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StartseiteHintergrundDer Kampf um die indische Identität08.11.2003

Der Kampf um die indische Identität

Von der Macht der Hindu-Nationalisten

Mehr als 50 Jahre nach Ende der britischen Kolonialherrschaft ist Indien eine der aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens. Und auf der Suche nach einem neuen Selbstbewusstsein. In den gesellschaftlichen Debatten herrscht ein Thema vor: Die Frage nach der indischen Identität. Forciert wird die Diskussion von der einflussreichsten Organisation Indiens, dem Rashtriya Swayamsevak Sangh, kurz RSS genannt. Dieses "Nationale Freiwilligenkorps" ist eine streng hierarchische Organisation von Hindunationalisten und die Kaderschmiede der Regierungspartei BJP. Das Ziel: die Errichtung einer reinen Hindunation. Bei der Wahl der Mittel sind seine Mitglieder alles andere als zimperlich. Kritiker fürchten eine nachhaltige Schädigung der säkularen Demokratie.

Friederike Schulz

Der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee auf einem Hindu-Festival in Neu-Delhi. (AP)
Der indische Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee auf einem Hindu-Festival in Neu-Delhi. (AP)
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"Bharat Mataki" - Sieg für Mutter Indien. Schon von Weitem ist der Schlachtruf auf dem Campus der Nehru Universität in Neu Delhi zu hören. Es ist Freitagabend. Im Licht der untergehenden Sonne haben sich auf dem riesigen Rasenplatz zwischen den Seminargebäuden aus rotem Backstein und den Wohnheimen etwa 500 Studenten eingefunden. Alle tragen alle khakifarbene Shorts und weiße Hemden, die bis über die Ellbogen hochgekrempelt sind. Sie stehen stramm in Reih und Glied, den Blick starr geradeaus. Jeder hat einen mannshohen Stock in der Hand. Einer der Studenten aus der ersten Reihe gibt mit seiner Trillerpfeife das Kommando, auf das alle gewartet haben. Dann rennen sie los zum vorderen Teil des Platzes, formieren sich in Gruppen à 20 Mann. Aus ihren vorgestreckten Stöcken bilden sie ein tragfähiges Geflecht, auf das fünf weitere draufklettern. In wenigen Sekunden formen diese dann eine menschliche Pyramide, einer auf den Schultern des anderen. Dann folgt der Schlachtruf.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein etwas martialisch verfremdetes Pfadfindertreffen, ist in Wirklichkeit eine Machtdemonstration der größten Studentenvereinigung Indiens, einer der etwa 60 Partnerorganisationen des Rashtrya Swayamsevak Sangh, des RSS. Am vorderen Ende des Platzes steht der Fahnenmast. Wie bei jeder Versammlung des RSS ist die dreieckige safrangelbe Fahne gehisst. Sie ist zusammen mit den Khaki-Hosen das Markenzeichen des "Nationales Freiwilligenkorps", der größten und bizarrsten Organisation Indiens.

Jatin Mohand steht etwas abseits und beobachtet das Manöver. Jatin ist 32. Er ist 1,80m groß, hat kurzes lockiges Haar und einen buschigen Schnurrbart. Jatin hat gerade seine Promotion in Geschichtswissenschaft an der Nehru Universität abgeschlossen. Nun kann er sich voll und ganz seiner Berufung widmen. Jatin ist Vorsitzender der RSS-Hochschulgruppe von Neu Delhi. Er hat sich wie alle Kader der Organisation entschlossen, sein Leben dem RSS zu weihen: kein Privatbesitz, keine Freundin oder Familie, rund um die Uhr im Dienst und das alles ohne Bezahlung, nur gegen Kost und Logis.

Dies ist die einzige nationalistische Studentenorganisation. Wir sind stolz auf unser Land und wir wollen, dass jeder Student stolz darauf ist, Bürger dieses Landes zu sein. Wir arbeiten für die Nation. Das war der Grund, weshalb ich mich von Anfang an zum RSS hingezogen fühlte. Wir organisieren Blutspendeaktionen und Programme zur Aufforstung. Es gibt Seminare zur Bewusstseinsbildung, Gesprächskreise zu verschiedenen Themen, zur nationalen und internationalen Politik. Wir wollen die Studenten wachrütteln, wir kümmern uns um ihre Belange, veranstalten Demos. Es gibt außerdem Trainingcamps für unsere Mitarbeiter und Kampagnen zur Mitgliederwerbung.

