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StartseiteHintergrundDer Mythos stirbt06.08.2005

Der Mythos stirbt

Hiroshima 60 Jahre nach der Atombombe

60 Jahre nach dem Atombombenabwurf ist Hiroshima ein wichtiger Industriestandort und mit über einer Million Einwohnern die zehntgrößte Stadt Japans. Das Gedenkmuseum am Friedensboulevard zeigt die Folgen der Bombenexplosion. Es ist das Herzstück von Hiroshimas Streben, der Atombombe zu gedenken, den Krieg zu ächten und zum Frieden zu erziehen. Doch bei dieser Aufgabe stößt die Stadt inzwischen auf zunehmende Schwierigkeiten.

Von Martin Fritz

Das Gedenkmuseum in Hiroshima erinnert an den Abwurf der Atombombe vom 6. August 1945. (AP)
Das Gedenkmuseum in Hiroshima erinnert an den Abwurf der Atombombe vom 6. August 1945. (AP)
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Jedes Jahr im August, wenn die Zikaden laut an den Bäumen zirpen, erinnern sich die Japaner an den schwärzesten Moment in der jüngeren Geschichte ihres Landes. 8 Uhr 15 morgens am 6. August 1945.

Mit ohrenbetäubendem Lärm explodiert die erste Atombombe. "Little Boy" - kleiner Junge - genannt, von einem amerikanischen B-29-Bomber abgeworfen auf Hiroshima. Sie löscht das Leben in der Stadt aus. Die Gründe für diesen Angriff sind vielschichtig. Die USA wollen Japan zur Kapitulation zwingen und zugleich gegenüber der Führung der Sowjetunion Stärke zeigen. Der deutsche Pater Klaus Luhmer erlebte die Atomexplosion nur vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

" Um 8 Uhr 14 hörte ich ein Motorengeräusch. Und dann urplötzlich erschien südlich von unserem Haus ein grellheller Kreis wie ein Dom, da kam ein ganz heißer Windstoß über das Haus, das ganze Haus hat gezittert und gebebt, und es kamen drei Viertel der schweren Dachpfannen herunter, es war viel Staub in der Luft und die ganze Stadt stand in Flammen."

Die Bombe zündete in 580 Meter Höhe mit der Kraft von 15.000 Tonnen Sprengstoff. Ihre Druck- und Hitzewelle verwandelte die Stadt in eine Hölle auf Erden. Überall in den Trümmern lagen verbrannte, verletzte und sterbende Menschen. Viele waren nackt, die Kleider weggeblasen, die Haut weggebrannt. Viele andere starben bald, obwohl sie keine sichtbaren Verletzungen davongetragen hatte. Die radioaktive Strahlung forderte ihren Tribut. Klaus Luhmer:

" Ich erinnere mich ganz klar an einen Jungen, vielleicht elf oder zwölf, der fing am zweiten oder dritten Tag über ganz furchtbare Kopfschmerzen an zu klagen, und ein paar Stunden später fiel er um und war tot."

Nach Schätzungen der Stadt starben durch den Angriff bis Ende des Jahres 1945 140.000 Menschen, bis zu 350.000 erlitten Spätfolgen, vor allem wegen der Strahlung. In einem Radius von zwei Kilometern um das Hypozentrum - dem Punkt Null, über dem die Bombe explodierte - wurden fast alle Gebäude zerstört, selbst Eisenstrukturen hielten der Wucht der Explosion nicht stand. Insgesamt wurden 70.000 Häuser beschädigt oder vernichtet, 80 Prozent von Hiroshima. Ihr Wiederaufbau wurde zu einer nationalen Aufgabe. Denn das Land Japan schrieb sich den Pazifismus und die Friedensförderung auf die Fahnen, das Symbol dafür wurde Hiroshima.

Heute ist Hiroshima ein wichtiger Industriestandort und mit über einer Million Einwohnern die zehntgrößte Stadt Japans. In ihrer Mitte liegt auf einer Insel zwischen zwei Flussarmen der Friedens- und Gedenkpark für die Atomopfer.

