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StartseiteGesichter EuropasDer Kanal, der Lack und der Tod26.11.2005

Der Kanal, der Lack und der Tod

Die vergessenen Straßenkinder Rumäniens

Einst waren sie ein Lieblingsthema der Medien. Inzwischen wird kaum noch über sie berichtet. Doch es gibt sie immer noch: die Straßenkinder in Rumänien, auch 16 Jahre nach dem Sturz Nicolae Ceaucescus sind sie nicht verschwunden. Sie werden auch nicht weniger, im Gegenteil: Immer noch werden jedes Jahr tausende von Kindern von ihren Müttern nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen.

Eine Sendung von Keno Verseck

Rumänische Straßenkinder sitzen an einer Bushaltestelle in Bukarest. (AP Archiv)
Rumänische Straßenkinder sitzen an einer Bushaltestelle in Bukarest. (AP Archiv)
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Vampire, Exorzisten, Straßenkinder - Rumänien habe nicht den besten Ruf in Europa, so schrieb kürzlich ein deutsches Nachrichten-Magazin. Der Eindruck täuscht nicht, aber das Land bemüht sich um Gegenmaßnahmen, denn Rumänien will in die Europäische Union. Anfang 2007, spätestens 2008 soll es soweit sein. Bis dahin will Bukarest richtig durchstarten: gegen die Korruption und die Organisierte Kriminalität vorgehen, die Wirtschaft weiter ankurbeln - und den schlechten Ruf des Landes aufbessern. Weg vom rumänischen Schmuddel-Image, heißt die Devise.

Die Straßenkinder sind deshalb nicht weniger geworden bislang: Aber nach Jahren der Ignoranz werden sie in den Amtsstuben jetzt wenigstens wahrgenommen. Am Nordbahnhof in Bukarest sind sie sowieso kaum zu übersehen. Wer nicht zur Clique gehört, setzt indes keinen Fuß in ihr Zuhause: Den Kanal, die Müllhalde, oder die Ruine gleich hinter dem Bahnhof.

Ankunft Bukarest, Nordbahnhof


Ein Zug rattert über die letzten Meter schlecht verschweißter Schienen.

Am Bukarester Nordbahnhof hat sich einiges geändert in den letzten Jahren. Früher klebte an jeder Sitzbank, jedem Geländer und jedem Fenster eine schmierige Staubschicht, und in den Ecken lagen Müllberge. Jetzt ist der Bahnhof sauber. Es gibt Zeitungskioske, Imbissbuden und vor allem viel bunte Reklame. Und noch etwas ist anders: Wer keine Fahrkarte hat, muss am Eingang bei schwarz gekleideten Sicherheitsbeamten Eintritt bezahlen. Eine Maßnahme gegen unerwünschte Gäste. Deshalb gibt es auf dem Bahnhof auch keine Straßenkinder mehr.

Draußen ist fast alles beim Alten. Eine Kolonne aus Autos, Bussen und Lastkraftwagen wälzt sich langsam über die Straße am Bahnhof. Die Luft ist stickig, die Fahrer hupen nervös, weil es nicht vorangeht. Gleich neben dem Eingang zur U-Bahn, stehen sie: die Straßenkinder und -jugendlichen. Ungewaschen, ungekämmt, in schmutzigen Kleidern, mit Tüten in der Hand, aus denen sie die Straßendroge "Aurolac" schnüffeln - giftige, billige Gold- oder Silberfarbe. Ihre Dämpfe wirken betäubend, berauschend, und sie unterdrücken das Hungergefühl.

Tamara Cadu, eine vierzigjährige Sozialarbeiterin, wohnt in einem Bukarester Übergangsheim für obdachlose Kinder und Jugendliche. Tagsüber kümmert sie sich hier um sie. Nachmittags geht sie oft durch die Bukarester Stadtviertel und besucht Straßenkinder. Sie kennt hunderte. Sie versucht sie zu überzeugen, in das Übergangsheim mitzukommen.

" Als ich das erste Mal Kinder und Jugendliche auf der Straße traf, war mir mulmig zumute. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, wie sie leben und überleben und was sie für eine Mentalität haben. Mit der Zeit habe ich die Straßenkinder als sehr empfindsame Wesen kennen gelernt. Wenn man nicht ihr Vertrauen und ihren Respekt gewinnt, dann erreicht man gar nichts. Ich habe gelernt, keine wohlfeilen Versprechungen zu machen. Ich stelle ihnen einfach Fragen: Was habt ihr heute gemacht? Wie fühlt ihr Euch? Wie geht's? "

Unterwegs mit Tamara. Im Bahnhofsviertel trifft sie einen Jugendlichen mit schwarzem, zerzaustem Haar, in Lumpen gekleidet, in der Hand eine Tüte mit Lack. Er heißt Catalin, sagt er, und er lebt seit seiner Kindheit auf der Straße. Mehr weiß er nicht über sich. Tamara legt ihm die Hand auf die Schulter und schlendert mit ihm durchs Viertel. Plötzlich kommen einige Kinder und Jugendliche auf sie zu. Sie begrüßen Tamara mit Freudenschreien. Bogdan, ein dreizehnjähriger Junge, singt ein Lied für sie.