25 Millionen aktive Mitglieder hat der RSS nach eigenen Angaben. Dies ist auch für ein so riesiges Land wie Indien mit über einer Milliarde Einwohnern eine beachtliche Zahl. Zumal die Mitglieder dazu aufgerufen sind, in ihren Familien und im Freundeskreis für die Ziele des Nationalen Freiwilligenkorps Werbung zu machen. So habe der RSS Einfluss auf etwa ein Drittel der indischen Bevölkerung, wie seine Führer stolz betonen. Die meisten von ihnen sind seit ihrer Kindheit dabei. Für alle gesellschaftlichen Bereiche gibt es eigene Unterorganisationen: Jugend- und Rentnergruppen. Die größte Gewerkschaft des Landes gehört dazu und auch eigene Schulen und Krankenhäuser. Um religiöse Belange kümmert sich der so genannte Weltkongress der Hindus. Auch international ist der RSS vertreten, vor allem in den USA und in Großbritannien. In Indien selbst gibt es eigene Vereine für Unberührbare, für Frauen und eben auch für Studenten.
Es geht uns darum, die Hindus dieses Landes zu organisieren. Dabei verstehen wir unter Hindu keine bestimmte Religion. Seit über 70 Jahren sagen wir das immer wieder. Der Begriff ‚Hindu' ist ein allumfassendes Konzept, in dem jeder seinen Platz hat. Jede Art von Gottesverehrung wird respektiert. Mit anderen Worten: Man kann das Wort ‚Hindu' mit dem Wort ‚Inder' gleichsetzen. Jeder Inder ist ein Hindu. Diejenigen, die in diesem Land geboren und aufgewachsen sind Hindus. Diese Hindus zu organisieren, ist das wichtigste Ziel des RSS.

Jeden Tag trifft sich Jatin mit seinen Mitstreitern auf dem Campus der Nehru Universität. An diesem diesen Freitag sind einige hohe Kader gekommen, um zu den Studenten zu sprechen. Jatin ist zufrieden. Die Versammlung verläuft diesmal ohne Zwischenfall, was selten vorkommt. Der RSS hat Feinde. Hindus stellen mit gut 80 Prozent zwar die Bevölkerungsmehrheit, doch wollen viele von ihnen nicht als Hindus im Sinne des RSS gelten, von den 12 Prozent Moslems, den Sikhs und der christlichen Minderheit ganz zu schweigen.

Ihr Ziel ist es, aus Indien einen reinen Hindustaat zu machen. Ihre Philosophie ist dabei die Ideologie der Mehrheit. Alle Hindus sollten sich vereinen und die einzig wahre -selbsternannte- Vertretung aller Hindus unterstützen. Und das ist der RSS und halt auch sein politischer Arm, die Regierungspartei BJP. Und der erklärte Feind sind Muslime, Christen und jeder, der eine andere Philosophie vertritt und dem RSS widerspricht.

Sumit Sarkar ist Professor für Geschichte. Er steht am Fenster seines Büros im Verwaltungsgebäude der Universität und blickt besorgt auf die Versammlung unter der safrangelben Fahne. Wort für Wort kann er die Rede mitverfolgen. Der kleine, drahtige Mann mit dem schütteren grauen Haar ist einer der am meisten angesehenen Experten in Sachen Hindunationalismus. Mit sicherem Griff zieht er eine der Schriften des RSS- Gründungsvaters Golwakar aus seinem überquellenden Bücherregal und zitiert:

"Die Nicht-Hindus in Hindustan müssen entweder die Hindukultur und -sprache annehmen, dann gibt es kein Problem. Sie müssen lernen, die Hindureligion zu verehren und zu respektieren. Sie dürfen kein anderes Ziel haben, als die Hindunation zu rühmen. In einem Wort: Sie müssen aufhören, Fremde zu sein. Oder sie können im Land bleiben, völlig der Hindunation ergeben, ohne jegliche Privilegien oder gar Bürgerrechte." - Der RSS sagt zwar ‚Hindu gleich Inder' und andersrum. Aber wie soll das jemand akzeptieren, der kein Hindu nach ihrer Definition ist? Dies ist ein sehr gefährlicher kultureller Imperialismus. Was diese Leute wirklich wollen, ist der aktive Umsturz der indischen Demokratie.

Von einer direkten Einmischung in die Politik hat sich der RSS immer distanziert. Doch sein Einfluss reicht bis in den innersten Machtzirkel der indischen Regierung. Die Bharatya Janata Party, kurz BJP, die Regierungspartei von Premierminister Vajpayee, wurde Anfang der 80er Jahre von Funktionären des RSS gegründet. Momentan regiert sie in einer Koalition aus 24 Parteien auf Bundesebene. Es gibt viele verschiedene Flügel innerhalb der Partei und nur 30 Prozent der Mitglieder stammen aus dem Lager des RSS. Doch darunter sind sowohl der Premier als auch der Innenminister Advani.

