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StartseiteHintergrundDer Kriegsgrund, der keiner war28.04.2006

Der Kriegsgrund, der keiner war

Das Rätsel um die irakischen Massenvernichtungswaffen

18. Dezember 2002. In Bagdad informiert der Stabschef der Republikanergarde seine Kommandeure über den neuesten Verteidigungsplan Saddam Husseins, des damaligen Präsidenten. Eine Karte an der Wand zeigt die Hauptstadt, umgeben von vier konzentrischen Ringen, der äußere gelb, dann schwarz und blau und schließlich rot. Die Republikanergarde erhielt den Auftrag, die Zugänge zur Hauptstadt zu blockieren; die Hammurabi Division im Norden, die Medina im Süden, die Nida im Osten, Spezialtruppen und die Special Republican Guard im Westen. Sollte der Gegner den äußersten Ring erreichen, zögen sich auf Saddams Befehl alle Kräfte gleichzeitig auf den nächsten Verteidigungsring zurück. Bis auf den roten, der werde dann bis auf den Tod gehalten.

Von Klaus-Jürgen Haller

Rauchschwaden über Falludscha (AP)
Rauchschwaden über Falludscha (AP)
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Amerikanische Militärexperten haben diesem Plan unglaubliche Simplizität, ja Dummheit bescheinigt. Er habe weder die eigenen Fähigkeiten noch die des Gegners berücksichtigt, außerdem habe er offen gelassen, wie sich denn mehrere Divisionen unter Beschuss gleichzeitig auf neue Stellungen zurückziehen sollten. Allein der Kommandeur des 2. Korps der Republikanergarde erhob Einwände, wurde aber von Saddams Sohn Qusai, dem die Republikanergarde unterstand, beschieden, der Plan sei bereits genehmigt. Wenig spricht dafür, dass er tatsächlich ausgeführt worden ist. Wirkung zeigte er trotzdem.

Michael Gordon von der New York Times berichtete, zwei deutsche Agenten hätten in Bagdad eine Skizze dieses Plans in die Hand bekommen, und ein deutscher Verbindungsoffizier habe dem amerikanischen Hauptquartier in Katar im Februar 2003 eine Kopie zukommen lassen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Bundestages will das nun genauer wissen. Hätten die Deutschen diese Skizze nicht weitergegeben, hätte Washington ungehalten reagiert. Wo diese Skizze ohnehin für Aufregung sorgte.

Wie Militärkorrespondent Michael Gordon und Bernard Trainor, ein früherer Generalleutnant der Marineinfanterie, in ihrem jüngsten Buch "Cobra II" - der bislang detailliertesten Darstellung des Irakkrieges - schreiben, alarmierte diese Skizze militärische und zivile Geheimdienstler in den Vereinigten Staaten. Sie vermuteten, der letzte Verteidigungsring, die rote Linie, könnte den Einsatz irakischer Massenvernichtungswaffen signalisieren.

Im ersten Golfkrieg 1991hatte der Irak trotz der vernichtenden Niederlage keine chemischen oder bakteriologischen Kampfstoffe eingesetzt. Außenminister James Baker hatte damals gewarnt, die USA schlügen zurück, und das sei keine Drohung, sondern ein Versprechen. Sofern aber nun amerikanische Truppen Bagdad erreichten, stünde Saddams Regime vor dem Untergang, und damit war alles möglich. Infolgedessen hatten die Angreifer bei der Annäherung an die rote Linie trotz der Hitze ständig ihre Schutzanzüge bei der Hand. Ihre Kommandeure mussten mit dem Einsatz chemischer Kampfstoffe rechnen.

Der Krieg begann am 20. März 2003, Bagdad fiel am 9. April; Massenvernichtungswaffen wurden dann doch nicht eingesetzt. Als einer der ersten stellte sich am 12. April Amir al-Saadi der Besatzungsmacht; als Saddams Wissenschaftsberater war er - im Rang eines Generalleutnants - für die Zusammenarbeit mit den Inspektoren der Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergiebehörde zuständig gewesen. Er bestritt ganz entschieden, dass im Irak verbotene Waffen versteckt seien.

