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StartseiteTag für TagDer Missionar des Sozialismus27.05.2013

Der Missionar des Sozialismus

Friedrich Engels im Porträt

Vom mystischen Pietisten zum Religionskritiker: Will man den gedanklichen Entwicklungsprozess von Friedrich Engels verstehen, wirft man am besten ein Blick in seine Kindheit- und Jugendjahre. Aufgewachsen ist der Vordenker der Sozialdemokratie im damals streng pietistischen Wuppertal.

Von Manuel Gogos

Marx-Engels-Denkmal in Berlin (1995) (AP Archiv)
Marx-Engels-Denkmal in Berlin (1995) (AP Archiv)

Am 21. Februar 1848, wenige Tage, ehe jener Aufruhr von Paris auf den gesamten europäischen Kontinent übergreift, der als die 'Revolution von 1848' in die Geschichte eingegangen ist, veröffentlicht Karl Marx zusammen mit Friedrich Engels in London ein erstaunliches kleines Pamphlet, das mit seiner aufrüttelnden, ja fast apokalyptischen Rhetorik zum wahrscheinlich einflussreichsten politischen Traktat aller Zeiten aufsteigen wird: das "Kommunistische Manifest":

"Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet."

Es ist kein Zufall, dass das Kommunistische Manifest in chiliastischem Ton behauptet, die sozialistische Bewegung sei einer ähnlichen Verfolgung ausgesetzt wie einstmals die Christen. Denn Friedrich Engels, Kaufmann, Journalist, Literat, weltberühmter Revolutionär und Theoretiker der sozialistischen Arbeiterbewegung, wurde 1820 in Barmen in ein großbürgerliches und seit Generationen strikt pietistisches Milieu hineingeboren.

"Freue dich mit mir, innigst geliebter Karl, der liebe Gott hat unser Gebet erhört und uns am verflossenen Dienstagabend den 29. November abends um neun Uhr ein Kindlein, und zwar einen gesunden wohlgestalteten Knaben geschenkt. Das kleine Knäblein schläft fast immer recht ruhig, und das ist recht gut, denn Gott stärkt ja die Kleinen im Schlafe. Er sei auch dem Kindlein ein so gütiger Gott und Vater, wie er mir bisher war, und gebe, dass wir einst vor seinem Throne noch Freude vor dieser Geburt haben. Dies ist nun mein tägliches Gebet."

Der Brief des Barmer Spitzenfabrikanten Friedrich Engels senior an seinen Schwager, den späteren Oberhofprediger Snetlage, entpuppt sich als "frommer Wunsch". Denn gerade die unkritische Aneignung von biblischen Texten und geistlichen Liedern, auf die eine pietistische Erziehung zielt, will bei dem heranwachsenden "Feuerkopf" Friedrich Engels junior einfach nicht fruchten.

"Trotz der frühen strengen Züchtigungen scheint er selbst aus Furcht vor Strafe keinen unbedingten Gehorsam zu lernen. So hatte ich heute wieder den Kummer, ein schmieriges Buch aus einer Leihbibliothek, eine Rittergeschichte aus dem dreizehnten Jahrhundert in seinem Secretär zu finden. Gott wolle sein Gemüt bewahren, oft wird mir bange um den übrigens trefflichen Jungen."

In seinen ersten literarischen Versuchen zeigt sich der junge Friedrich Engels dann später noch als Pietist genug, seinen eigenen Verstand zu opfern, um den Sprung in den Glauben zu tun.

"Herr Jesu Christe, Gottes Sohn, O steig herab von deinem Thron und rette meine Seele! O kommt mit deiner Seligkeit, Du Glanz der Vaterherrlichkeit, Gib, dass ich Dich nur wähle."

Doch trotz aller hingebungsvollen Versuche des Vaters, den Erstgeborenen durch die Gleichnisse der Bibel in eine "ekstatische Seligkeit" zu versetzen und damit für die rechte Herzensbildung des Sohnes zu sorgen, gerät Friedrich Engels immer mehr zum schwarzen Schaf der Familie. In seinen "Briefen aus dem Wuppertal", 1839 in Bremen verfasst, wird er das stark vom Erweckungspietismus geprägte Wuppertal regelrecht denunzieren.

"Barmen und Elberfeld sind wahrhaftig nicht mit Unrecht als obscur und mystisch verschrien, aber wo hört man so was in unserem Muckerthale?"

