die Eltern nun des Öfteren mit der Polizei zu tun, doch wirkliche Hilfe wird ihnen kaum zuteil. Eine Mutter klagt:

    "Ich hätte mir so gern eine Krisenstelle gewünscht. Einen Ort, wo man mal hingehen kann, wenn man nicht mehr ein noch aus weiß. Denn jeder Tag war ja Stress pur. Ich war ja immer allein mit ihm. Die beiden Großen sind aus dem Haus, und mein Mann ist Fernfahrer. Irgendwann kam der Tag, wo Daniel nur noch gemauert hat und ich nicht mehr an ihn rankam."

    Das Buch von Claudia Hempel kann betroffenen Eltern eine große Hilfe sein. Vielleicht wäre es gut gewesen, ihm noch ein Kapitel über Erfahrungen von Hilfsorganisationen wie "Exit" beizufügen, die Eltern beraten und Jugendliche beim Ausstieg aus der Szene unterstützen. Allerdings sind im Anhang die Adressen derartiger Beratungsstellen aufgeführt. Dort findet sich auch ein Kompendium von einschlägigen Nazi-Symbolen, deren Auftauchen im Kinderzimmer häufig genug ein erstes Alarmzeichen darstellen.


    Andrea Röpke, Andreas Speit (Hrsg): Neonazis in Nadelstreifen
    Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft,
    Christoph Links Verlag, 210 Seiten, 16,80 Euro

    Claudia Hempel: Wenn Kinder rechtsextrem werden
    Mütter erzählen,
    Zu Klampen Verlag, 208 Seiten, 12,80 Euro