Es ist ein Kindergebet. Lieber Gott, hol meine Eltern zurück, heißt es in dem Lied. Bogdan sieht aus, als sei er erst sieben oder acht Jahre alt. Er ist fröhlich und lebhaft, nur seine Augen sehen traurig aus und viel zu erwachsen. Seine Mutter, erzählt er, arbeitet seit Jahren als Kellnerin in Italien, sein Vater ist Tagelöhner in einem Landwirtschaftsbetrieb. Bogdan ist von zuhause weggelaufen. Im Gesicht und am Hals hat er Narben von Schnittwunden. Er streckt seine dünnen Arme aus, mit beiden Händen hält er seine Lacktüte empor. "Das ist mein Leben!", ruft er, "das ist mein Brot!"

Wenn du nichts zu essen hast,
Dann singt dir Jimmy Hendrix was in den Bauch.
Wenn du nichts anzuziehen hast,
Dann greif dir eine Trainingshose und behaupte es ist ein Frack.
Wenn das Leben schwer ist und die Leute sich bemitleiden
Und du deine Ruhe haben und vergessen willst, dass du arm bist,
Dann schnüffel Aurolack, Aurolack, Aurolack.

Du bist fast abgebrannt,
Die letzten Kröten klingeln in deiner Hosentasche.
Du bist doch nicht etwa ein Geldsack, oder?
Du trägst ja anderes Gold in deiner Tüte.
Wenn die Welt schlecht ist, das Universum trüb,
Dann erfind alles neu, wie's dir gefällt,
Dann schnüffel Aurolack, Aurolack, Aurolack.

Gib mir auch 'ne Tüte,
wenn du nichts dagegen hast,
gib mir auch 'ne Tüte,
aber 'ne richtig große.

Aurolack
Aurolack
Aurolack
Aurolack

Gib mir auch 'ne Tüte,
gib mir auch 'ne Tüte,
gib mir auch 'ne Tüte,
gib mir auch 'ne Tüte


"Ich habe geweint, als ich von meiner Mutter nach Hause gefahren bin. 18 Jahre war ich alt, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Mein erster Gedanke war damals: Ich, ich habe eine Mutter? Bis dahin habe ich nie daran gedacht, dass ich echte Eltern habe, eine Mutter, die mich neun Monate in ihrem Bauch getragen hat. Wir sind die ganze Nacht im Zug gefahren und ich habe immer versucht, mir vorzustellen, wie das ist, plötzlich vor der eigenen Mutter zu stehen.

Sie ist krank im Kopf und lebt in einem Spital. Als wir angekommen sind, hat die Krankenschwester zu ihr gesagt: Dein Sohn besucht Dich. Sie hat Eusebiu, den Erzieher, umarmt. Die Krankenschwester hat gesagt: Nicht der, der andere ist es. Dann hat sie mich umarmt und hat nur eines gefragt: ob ich Zigaretten für sie habe. ... Heute verstehe ich sie. Es ist schwer, mit der Mutter zu reden, es hat keinen Sinn, weil sie so krank ist. Sie braucht Hilfe. Ich werde sie wieder besuchen. Aber leben kann ich nicht mit ihr. Ich achte sie als Mutter."

Costel Secara, heute ein junger Mann, über die erste Begegnung mit seiner Mutter. Kurz nach seiner Geburt wurde Costel von einem staatlichen Heim ins nächste weitergereicht, nirgendwo hielt er es lange aus. Schließlich landete er bei Concordia, einer österreichischen Organisation, die sich in Rumänien seit 15 Jahren um Straßenkinder kümmert.

Vor ein paar Jahren, als der heutige Präsident Rumäniens, Traian Basescu, noch Bürgermeister von Bukarest war, trat er sein Amt an mit dem Versprechen, in seiner Stadt "sauberzumachen": Städtische Mitarbeiter zogen los und sprühten Desinfektionsmittel in die Kanäle von Bukarest. Quasi ins Wohnzimmer der Straßen-Kinder. Ausgerissen oder ausgesetzt, war ihr Schicksal derartig abscheulich, dass die Medien sich in dieser Zeit auf sie stürzten. Rumäniens Straßenkinder avancierten zum Modethema in den westlichen Medien. Im Juli 2000 druckte eine deutsche Tageszeitung auf ihrer Titelseite ein Foto des zwölfjährigen Alín ab. Die Aufnahme, die Alín nackt und heulend an einer Bushaltestelle in Bukarest zeigte, löste eine Flut von Leserbriefen aus - alle wollten helfen und spenden.

Schnüffeln, um zu vergessen
Adita, Melinda und ihr Alltag im Lack-Rausch


Geändert hat sich seitdem wenig. Noch immer leben heute, sechzehn Jahre nach dem Sturz Ceausescus, gut 5000 Kinder in Rumänien auf der Straße. Ein bis zweitausend sind es allein in Bukarest. Rumänische Medien sprechen von einer "einsamen Generation". Manchmal sind die Eltern auf der Suche nach Arbeit einfach ins Ausland abgewandert; die Kinder bleiben erst bei Verwandten, dann im Heim, irgendwann landen sie auf der Straße.