Die Friedensglocke am Nordeingang darf jeder Besucher selbst läuten. Jedes Jahr am 6. August erklingt sie zur offiziellen Erinnerungsfeier. Unweit davon erhebt sich der Gedächtnishügel aus der Asche Zehntausender Opfer. Im Parkinneren stehen zahlreiche Einzelmonumente. Etwa die Statue eines Mädchens, ein Denkmal für die verstrahlte Sadako Sasaki, die durch das Falten von Papierkranichen gesund werden wollte, aber mit zwölf Jahren starb. Schulklassen bringen bis heute neue Papierkraniche für dieses Kindermahnmal. Auf der anderen Straßenseite flackert die Friedensflamme. Sie soll erst erlöschen, wenn alle Atomwaffen von der Erde verschwunden sind. Daran schließt sich ein Betonbogen an, der die Namen vieler Opfer verzeichnet. Ruhet in Frieden, lautet die Inschrift, denn wir werden die Fehler nicht wiederholen. Diese Worte sollen den festen Willen der Stadt ausdrücken, so heißt es in einer Broschüre, "den Schmerz der Vergangenheit zu ertragen und unermüdlich für eine Welt zu arbeiten, in der Frieden und Wohlstand gedeihen".

Das Gedenkmuseum am Friedensboulevard zeigt anhand von Fotos, Videos und persönlichen Dingen der Opfer die Folgen der Bombenexplosion. Zu sehen sind so bestürzende Dinge wie eine halb geschmolzene Buddha-Statue, ein demoliertes Dreirad und eine Steintreppe mit einem dunklen Fleck - Überrest eines Menschen, der hier gesessen hatte, bis die Explosionshitze seinen Körper auf die Stufen brannte. Das Museum ist das Herzstück von Hiroshimas Streben, der Atombombe zu gedenken, den Krieg zu ächten und zum Frieden zu erziehen.

Doch bei dieser Aufgabe stößt die Stadt 60 Jahre nach dem Bombenabwurf auf zunehmende Schwierigkeiten. Denn das Interesse an Aufklärung lässt deutlich erkennbar nach. Vor 15 Jahren besuchten weit über anderthalb Millionen Menschen das Friedensmuseum, jetzt sind es nur noch rund eine Million. Mit ein Grund: Immer weniger Schulklassen fahren nach Hiroshima. Vor 20 Jahren kamen noch 600.000 Kinder hierher, heute sind es nur noch 300.000 im Jahr. Selbst die Schüler, die mit ihrer Klasse nach Hiroshima kommen, wissen nur erschreckend wenig über die Atombombe. Ein Achtklässler:

" Ja, hmm, warum die Atombombe geworfen wurde, hmm, das weiß ich nicht."

Eine seiner Klassenkameradinnen ist kaum besser über die Gründe des Bombenabwurfes informiert.

" Weil Japan Krieg führte. Den haben die USA angefangen. Äh. Nein. Schuld war wohl doch Japan, weil Japan weiter Krieg führte."

Ein anderer Achtklässler hat ein etwas klareres Bild:

" Japan musste die Atombombe abkriegen, weil es asiatische Länder wie Korea oder China erobern wollte. Das ist meine persönliche Meinung. Im Unterricht haben wir nicht darüber gesprochen."

Selbst unter Kindern und Jugendlichen in Hiroshima selbst nimmt das Unwissen zu. Vor zehn Jahren kannte mehr als jedes zweites Kind in der Grundschule das Datum und die Uhrzeit der Atomexplosion, vor fünf Jahren nur noch jedes dritte Kind. Die Vermittlung der Atomexplosion sei schwieriger geworden, berichten auch einige Freiwillige, die Klassen durch das Friedensmuseum führen. Chieko Ishihara:

" Die Zahl der Kinder, die etwas nur oberflächlich wissen wollen, wächst. Viele benutzen lieber das Internet als ein Lexikon. Daher können viele Kinder geistige Sachen wie seelische Qualen, die mit einer Tatsache verbunden sind, nicht nachvollziehen."

Bisher wird der Atombomben-Abwurf auf zwei Wegen überliefert: Durch materielle Spuren der Explosion im Museum und durch Berichte der überlebenden Opfer. Diese Menschen sind inzwischen durchschnittlich 75 Jahre alt, in einigen Jahren werden sie ganz verstummen. Angesichts der schrumpfenden Opfergeneration sucht Hiroshima nach neuen Wegen, die Erinnerung an den 6. August 1945 weiterzugeben. Shigeru Aratani von der Gedächtnishalle für die Bombenopfer im Friedenspark berichtet:

" Wir haben im März dieses Jahres ein Projekt begonnen mit dem Ziel, dass die Kinder die Bombenerlebnisse erfahren, indem sie selbst die Berichte der Opfer vorlesen. Dabei spüren die Kinder die damalige Zeit und verstehen die traurigen Gefühle der Opfer, die bei der Explosion ihre Familie verloren haben."