Im kommenden Jahr konzentrieren wir uns auf das Entwicklungsprogramm für die ländlichen Gegenden. Unsere Mitarbeiter werden soziale Arbeit in den Dörfern verrichten, damit es den Menschen dort besser geht. Ihr Leben soll glücklicher werden. Sie werden kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung erfahren. Es gibt in manchen Gegenden noch immer keine Straßen. Unsere Leute werden deshalb versuchen, mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten, um Straßen zu bauen. Wir wollen ihnen neue Methoden in der Landwirtschaft erklären, für die Erziehung ihrer Kinder sorgen. Sozialarbeit halt.

Pressekonferenz im RSS-Hauptquartier in Nagpur, im Bundesstaat Maharashtra. Jedes Jahr im Frühling trifft sich die Führungsriege in Nagpur. Denn hier wurde der Rashtriya Swayamsevak Sangh vor fast 80 Jahren gegründet. Generalsekretär Mohan Rao Bhagwat erklärt die inhaltlichen Schwerpunkte für das kommende Jahr. So präsentiert sich der RSS gern - als Entwicklungshilfeorganisation, die er ohne Zweifel auch ist, unter anderem. Ereignet sich irgendwo im Land ein Erdbeben oder eine Überschwemmung, sind es meist die Brigaden des RSS, die zuerst vor Ort sind. Die streng hierarchische Organisation und die Disziplin der Mitglieder ermöglichen effiziente, schnelle Einsätze. Effizient und schnell waren RSS-Mitglieder auch im Februar vergangenen Jahres im Bundesstaat Gujarat. Mutmaßliche islamistische Terroristen hatten in der Stadt Godhra einen Anschlag auf einen Zug verübt, in dem mehrheitlich Hindunationalisten saßen. Über 60 Menschen starben. In den kommenden Tagen ereignete sich daraufhin ein in seiner Grausamkeit beispielloses Massaker an der muslimischen Bevölkerung in mehreren Städten in Gujarat, mit über 1000 Toten. Maßgeblich daran beteiligt: RSS-Mitglieder, wie die Untersuchung durch eine unabhängige Kommission ergeben habe, erklärt Professor Sumit Sarkar:

Im Bericht der Kommission findet man die Namen von einer großen Zahl von RSS-Aktivisten, die von Überlebenden identifiziert wurden. Aber bis heute wurden keinerlei Bemühungen unternommen, auch nur einen einzigen Prozess zu eröffnen. Die Namen der Mörder stehen im Bericht, alle von ihnen sind auf freiem Fuß. Wenn eines der Opfer zur Polizei geht, dann nehmen die dort nicht einmal eine Zeugenaussage auf. Die Ausschreitungen waren vorher geplant, und zwar systematisch, mit voller Unterstützung des Staates in Gujarat. Und Gujarat ist sehr wichtig und sehr bedeutungsvoll, weil es der einzige Staat in Indien ist, indem die BJP eine eigene Mehrheit hat. Was die BJP dann anrichten kann, haben diese Ereignisse im Gujarat gezeigt.

Im Anschluss an die Erklärung antwortet der Generalsekretär auf die Fragen der Journalisten. Wie der RSS zu den Vorwürfen der Untersuchungskommission stehe, will der Korrespondent der Tageszeitung The Hindu wissen.

Wäre nicht der Terroranschlag auf den Zug vorher gewesen, hätte es auch keine Reaktion darauf gegeben. Man kann sagen, dass die Reaktion sehr heftig war. Auch wir hatten nicht erwartet, dass die Hindus so aufgebracht und so gewalttätig waren. Aber wäre der Anschlag in Godhra nicht passiert, hätte es keine Gewalt gegeben. Die Medien haben jedoch den Anschlag ignoriert und sich nur auf die Reaktion der Hindus konzentriert. Im übrigen: Wenn es sich um eine konzertierte Aktion von Hindus gehandelt, hätten sich die Ausschreitungen auf andere Staaten ausgedehnt. Wir haben schließlich Regionalgruppen in allen Staaten. Es hat aber keine Aufstände in Nagpur oder beispielsweise in Delhi gegeben. Es war eine lokal begrenzte Reaktion, die uns nicht Leid tut.