Meistens aber entscheidet sich ihr Schicksal direkt nach der Geburt. Die Mütter verschwinden spurlos aus den Krankenhäusern, ihre Neugeborenen lassen sie zurück. Die Gründe dafür sind fast immer die gleichen, und so klingen die Untersuchungen über die Mütter wie eine Rasterfahndung: Sie sind meistens unter 20 Jahre alt, Analphabeten, und haben nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Sie kommen aus armen Verhältnissen, haben kein eigenes Einkommen, sind unverheiratet und arbeitslos. Für ein Kind ist weder Zeit, noch Platz noch Geld da.

In den Heimen, in die die Kinder später kommen, halten viele es bis heute nicht aus. Dann schon lieber Dreck und Kälte im Bahnhofsviertel. Immerhin gibt es dort so eine Art Familie.

Fünf Uhr nachmittags in einer Ruine gleich hinter dem Bukarester Nordbahnhof. "Guten Morgen", sagt Adrian Cugereanu, genannt Adita, und erhebt sich aus einem Haufen von Plastikflaschen, Tüten und Schutt. "Es ist fast Abend, Mensch!", schnauzt ihn Roxana an. Adita zündet sich eine Zigarette an und fasst sich an den schmerzenden Kopf. Dann holt er seine Aurolack-Tüte aus der Hosentasche, hält sie an den Mund und atmet kräftig ein.

Die Mädchen haben für Adita Frühstück auf den Boden gelegt, Brot, Aufschnitt, eine kleine Dose Fisch in Mayonnaise. "Leg die Tüte weg und iss was!", schimpft Melinda. Adita fügt sich, stopft etwas Brot und Fisch in seinen Mund - und da merkt er plötzlich, dass er Hunger hat und es ihm schmeckt.

Adita, Roxana und Melinda gehören zur Clique der Bahnhofskinder und -jugendlichen. Zusammen mit noch ein paar anderen wohnen sie in einem halbverfallenen Gebäude der Eisenbahngesellschaft. Adita schläft auf einem breiten Betonvorsprung. Die Mädchen haben ein kleines Zimmer, darin hausen auch eine Hündin und ihre sieben Welpen. Ein paar schmutzige Decken liegen herum, auf einem Regal stehen eingetrocknete Lackdosen und volle Aschenbecher. Im Gebäude ist die Schicht von Müll und Schutt im Laufe der Jahre auf einen halben Meter angewachsen, ungestört scharren Ratten nach Essensresten. Die Stahltüren des Gebäudes sind verschweißt. Durch ein Loch in der Mauer gelangt man ins Freie.

Draußen, auf dem großen Hofgelände, zwischen Sträuchern und hochgewachsenem Unkraut, ist der Toilettenplatz. In einer Ecke liegen verrostete Blechplatten, Adita will sich daraus ein richtiges Bett bauen - irgendwann. Er setzt sich auf einen ausrangierten Gepäckwagen am Straßenrand und zieht seine Lacktüte hervor.

Zusammenhanglos, mit vielen Abschweifungen erzählt Adita seine Geschichte. Er ist 21 Jahre alt und viel zu klein für sein Alter. Er hat hellbraune Augen und blondes, struppiges Haar. Er kommt aus dem Städtchen Hateg in der Nähe des westrumänischen Schiltals, einer seit langem verarmten Bergbauregion. Seine Mutter brachte ihn in ein Kinderheim, als er anderthalb Jahre alt war. Da hatte sie sich gerade von Aditas Vater getrennt. Zwei Jahre später heiratete sie wieder und holte ihren Sohn zurück nach Hause. Der Stiefvater schickte ihn zum Betteln auf die Straße, die Mutter brachte noch vier andere Kinder zur Welt, von zwei weiteren Männern.

Adita lief von zuhause weg, als er acht war. Er setzte sich in einen Zug und fuhr zum Bukarester Nordbahnhof. Hier ist seitdem sein Zuhause. Es tut mir leid, dass ich an der Lacktüte hänge, sagt Adita, ich hätte so gern eine Zukunft. Er beginnt zu weinen. Ich bin ohne Eltern aufgewachsen, sagt er, sie wollten mich zuhause nicht haben.

Adita lebt vom Betteln, so wie die meisten Kinder und Jugendlichen auf der Straße. Am Bahnhof nennen sie das: Einparken. Sie winken haltende Autos auf freie Parkplätze und bewachen sie. Die Fahrer geben dann eher mal ein paar Münzen. So müssen die Kinder und Jugendlichen sich Passanten nicht in den Weg stellen und sie anbetteln. Es ist ihre Art, ein wenig Würde zu bewahren inmitten von Lack und Dreck und angewiderten Blicken.

Melinda steht in einer Apotheke gegenüber vom Bahnhof, sie möchte Verbandszeug und Wundsalbe kaufen. Die Verkäuferin blickt voller Verachtung auf sie herab. Dann holt sie die gewünschte Ware und nennt den Preis.

Melinda hat sich vor ein paar Tagen den linken Unterarm mit Glasscherben aufgeschnitten, jetzt muss sie den Verband wechseln.

In dem kleinen Zimmer der Bahnhofsruine wickelt Melinda den schon einige Tage alten, dreckigen Verband ab. Sie hat sich die gesamte obere Seite des Arms aufgeschnitten, Stück für Stück, bis kein Platz mehr war für noch mehr Schnitte.