" Ich hatte Kenntnis von diesen Programmen, den früheren, und ich hab die Wahrheit gesagt, immer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Die Zeit wird mir recht geben; Sie werden sehen. "

Es war die Wahrheit; aber sie klang völlig unglaubwürdig. Jahrelang hatte der Irak alles Mögliche bestritten, immer bis unwiderlegbare Fakten auf dem Tisch lagen. Ein irakisches Atomwaffenprogramm? Hatte es nie gegeben. Bis Waffeninspektoren ein Netz von 40 geheimen Forschungseinrichtungen aufdeckten. Mit drei verschiedenen Urananreicherungsprogrammen und mit einem Plutonium-Trennungsprogramm im Labormaßstab. Als der für die Atomwaffenentwicklung Verantwortliche, Saddams Schwiegersohn Hussein Kamil, nach Jordanien floh, bequemte sich Bagdad zu dem Eingeständnis, im Herbst 1990 ein Atomwaffenprogramm gestartet zu haben. Im Dezember 1992 hätte es sein Ziel erreicht haben können, urteilte später die Internationale Atomenergiebehörde. Wenn Saddam Hussein nicht Kuwait überfallen hätte, wenn die Vereinten Nationen als Waffenstillstandsbedingung nicht die umfassende Aufgabe aller irakischen A-, B- und C-Waffen-Programme verfügt hätten.

Im achtjährigen Krieg gegen den Iran hat der Irak massiv chemische Waffen eingesetzt. Von 100.000 Granaten, Bomben und Sprengköpfen ist die Rede. Saddam setzte Giftgas gegen die kurdische Zivilbevölkerung ein. Deshalb war es keine Überraschung, dass die Inspektoren bis Frühsommer 1994 38.500 Schuss chemischer Munition, 480.000 Liter chemischer Wirkstoffe und 1,8 Millionen Liter so genannter Ausgangsstoffe vernichten konnten. Der Verbleib von 31.600 Chemiegranaten, 550 Senfgasbomben und 4.000 Tonnen so genannter Ausgangsstoffe blieb dann immer noch ungeklärt. 1995 gab Bagdad zu, auch 4 Tonnen des Nervengifts VX produziert zu haben.

Erst Mitte 1995 räumte Bagdad die Existenz eines Programms für bakteriologische Kampfstoffe ein; man habe 19.000 Liter Butolinum, 8.400 Liter Anthrax und 2.000 Liter Aflatoxin produziert. 191 Waffen seien fertig gestellt worden, 25 Raketensprengköpfe darunter, die mit Anthrax, Butolinum und Aflatoxin bestückt wurden. Sie alle seien nach dem ersten Golfkrieg vernichtet worden.

Glaubhaft klang auch das nicht. Präsident Bush erklärte, Saddam habe 14 Jahre Massenvernichtungswaffen versteckt und ein Jahrzehnt dafür gesorgt, dass Inspektoren sie nicht fänden.

Der Irak sei so groß wie Kalifornien; es gebe Tunnel, Höhlen, alle möglichen Komplexe. Wir werden sie finden. Es ist eine Frage der Zeit.

Diese Erwartung wurde von vielen geteilt. Die Waffen zu finden, sei ein "slam dunk", hatte CIA-Direktor George Tenet versichert, was im Basketball einem todsicheren Korb gleichkommt. Der Irak besitze bis zu 100 Tonnen Senfgas und Sarin, schätzten amerikanische Geheimdienstler im Dezember 2000. Zwei Jahre später, als der Kongress über die Ermächtigung zum Krieg entschied, war schon von 500 Tonnen die Rede. Die hätten für 16,000 Geschosse gereicht. Aber im Jahr 2000 hatte die CIA lediglich vier Quellen im Irak, schreiben Gordon und Trainor, und keine hatte Zugang zu Informationen über Massenvernichtungswaffen.

Immer wieder tauchten Meldungen auf, die sich dann doch nicht bewahrheiteten. Mal hieß es, 20 mit Sarin und Senfgas bestückte ungelenkte Raketen mittlerer Reichweite seien gefunden worden, dann 14 Fässer mit ominösem Inhalt, schließlich sollte ein Spürpanzer die Nervengifte Tabun und Sarin ausgemacht haben. Nördlich von Bagdad verschafften sich Marineinfanteristen mit dem Vorschlaghammer Zugang zu zwei merkwürdigen Fahrzeugen. Waren das die mobilen Biowaffen-Labors, über die Außenminister Powell vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gesprochen hatte? In die Welt gesetzt von einem Überläufer, den der deutsche Bundesnachrichtendienst führte und der sich wahrscheinlich nur einen Asylgrund ausgedacht hatte. Was die Marines fanden, waren Feldküchen aus der Sowjetunion.