Das zweite große Thema neben dem Massaker im Gujarat ist die Frage des Ram-Tempels in Ayodhya. 500 Jahre lang stand in Ayodhya eine Moschee, erbaut vom muslimischen Moghulherrscher Baber, der die Stadt kurz zuvor erobert hatte. Sie erregte keinerlei Aufsehen, bis sich der RSS und seine Partnerorganisation, der Weltkongress der Hindus, Anfang der 80er Jahre ihre Zerstörung auf die Fahnen schrieben. Angeblich befand sich auf dem Platz, auf dem die Moschee errichtet worden war, die Geburtsstätte des hinduistischen Gottes Ram. Und angeblich hatte dort ein Hindutempel gestanden, der von den muslimischen Invasoren zerstört worden war. Eine regelrechte Ram-Kampagne lief an. Der zuvor nicht besonders populäre Gott wurde zur Identifikationsfigur der RSS-Anhänger. Die Kampagne gipfelte im Dezember 1992 in einer Pilgerreise von 300 000 Hindus aus dem ganzen Land. Es kam zu Massendemonstrationen vor der Moschee, die schließlich von den Pilgern komplett zerstört wurde. In den darauf folgenden Wochen brachen Unruhen im ganzen Land aus, über 1700 Menschen starben. Der Weltkongress der Hindus wurde kurzzeitig verboten, mehr geschah nicht. Dafür beherrscht seitdem die Frage, ob der Ram-Tempel gebaut wird, in regelmäßigen Abständen die innenpolitische Debatte.

Die Kampagne für den Bau des Ram-Tempels zeigt das Dilemma des Hindunationalismus. Der Hinduismus ist zwar eine Jahrtausende alte Religion, doch wegen der vielen verschiedenen Götter gibt es keine zentrale Identifikationsfigur. Auch fehlt ein religiöses Oberhaupt, es gibt zu viele unterschiedliche Glaubensrichtungen, um die Hindus als solche massenhaft mobilisieren zu können. Mit der Ram-Kampagne hat der RSS diesem Problem mit Erfolg Abhilfe verschafft. Der Fall Ayodhya beschäftigt momentan das oberste Zivilgericht des Bundesstaates Uttar Pradesh. Die Richter hatten Ausgrabungen angeordnet um zu klären, ob unter den Trümmern der Moschee tatsächlich die Fundamente des Ramtempels liegen. Jetzt liegt der Bericht der Archäologen vor, sie haben tatsächlich Fundamente einer Kultstätte aus vor-muslimischer Zeit gefunden. Und die Richter müssen entscheiden, ob es sich tatsächlich um die Mauern des eines hinduistischen Heiligtums handelt. Für Innenminister Advani und den RSS ist die Angelegenheit bereits klar: Der Ram-Tempel hat dort einmal gestanden und muss nun schleunigst wieder aufgebaut werden.

Generalprobe auf der Freiluftbühne des Habitat Centre in Neu Delhi. Am Abend hat hier ein Stück über den Kaschmirkonflikt Premiere. Die Schauspieler sind in farbenprächtige, traditionelle Gewänder aus Kaschmir gekleidet. Der Publizist D.R. Goyal sitzt als einziger im Zuschauerrang. Er ist zur Probe gekommen, um den Regisseur zu treffen. Gemeinsam engagieren sie sich in einer Bürgerrechtsgruppe gegen den Hindunationalismus und gegen die Kampagne für den Ram-Tempel.

Jeder, der Mitglied im RSS ist, denkt, dass jeder Moslem ein potentieller Mörder ist. Wenn wir nicht töten, dann werden sie es tun. Das ist die Philosophie, die uns eingetrichtert wurde. Und du musst Wege finden, um für Ärger zu sorgen.

D.R. Goyal spricht aus eigener Erfahrung. Der heute 78jährige war mehrere Jahre lang hauptamtlicher Mitarbeiter des RSS. Nun ist er einer der vehementesten Kritiker. Er mache sich noch immer Vorwürfe, dass er dazu beigetragen habe, den Hass zwischen Hindus und Moslems zu schüren. Goyal erinnert sich an die Zeit kurz nach der Teilung von Indien und Pakistan. Anfang 20 war er damals.