" Ich habe mich betrunken mit Bier und Schnaps und an der Lacktüte gezogen. Ein Mädchen, auch von der Straße, hat mich beschimpft und mich verprügelt. Statt zurückzuschlagen, habe ich Scherben genommen und mir den Arm aufgeschnitten. Ich habe verschiedene Scherben ausprobiert, um zu sehen, welche besser schneidet. Warum ich nicht zurückgeschlagen habe? Ich bin nicht gut im Prügeln. Außerdem, wie der Priester in der Kirche sagt, in die ich manchmal sonntags gehe: Wenn dir jemand auf die eine Wange schlägt, halte auch die andere hin. "

Melinda Zsigmond ist 27 Jahre alt, sie hat schwarze Haare und große, braune Augen. Ihr spindeldürrer Körper könnte der eines Mädchens sein, ihr Gesicht das einer Frau um die 40. Melinda ist in einem nordrumänischen Dorf aufgewachsen. Sie lebte mal bei ihren Großeltern, mal in Heimen, selten auch bei ihrer Mutter. Ihr Vater saß wegen Diebstahls fast ständig im Gefängnis. Als sie zehn war, versuchte einer der häufig wechselnden Männer ihrer Mutter sie zu vergewaltigen.

" Er sagte mir, komm, ich zeig dir, wie ein Mann mit einer Frau Liebe macht. Ich fing an zu weinen. Als meine Mutter von der Arbeit kam, fragte sie, was los ist. Ich erzählte es ihr. Kaum hatte sie das gehört, stieß sie den Mann mit Fäusten und Fußtritten durch die Wohnung. Kurz darauf packte ich meine Sachen und lief weg. Ab nach Bukarest! Hier, auf der Straße, bin ich dann hängen geblieben. "

Melinda nimmt einige tiefe Züge aus der Lacktüte. Sie hebt einen der Hundewelpen hoch und küsst ihn auf die Nase. Dann wankt sie aus dem Raum und steigt durch das Loch in der Mauer aus der Ruine, nach draußen. Adita, Roxana und die anderen folgen ihr nach.

Es ist schon dunkel draußen. Sie stolpern ziellos auf dem Hof umher, zwischen Gestrüpp, Unkraut und Schutt, sie wissen nicht, was und wohin. Sie schreien sich an, sie raufen, sie liegen sich in den Armen. Plötzlich kommt ihnen die Idee, dem Besucher Lieder vorzusingen. Alle reden laut und begeistert durcheinander, jeder will der erste sein. Melinda setzt sich durch.

Das Lied ist die Klage eines Jungen, der um seine tote Mutter trauert. Melinda steht ungelenk da, während sie singt, die anderen haben ihre Hände gefaltet. Sie haben sehr viel Erfahrung darin, wie man im Dreck und in der Kälte einer Großstadt überlebt, das macht sie sehr erwachsen. Aber jetzt, wie sie so dastehen mit verschämtem Blick, sind sie kleine, liebenswerte Kinder. Sie haben schöne Gesichter. Ihre Eltern haben diese Gesichter nicht gesehen, sie haben nur manchmal hineingeschlagen.

Die Straßenkinder sind ein Relikt der Ceausescu-Diktatur. Zu den größenwahnsinnigen Plänen des Diktators gehörte die Idee, das rückständige Rumänien auf Gedeih und Verderb umzukrempeln. Das Zwanzig-Millionen-Land sollte eine regionale Großmacht werden, mit gigantischen eigenen Industrien und einem Bevölkerungszuwachs von zehn Millionen in nur zwei Jahrzehnten. Der Preis dafür war ein soziales Elend, das Europa sonst nur aus der Dritten Welt kannte. Lebensmittel, Strom und Benzin - alles war rationiert und damit Mangelware.

Vor 1989 gebaren die Frauen ihre Kinder in halbverfallenen Krankenhäusern, und ließen sie dort allein zurück. Zehntausende anderer Kinder verwahrlosten bei Eltern, denen jedes Verantwortungsgefühl abhanden gekommen war. All das zu einer Zeit, die Ceausescus Propagandisten zur "goldenen Epoche" zur goldenen Epoche erklärt hatten.

Straßenkinder in Bukarest, Rumänien (AP Archiv)Straßenkinder in Bukarest, Rumänien (AP Archiv) Heute, 16 Jahre nach der Ermordung von Nikolae und Elena Ceausescu, ist Europa immer noch skeptisch, ob Rumänien tatsächlich reif ist für den EU-Beitritt. Nach der großen Erweiterungsrunde vom Mai 2004 und angesichts hoher Arbeitslosigkeit in Westeuropa ist die Stimmung in den Mitgliedsstaaten ohnehin gereizt beim Thema neue Mitglieder. Und dann auch noch Rumänien. Der letzte Fortschrittsbericht, den die EU Ende Oktober vorstellte, war nicht gerade ein Ruhmesblatt für Bukarest. Wieder war von "ernsten Bedenken" die Rede, wieder rümpfte Brüssel die Nase, weil weiterhin zu viel Schmiergeld im Lande gezahlt wird und eine Justizreform noch immer nicht auf den Weg gebracht ist. Rumänien liegt politisch und wirtschaftlich zurück in Mittelost-Europa. Die Postkommunisten seien zu lange am Ruder gewesen, heißt es.

