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Der Mythos des unpolitischen ComputerspielsSand und Tod

Games und Politik - Teil 1

Immer wenn ein Game veröffentlicht wird, das mit politischen aufgeladenen Bildern arbeitet, bricht die Diskussion auf neue los: Sind Computerspiele politisch? Viele Entwickler leugnen diese Dimension ihrer Produkte beharrlich. Das hat auch mit der Angst vor einer radikalen Minderheit zu tun.

Von Tobias Nowak

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Ein Screenshot aus dem Ubisoft-Titel "Tom Clancy's The Division 2" - bewaffnete Kämpfer rücken durch ein zerstörtes Washington DC in Richtung Capitol Hill vor. (Ubisoft)
Trotz hochbrisanter politischer Szenarien beharren viele Entwickler darauf, dass ihre Spiele keine politischen Botschaften enthielten (Ubisoft)

"Unsere Hauptstadt fällt. Unsere Anführer sind tot oder vermisst. Unsere Nation steht kurz vor dem Untergang. Und wir sind die einzigen, die sie retten können. Wir sind die letzte Hoffnung."

So klang es vor einem Jahr im Werbetrailer für den military shooter "The Division 2". Als Schläfer-Agent ballert man sich quer durch Washington, um die Zentralgewalt gegen die allerorten marodierenden Banden durchzusetzen, nachdem ein terroristischer Biowaffen-Angriff Gesellschaft und Staat ins Chaos stürzte.

PR-Debakel vor der Veröffentlichung

Im Vorfeld der private beta verschickte Spielverlag Ubisoft eine Rundmail, in der es hieß "Come see what a real government shutdown looks like" – auf Deutsch etwas eckig: "Schau dir an, wie eine richtige Regierungsstillegung aussieht".

Ubisoft bezog sich damit auf die damals gerade zurückliegenden 35 Tage, in denen die amerikanischen Bundesbehörden geschlossen blieben, weil sich Trump und Kongress im Haushaltsstreit nicht hatten einigen können. Ein aufziehender Shitstorm und vielleicht der eine oder andere besonnene Gedanke führten dazu, dass der Verlag bereits vier Stunden später eine Entschuldigung an den gleichen Verteiler mailte:

"Wir verstehen, dass die Regierungsstillegung Tausende von Menschen auf eine sehr reale Weise betraf und beabsichtigten nicht, deren Situation herunterzuspielen."

Einige Monate später erklärte der Creative Director von "The Division 2" gegenüber der renommierten Game-Website Polygon, dass dieses Spiel ganz bestimmt keine politischen Botschaften enthalte. Diese Behauptung war ein weiterer Höhepunkt in dem seit Jahren von den großen Spielverlagen erzählten Märchen, dass Games nicht politisch seien, wenn nicht gar "unpolitisch". Abgesehen davon, dass jedes Kulturgut aufgeladen ist mit den politischen Überzeugungen und Motiven derjenigen, die es herstellen, ist es fast unmöglich, in Spielen wie "The Division 2" keine Kommentare zur politischen Wirklichkeit zu finden: Es spielt in Washington, man kämpft um das Weiße Haus und das Capitol, gegen – sehr modisch gekleidete – Bösewichte.

"Die Frage nach dem Realismusgrad hängt schief"

"Skrupellose Fraktionen drohen das Fundament unserer Demokratie zu zerstören: Umherstreifende Hyänen, religiöse Ausgestoßene, und verkommene Faschisten verfolgen die Schwachen und töten die Unschuldigen."

Angesichts dieses realistischen Settings liegt es nahe, nach den politischen Inhalten des Spiels zu fragen, aber Ubisoft und andere Spielverlage behaupten immer wieder, dass ihre Produkte in erster Linie Spaß machen sollen,

"Wenn ich aufzeige, ich kann dieses Washington nachbauen, und ich kann es auch in Flammen setzen, warum nicht dann auch einen Schritt weiter gehen und das entsprechend nutzen?"

Professor Benjamin Beil, Medienwissenschaftler an der Uni Köln.

"Wenn ich schon eine eskapistische Welt schaffen möchte, dann kann ich mich auch direkt in die üblichen Fantasy-Genres flüchten und einfach gar nicht erst den Anschein erwecken, dass das irgendwas mit der realen Welt zu tun hat. Weil die Frage nach dem Realismusgrad ist dann eine, die irgendwo schief hängt. Einerseits will man sehr authentisch, sehr realistisch sein, und andererseits dann eben doch nicht."