Der Engels-Biograf Johann Günther König:

"Er nannte es "Zion der Obskuranten", es gab sehr viele Bibelgesellschaften, Traktatgesellschaften in Barmen und Elberfeld, generell war die Kirche dort eine Kirche, die sich sehr auf die Bibel stützte, von der Allgegenwart der Sünde ausging, Moralpredigten, brüderlichen Gemeinschaften standen da immer im Vordergrund."

Besonders der wortgewaltige Erweckungsprediger Friedrich Wilhelm Krummacher, ein Star der Wuppertaler Pietisten-Szene, wird zur Zielscheibe für Engels spitze Feder.

"Da heißt es: der und der liest Romane, aber der Pastor Krummacher hat gesagt, Romanenbücher seien gottlose Bücher. Da werden komplette Ketzergerichte gehalten. Da wird der Wandel eines Jeden, der diese nicht besucht, recensiert. Jemand ist vorgestern im Concert gesehen worden – und sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Und was sind das für Leute, die so reden? Unwissendes Volk, die kaum wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch geschrieben. Ich habe eine rasende Wut auf diese Wirtschaft, ich will mit dem Pietismus und dem Buchstabenglauben kämpfen, solange ich kann."

Sowohl in Barmen als auch in Elberfeld herrschen starke religiöse Gefühle vor. Zeitgenössische Skizzen zeigen einen Wald von Kirchtürmen, die sich mit den Fabrikschloten um den Luftraum streiten. Die Barmer Fabrikanten befolgen eine puritanische Sittlichkeit, die auf innerweltlicher Askese, Fleiß und individueller Rechtschaffenheit beruht. Vergnügungen sind heidnische Gotteslästerungen, jede verschwendete Minute ist Sünde. Und es scheint genau so, wie Max Weber später in der "protestantischen Ethik" geschrieben hat: Oft sind die glühendsten Pietisten auch die erfolgreichsten Geschäftsleute.

"Aber man muss sich jetzt nicht vorstellen, dass Friedrich Engels in eine Familie geboren wurde, wo nur die Religionsausübung auf dem Plan stand, er wurde in eine moderne Unternehmerfamilie geboren. Die taten was für ihre Arbeiter, es gab auch Schulen für deren Kinder, also man bemühte sich halbwegs sozial umzugehen, aber im gesamten Wuppertal war natürlich überhaupt nicht zu übersehen, dass grausame soziale Verhältnisse die Menschen in den unteren Schichten piesackten."

Schon früh fällt Engels der Widerspruch auf, in dem sich die kapitalistischen Unternehmer im Hinblick auf das Gebot christlicher Nächstenliebe befinden. Der Barmer Bruch, in dem das Familienunternehmen Caspar Engels Söhne angesiedelt ist, ist mit seinen Produktionsstätten aus Kochhäusern, Schmiedewerkstätten, Bleichwiesen, Kalkgruben und der daneben liegenden Arbeitersiedlung von der Frühindustrialisierung geprägt. In diesem "deutschen Manchester" gibt es in Engels Jugendjahren bereits an die 200 Färbereien, Webereien und Spinnereien. Engels bewegt sich in seiner Kindheit wie selbstverständlich unter Bandwebern, Schreinern und anderen Handwerkern, wodurch er eine unbefangene Haltung ohne Klassendünkel erwirbt, die ihm später auch in den Slums von Salford und den kommunistischen Klubs von Paris zugutekommen wird.

Bereits in Wuppertal wird sein soziales Gewissen geschärft. Während er im Dienste des späteren Welthandels im Elberfelder Gymnasium Englisch und Französisch lernt, stecken die meisten Arbeiterkinder 10 Stunden täglich im Produktionsprozess. In seinen "Briefen aus dem Wuppertal" wird sich der junge Publizist später in Bremen daran erinnern, wie sich die Wupper unter den Färbemitteln der Baumwollfabrikanten purpurn färbte und wie das Bergische Lumpenproletariat verarmt und verzweifelt dem Trunk verfällt:

"Es herrscht ein schreckliches Elend unter den niederen Klassen, besonders den Fabrikarbeitern im Wupperthal. Die reichen Fabrikanten aber haben ein weites Gewissen, und ein Kind mehr oder weniger verkommen zu lassen, bringt keine Pietistenseele in die Hölle. Denn das ist ausgemacht, dass unter den Fabrikanten die Pietisten am schlechtesten mit ihren Arbeitern umgehen."