Ein Schulabschluss und eine eigene Familie
Andreeas Traum von einer besseren Zukunft


Vom satten Wirtschaftswachstum, das letztes Jahr über acht Prozent lag, profitiert wie so oft nur eine kleine Minderheit. Trotzdem will Rumäniens rechtsliberale Regierung in Abstimmung mit der EU an vielen harten Sparmaßnahmen im Sozialbereich festhalten. Für die Mehrheit der Rumänen bedeutet das: Malochen rund um die Uhr, für wenig Geld. Die Familie wird so für die Mütter oder Väter erst zum Fremdkörper, bis sie ganz auseinander bricht. Andreea ist deshalb vor vier Jahren von zuhause abgehauen:

Neun Uhr morgens, eine Schule im Bukarester Neubauviertel Drumul Taberei. Andreea Buduroi, ein 16-jähriges Mädchen mit langen, dunkelblonden Haaren, steht mit gesenktem Blick im Lehrerzimmer. Vor drei Jahren war sie zum letzten Mal hier, jetzt will sie sich wieder neu anmelden. Warum bist du nicht mehr zur Schule gekommen, fragt ihre ehemalige Französisch-Lehrerin. Andreea senkt den Blick noch mehr, sie schämt sich. Kaum hörbar antwortet sie: Ich habe auf der Straße gelebt.

Die Lehrerin fragt nicht weiter. Andreea bekommt ihre alten Zeugnisse ausgehändigt, dann geht sie.

Mit dem Bus Nummer 169 fährt Andreea zurück in das Kinder- und Jugendheim Sankt Lazarus am nördlichen Stadtrand von Bukarest. Dort wohnt sie seit drei Monaten. Es ist ein Übergangsheim, Kinder und Jugendliche von der Straße machen dort die ersten Schritte in ein normales Leben. Andreea hat beschlossen: Sie wird in eine betreute Wohngemeinschaft ziehen und ihren Schulabschluss nachholen.

Im Sankt-Lazarus-Heim. Andreea erzählt der Sozialarbeiterin Tamara Cadu, wie der Besuch in ihrer früheren Schule war und gibt ihr die Unterlagen für die Neuanmeldung. Tamara freut sich, denn Andreea liegt ihr am Herzen. Im Frühjahr traf sie das Mädchen zum ersten Mal. Es dauerte einige Monate, bis sie sie überzeugen konnte, im Übergangsheim zu bleiben.

Andreea ist im Neubauviertel Drumul Taberei aufgewachsen. Ihre Eltern trennten sich, als sie neun Jahre alt war. Die Mutter lernte einen neuen Mann kennen und bekam noch ein Kind mit ihm, da war Andreea zwölf. Kurze Zeit später lief sie das erste Mal von zuhause weg.

" Ich glaube, mir hat die Liebe meiner Eltern gefehlt. Mein Vater hatte nie Zeit, sich zu mir zu setzen und sich mit mir zu unterhalten. Und meine Mutter hat sich verändert, als mein Stiefbruder geboren wurde. Sie ist mir aus dem Weg gegangen und hat sich nicht mehr für mich interessiert. Ich habe ihr auch ziemlich viele Probleme bereitet. Ich hatte zum Beispiel schlechte Zensuren in der Schule. Wenn sie deswegen mit mir schimpfte, lief ich weg von zuhause. Sie wusste, wo ich auf der Straße lebte. Manchmal kam sie dann und holte mich, meistens allein, manchmal aber auch mit der Polizei. Und manchmal hat sie mich auch richtig verprügelt. "

Andreea erzählt ihre Geschichte leise und zögernd, an manchen Stellen schluckt sie. Aber sie klagt nicht. Sie sieht nur sehr traurig und einsam aus.

Dristor, ein Neubauviertel in Bukarest. Andreea läuft vorbei an einem alten, seit Jahren verlassenen Gebäude. Hier hat sie während der drei Jahre, die sie auf der Straße war, öfter gewohnt. Jetzt hält sie Ausschau nach bekannten Gesichtern. Sie ist ein wenig aufgeregt.

Schließlich sieht Andreea jemanden, den sie kennt. Es ist Elisabeta Rasuceanu, eine 53jährige Frau, die an einer Straßenecke Zeitungen verkauft.

Als Andreea und die anderen Straßenkinder im Gebäude gegenüber wohnten, brachte die Frau ihnen oft Essen mit.

" Die meisten Menschen haben etwas gegen die Straßenkinder, sie beschimpfen sie, sie schlagen sie. Ich habe selbst gesehen, wie ein Mann einmal einen Freund von Andreea so sehr geschlagen hat, dass sein Gesicht ganz entstellt war. Auch die meisten Polizisten waren sehr schlecht zu den Kindern und haben sie geschlagen. Es tut mir leid, dass ich so etwas über mein Land sagen muss. Aber so ist es nun mal."

Andreea schaut die Frau an und nickt, kaum merklich. Bestimmt wäre alles anders gekommen, wenn auch ihre eigene Mutter sie besser verstanden hätte. Sie verabschiedet sich. Im Gehen dreht sie sich noch einmal um und winkt.

Andacht im Sankt-Lazarus-Heim. Andreea sitzt zwischen den anderen Kindern und Jugendlichen und singt das Gebet leise mit. Sie ist nicht sehr konzentriert, ab und zu schaut sie auf, vielleicht denkt sie schon an ihr neues Leben. Sie wird noch ein paar Tage hier bleiben und dann in ihre neue Wohngemeinschaft umziehen. Später, in ihrem Zimmer, erzählt sie von ihrer Zukunft.