Ein Screenshot aus dem Ubisoft-Titel "Tom Clancy's The Division 2" zeigt einen Mann und eine Frau, die mit ihren Sturmgewehren auf Feinde außerhalb des Bildausschnitts feuern. Sie stehen vor dem Lincoln Memorial in Washington DC, die Plakette über der Statue Lincolns ist deutlich zu lesen: "In this temple as in the hearts of the people for whom he saved the union the memory of Abraham Lincoln is enshrined forever" (Ubisoft)In "Tom Clancy's The Division 2" ballern sich die Spieler durch das politische Zentrum der USA (Ubisoft)

Selbstverständlich sind Spiele in erster Linie Unterhaltungsprodukte, sie dienen dem Zeitvertreib, dem Abschalten. Eskapismus ist völlig okay, vielleicht sogar notwendig. Und, ganz nebenbei, ist "The Division 2" als unterhaltsames Spiel durchaus gelungen. Wenn aber Setting, Themen und Bewerbung eines Spiels unserer Wirklichkeit dermaßen nah sind, müssen Fragen nach den politischen Inhalten erlaubt sein. Insbesondere dann, wenn immer mehr Menschen offen sind für Spielinhalte, die über den reinen Spaß hinaus gehen.

"Das Ärgerliche an der Sache ist, dass es ja doch nur noch ein weiterer Schritt wäre, in diesem politisch aufgeladenen Szenario auch eine politisch interessante, politisch mitreißende Story zu erzählen."

Radikale Gamer sind das Schreckgespenst der Industrie

Aber wiederholte Shitstorms haben bewiesen, dass es eine kleine, aber sehr lautstarke Minderheit gibt, für die der Begriff "Gamer" identitätsstiftend ist und die progressiven Ideen feindselig gegenüberstehen –, ganz gleich, ob es Frauenrollen in "Battlefield V" sind oder die Frage, inwieweit religiöser Fundamentalismus in Verbindung mit Waffenfetisch in "Far Cry 5" ein Kommentar zum heutigen Amerika ist. Und die ganze Branche hat Angst vor dem Unmut dieser militanten "Gamer", vor einbrechenden Umsätzen, vor unkontrollierbaren PR-Desastern, wenn man dieses toxische Klientel verärgert. Nicht zu Unrecht, wie massive, millionenschwere Kurseinbrüche nach entsprechenden Kontroversen schon zeigten.

Und wenn dann doch mal ein Verlag sich traut und offensiv behauptet, dass ein bestimmtes Spiel sich sehr wohl mit realen politischen und ethischen Themen befasst, kann das schnell nach hinten losgehen:

"Chemische Waffen sind bereits im Umlauf. Fixen Sie’s. / Wo ziehen wir dann die Grenze, Sir? / Du ziehst die Grenze, wo immer Du sie ziehen musst. / Ich führe Soldaten, und Du nur Mörder. / Wir sind doch alle Mörder, oder?"

"We are talking about sand and death"

Im aktuellen "Call of Duty: Modern Warfare" übernimmt man verschiedene Rollen, vom Elitesoldaten bis zur kurdischen Kämpferin. Die Story konfrontiert die Spielenden mit der Menschenverachtung des Krieges, den besonderen Grausamkeiten asymmetrischer Konflikte, Folter, Vergewaltigung und dem Zynismus von Regierungen angesichts von Massenvernichtungswaffen und Geopolitik. Benjamin Beil:

"Das ist ja das große Problem von 'Call of Duty', dass es mir einerseits aufzeigt, Krieg ist schlimm - und es ist alles ganz schlimm, was wir tun, aber dann sozusagen nachher doch wieder eine Rechtfertigung einbaut, dass es dann so in dieser Situation wieder okay war, auf Leute zu schießen."

Außerdem spielt "Call of Duty: Modern Warfare" im fiktionalen Land "Urzikstan", in dem so offensichlich Motive aus Lybien, Syrien, Irak und Afghanistan gebündelt sind, dass es schon "Feigheit vor dem Feind" ist, die originalen Schauplätze und Kriege nicht zu nennen. So politisch will das Spiel dann doch nicht sein. Im Gegenteil: Diese Ignoranz gegenüber der politischen und historischen Realität spiegelt womöglich sogar eine vor allem in den USA zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und Orten, die von Amerikas Kriegen existentiell bedroht sind.

Donald Trump: "We are talking about sand and death."

Games sind ein noch sehr junges Medium. Diese Kulturform hat bisher weder das Selbstbild, noch den kritischen Apparat entwickelt, zum Beispiel der Kinofilm ihn seit Jahrzehnten hat, Literatur, Theater, Film und bildende Künste sogar seit Jahrhunderten. Bevor das Computerspiel – vor allem AAA-Titel, also die auffälligen Blockbuster – mit der Tatsache versöhnt ist, dass seine Inhalte immer auch politisch sind, müssen Publikum und Spielbranche noch etwas reifen. Die immer wiederkehrende Diskussion darüber, ist der Weg dahin.

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