Sonntag, 27. November 2022

Konzertprojekt in NRW
Der Klang des bedingungslosen Grundeinkommens

Armut und Reichtum klaffen immer weiter auseinander. Die finanzielle Situation ist gerade in der Freien Szene desaströs. Der Landesmusikrat NRW initiiert derzeit eine Konzertreihe, bei der Werke erklingen, die diese existentielle Thematik aufgreifen.

Von Torsten Möller | 02.05.2022

Auf einer Straße liegt ein geöffneter Geigenkasten, in dem Geld liegt. Daneben sieht man die Schuhe der Musizierenden.
Musiker leben oft unter der Armutsgrenze. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte hier Abhilfe schaffen. (Imago / Panthermedia / Nomad Soul)
Arm und reich. Die Spanne wird immer größer. Russische Oligarchen kauften Luxus-Segelyachten für 400 Millionen Euro. Elon Musk übernahm kürzlich den Nachrichtendienst Twitter. Von Musk zu Musik ist schriftlich nur ein kleiner Schritt. Umso gravierender fallen die finanziellen Unterschiede aus, besonders deutlich in der Freien Szene. Auf Initiative des Landesmusikrats NRW gibt es derzeit die Konzertreihe unter dem Motto "Der Klang des bedingungslosen Grundeinkommens".

Altbekanntes Thema

"Workers Union", also „Gewerkschaft“, heißt ein Stück von Louis Andriessen. Den niederländischen Komponisten beschäftigte schon 1975 die Frage nach Arbeit und Einkommen. Rhythmisch ist alles exakt notiert, aber die Tonhöhen überlässt Andriessen den Interpreten. Es solle, so steht es in der Partitur, nur möglichst „dissonant“ klingen, „chromatisch“ und „aggressiv“.
Vor etwa 50 Jahren war das Thema Arbeit anders aufgeladen als heute. Unter den meist links orientierten Komponisten gehörte Kapitalismus-Kritik zum guten Ton, siehe Luigi Nono, Helmut Lachenmann oder eben Louis Andriessen.

Corona als Problemverstärker

In der Konzertreihe "Der Klang des bedingungslosen Grundeinkommens" stehen auch die Perspektiven der Freien Szene im Fokus. Musikräte und Kulturförderer sprechen von „grassierender Projektitis“ und „fehlender Nachhaltigkeit“. Musiker und Komponistinnen erfüllen getrieben die Forderungen der Antragslyrik, um überhaupt leben zu können. So hetzen sie von Projekt zu Projekt, und das ohne viel Ertrag.
Johannes Marks ist selbst Komponist und organisierte das Dortmunder Konzert. Er hat beim Landesmusikrat Zahlen und Fakten erfragt. "Um die 12 000 Euro ist der Verdienst von Musikern und Musikerinnen im Durchschnitt in Nordrhein Westfalen, und zwar nicht im Monat, sondern pro Jahr. Insofern sind wir schon deutlich unter der Armutsgrenze."

Künsterlisches Potential ermöglichen

Marks weist damit auf das ernste soziale Problem hin. "Ich kann da nur zustimmen, dass sicherlich kreative Ressourcen bei den Menschen frei gelegt werden, wenn sie an bestimmte existenzielle Sorgen nicht mehr gebunden sind."

Auch mal mit Humor

So sorgenvoll klingt es zum Glück nicht nur im Konzert zum bedingungslosen Grundeinkommen. Zwischen den Stücken von Louis Andriessen, einem Stück für Münzen vom deutschen Komponisten Dieter Schnebel und einer audiovisuellen Komposition der New Yorker Komponistin Jessie Marino werden Texte verlesen. Es sind auch Auszüge der Philosophin und Gesellschaftskritikerin Hannah Arendt dabei.
Einige Männer sitzen vor einem langen Tisch, während einer einen Korb mit Kleingeld ausschüttet, beobachtet ein anderer das Fallen des Geldes, das in den Nähe vor verkabelten Händen eines weiteren Mannes liegen bleibt.
STATIONEN V: Das Kleingeldzählen wird zur Performance. (Thomas Ahrendt)
Ebenso beschäftigte sich die in Köln lebende und in Belarus geborene Komponistin Oxana Omelchuk mit diesem Thema. "Normalerweise schreibe ich für viel buntes Schlagzeug, aber diesmal habe ich gedacht, muss ich sparsam sein. Ich habe ein bisschen gespart an Instrumenten, an Transport. Es war wichtig, mich einmal zu reduzieren.“
Und ganz zum Schluss fliegen kleine Cent-Stücke, die gerade noch ein der kleinen Rundtrommel rumorten, ins Publikum. Und viele helfen mit, jede Münze vom Boden für das nächste Konzert wieder aufzulesen.
Die Reihe findet in Dortmund, Köln, Essen, Detmold, Münster, Bielefeld und Aachen bis zum 7. Mai 2022 statt.