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Der Kampf um kulturelle Rechte

Die Existenz der immerhin 20 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmachenden Minderheit der Kurden wurde früher geleugnet. Seit den 90er Jahren hat sich für die Kurden allerdings vieles entscheidend verbessert. Das Kurdisch-Verbot wurde in den Anpassungsgesetzen an Standards der Europäischen Union weitgehend liberalisiert. Relikte gibt es allerdings immer noch.

Von Sabine Küper-Busch | 05.11.2007

    Istanbul ist mittlerweile die Stadt mit dem größten kurdischen Bevölkerungsanteil in der Türkei. Obwohl die traditionellen Kurdengebiete im Südosten des Landes an der Grenze zu Iran, Irak und Syrien liegen, zogen in den vergangenen zwanzig Jahren fast zwei Millionen kurdische Migranten in den Westen in die Metropole am Bosporus. Eine eigene Musikszene ist entstanden. Die kurdischen Volkslieder werden mittlerweile von vielen Bands mit elektronisch verstärkten Instrumenten gespielt und haben Elemente westlicher Rockmusik integriert

    Eine der erfolgreichsten Gruppen ist "Agire Jiyan", das heißt übersetzt: Feuer des Lebens. Samstag abends spielt die Band in dem kurdischen Kulturzentrum Mesopotamien im Herzen der Istanbuler Ausgehmeile Beyoglu in der Innenstadt.

    In diesem Lied geht es um die kurdische Theaterschauspielerin Helin. Sie starb vor zwölf Jahren mit Achtzehn bei einem Bombenanschlag auf einen Bus wenige Kilometer von Istanbul entfernt. Agire Jiyans Sängerin Meral Tekci war gut mit Helin befreundet. Für viele Kurden ihrer Generation ist so ein Verlust exemplarisch. Meral Tekci, heute 29 Jahre alt, beschloss das musikalisch zu verarbeiten.

    Wir thematisieren den Schmerz vieler Kurden. Meine Freundin Helin war in der Theatergruppe unseres Kulturzentrums. 1995 starb sie bei einem Anschlag auf einen Bus. Jemand warf eine Bombe und verschwand einfach so. So etwas war in den Neunziger Jahren alltäglich."

    Seit den Neunziger Jahren hat sich für die Kurden in der Türkei vieles entscheidend verbessert. Die Existenz der immerhin zwanzig Prozent der Bevölkerung der Türkei ausmachenden Minderheit wurde früher geleugnet. In den Achtzigern noch bezeichnete die offizielle Staatsideologie sie als Bergtürken und das Kurdische als einen degenerierten Dialekt des Türkischen. Kurdisch auch nur zu sprechen war verboten, geschweige denn politische Lieder zu singen. Meral Tekci, heute neunundzwanzig Jahre alt, erinnert sich an ihre ersten Konzerte Ende der Neunziger Jahre.

    "Früher versuchte die Polizei alles, um uns am spielen zu hindern. Wir durften Konzertsäle nicht betreten, wurden von der Bühne heruntergeholt, oft auch handgreiflich am Spielen gehindert. In die kurdischen Provinzen durften wir gar nicht reisen, am meisten traten wir im Ausland auf. Heute können wir Konzerte geben und auch Platten produzieren."

    Das Kurdischverbot wurde in den Anpassungsgesetzen an Standards der Europäischen Union weitgehend liberalisiert. Relikte gibt es allerdings immer noch. Kurdische Nachrichten etwa darf bislang nur der türkische Staatssender TRT senden. Einmal die Woche wird ein fünfzehnminütiges Programm ausgestrahlt, dass sich bemüht so neutral und realitätsfern wie möglich zu sein. Komplett vermieden werden die Konflikte der kurdischen Minderheit betreffende Themen.

    Ganz anders der Lokalsender Gün-TV.

    Sein Programm wird im südostanatolischen Diyarbakir ausgestrahlt, wo in der Mehrheit Kurden leben. Gün-TV hat zu den Nachrichtenzeiten die höchsten Einschaltquoten. Heute geht es um die geplante Militäroperation der Türkei im Nordirak.

    Momentan ist die Nachrichtensprache Türkisch. Chefredakteur Cemal Dogan hätte das gern anders, doch die Auflagen der Rundfunkbehörde sind für Gün-TV nicht erfüllbar..

    "Wenn Sie ein Programm auf Kurdisch senden wollen verlangt die Behörde zur Kontrolle des Rundfunks ein notariell beglaubigtes Text-Skript der Sendung und das Monate im voraus. Wie kann ich die Nachrichten über einen längeren Zeitraum voraussehen? Das ist unmöglich. Bislang senden wir nur kurdische Unterhaltungsmusik."

    Einschränkungen der freien Meinungsäußerung ist allerdings nicht nur ein Problem der kurdischen Minderheit. Die Europaeischen Union kritisiert Gesetze, die "Beleidigung des Militärs” oder Schädigung des Andenkens an den Staatsgründer Kemal Atatürk mit Gefängnis bestrafen, Diese treffen alle Bürger der Türkei ganz nach dem Gleichheitsgrundsatz, ganz egal in welcher Sprache sie eine nicht opportune Ansicht vertreten.