Ab 1838 geht Engels in Bremen in die Lehre, um das ungeliebte "Krämerhandwerk" zu erlernen. Was in den nächsten zweieinhalb Jahren folgt, ist eine Phase stürmischer Entwicklung. Der Engels-Biograf Johann Günther König hat sich intensiv mit der grundstürzenden Bewusstseinsweiterung des jungen Engels in den Bremer Jahren beschäftigt.

"Engels wurde von seinem Vater kurz vor dem Abitur aus der Schule genommen und in das Unternehmen gezogen, wo er dann erst mal auf dem Kontor-Bock saß. Dann wurde für ihn ein Ausbildungsplatz gesucht, und der Ausbildungsplatz wurde gefunden in Bremen bei einem sächsischen Konsul namens Leupold, der als Konsul auch Umgang mit der großen weiten Welt hat: Die Bremer Unternehmer hatten ja damals diese großen Patrizierhäuser, da war unten das Kontor und oben lebte die Familie, da sitzt der Engels als junger Mann und lernt alle Feinheiten des Handels, in einem Haus, wo durchaus auch Politik stattfindet."

Der Vater bringt Engels als Logiergast im Haus des pietistischen Pfarrers Georg Gottfried Treviranus unter, einem in Bremen viel beachteten Prediger in der Martinikirche direkt an der Weser.

"Sonntags bin ich meistens zu Hause, wo ich aber auch viel Pläsir habe. Entweder ich lasse mir von den Töchtern des Hauses Marie und Margarete was vorspielen und vorsingen, oder ich schreibe, und abends wird dann allerlei tolles Zeug getrieben. Vorgestern machten wir einen Ring in einer Obertasse voller Mehl und spielten das bekannte Spiel, ihn mit dem Munde herauszuholen. Wir kamen alle dran, die Frau Pastorin, die Mädchen und ich, während der Herr Pastor in der Ecke auf dem Sofa saß und beim Dampf einer Cigarre das Hocuspocus mit ansah."

Trevianus ist sonst ein rühriger Mann. Mit Hilfe von Johann Gerhard Oncken hat er in Bremen die "Sonntagsschule" eingeführt, den in der Zigarrenfabrikation arbeitenden Kindern werden hier an arbeitsfreien Sonntagen Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben beigebracht. Dem vertrauensseligen Pensionsvater Trevianus entgeht es völlig, wessen Geistes Kind sein Gast mittlerweile ist. Bestenfalls offenbart sich Engels alten Barmer Schulfreunden.

"Engels hat eine Lebensexistenz der doppelten Art geführt. Der sitzt jetzt bei Georg Gottfried Treviranus im Haus, hört jeden Tag was dieser rege Pastor der sehr eng mit der Bremer Bürgerschaft verknüpft ist so jeden Tag tut, und schreibt seinen Freunden gleichzeitig, dass es ja so ein paar Probleme gebe mit diesen Pietisten."

"Ich begreife nicht, wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Worauf gründet sich die alte Orthodoxie? Auf Nichts, als auf – den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre? Das ist ein Tödten des Göttlichen im Menschen, um es durch den todten Buchstaben zu ersetzen."

Engels ist ein emsiger Briefeschreiber, und es sind insbesondere die Briefe an die Gebrüder Friedrich und Wilhelm Graeber – die beide wie buchstabentreu dem Pfarrberuf zustreben – welche Engels mit seinen emphatischen freidenkerischen Tiraden kopfscheu macht.

"O Wilhelm, Wilhelm, Wilhelm! Komm mir jetzt nur her, jetzt habe ich Waffen. Komm nur her, und ich will euch kloppen trotz eurer Theologia. Merkt ihr denn nicht, dass der Sturm durch die Wälder fährt und alle abgestorbenen Bäume umschmeißt."