Ortstermin in der Itsukaichi-Kannon-Nishi-Grundschule. Ein Mann und zwei Frauen sind gekommen, um den Kindern die Augenzeugenberichte von Überlebenden der Atomexplosion vorzutragen. Die drei freiwilligen Aktivisten haben den 6. August 1945 nicht selbst erlebt, sondern engagieren sich aus Sorge um die Zukunft der Friedenserziehung. Vorleserin Eriko Amimoto meint, Hiroshima sei bereits dabei, das Bewusstsein für den Pazifismus zu verlieren.

" Die Bewohner von Hiroshima erinnern sich nur noch an die Schäden, die die Bombe verursachte, aber nicht mehr an die Lehren, die man aus ihrem Abwurf ziehen sollte, um in naher Zukunft Frieden zu schaffen. Nur die Geschichte der Bombenopfer bleibt übrig. Für die Kinder ist der Abwurf der Atombombe nur ein vergangenes Ereignis, das nicht mit der Gegenwart verbunden ist. Vor solchem Empfinden habe ich wahnsinnig Angst."

An diesem Vormittag haben sich die 260 Schülerinnen und Schüler der vierten, fünften und sechsten Klassen in der Turnhalle versammelt. Ein kurzer Film zeigt ihnen die Bilder des Atomangriffs und seiner Folgen. Die geschichtlichen und politischen Ursachen bleiben dabei weitgehend im Dunkeln.

" Japan hat während 20. Jahrhunderts eine Kriegslaufbahn eingeschlagen und sich am 8. Dezember 1941 schließlich gegen die USA und England am Pazifischen Krieg beteiligt. Der Krieg wurde in Asien und dem Pazifik als Hauptschlachtfeld geführt. Aber bald wuchsen die Anzeichen für die Niederlage Japans. Bombenangriffe der Amerikaner begannen auf verschiedene Orte Japans."

Der Film enthält auch Aufnahmen von grausam verstümmelten und verletzten Opfern der Atomexplosion - Bilder, die viele Zehn- bis Zwölfjährige bis in ihre Albträume verfolgen werden. Dann treten nacheinander die drei erwachsenen Freiwilligen ans Mikrofon. Eriko Amimoto trägt den Bericht der 9-jährigen Taeko Miyoshi vor, die die Explosion zuhause erlebte.

" Am 6. August saßen meine Großmutter, Mutter und ich im Korridor unseres Hauses. In jenem Moment ging ein Lichtstrahl wie ein Blitz über unserem Kopf hinweg. Im nächsten Moment herrschte totale Finsternis, und als es gleich darauf wieder hell wurde, wurden wir umgeblasen und flogen auf den Fußboden. Überall in uns steckten Glassplitter. Unsere Haut war zerschnitten. Ich hatte zu weinen und zu sprechen vergessen und betrachtete dies stumm."

Die Schulklassen in der Turnhalle bekommen die Berichte von drei kindlichen Augenzeugen des 6. August 1945 zu hören. Die Kinder sitzen auf ihren Stühlen und hören aufmerksam und still zu. Dann der Rollentausch: Die Schülerinnen und Schüler selbst lesen gemeinsam mehrere Gedichte laut vor, die von den Augenzeugen verfasst wurden. Viele Kinder wirken dabei sehr konzentriert. Zum Abschluss des Unterrichts stehen alle auf und stimmen das Lied vom Phönixbaum an, das in Hiroshima an allen Schulen gelernt und gesungen wird. Der Phönixbaum ist das Symbol für den Wiederaufbau der Stadt. In jedem Schulhof wächst ein Ableger der Phönixbäume heran, die im Zentrum der Stadt bei der Explosion verstrahlt wurden. Diese Bäume stehen im Friedenspark und zeigen teilweise bis heute braune Stellen, eine Folge der Hitzewelle. Die traurige Melodie und der ergreifende Text des Lieds bewegen die Herzen der Kinder und Zuhörer.

" Von der Straßenbahn schwankend bin ich im Friedenspark.
Endlich sehen wir uns, du Phönixbaum.
Du bist die Mutter der Bäume im Hof unserer Grundschule.
Du hast viele Samen hervorgebracht.
Deine Familie hat sich vermehrt, wie schön.
Der Wind vom Phönixbaum heilt die Narbe der fernen Vergangenheit.
Das traurige Ereignis an jenem fernen Tag."

Viele Kinder verlassen den Unterricht in tiefen Gedanken versunken. Eine Sechstklässlerin bekennt mutig:

" Ich hatte mir vorher nicht richtig Gedanken gemacht, dass eine Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde. Aber ich habe heute gespürt, dass Krieg wirklich etwas Schlechtes ist."