" Mein allererster Traum ist jetzt, dass ich die Schule beende. Dann, dass ich eine Arbeit finde, gut verdiene und Geld sparen kann. Ich möchte jemanden finden, der mit mir lebt und mit dem ich eine Familie gründen kann. Ich werde mich um meine Kinder kümmern. Ich werde sie lieben und dafür sorgen, dass sie nicht auf die Straße gelangen. Und ganz gleich, ob ich vier, fünf oder sechs Kinder haben werde - ich werde sie alle gleichermaßen lieben. Ich werde keine Unterschiede zwischen ihnen machen."

Man hat mir erzählt, dass ich nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen wurde. Dann bin ich ein Heim für Babys gekommen. Mit fünf Jahren haben sie mich in ein anderes Heim gebracht und mit sieben in eines für größere Buben. Immer waren wir über 300 Kinder und es war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich versetzt wurde, habe ich gedacht, schlimmer kann es nicht kommen, und habe gehofft, dass ich aus der Hölle rauskomme. Aber es war umgekehrt. Überall Schlägereien, die Großen haben die Kleinen unterdrückt und fertig gemacht. Auch ich war frech und habe die Schwächeren gequält.

Zu den Erziehern konnten wir nichts sagen, weil das haben die Großen erfahren und dann war's noch viel schlimmer, wir sind in das "schwarze Zimmer" gekommen, buff-buff - da warst Du fertig danach. Dreimal habe ich versucht, wegzulaufen. Beim vierten Mal habe ich es geschafft. Barfuß bin ich bis nach Lasi gekommen, da hat mich die Polizei geschnappt. Ich musste ihr Büro putzen, dann haben sie mich geprügelt - und Gott sei Dank - laufen lassen!


Junge Rumänen springen zur Abkühlung in die Dimbovita in Bukarest. (AP Archiv)Junge Rumänen springen zur Abkühlung in die Dimbovita in Bukarest. (AP Archiv) Um jedes einzelne Kind zu verwalten, leistet sich der rumänische Staat bis heute einen ähnlich großen Bürokratie-Apparat, wie westeuropäische Staaten auch: Neben den Kreisjugendämtern gibt es ein Nationales Amt für den Schutz der Kinderrechte. Es gibt private und - die bis heute berüchtigten - staatlichen Kinderheime, die mit Gewalt und sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht werden.

Es gibt inzwischen aber auch organisierte finanzielle Hilfe und psychosoziale Betreuung - beides soll die Kinder vor dem Verlassen- und Ausgesetzt werden schützen. Vor der anderen, mehr gefühlten Ausgrenzung bewahrt all das freilich nicht: In den Köpfen der meisten Rumänen gelten die Straßenkinder noch immer als der soziale Sondermüll der Ära Ceausescu.

Familie Ruth Zenkert
Eine deutsche Sozialarbeiterin ist zuhause bei Bukarests Straßenkindern


Ruth Zenkert, eine gebürtige Deutsche aus Schwäbisch Hall, lässt sich von alldem nicht unterkriegen. Als sie 22 war, gab sie ihre Stelle als Bankangestellte auf, und arbeitete fortan mit Straßenkindern. Erst in Wien, heute in Bukarest. Dort gründete sie vor 15 Jahren die Organisation "Concordia", gemeinsam mit einem Pfarrer aus Österreich. Ruth Zenkert ist inzwischen 43 Jahre alt; alle materiellen Brücken nach Deutschland hat sie abgebrochen. Ihr Zuhause ist dort, wo die Kinder sind.

Ploiesti, eine Großstadt nahe Bukarest. Ruth Zenkert hat einen Termin beim Kinder- und Jugendamt. Sie hat von der Leiterin eine Anfrage bekommen, ob es im Kinderdorf Aricesti noch Platz gebe für fünf Jugendliche. Ruth Zenkert nickt. Ja, natürlich, sagt sie, wir können sie in unser Ausbildungsprogramm aufnehmen, in der Bäckerei oder der Tischlerei.

Im Dorf Aricesti, zehn Kilometer von der Stadt Ploiesti entfernt, hat die Organisation Concordia 1992 die Gebäude einer ehemaligen landwirtschaftlichen Genossenschaft gekauft und sie umgebaut. Unter der Leitung von Ruth Zenkert entstand eine Kinderkooperative mit kleinen Wohnhäusern, Werkstätten und einem Bauernhof. Heute leben und lernen dort 80 Kinder und Jugendliche, die von der Straße oder aus zerrütteten Familien kommen. Es ist eines von mehreren Concordia-Projekten.

In Bukarest betreibt die Organisation neben dem Übergangsheim Sankt Lazarus noch mehrere kleinere Wohngemeinschaften, in denen Kinder und Jugendliche zusammen mit Erziehern wohnen. Die Projekte sind so mustergültig, dass selbst staatliche Behörden wie das Kinder- und Jugendamt Ploiesti sich oft Hilfe suchend an Ruth Zenkert wenden.

Ruth Zenkert ist mittelgroß, sie hat dunkelblondes, halblanges Haar und trägt meistens schlichte Kleidung, Jeans, dazu ein Hemd oder einen Pullover. Besonders mütterlich wirkt sie nicht, aber sie strahlt große Ruhe aus. Die Arbeit mit Straßenkindern empfindet sie nicht nur Lebensaufgabe, sondern vor allem als Lebensglück.