Schritt für Schritt gelingt es Engels, sich von seinem pietistischen Herkunftsmilieu zu emanzipieren und eine autonome intellektuelle Existenz zu erarbeiten. Es ist, als suchte Engels dem bekannten Satz von Marx – "Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik" nach Kräften zu entsprechen. Wie in einem Brief an Fritz Graeber:

"Du liegst behaglich in Deinem Glauben, wie im warmen Bett, und kennst den Kampf nicht, den wir durchzumachen haben, wenn wir Menschen es entscheiden sollen, ob Gott Gott ist oder nicht. Du kennst den Druck solcher Last nicht, die man mit dem ersten Zweifel fühlt, wo man sich entscheiden soll, den alten Glauben fortzutragen oder abzuschütteln. Aber auch du bist vor dem Zweifel so sicher nicht, wie Du wähnst. Verblende dich nicht gegen die Zweifelnden, Du kannst einst selbst zu ihnen gehören. Die Thränen kommen mir in die Augen, indem ich diese schreibe, ich bin durch und durch bewegt, aber ich fühle es, ich werde nicht verloren gehen, ich werde zu Gott kommen, zu dem sich mein ganzes Herz sehnt."

Unter dem Kontor-Bock schreibt Engels Briefe, um am Feierabend an den "Verbrechertischen" Bremens Platz zu nehmen und unter dem journalistischen Pseudonym "Friedrich Oswald" den Grundstein für seine publizistische und politische Karriere zu legen.

"Man steckte uns in Gefängnisse, Schulen genannt. Für Riesen und Drachen haben die Philister auch gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche und Staat. Und die Göttin des Jahrhunderts, das war die Polizei. Aber das Zeitalter ist nicht mehr. Denn nun, welch seliges Gefühl, wenn wir hinausfliegen aus den philiströsen Dämmen, aus der eng geschnürten, calvinistischen Orthodoxie in das Gebiet des frei wogenden Geistes."

Seinem übermächtigen Vater verheimlicht Engels die ersten Veröffentlichungen – er befürchtet sonst in "höllische Schwulitäten" zu geraten.

"Als er 1838 nach Bremen kam, kam er in eine Hansestadt, in der es durchaus liberal zuging, was den Geist betrifft. Die Bremer Kaufleute wollten ihre Geschäfte machen, aber die Zensur, die andernorts in Deutschland damals sehr strikt gehandhabt wurde, fand im vormärzlichen Bremen so nicht statt. Das heißt, man kam an Bücher und Presseerzeugnisse heran, die andernorts nicht so einfach zu bekommen waren – Engels exportierte übrigens viele Bücher, Börne und andere, an seine Freunde, die anderswo in Deutschland da nicht heran kamen."

Auch über das damals viel diskutierte und -verdammte Buch über das "Leben Jesu" von David Friedrich Strauß macht er sich her, ein Buch, das der Krise radikal Ausdruck verleiht, in der sich die protestantische Theologie seit Kant, Fichte und Schleiermacher befindet, und das die biblischen Geschichten geradeheraus zu mythischen Überlieferungen erklärt.

"Der fängt an zu lesen! Und dann fällt ihm dieses Buch von Strauß in die Hände "Das Leben Jesu". Er schrieb mal: Ich verkrieche mich unter die Federn des Genialen David Friedrich Strauß – er war ja ein junger Mann, nicht mal zwanzig. Und da er ja in dieser Phase war, wo er sich noch sehr stark mit dem Glauben beschäftigte und kommt – das sieht man in seinem Briefwechsel mit den Gebrüdern Graeber sehr deutlich – er kommt zu dem Schluss, dass die Aussagen der Pietisten so nicht stimmen können. Er wollte die Erbsünde, die ja zentral war bei den Pietisten, überwinden. Und wollte eine Lehre nur dann als göttlich akzeptieren, wenn sie vor der Vernunft bestehen kann. Da sieht man, was dem jungen Engels in Bremen 1838 im Kopf geschieht: Er versucht zur Vernunft zu kommen."

Zunächst als reformatorische Bewegung aus dem Protestantismus entstanden, nahm der Spätpietismus einen religionspolitisch eher restaurativen, gegen die Aufklärung gekehrten Zug an: In der Zeit von Frühjahr 1839 bis 1841 analysiert und hinterfragt Engels Monat auf Monat im stürmischen Briefverkehr mit den Jugendfreunden zunächst diesen provinziellen, "ofenhöckerigen" Pietismus, dann den christlichen Glauben selbst, bis er sich 1842 in einer Schelling-Schrift offen zum Atheismus bekennt.

"Er geht die Buchstabengläubigkeit durchaus mit theologischen Mitteln an. Und entwickelt daraus die für ihn spezifische Form des Atheismus. Ich würde sagen: In der Bremer Zeit kam Engels vom Glauben ab. Er war kein Gegner des Glaubens. Aber er persönlich war "geheilt"."