Die Ausschaltung der irakischen Massenvernichtungsmittel war Washingtons erklärtes Kriegsziel; 12.000 Mann wurden zur Suche abkommandiert, unter dem Kommando von David Kay. Im Mai 2003 teilte er mit, Waffen habe man noch nicht gefunden, wohl aber Hinweise, dass die Produktion zu gegebener Zeit hätte wieder aufgenommen werden sollen. Im Oktober 2003 stellte Kay neuartige Überlegungen an.

" Wenn Saddam keine Waffen hatte, warum verhielt er sich so, als ob er welche hätte. Warum weigerte er sich, eng mit den Inspektoren zusammenzuarbeiten? "

" Es wäre einfach gewesen, den Krieg zu verhindern, die Grenzen zu öffnen und zu sagen: ´Geht, wohin ihr wollt; alles, was ihr wollt.´ Das tat er aber nicht. Wir müssen herausfinden, warum. "

Der erwähnte Überläufer Hussein Kamil hatte 1995 ausgesagt, alle vorhandenen Massenvernichtungswaffen seien zuvor vernichtet und keine neuen produziert worden. Aber wie glaubhaft war denn das? Warum hätte der Irak viele Jahre die Wirtschaftssanktionen ertragen, warum auf zig Milliarden aus dem Erdölgeschäft verzichtet, die Inspektionen, die Flugbeschränkungen hingenommen und schließlich einen Krieg riskiert, wenn er nichts zu verbergen hätte?

Kays Nachfolger als Chefinspektor, Charles Duelfer, stellte die Suche nach 16 Monaten ein.

" Ich erwarte nicht mehr, dass militärisch relevante Bestände an Massenvernichtungswaffen im Irak versteckt sind. "

Das war im Herbst 2004, kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Bushs Herausforderer John Kerry:

" Mit anderen Worten: Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass Inspektionen und Sanktionen funktionierten. "

Also wäre der Krieg überflüssig gewesen. George Bush gab zu, die Geheimdienstinformationen hätten daneben gelegen; aber - und dabei ist er bis heute geblieben - Saddam hätte die Produktion wieder aufnehmen können.

" Es gab ein Risiko, ein echtes Risiko, dass Saddam Hussein Waffen oder Materialien oder Informationen an Terrornetze weitergab. In der Welt nach dem 11. September war das ein Risiko, das wir uns nicht leisten konnten. "

Warum riskierte Saddam seinen Sturz, warum die Zerstörung seines Landes, warum nahm er 15 oder 16 Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen auf die leichte Schulter? Warum bewies er nicht zweifelsfrei, dass die verbotenen Waffen längst vernichtet waren; warum nicht spätestens Anfang 2003, als sich in Kuwait die Invasionsstreitmacht formierte?

Zwei Jahre lang hat das amerikanische Streitkräftekommando irakische Dokumente und Aussagen von irakischen Militärs und Politikern auswerten lassen. Ein 230-Seiten-Papier, das Ende März veröffentlicht wurde, gewährt erste Einblick in eine Welt voller Fehleinschätzungen und Selbsttäuschungen, diesmal auf irakischer Seite.

Saddam war überzeugt, die USA wagten nicht anzugreifen, sagt Tariq Azis, ehemals stellvertretender Ministerpräsident. Aufgrund ihrer Wirtschaftsinteressen hätten Frankreich und Russland entsprechende Sicherheitsratsbeschlüsse verhindert. Griffen die USA trotzdem an, würde der internationale Druck sie in kurzer Zeit zur Aufgabe zwingen, so der Stabschef der irakischen Streitkräfte. Letztlich war Saddam überzeugt, ein Angriff werde am heroischen Einsatz der eigenen Kräfte scheitern, so Saddams persönlicher Dolmetscher.