" Ich erinnere mich genau an meinen ersten Besuch, das war im November 1991, trüb, dunkel, neblig, die ganze Stadt war trist, kalt, abstoßend. Wir haben so Sandwiches, kleine, belegte Brote vorbereitet und sind mit diesen Säcken voll zum Bahnhof gegangen, und ein Bild, das ich nie vergessen werden, das war so eine Gruppe mit kleinen Buben und Mädchen, und die waren eigentlich ganz lustig, also nicht traurig, nicht verzweifelt, sondern die haben dort gespielt. Dreckig, schwarz, nass. Und dann habe ich bei einem Mädchen in der Hand gesehen, die hat am Schwanz eine Ratte, eine tote, in der Luft geschwungen und nach den anderen geworfen, und die haben sie wieder gefangen und wieder zurückgeworfen.

Und die sind dann zu uns gekommen, haben jeder so ein Brot bekommen, alle durcheinander geredet, überall hat man Hände gehabt, die eigentlich so viel Sehnsucht nach Berührung haben, und wenn man so ein Erlebnis hat und man dann am Abend geht und die Kinder auf der Straße lässt, in dieser trüben Suppe und kalt und alles so grausig, kann man da nicht anders als sagen, ich will die alle in ein Haus bringen. "

Ruth Zenkert wohnt im Sankt-Lazarus-Heim in einem kleinen Zimmer. Darin stehen ein Bett, ein Kleiderschrank und ein Bücherregal. In seiner Kargheit sieht das Zimmer fast aus wie eine Klosterzelle.

" Ich hab nicht das Gefühl, dass ich mein Privatleben aufgebe, im Gegenteil, ich kann eigentlich gar nicht sagen, was bei mir Beruf, Hobby und Lust ist. Das ist alles eines. Es gibt schon unangenehme Arbeiten am Schreibtisch, die sind dann wirklich Beruf, aber ich hab mich entschieden, ganz hier zu leben, mit den Kindern, und das ist mein Leben."

Ruth Zenkerts letzter Termin für heute - der, auf den sie schon den ganzen Tag lang gewartet hat: Besuch bei den Kindern im Dorf Aricesti. Die Kinder laufen freudig auf sie zu und umarmen sie.

" Also, wenn ich so einen Augenblick erlebe, wo sie auf mich zuspringen und mich so voll Freude begrüßen, kann ich nur sagen, etwas Schöneres gibt es kaum. Für mich sind die Kinder meine Familie, und die schenken mir so viel, dass ich manchmal denke, ich kann denen gar nicht so viel schenken, wie ich bekomme."

Mit acht Jahren landet Costel Secara bei Ruth Zenkert und Concordia. Die Hilfsorganisation wird für ihn Familie und Zuhause in einem.

Ich habe die Schule abgeschlossen und eine Bäckerlehre gemacht. Seit eineinhalb Jahren wohne ich selbständig in der Wohngemeinschaft im Dorf und arbeite bei Billa. Ich hoffe, dass ich es bald schaffe, eine eigene Wohnung und eine Familie zu haben. Was Gott mir geben will, gibt er mir. Vielleicht hat er auch einmal einen kleinen Hof mit einer Kuh und einem Schwein und einem Garten für mich. So dass ich mich selber erhalten kann. Mein Traum ist ein riesengroßes Gewächshaus, damit ich Gemüse anpflanzen kann. Das Vertrauen ist das Wichtigste: dass wir immer helfen, wenn einer den anderen braucht. Und wenn ein paar Schwierige dabei sind, machen wir sie normal. Wir lassen keinen fallen, das ist unsere Aufgabe.

Die Zahlen suggerieren weiter absoluten Stillstand: Die Lack schnüffelnden Kinder in der Kanalisation von Bukarest sind nicht weniger geworden. Aber die Ignoranz der Verantwortlichen weicht mehr und mehr dem Bewusstsein, das etwas getan werden muss. Das ist auch dem Druck aus Brüssel zu verdanken, der langsam anfängt Wirkung zu zeigen. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Maßnahmenkatalogen, Projekten und Programmen.

Weg von der eigenen Geschichte
Gore, Ex-Straßenkind, hat es geschafft


Bis all jene, die wirklich etwas ändern wollen, auf das so genannte "Pyramidenproblem" stoßen: Ganz oben stehen gute Vorsätze, aber je weiter es im Apparat hinuntergeht, desto mehr wird verhindert, verschlampt, gestoppt. Ab und zu aber überschlagen sich Rumäniens Behörden auch einfach im Übereifer, bloß alles richtig zu machen. Gore Serbana hat es fast ganz allein geschafft, ohne Hilfe der staatlichen Behörden. Das ist inzwischen möglich, auch wenn Gore Serbana dafür über zwanzig Jahre gebraucht hat:

Die Poliklinik Nummer Fünf in der Großstadt Ploiesti. Grigore Serbana, genannt Gore, lässt seine Lunge röntgen und Blut abnehmen. Der 26jährige braucht ein Gesundheitsattest für seinen neuen Arbeitsplatz bei einem Hoch- und Tiefbauunternehmen. Eine Krankenschwester notiert sich seinen Namen und sein Geburtsdatum. Als Gore das Dorf nennt, in dem er wohnt, Aricesti, Ortsteil Nedelea, stutzt die Schwester und blickt ihn an. Er weiß schon, was sie gleich fragen wird. " Ja", sagt Gore, "ich war ein paar Jahre in der Kinderkooperative, aber jetzt habe ich ein eigenes Haus."

