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Der Mann, der das Genom salonfähig machte: Frank Schirrmacher

Biologie.- Vor zehn Jahren, als das Genom weltweit gefeiert wurde, berichteten alle Zeitungen der Welt über dieses Ereignis. In Deutschland überraschte damals die "FAZ" mit einer ungewöhnlichen Idee: Sie brachte den biologischen Code ins Blatt: viele Seiten Buchstabengewirr aus A,T,G und C.

Von Michael Lange | 22.06.2010

    Wer den Mitherausgeber und Feuilleton-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, besuchen möchte, muss vorbei am Code des Lebens. Schon auf dem Flur: Eingerahmte Zeitungsseiten mit den vier Buchstaben A, T, G und C, vieltausendfach. Die Ausgabe stammt vom 27. Juni 2000, dem Tag als die Nachricht von der Entzifferung des menschlichen Genoms um die Welt ging.

    "Das weiß ich noch wie heute, als das schließlich nachts ankam in einer großen Datei. Und es ist nicht nur der echte Code, es ist das letzte Stück, das durch die Rechner bei Celera Genomics gelaufen ist."

    Der Philosoph Hans Blumenberg und dessen Buch "Die Lesbarkeit der Welt" hatten Frank Schirrmacher auf die Idee gebracht, den gelesenen, aber unverständlichen Code ins Blatt zu bringen.

    "Jetzt sind wir eine Zeitung und darüber hinaus noch ein Feuilleton. Was liegt also näher, als diese Textmetapher aufzunehmen in so einem historischen Moment und in seiner ganzen Unlesbarkeit, die diese Lesbarkeit impliziert, und das war der Gedanke."

    Auch im Büro des Literaturwissenschaftlers ist der biologische Bauplan präsent. Von seinem Schreibtisch blickt Frank Schirrmacher auf eine riesige Genomkarte. Das Informationsdurcheinander ähnelt einem Altarbild – handsigniert von Genom-Entzifferer Craig Venter.

    "Das ist so eine kopernikanische Wende, das ist einer der Meilensteine der Wissenschaftsgeschichte, und das beschäftigt mich heute fast noch mehr als damals."

    Frank Schirrmacher war bereits Ende der 90er-Jahre klar, dass das gelesene Genom des Menschen mehr ist als eine Datensammlung. Er sah nicht in erster Linie das wissenschaftliche Großprojekt, sondern eine Zeitenwende und die galt es darzustellen. Als der Wissenschaftsrebell Craig Venter 1998 die staatliche Wissenschaftsbürokratie herausforderte, das Rennen gegen eine große Übermacht aufnahm und das Genom privat vermarkten wollte, bekam der Journalist Schirrmacher einen Helden und einen Bösewicht zugleich für seine Geschichte vom menschlichen Genom.

    "Was mich an Craig Venter interessiert hat, ist, dass er der etablierten, anonymisierten Wissenschaft zeigte: Es geht mit sehr viel weniger Aufwand. Er hat das ja unglaublich beschleunigt. Der Mann war in jungen Jahren der typische kalifornische Surfer, hat sich dann in Vietnam mit dem Ernst des Lebens vertraut gemacht, ist dann zu dieser wissenschaftlichen Erscheinung geworden, und der ist einfach auch eine Geschichte."

    Auch Venters Gegner erhielten in der "FAZ" ihr Forum. So verglich der Wissenschaftskritiker Erwin Chargaff die Genom-Sequenz mit der Cheopspyramide in Ägypten. "Das Genom wird genauso nutzlos herumstehen", erklärte Chargaff. Wer recht behalten wird, ob und wann die Visionen um das Genom verwirklicht werden, das interessiert Frank Schirrmacher nur am Rande. Denn für ihn steht fest: Die Entzifferung des Genoms hat unser Denken bereits verändert.

    "Erwartungen spielen eine sehr große Rolle in der Beurteilung menschlicher Gesellschaften. Und diese Erwartung ist jetzt in unserer Gesellschaft drin: in Aktienmärkten genauso wie in der Welt der Medizin, wie in den Köpfen von Künstlern und Schriftstellern. Banal ausgesprochen: Die Machbarkeit des Menschen, die Herstellbarkeit oder Veränderbarkeit des Menschen bis hin zur Voraussage möglicher Krankheitsbilder des Menschen, die dann ja auch zu Diskriminierung und Ähnlichem führen können."

    Craig Venter stilisierte sich – auch mithilfe der Medien – zum Propheten für eine neue Biotechnologie und eine neue Welt. Eine Welt, in der Menschen selbst Information sind und zum Rädchen in einer riesigen Informationsmaschinerie werden. Was zufällig oder gottgegeben erscheint, wird vorhersehbar und berechenbar. Frank Schirrmacher teilt diese Vorstellung nicht, aber er ist doch von ihr fasziniert.

    Zur Sendereihe "Ich | Mensch | Genom"