Am 30. März - amerikanische Verbände standen nur 150 Kilometer vor Bagdad - ließ Saddam seinen Außenminister Moskau und Paris gegenüber erklären, er werde nur den bedingungslosen Rückzug der Amerikaner akzeptieren; sie versänken bereits im Schlamm der Niederlage. Offensichtlich wurde die irakische Führung Opfer der eigenen Propaganda. Auch was den Verzicht der Gegner, Saddam zu stürzen, im ersten Golfkrieg 1991 betraf. Exgeneral Bernard Trainor:

" Sie konnten nicht glauben, dass der Präsident der Vereinigten Staaten auf den Marsch nach Bagdad verzichtete, als sich die Gelegenheit bot. Also musste es an den Fähigkeiten der irakischen Streitkräfte und der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen gelegen haben. "

Keiner der irakischen Führer habe für möglicht gehalten, dass Amerikaner je Bagdad erreichen, sagte der Stabschef der irakischen Streitkräfte aus. Saddam Hussein war überzeugt, dass sein Regime überlebe. Weshalb er darauf verzichtete, Brücken und Dämme zu sprengen und - wie 1991 in Kuwait - die Ölquellen in Brand zu stecken.

Inzwischen wissen wir, dass Saddam seine militärischen Führer im Dezember 2002 mit der demoralisierenden Mitteilung überraschte, er besitze keine Massenvernichtungswaffen mehr.

" Sie waren erstaunt. Sie dachten, wenn es zum Krieg mit den USA kommt, haben wir keine Mittel, mit ihrer Überlegenheit fertig zu werden. "

Offensichtlich wussten nicht einmal Saddams Generale, dass alle chemischen und bakteriologischen Waffen längst vernichtet waren. Saddam, so der Autor Michael Gordon, wollte mit den UNO-Inspektionen so weit zusammenarbeiten, dass der Sicherheitsrat keinen casus belli und die USA keinen Vorwand für den Krieg fänden.

Die Vernichtung der Waffenbestände allgemein bekanntzumachen, hatte Saddam abgelehnt.

" Der Grund war, Saddam sorgte sich - irgendwie ironisch - um dasselbe Land wie heute anscheinend das Weiße Haus, um den Iran. Ihn ängstigten Irans Massenvernichtungswaffenprogramme. Anders als der Irak hat der Iran solche Programme. "

Offenbar sollte die arabische Welt nicht erfahren, dass sich Saddam internationalem Druck gebeugt hatte. Auf keinen Fall sollte der Nachbar Iran dahinterkommen, dass der Irak nun keine chemischen Waffen mehr besaß. Dieses Nichtwissen war ein Abschreckungsmoment, dem Iran gegenüber und wahrscheinlich auch gegenüber Schiiten und Kurden im eigenen Land.

" Einer seiner Generale hat die Strategie als ´Abschreckung durch Zweifel´ bezeichnet. Saddam wollte mit den Inspektionen kooperieren, aber irgendwie den Eindruck beibehalten, dass da noch etwas vorhanden sein könnte. "

Dies war ein extrem riskantes Spiel, riskant für alle Beteiligten. Auch Washingtons ständige Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, bestärkte irakische Militärs im Verdacht, da sei doch noch etwas vorhanden.

" Die Amerikaner würden die Kriegstrommeln nicht rühren, wenn sie nicht etwas wüssten, das wir nicht wissen. Eine Anomalie. In gewisser Weise war es tragikomisch. "

Das war nicht die letzte Volte. Ende Januar 2003, als es wirklich brenzlig wurde, befahl Saddam, den Waffeninspektoren entgegenzukommen, auch die Republikanergarde sollte ihre Unterlagen zur Verfügung stellen, und ausdrücklich wurden alle Kommandeure angewiesen, in ihren Einheiten auch die letzten Spuren der verbotenen Waffen zu beseitigen. Saddam werde sie persönlich haftbar machen. Das große Reinemachen begann. Hier der per Funk übermittelte Befehl, selbst das Wort "Nervengift" in den Anweisungen für den Funkverkehr zu tilgen.

Die Amerikaner hörten mit. Auch diesen Funkspruch zitierte Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 vor dem Sicherheitsrat als Beweis, dass der Irak die Welt immer noch an der Nase herumführe und seine Massenvernichtungswaffen verstecke.

Die Getäuschten, in diesem Fall die Amerikaner, täuschten sich über das Ausmaß der Täuschung und dann auch noch über die Beseitigung der Spuren der Täuschungsmanöver. Tragikomisch? Eher tragisch.

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