Eine Stunde später im Büro der Firma, bei der Gore in einigen Tagen als Bauarbeiter anfangen wird.

Eine junge Sekretärin blättert in Gores Unterlagen, dann sagt sie ihm, er solle in drei Tagen wiederkommen, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Sie duzt ihn, aber Gore nimmt es gelassen. Es ist die harmloseste Form ihm klarzumachen, dass er als ehemaliges Straßen- und Heimkind auf der sozialen Leiter ganz unten steht.

Zurück im Dorf. Gore kommt in den Hof seines kleinen Hauses, seine Frau Cristina wartet schon auf ihn. Gore küsst seinen neun Monate alten Sohn Costi, dann berichtet er seiner Frau, dass er die Stelle habe.

Die beiden sind erleichtert. Seit Januar hatte Gore keine Arbeit mehr. Fünf Jahre lang war er Lagerarbeiter in einem Großhandel gewesen, und fast so lange hatten die Kollegen ihn wegen seiner Vergangenheit als Straßen- und Heimkind gemobbt - bis er auf Druck seines Chefs gekündigt hatte.

" Wenn die Leute erfahren, dass du im Heim warst, dann machen sie mit dir, was sie wollen, und benehmen sich bösartig. Einige haben ein Herz, das stimmt, aber andere schauen von ganz oben auf dich herab. Sie warten regelrecht darauf, dass du irgendeinen Fehler machst, um dir das dann anzuhängen. Anstatt zu sagen: Na und?! Es war doch nicht deine Schuld, dass du im Heim warst! Auch hier im Dorf gibt es Leute, für die bin ich einfach kein Mensch."

Gore ist ein ausgesprochen gutaussehender Mann. Er ist groß gewachsen, hat kurzes, blondes Haar, einen Drei-Tage-Bart und dunkelgrüne Augen. Er kommt aus einer völlig zerrütteten Familie. Seine Eltern waren Alkoholiker, die Mutter brachte neun Kinder zur Welt und hatte einige Fehlgeburten, Gore hat vergessen, wie viele. Das Haus der Eltern in Bukarest brannte ab, als er sieben war. Die Familie lebte danach monatelang auf der Straße, dann brachte die Mutter Gore und einige andere Geschwister ins Heim.

" Dort wohnten wir in einem Hof, der von Mauern umgeben war. Wir sahen niemanden. Die Erzieher schlugen uns ständig mit Stöcken. Wir mussten uns in einer Reihe aufstellen, jeder bekam fünf Hiebe auf die Hände. Sie schlugen mit ganzer Kraft zu, so dass meine Hände grün und blau waren. Danach steckten sie uns meistens in den Isolationsraum. Meine Eltern haben mich im Heim nicht besucht. Mein Vater hatte Probleme mit den Beinen, er konnte kaum laufen, und meine Mutter... ich glaube, sie hat sich nicht besonders für uns interessiert. "

Als Gore dreizehn war, holte ihn einer seiner älteren Brüder aus dem staatlichen Heim und brachte ihn in ein Heim der Organisation Concordia. Von dort kam er später zur Kinderkooperative in Aricesti. Gore machte in Aricesti seinen Hauptschul-Abschluss und anschließend eine Bäckerlehre. Vor acht Jahren lernte er seine Frau Cristina kennen. Sie ist im Dorf aufgewachsen, die Tochter von Bauern. Die Liebe zwischen ihr und Gore geriet zu einer Art "Romeo-und-Julia"-Geschichte in der rumänischen Provinz.

" Mein Vater hat mich geschlagen, als er erfuhr, dass ich mich mit Gore treffe, er hat sogar Gore geschlagen. Er sagte, solche Leute sind nicht in der Lage, eine Familie zu gründen, die wissen nicht, was Arbeit heißt. Ich bin dann eine Zeit lang zu Gore gezogen, und schließlich haben sie nachgegeben. Sie haben uns das Haus der Großeltern überlassen und uns geholfen. Aber es ist eine gewisse Distanz geblieben. Als ob sie immer auf etwas warten, damit sie sagen können: Siehst du, wir haben dich gewarnt!"

Gore und Cristina haben inzwischen drei Kinder, Andrei, fünf Jahre, Mihaita, drei und den kleinen Costi. Die Familie lebt mehr als bescheiden. Aber Gore hat seine Heiterkeit trotzdem nicht verloren.

" Ich freue mich sehr, dass ich die Kinder habe. Es ist nicht leicht, sie großzuziehen, aber trotzdem freue ich mich sehr. Sie sehen mir ähnlich, sie sind gescheit, es sind meine Kinder! Sie werden es besser haben als ich. Sie werden normale Kinder sein und zur Schule gehen. Und jetzt bekomme ich ja Arbeit, dann geht es hoffentlich auch finanziell wieder aufwärts."

Gore spielt mit seinen Söhnen, und er sieht sie dabei zärtlich an. Er ist anders als seine Geschichte, er hat es geschafft.

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