Die Argumente, mit denen Engels die Jugendfreunde traktiert, sind theologischer Art. Und seine Empörung gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit ist zunächst vor allem moralisch geladen. So scheint es, als entwickle er seine Kritik nicht zuletzt aus der christlichen Lehre selbst. Entsprechend heißt es in der grundlegenden Schrift "Friedrich Engels. Die religiöse Entwicklung des Spätpietisten und Frühsozialisten" von Reinhardt Seeger:

"Vom pietistischen Christentum entwickelt er sich stufenweise im Laufe von etwa zehn Jahren zu einem konsequenten Atheismus. Wie einem geistigen Gesetz folgend, streift er stückweise den Glauben ab, bis ihm der historische Materialismus bleibende Anschauung wird. Doch wer will entscheiden, wann diese religiöse Entwicklung anfängt, areligiös zu werden? Engels sieht von vorneherein auf das Prinzipielle, er will von innen her eine Sache begreifen. Das Christentum – selbst in der Form, wie es ihm gegenübertrat – hat ihn zur Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit in religiös-geistigen Dingen zuerst erzogen."

Von der Theologie gelangt Engels zur Philosophie. Und von der Philosophie zur Politik. Als der Vater ihn 1842 nach Manchester schickt, um in das Unternehmen Ermen & Engels einzusteigen, da macht Engels genau das, was verhindert werden sollte: Er geht die "gefährlichen Schritte" und wird Sozialist.

"Ganz früh sehen wir das in der Auseinandersetzung mit dem Glauben, mit der Kirche. Später sehen wir das in der Auseinandersetzung mit den sozialen Verhältnissen – Er kommt aus Wuppertal, einem sich industrialisierenden Bereich mit einer entstehenden Arbeiterklasse, und er kommt dann, nachdem er ausgebildet ist zum Kaufmann nach Manchester, und lebt in Manchester in der bedeutendsten Industriestadt Europas, und sieht wieder diese Arbeiterklasse und kommt mit ihr jetzt auch direkt in Berührung als Unternehmer."

Aber selbst hier ist sein Leben von einer gewissen Doppelbödigkeit: Während er als Teil der besseren Gesellschaft Fuchsjagden besucht, hat er heimlich eine Liaison mit dem Arbeitermädchen ... Und das Geld, das er Marx zukommen lässt, um ihm damit die Vollendung seines Hauptwerks "Das Kapital" zu ermöglichen, kommt aus der frühkapitalistischen Wirtschaftsweise seines Textilimperiums.

"Das ist übrigens das ganz Unschätzbare an Friedrich Engels, im Vergleich zu Karl Marx, der hat studiert und war ein gebildeter Mann. War immer ein Theoretiker, der gute Mann. Friedrich Engels ist ein Praktiker. Friedrich Engels ist derjenige, der tatsächlich das macht, wofür er ausgebildet wurde, er wurde zum Kaufmann ausgebildet und auf der ersten Ebene hat er diese Rolle erfüllt. Gleichzeitig hat er auf einer versteckten Ebene entschieden an den Theorien gearbeitet, die zum sozialistischen Modell führen."

Die Schriften von Marx und Engels erreichten in allen sozialistischen und kommunistischen Parteien den Status von Klassikern, und ab 1917 wurden sie zur Grundlage einer zunehmenden Anzahl von Staaten, die sie zur Basis ihrer staatlichen Ideologie machten, unhinterfragbar, und damit de facto die säkulare Entsprechung einer "Theologie". Buchstabengläubige Revolutionsführer wie Lenin, Stalin oder Mao Zedong versahen die Schriften von Marx und Engels mit einer Autorität, die sonst nur heiligen Schriften eignet.

Engels wird zum Missionar des Sozialismus. So unnachgiebig und harsch er seine Kritik der Religion auch in späteren Jahren formuliert: Zugleich interessiert er sich zeit seines Lebens für die biblische "Kapitalismuskritik" und die gütergemeinschaftlicher Grundlage des Urchristentums.

Engels hat sich in seinem Entwicklungsprozess vom mystischen Pietisten zum Junghegelianer und atheistischen Materialisten aus Chiliasmus und Wiedertäuferei herausgearbeitet – um dann seinen revolutionären Sozialismus wieder eschatologisch aufzuladen. Wenn Löwe und Lamm friedlich beieinanderliegen, warum nicht auch Kapitalist und Arbeiter?

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