In unserer Stadt herrschte völliger Frieden. Es war sehr schwierig, überhaupt zu erfahren, wer Moslem und wer Hindu war. Wir dachten aber damals: Wie können die Moslems bleiben, wenn Indien und Pakistan geteilt sind? Sie müssen vertrieben werden. Und um sie zu vertreiben, brauchen wir einen Ausbruch von Gewalt. Wie also sorgt man für Gewalt? Ich habe ein Poster geschrieben, adressiert an die muslimische Bevölkerung. Es sei ihre heiligste Pflicht, im Monat Ramadan Kühe zu töten. Die Hindus, die das Poster lasen, dachten: Die Moslems sind ausgezogen, unsere heiligen Tiere zu töten. Es sah also nach einer Provokation der Moslems gegen die Hindus aus. Es ist ein einfaches Rezept: Man sucht sich einen Vorwand um zu zeigen, dass die Moslems angreifen, und um dem vorzubeugen, müssen die Hindus der Attacke vorgreifen.

D.R. Goyal berichtet immer wieder in Zeitungsartikeln von seinen Erfahrungen. Oft werde er von anderen Journalisten belächelt, die meinten, er sei einer fixen Idee verfallen. Das kümmert ihn jedoch wenig. Den RSS könne man gar nicht ernst genug nehmen.

Die Schule in einem der Außenbezirke Neu Delhis ist ein weiß getünchter dreistöckiger Flachbau, im Karree um den Schulhof errichtet. Die Klassenräume sind liebevoll mit den Bildern der Kinder dekoriert. Vor Schulbeginn spielen die Schüler der jüngeren Klassen noch eine Weile auf dem Hof. 1600 Kinder von der 1. bis zur 12. Klasse werden hier unterrichtet. Über 20 000 solcher Schulen gibt es in ganz Indien, mit insgesamt zweieinhalb Millionen Schülern. Der RSS leistet wichtige Entwicklungsarbeit, besonders in ländlichen Regionen. Neben den Schulen sind es vor allem die Jugendfreizeitcamps, aber auch die eigenen Krankenhäuser, die den Rashtrya Swayamsevak so populär machen. Der RSS kümmert sich in den entlegenen Gegenden Indiens um die Aufgaben, die der Staat nicht bewältigt.

Heute feiern die Schüler die Hochzeit des Gottes Shiva. Eine Gruppe von Drittklässlern spielt die Szene auf der Bühne in der Aula nach. Die Kinder tragen farbenfrohe, flatternde Gewänder. Das Mädchen, das den langhaarigen Gott spielt, ist in ein Leopardenfell gehüllt und hat eine Kobra aus Pappmasche auf dem Kopf. Die Direktorin Bela Mishra hält eine kurze Ansprache in Hindi und erklärt den Kindern die Bedeutung des Feiertags. Bela Mishra selbst ist nicht Mitglied des RSS. Sie arbeitet an der Schule, weil ihr die Atmosphäre gut gefällt und sie die Disziplin des RSS schätzt.

Traditionelle hinduistische Feste wie die Hochzeit Shivas werden mit großem Aufwand begangen. Besonderen Wert legt Bela Mishra außerdem auf den Geschichtsunterricht. Der sei das Allerwichtigste, um die Kinder zu guten Staatsbürgern zu erziehen.

Unsere Schüler sollen erfahren, woher sie kommen, zu welcher Religion sie gehören, wo ihre Wurzeln liegen und welcher Kultur sie angehören. Erziehung ist mehr als das normale Lernen in der Schule, Erziehung ist, was einen zu einem gebildeten Menschen macht. Meine Schüler sollen stolz darauf sein, dass sie Inder sind.

Bharat Mataki, Sieg für Mutter Indien. Professor Sumit Sarkar weiß, dass er den Schlachtruf des RSS noch oft auf dem Campus der Neru Universität hören wird. Der Historiker macht sich Sorgen.

Das wirklich Gefährliche, was sie jetzt begonnen haben, ist, die Geschichtsbücher für die Oberschulen umzuschreiben. Überall, wo die BJP auf Länderebene an der Macht war, haben sie das versucht. Seitdem sie auf Bundesebene die Mehrheit haben, gibt es eine zentrale Kommission, die dafür zuständig ist. Zum Beispiel hat diese Kommission eine Serie von Büchern vom Markt genommen, die von sehr bekannten und seriösen Historikern stammte. Dafür hat man neue Bücher geschrieben, die aus wissenschaftlicher Sicht Schwachsinn sind. Die gesamte indische Geschichte der Neuzeit soll neu interpretiert werden, als endloser Kampf zwischen Hindus und Moslems. Natürlich hat es oft Spannungen in den Beziehungen zwischen Hindus und Moslems gegeben. Auf der anderen Seite haben sich die beiden Religionen immer wieder gegenseitig befruchtet, die ganze klassische indische Musik ist undenkbar ohne muslimische Einflüsse. All das soll ausgemerzt werden.

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