Die Nachfrage nach dieser neuen Form der Friedenserziehung in Hiroshima ist groß. Mehr als 40 Freiwillige wollen vorlesen, 80 Einrichtungen, vor allem Schulen, haben einen Auftritt vorbestellt. Lehrerin Noriko Kagayama zieht nach der Vorlese-Stunde zufrieden Bilanz:

" Wir haben das Vorlesen vorher geübt. Doch der Drang der Kinder, ihre Gefühle in den Text legen zu wollen, war heute viel stärker. Ich habe beim Üben häufig von den Kindern gehört, dass sie die damaligen Ereignisse nicht nachvollziehen können, weil sie sie nicht selber erlebt haben. Aber heute habe ich gespürt, dass die Kinder sich in die Bombenopfer verwandelten und so vorlasen, als ob sie selbst die Bombenexplosion erlebt hätten. Es rührte mich zu Tränen."

Doch die hehren Ideale dieser Lehrerin werden in Hiroshima längst nicht mehr an allen Schulen hochgehalten. Das Ziel der Friedenserziehung hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren. Grundschullehrer Yukito Mito bringt die Veränderung auf den Punkt:

" Früher gab es in alle Schulen Hiroshimas Pläne für die Friedenserziehung. Heute gibt es gar keine Richtlinie mehr, wie diese Erziehung stattfinden soll. Und die Schulen machen sich kaum Gedanken darüber."

In Hiroshima gebe es zwar jedes Jahr am 6. August eine Schweigeminute für die Bombenopfer und andere Friedens-Veranstaltungen an den Schulen, aber eine tiefsinnige Friedenserziehung sei nicht erwünscht. Sie werde vom Staat manipuliert. Nach Angaben der japanischen Lehrergewerkschaft kam die Anweisung, dass die Friedenserziehung Hiroshimas korrigiert werden muss, vor etwa sieben Jahren. Der Friedenskalender der Gewerkschaft, der Informationen über Krieg und Frieden vermittelt, wurde aus den Klassenzimmern verbannt. Die Lehrer werden jetzt beobachtet, ob und wie sie zum Frieden erziehen. Wenn ihr Unterricht missfällt, werden sie dem Erziehungskomitee gemeldet und von dort gerügt. Die Lehrergewerkschaft spricht ganz offen von einem Rechtsruck in der japanischen Gesellschaft. Diese Tendenz wirke sich auch auf den Inhalt der Schulbücher für den Geschichtsunterricht an den Mittelschulen aus. Gewerkschafter Hirokazu Koide:

" Heute gibt es immer mehr Schulbücher, die zu verbergen suchen, dass die kaiserlichen Truppen in Asien Gewalttätigkeiten begangen haben. Unter diesen Umständen wird es schwer, in der Friedenserziehung den Punkt der japanischen Gewalttaten zu behandeln."

Die Neo-Konservativen können noch mehr Erfolge verbuchen: Seit etwa fünf Jahren unterschlagen die Schulbücher auch die im Westen allgemein bekannte Tatsache, dass Tausende von Frauen in Asien in japanische Soldatenbordelle gezwungen und dort als so genannte Trostfrauen missbraucht wurden. Davon sollen die japanischen Schüler nichts mehr erfahren. Die Neo-Konservativen haben dafür einen guten Grund. Der frühere Erziehungsminister Kosuke Hori, Abgeordneter der konservativer Regierungspartei LDP:

" In England waren die Schulbücher für Geschichte sehr selbstkritisch. Aber die damalige Premierministerin Thatcher hat das korrigiert. Die japanischen Schulbücher waren ebenso selbstkritisch. Es ist nicht richtig, nur daran zu hängen und sich zu entschuldigen. Die Kinder müssen auch an die Zukunft denken können."

