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Der Meister der Madonnen

Antonello da Messina war ein begnadeter Porträtmaler von Adligen, Bürgern und Heiligen. Als Vorlage für tugendhafte Frauengestalten im blauen Marienmantel wurden idealisierte Menschengesichter aus dem Umfeld des Malers genommen. In einer Ausstellung in Roms Scuderien wird aber vor allem deutlich, wie gut Messina die Kunst der psychologischen Pinselführung beherrschte.

Von Thomas Migge |
    "Dieses Gemälde wird Porträt eines unbekannten Seemannes genannt. In Wirklichkeit zeigt es aber einen sizilianischen Edelmann. Das Bild befand sich lange in einer Apotheke und wurde als Schranktür benutzt. Die vielen Macken auf dem Porträt erklären sich damit, dass die Tochter des Apothekers das Bild immer gegen die Wand schlug, weil sie den ironischen Blick des dargestellten Mannes nicht ertragen konnte."

    Ausstellungskurator Giovanni Villa zufolge macht nicht nur die detailgetreue Darstellung dieses Porträtbilds das Einzigartige Antonellos aus, sondern seine damals einmalige Fähigkeit, einen Charakter oder einen Charakterzug wiederzugeben. Es scheint, dass der Adlige auf dem kleinen Ölbild zum Betrachter schaut, sich über ihn lustig macht. Mit seinem Interesse an einer, man würde heute sagen, psychologischen Darstellung einer Person ragt das Schaffen von Antonello Da Messina aus der Kunst seiner Zeit heraus.

    Antonello wurde wahrscheinlich 1431 geboren. Mit Sicherheit starb er 1479.
    Ein kurzes Leben, über das nur wenig bekannt ist. Sämtliche Dokumente zum Leben und Schaffen des Antonello da Messina wurden 1908 zerstört, als ein Erdbeben die Stadt Messina dem Erdboden gleichmachte.
    Giovanni Villa:

    "Sein uns heute bekanntes Oeuvre stammt aus einem Jahrzehnt, aus der Zeit zwischen 1468 und 1479. Das Geheimnis, das sich um dieses mysteriöse Talent rankt, macht ihn in gewisser Weise zu einem James Dean der Renaissance, der von Sizilien nach Venedig kam und dort wie ein Star gefeiert wurde."

    In Rom werden 36 der 44 heute noch bekannten Gemälde und Tafelbilder des Antonella da Messina gezeigt. Sie stellen Bürger, Adlige und Heilige dar.

    Ihnen wurden Werke der Porträtmalerei von Jan Van Euck, Giovanni Bellini und Alvise Vivarini zur Seite gestellt, um zu zeigen, welche Maler Antonello beeinflußten. Dass noch nie in einer Ausstellung soviele Werke dieses Meisters aus Messina zu sehen waren, macht aus der römischen Kunstschau ein besonderes Ereignis. Dank des persönlichen Einsatzes des italienischen Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi war es möglich, das Vertrauen von Museen in Europa und den USA zu gewinnen, damit diese unschätzbaren Kunstwerke nach Rom ausgeliehen werden konnten. Die Sammlung ist mit 600 Millionen Euro versichert und wird von einem Miniheer von Sicherheitsleuten bewacht.

    Giovanni Villa hat für die Ausstellung versucht, zusammen mit anderen Kunstexperten, die so gut wie unbekannte künstlerische Entwicklung des Antonello da Messina zu rekonstruieren. Angesichts des quasi totalen Fehlens zeitgenössischer Dokumente eine Sisyphusarbeit:

    "In den nur zwei Jahren seines Aufenthaltes in Venedig erreichte er eine Perfektion, die bisher immer auf seine Beeinflussung durch flämische Künstler zurückgeführt wurde. Antonello wird deshalb als italienischer Maler interpretiert, der die italienische mit der nordeuropäischen Malweise vermischte. Wir sind hingegen davon überzeugt, dass Antonello da Messina die nordeuropäischen Maleinflüsse nur soweit aufgriff, um seinen typisch italienischen Malstil zu abzurunden. Und:
    schließlich kehrte er nach Messina zurück, um dort zu leben und zu arbeiten."

    Und schlug damit die Einladungen des Hofes in Mailand aus, der sich um die Präsenz Antonellos bemüht hatte. Antonella da Messina wollte in seinem Süden seine Bilder malen. Den Kuratoren der römischen Ausstellung zufolge, die damit eine neue Sichtweise auf das Schaffen Antonellos bieten, sind seine Ölbilder, vor allem die Porträts, der wohl sublimste Ausdruck der italienischen Malerei:

    "Er besaß die Fähigkeit, die für die italienische Renaissancekunst intensive Farbgebung, den Umgang mit raffiniert gesetzten Licht- und Schatteneffekten und das Rätselhafte der dargestellten Gesichter zu vereinen. Diese Mischung ist niemandem vor ihm gelungen."

    Beispielhaft dafür ist die Annunciata aus Palermo, Antonellos sicherlich schönstes und enigmatischstes Porträt: die Darstellung einer jungen Frau, deren Gesicht in ein azurblaues Tuch gehüllt ist, das den ganzen Oberkörper bedeckt. Sie hebt die rechte Hand an und schaut, leicht nach unten gebeugt, am Bildbetrachter vorbei. Sie scheint in Gedanken versunken zu sein, doch die erhobene Hand verrät eine innere Spannung. Was denkt sie? Will sie etwas sagen? Wer ist sie? Wer versteckt sich hinter dem Bild? Fragen wie diese stellen sich bei fast allen der in Rom versammelten Porträtbilder des Antonello da Messina. Die Unmöglichkeit, die verblüffend realistisch dargestellten Männer und Frauen Antonellos zum Sprechen zu bringen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, obwohl sie einen oft direkt anschauen und nur darauf zu warten scheinen, dass man sie anredet - genau das macht den Reiz seiner Porträts aus.