Sonntag, 26. Juni 2022

Archiv


Der Krieg - eine gigantische Schreibmaschine

Eine Phalanx von Exponaten, Schriftstücke in einer Plexiglaswand, durchzieht diagonal und gewalttätig zwei Räume im Literaturmuseum. Ist das die Front? Die erregten Tage vor und nach Kriegsbeginn, im Juli/August 1914, werden hier minutiös dargestellt - aus der Sicht von Literaten.

Von Christian Gampert | 16.10.2013

Dann betritt man einen etwas freieren Raum sozusagen hinter dem Schützengraben, wo einzelne Vitrinen Zeugnisse aus vier Kriegsjahren versammeln. Und am Ende steht man vor einer kleineren Rückfront, die Niederlage und Nachkrieg begutachtet.

Das ist die Inszenierung. Die Leitfiguren der Ausstellung sind Ernst Stadler und Franz Kafka, es kommen ausgiebig vor Ernst Jünger, Barlach, Rilke, Hesse, Schnitzler, der im Krieg 7000 Seiten Tagebuch schrieb; aber ein Großteil der Exponate stammt von eher unbekannten Schriftstellern oder von solchen, die es hätten werden können - der sogenannte Heldentod verhinderte die literarische Karriere. Was haben sie uns zu sagen?

Ernst Barlach fühlte sich zu Kriegsbeginn wie in einem "Liebesabenteuer", "es erschüttert und entselbstet mich", schreibt er, er befinde sich in einem Zustand der "Erweiterung". Während Manche also in einen euphorischen Taumel geraten, geht Franz Kafka baden und nimmt sich vor zu schreiben; Ernst Stadler dagegen, der in Oxford studiert hat und gerade in Straßburg eine Vorlesung über moderne Lyrik hält, kauft sich sofort einen Revolver und bereitet sich auf die Front vor – Ende Oktober wird er fallen.

Ernst Jünger führt im Schützengraben Tagebuch, wie offenbar fast jeder damals - zunächst ohne jeden literarischen Anspruch, nur um die eigenen Erlebnisse zu fixieren, den Tod vor Augen.

"Das war auch für uns interessant, zu sehen, wie sich das vollzieht, dieser letzten Endes doch sehr plötzlich erfolgende Sturz in den Krieg, und wie das auf die Zeitgenossen wirkt."

... sagt der Marbacher Direktor Ulrich Raulff. Man hat im Archiv gegraben, und nicht nur bei den etablierten Autoren. Was an vielen dieser Zeugnisse einigermaßen erschüttert, ist der eklatante Mangel an politischer Analyse - der Anlass des Krieges ist eher lächerlich, ein Vorwand, aber man ist völlig im Hier und Jetzt, mit sich selbst beschäftigt, und etwas Unbegriffenes, Bedrohliches, Großes bricht sich Bahn, etwas, das offenbar lange nationalistisch gegärt hat. Nicht ohne Grund nennt der britische Historiker Christopher Clark die Politiker dieser Phase "die Schlafwandler", in Anlehnung an Hermann Broch.
Aber viele eher linke Literaten sind ebenfalls in einer Verfassung des Außer-Sich-Seins: Er taumle "in einem unklaren Zustande", er fühle sich "ausgeschlossen" vom Volk, schreibt der der Kriegsbegeisterung gänzlich unverdächtige Journalist Armin Wegner, der im Krieg den türkischen Völkermord an den Armeniern dokumentiert hat: Er fühle sich nur noch "fremd". "Der Kopf ist mir so wirr," sagt der Pazifist Werner Picht. "Den Krieg mach ich nicht mit," erklärt der junge Schriftsteller Gustav Sack - er wird viele Briefe aus Lazarett und Schützengraben schreiben - und fallen. Der Krieg, sagt Ulrich Raulff mit einem Kittler-Zitat, sei eine "gigantische Schreibmaschine" ...

"Allein aus dem Feld sind in die Heimat und zurück 28 Milliarden Briefe, Karten, Päckchen hin- und hergegangen, das muss man sich vorstellen ... als bloße Zahl."

Die Ausstellung zeigt eine rekonstruierte Truppenbücherei - man las den Faust, erbeutete Corneille-Ausgaben und benutzte des deutschen Soldaten Liederbuch. Aus der Straßburger Universitätsbibliothek zeigt Marbach Schützengrabenzeitungen; von hektographierten Blättern geht das bis zum Vielfarbendruck - von Skeletten und Totentanzmotiven. Sie wollten künstlerisch tätig bleiben ...

Für den kalten Ernst Jünger war der Krieg ein Faszinosum und das Dokumentieren Bewältigungsstrategie: Die Granateneinschläge, die Verstümmelten, der Tremor der Opfer waren ihm ein unbekanntes Inferno - ebenso wie die Klangkulissen der neuen Waffen. Franz Kafka aber, der Einzelgänger, hat den Horror anders gebannt: Er beginnt in den ersten Kriegstagen einen Roman, der später unter dem Titel "Der Prozess" bekannt wird. Es ist ein anderer Schrecken, der da zur Sprache kommt: der absurde Schrecken der Moderne.
Ernst Jünger 1998
Ernst Jünger 1998 (AP Archiv)