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Der neue Castor kommt

Dem Wendland steht ein unruhiges Wochenende bevor: Zum ersten Mal seit 2006 sollen wieder Behälter mit abgebrannten Atom-Brennelementen aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben rollen. Die Brennelemente strahlen noch stärker als sonst, deshalb werden sie in speziellen Behältern französischer Bauart und nicht in herkömmlichen Castor-Behältern transportiert. Die Polizei erwartet dieses Mal mehr Proteste als bei früheren Transporten, was vielleicht auch mit den Wassereinbrüchen im Atommüll-Endlager Asse zwei zu tun haben könnte.

Von Susanne Schrammar |
    Schon seit Wochen sind sie immer wieder im Einsatz: Die Traktoren im niedersächsischen Wendland. Nicht auf dem Feld, sondern auf Straßen und an Gleisen. Es sind vor allem Landwirte, die dem Anti-Atom-Protest rund um Gorleben ein Gesicht geben. Obwohl der Atommülltransport erst heute Abend in Frankreich startet, blockieren Wendländer wie Gerd Pieper schon im Vorfeld immer mal wieder für kurze Zeit Straßen und Schienen.

    " Wir versperren mit den Traktoren möglichst wenn es geht, die Bahn - wir müssen ja irgendwann anfangen, wir müssen ja die Polizei in Bewegung halten. Die sollen ja nicht umsonst hier sein. Es gibt so einen schönen Spruch: Ziehen die Bullen ins Wendland ein, müssen sie beschäftigt sein und das machen wir damit halt. Wir denken uns natürlich jedes Jahr etwas Neues aus - was ich jetzt natürlich nicht sagen werde. Aber das kommt eben so, dass jedes Jahr etwas Neues passiert. "

    Die Atomkraftgegner sind bereit. Nach ihren Informationen soll der Zug mit den elf Atommüllbehältern heute Abend um 18.29 Uhr im französischen Valognes starten, dem Bahnhof für die Wiederaufbereitungsanlage La Hague in der Normandie. Im Laufe des Sonntags wird er am Verladebahnhof Dannenberg im Wendland erwartet, wo die Transportbehälter mit einem Kran auf Lkws gehievt werden, um dann die letzten 20 Kilometer bis zum Zwischenlager Gorleben auf der Straße zurückzulegen. Ob der geplante Ankunftszeitpunkt - Montagmorgen - eingehalten werden kann, hängt davon ab, inwiefern Atomkraftgegner versuchen, dem Zug und den LKWs den Weg zu versperren. Die genaue Transportroute wird aus Sicherheitsgründen geheim gehalten. Dazu der Leiter des Zwischenlagers, Jürgen Auer.

    " Damit haben wir auch gar nichts zu tun. Letztendlich ist der Transporteur beauftragt, die Behälter von La Hague bis nach Gorleben zu bringen und das ist dann auch die Pflicht des Transporteurs, uns letztendlich diesen Transport, rechtzeitig dann hier in Gorleben anzuliefern. "

    In diesem Jahr werden für den Transport des hochradioaktiven Mülls keine so genannten Castoren, also Behälter einer deutschen Firma benutzt, sondern französische des Typs TN 85. Der Grund: In diesem Jahr wird stärker strahlendes Material angeliefert, für das die deutschen Castoren nicht auslegt sind. Inhalt der 120 Tonnen schweren beigefarbenen Behälter: ausgediente Brennelemente aus AKWs und Spaltprodukte in so genannte Glaskokillen.

    " Glaskokillen, die entstehen bei dem Recycling der Brennelemente, weil eben bis zu 97 Prozent des Kernbrennstoffes wiederverwendet werden können, für neue Brennelemente verwendet werden können und nur drei Prozent diese hochradioaktiven Abfälle, eingebunden in einer Glasmasse, die sind zur Endlagerung dann vorgesehen, müssen aber noch dreißig Jahre zwischengelagert werden und dafür kommen sie jetzt hier in unser Zwischenlager nach Gorleben. "

    Gesichert werden die elf Atommüllzylinder von mehr als 10.000 Polizeibeamten aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie gehen von einem friedlichen Protest aus, sind aber auf gewaltbereite Störer eingestellt und haben ein konsequentes Einschreiten bei Blockaden des Transports angekündigt. Treffen könnten die Bereitschaftspolizisten auf ebenfalls rund 10.000 Atomkraftgegner. Morgen um 13 Uhr findet in Gorleben die Auftakt-Demonstration statt, an den zwei folgenden Tagen sind Protest- und Blockade-Aktionen geplant, an denen sich auch prominente Grünenpolitiker wie Claudia Roth oder Jürgen Trittin beteiligen wollen. Der aktuelle Streit um das geplante Atommüllendlager Gorleben, sagt Jochen Stay von der Bürgerinitiative "X-tausendmal quer", wird diesmal für eine größere Protestbeteiligung sorgen als in den Jahren zuvor.

    " Die CDU sagt, dass soll jetzt einfach in Gorleben weitergehen und der Umweltminister sagt, es soll noch mal woanders gesucht werden - also auch hier ein ganz konkreter politischer Konflikt der ansteht und das auch vor dem Hintergrund, was man inzwischen weiß, was in dem anderen Atommüllendlager, dem Salzstock Asse alles schief gegangen ist, das ist was, wo viele dann sagen: Dann muss ich auch wieder auf die Straße gehen, dann bin ich auch wieder mit dabei. "