Hiroshima war in den neunziger Jahren der Ausgangspunkt der japanischen Friedensbewegung, von dort wurde die Frage nach der Kriegsschuld der Japaner aufgeworfen. Anders als etwa Deutschland hatte sich Japan lange nicht richtig mit den Ursachen für den Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Auch die Einwohner von Hiroshima sahen sich bis zu den achtziger Jahren hin vor allem als Opfer einer grausamen Waffe. Erst dann begannen sie sich damit zu beschäftigen, wer eigentlich für diesen Krieg verantwortlich war und ob sie daran mitschuldig waren. In diesem Lernprozess registrierten die Friedensbewegten endlich auch, dass unter den Opfern der Bombe sehr viele Koreaner gewesen waren. Zehn Prozent der damaligen Bevölkerung von Hiroshima stammte aus Korea. Sie wurden aus ihrer Heimat, die damals unter japanischer Kolonialherrschaft war, nach Japan verschleppt und als Zwangsarbeiter etwa in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Viele Tausende von ihnen starben bei der Atombombenexplosion, viele Tausende kehrten mit teilweise hohen Strahlendosen nach Korea zurück. Sie sind Atomopfer zweiter Klasse. Anders als japanische Opfer hatten sie lange Zeit keinen Anspruch auf kostenlose ärztliche Hilfe und mussten vor Gericht dafür kämpfen, dass ihnen die Rente für Atombombenopfer ins Ausland gezahlt wurde. Bis 1990 wurden die koreanischen Opfer bei keiner Gedächtnisfeier in Hiroshima erwähnt. Danach wurden sie von Friedens-Aktivisten in die Stadt eingeladen. Diese Entwicklung überraschte die konservative Elite in Japan. An einer solchen selbstkritischen Erinnerungskultur hatte sie kein Interesse. Satoshi Uesugi vom Forschungs- und Dokumentationszentrum für Japans Kriegsverantwortung:

" Vor 1995 konnte sich diese pazifistischen Bürgerbewegung ungehindert entfalten. Denn die Konservativen hatten gar nicht damit gerechnet, dass die Bevölkerung jemals von selbst auf den Gedanken komme würde, dass Japan in diesem Krieg auch ein Täter war. Als sich dann das Parlament 1995 für den Krieg entschuldigen sollte, haben die Konservativen dies mit allen Kräften verhindert."

Zehn Jahre später ist Japan fest im Griff der Neo-Konservativen. In vielerlei Hinsicht: Japanische Truppen stehen erstmals in einem kriegsgeschüttelten Land, dem Irak. Eine Änderung der bisher strikt pazifistischen Verfassung soll dieser Armee wieder die Beteiligung an einem Krieg erlauben. An den Schulen wird wieder die Nationalflagge gehisst und die Nationalhymne gesungen - die Symbole des alten Kaiserreichs. Wer als Lehrer dabei schweigt oder wessen Klasse zu leise singt, bekommt zehn Prozent vom Gehalt abgezogen. Die konservative Regierungskoalition will sogar das Erziehungsgesetz ändern. Nach Ansicht der regierenden Liberaldemokraten soll das Gesetz festlegen, dass die Kinder an den Schulen zur Vaterlandsliebe erzogen werden müssen. Der Vorsitzende der zuständigen Kommission, der frühere Erziehungsminister Kosuke Hori, erklärt:

" Japan ist manchmal zu gutmütig. Amerika hat mit einer Atombombe über 200.000 Menschen in Hiroshima getötet. Wer ist eigentlich grausamer? Übt Amerika Selbstkritik? Sie behaupten, sie haben 200.000 Menschen getötet, um den Krieg zu stoppen. Das wurde akzeptiert. Japan schweigt, weil wir den Krieg verloren haben. Doch in unserem Inneren haben wir Japaner eine eigene Meinung dazu - aber ich glaube, ich rede zuviel."

Den 60. Jahrestag des Abwurfs der ersten Atombombe wird Hiroshima mit großer Würde zelebrieren. Für dieses Gedenkjahr wurde den Schulen in Hiroshima nahe gelegt, das geschichtliche Ereignis im Unterricht zu behandeln. Vielleicht wollen Japans Konservative noch einmal ihre Opferrolle im Zweiten Weltkrieg betonen. Danach werden es die Friedensaktivisten in Hiroshima und im übrigen Land wieder schwer haben, über Nuklearwaffen und den Krieg aufzuklären und vor ihm zu warnen. Immer wieder werden sie dabei das mahnende Lied vom Phönixbaum anstimmen, um sich selbst und andere zu ermutigen, so wie diese Grundschüler:

" Die Stadt Hiroshima, ich und alle, denken an die Menschen aus verschiedenen Ländern.
Wir nehmen unseren Mut zusammen und schwören, das Land ohne Streit und das Licht des Friedens zu sein.
Wir denken an den Phönixbaum, ohne das Ereignis der fernen Vergangenheit zu vergessen.
Geben wir auf die Stadt Hiroshima acht.
Hiroshima hat nur einen Wunsch:
Das fröhlich lächelnde Gesicht aller Menschen auf der ganzen Welt zu sein."

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