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Noch einmal darf die heroische Zeit der neunziger Jahre vor unseren Augen auferstehen, da Berlin, soeben vereint, sich nun anschickte, Hauptstadt zu werden und glaubte, innerhalb weniger Jahre architektonisch zu London oder Paris aufschließen zu müssen. Es war die Zeit, wo das Größte und Teuerste gerade noch groß und teuer genug war, sowohl was die Größe und Kosten der Projekte, aber auch was deren Scheitern anbelangt. Es war die Zeit, in der zu Einfluß gekommene Dilettanten im Berliner Senat, wie Senatsbaudirektor Stimmann, die mehr oder weniger zufällig am Drücker waren und es heute auch noch sind, nach dem Gießkannenprinzip Genehmigungen ausgaben für Bauvorhaben, deren großdimensionierte Katerstimmung bis heute über der Stadt liegt. Joseph-Paul Kleihues war und ist ganz sicher kein Dilettant – weder als Architekt noch als Selbstvermarkter –, aber man geht sicher nicht zu weit, wenn man ihn heute als einen der größten Nutznießer dieser mehr oder weniger chaotischen Jahre in Berlin bezeichnet. Kleihues empfahl sich als konservativer, unaufgeregter Geist im kulturellen Einvernehmen mit der Regierung Kohl, als die Dynamik der Wende die Berliner Politiker wie aufgescheuchte Hühner vor sich hertrieb und keiner mehr wußte, was er denken sollte: sollte Berlin komplett erneuert werden? Eine Stadt der Experimente? Oder war nicht vielmehr die Zeit gekommen, das Berlin der zwanziger Jahre wieder herzustellen? Oder gar das der Kaiserzeit? Es waren die Jahre, da Politiker darüber nachdachten, Berlin-Brandenburg in "Preußen" umzubenennen und Kleihues‘ Stammlokal, die "Paris-Bar" in Charlottenburg, zum heimlichen Planungsstab für Neu-Berlin wurde. Kleihues drängte sich damals auf, denn nur wenige Jahre zuvor, noch zu Mauerzeiten, hatte er die Internationale Bauausstellung Berlin gemanagt und so für eine Bebauung der zahllosen Brachflächen im Westteil gesorgt. War das Ergebnis dieser IBA 1987 architektonisch oft nicht gerade erste Wahl: nach der Wende war Kleihues besonders gefragt, weil er die Stadt kannte und auf alle Fragen sofort eine Antwort parat hatte, dieselbe, die er immer schon gegeben hatte. Sie lautete: Kritische Rekonstruktion. Das klingt so schön wie "mitfühlender Konservatismus". Das klingt nach: Alles wird gut. Das Berlin, das Kleihues vorschwebte, sollte eine Museumsstadt werden.