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StartseiteKultur heuteDer Kaukasuskrieg auf der Bühne08.04.2010

Der Kaukasuskrieg auf der Bühne

"Radio Universe" von Nino Haratischwili auf Kampnagel in Hamburg

So schnell, wie im August 2008 die Panzer in Georgien aufmarschierten, so schnell gingen auch die Nachrichten um die Welt und berichteten Blogger aus der Krisenregion. Auch die georgische Autorin Nino Haratischwili und die deutsche Regisseurin Nina Mattenklotz tauschten sich übers Netz aus. Daraus entstand das Theaterstück "Radio Universe", das in Hamburg zu sehen ist.

Von Hartmut Krug

Zerstörter Panzer in Südossetien am 12.8.2008 (AP)
Zerstörter Panzer in Südossetien am 12.8.2008 (AP)

Ein offener, leerer Raum, der Boden bestreut mit übereinander geschobenen weißen Platten. Auf einem Monitor flimmern krisselig Nachrichten von Krieg und Wetter: ein unendliches, undeutliches mediales Rauschen erfüllt den Raum und ein junger Mann, der sich als Hund entpuppt, singt ein trauriges englisches Lied dazu. Er kommt aus einem Tierheim in Spanien, gehört einer Osteuropäerin, die in Deutschland lebt, und kann trotz deutscher Papiere nicht mit ihr zwischen Ost und West pendeln: absurdes Migrantenschicksal, komödiantisch vermittelt. Doch dann wirbelt eine bühnenbreite weiße Drehwand die im Bühnenhintergrund sitzenden sechs Schauspieler für ihre Auftritte vor das Publikum, und es wird melancholisch bis tiefernst existenzialistisch.

Die 27-jährige georgische Autorin Nino Haratischwili und die 30-jährige deutsche Regisseurin Nina Mattenklotz vermittelten einander während des Blitzkrieges in Georgien im August 2008 in E-Mails ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen und Empfindungen, - die eine in Georgien direkt am Kriegsgeschehen, die andere im von Nachrichten überströmten beschaulichen Alltag in Deutschland. In ihrem Stück "Radio Universe" versucht Nino Haratischwili nun nicht etwa den Krieg zu verstehen oder zu erklären, auch die unterschiedlichen Realitäten sind nicht ihr vordringliches Thema, "irgendwo fallen die Bomben und irgendwo fällt der Schnee", sondern sie zeigt Menschen, die am Tag nach dem Ausbruch des georgischen Krieges, in einer irgendwie stets von Krieg bestimmten Welt auf der Suche nach dem privaten Glück sind. Eine Frau klagt, dass all ihr tief empfundenes Mitleid mit Kriegsopfern und Elend in der Welt, all das schlechte Gewissen, wenn ihr es gut und anderen schlecht ging, weder anderen noch ihr geholfen, sondern ihr allenfalls den Sex versaut hat. Wie damit umgehen, dass man von Krieg und Leid durchs Fernsehen nicht berührt werden kann, wie verarbeiten, dass das eigene Leid, vom Mann verlassen worden zu sein, nicht zählt, obwohl es heftig wehtut. Und grundsätzlich: Wie kann man damit umgehen, dass in Georgien Krieg ausgebrochen ist, doch man selbst noch den ganz normalen Alltag erlebt und genießt? Die Autorin zeigt uns verschiedene, meist monologische Episoden: mit einer Georgierin, die in die kriegszerstörte Heimat zurückkehrt, um endlich die Liebe des Vaters zu gewinnen, und mit einer verlassenen Fotografin, die ein junges Mädchen beobachtet und fotografiert, um diese mit ihrem Foto-Tagebuch zu einer neuen Anne Frank zu stilisieren. Die einen erleben den Krieg direkt, die anderen bekommen Nachrichten von ihm und stellen sich ihn vor. Doch die einen wie die anderen sind vor allem suchende Menschen: nach Liebe suchende, nach verlorenen Menschen suchende, nach Sinn suchende Menschen.

Denen ein auf die Drehwand projizierter Radiomoderator historische Daten und politische Ereignisse, vor allem aber Einsamkeitstrauer und poetische Schwärmerei liefert, für Schnee und die Sehnsucht nach einer Frau, während er Musik von Miles Davis, Leonard Cohen und Billie Holiday ankündigt. Und denen die Autorin mächtig viel tiefere Bedeutung, philosophische Fragestellung und lange Reflexionen aufbürdet. Nino Harataschwili hat kein Stück mit handelnden Figuren, sondern eines mit nachdenkenden und vor sich hinredenden Menschen geschrieben. Die Autorin scheint weniger Dramatikerin als Erzählerin, was auch ihr gerade erschienener erster Roman "Juja" beweist. Bei der Lektüre des Stücktextes von "Radio Universe" fühlt sich der Leser ebenfalls auf eine anregende Denk- und assoziative Entdeckungsreise geschickt. Doch beim langatmigen Steh- und pathetischen Redespiel, zu dem die Regisseurin Nina Mattenklotz die Uraufführung auf Kampnagel eingerichtet hat, gehen sogar viele der schönen sprachspielerischen Passagen über Verlassenwerden, über unsichere Empfindungen und Wahrnehmungsmöglichkeiten verloren.

Die Regisseurin lässt ihre Schauspieler ohne jedes Gefühl für Tempo und Rhythmus vor allem Bedeutungen aufsagen, und statt eine gestisch-mimische Form für die Erzählweise der Autorin zu finden, die mit sprachlicher Subtilität zeigt, wie der Krieg das individuelle Empfinden der Menschen zu beschädigen beginnt, kommt sie uns mit drastisch äußerlichen Einfällen: Da werden knallrote Wolfsmasken aufgesetzt, es wird ein Plüschaffe zum gequälten Opfer gemacht und hektisch ein Schwangerschaftsbauch mit Klebeband hergestellt.

0b Nino Haratischwilis "Radio Universe" nicht nur philosophierende Literatur, sondern auch Theater ist, das kann uns erst eine weitere, andere Inszenierung zeigen.

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