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StartseiteHintergrundDer Neue im Weißen Haus05.11.2008

Der Neue im Weißen Haus

Wer ist Barack Obama?

Er ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: Barack Obama. Er ist der erste farbige Amtsinhaber und einer der jüngeren. Obama schaffte es, Weiße und Schwarze, Junge und Alte, Reiche und Arme zu mobilisieren, ihn zu wählen. Enttäuschung über die Bush-Administration, Frust und Existenzangst breiter Teile der Bevölkerung halfen mit bei seinem furiosen Wahlsieg am gestrigen Dienstagabend.

Von Klaus Remme

Barack Obama  (AP)
Barack Obama (AP)
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Sie sagten, dieser Tag kommt nie - Barack Obama am 3. Januar in Iowa, der ersten Entscheidung in diesem Wahlkampf überhaupt, sein Sieg damals, gleichzeitig Initialzündung für die folgenden Monate. Obama hatte zu dieser Zeit schon fast ein Jahr Wahlkampf hinter sich. All seine Bemühungen bis dahin mündeten in diesen Abend in Des Moines. Bewusst hatte sich der junge Senator aus Illinois nicht als schwarzer Kandidat beworben. In Iowa, einem durch und durch weißen Staat, wollte Obama seine Attraktivität für alle Amerikaner beweisen, schon in dieser frühen Phase des Wahlkampfs, mit weiteren Entscheidungen in Nevada und South Carolina wurde die Koalition sichtbar, die ihn bis ins Weiße Haus trug. Noch im Januar, nach seinem Sieg in South Carolina, rief er, es gehe nicht um Regionen oder Religionen, nicht um Jung und Alt oder Schwarz und Weiß.

Die Säulen seines Erfolgs: Progressive Weiße, Schwarze, Latinos und vor allem eine junge Wählergeneration, die diesmal nicht - wie in den Vorjahren häufig - nur begeistert war, sondern begeistert und gut organisiert in die Wahllokale marschierte. Nun hat er es geschafft, und aus Spätherbst ist in Washington über Nacht politischer Frühling geworden. Die Gründe für Obamas Erfolg sind vielschichtig, es ist alles zusammengekommen. Latente Wünsche und Hoffnungen eines in 2000 und 2004 unterlegenen Teils der amerikanischen Wählerschaft vermischten sich mit Enttäuschung, Frust und Existenzangst breiter Teile der Bevölkerung zur Sehnsucht nach einem radikalen Neubeginn. Und genau diese Stimmung nutzte ein verhältnismäßig junger Mann, 47Jahre alt, mit Talenten und einer Biographie, die für diesen Moment wie geschaffen scheint. Die Erwartungen an Barack Obama sind gewaltig. Seine Anhänger verleihen ihm teilweise messianische Züge, so Opra Winfrey, eine der einflussreichsten Schwarzen im Land:

"Er ist es", ruft sie Tausenden von Anhängern zu. Ausdruck einer Stimmung in vielen Versammlungen. Obama weiß um den Druck und begegnet ihm mit einer Portion Selbstironie, wie hier vor wenigen Wochen bei einem Wohltätigkeitsdinner mit Anspielungen auf Jesus und Superman:

"Anders als viele meinen, bin ich nicht in einer Krippe auf die Welt gekommen, nein ich wurde auf Krypton geboren und, was viele nicht wissen: Barack ist Suhaeli und bedeutet: Der Auserwählte."

Nicht in der Krippe, nicht auf Krypton, auf Hawaii wird Barack Hussein Obama am 4. August 1961 geboren. Sein Vater, war als erster afrikanischer Student der Universität vor zwei Jahren aus Kenia gekommen, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Seine Mutter mit ihren Eltern aus Kansas auf die Pazifikinsel gezogen. Ihre Heirat 1960 nichts selbstverständliches, so Barack Obama in seinem Buch "Ein amerikanischer Traum":

In dem Jahr, in dem meine Eltern heirateten, war Rassenmischung in mehr als der Hälfte aller Bundesstaaten ein Straftatbestand. In weiten Teilen des Südens hätte mein Vater am nächsten Baum aufgeknüpft werden können, nur weil er meine Mutter falsch ansah, in den fortschrittlichsten Städten des Nordens hätten die feindseligen Blicke, das Getuschel Frauen wie meine Mutter dazu getrieben, in einer düsteren Gasse eine Abtreibung vornehmen zu lassen - oder sie zumindest in ein abgelegenes Kloster geführt, das für eine Adoption sorgen konnte.

Die junge Familie zerbricht schnell, der Vater verlässt Hawaii, seine Mutter bleibt mit dem Sohn allein zurück, heiratet später einen Indonesier, 1967 dann, im Alter von sechs Jahren ein radikaler Ortswechsel für Barack. Obama antwortet Fareed Zakharia in einem CNN-Interview auf die Frage nach seiner ersten Erinnerung an ein außenpolitisches Ereignis:

"Meine Mutter kam und sagte, ich habe wieder geheiratet, wir ziehen nach Djakarta, das war kurz nach dem Militärputsch, für mich war Indonesien eine magische Welt und ich bemerkte zum ersten Mal die Vielfalt der Kulturen, wie groß die Welt ist und wie kompliziert."

Vier Jahre lebt Barack Obama dort, dann entscheidet sich seine Mutter schweren Herzens, ihren Sohn der Schulbildung wegen wieder nach Honolulu zu schicken, zu den Großeltern. Obama beschreibt seinen Empfang am Flughafen in Hawaii so:

"Ich erzählte von meinem Flug und von Djakarta, Gramps berichtete, was es zu meinem Empfang zu essen geben würde. Toot meinte, dass ich neue Anziehsachen für die Schule brauchte. Plötzlich hörte die Unterhaltung auf. Mir wurde klar, dass ich bei Fremden wohnen würde."

Das Aufwachsen erst ohne Vater, dann ohne Mutter, mit Ortswechseln, hat Spuren hinterlassen, auch wenn Obama selbst seine Kindheit als "in vieler Hinsicht wunderbar" bezeichnet. Doch diese Kindheit hat auch dazu geführt, dass ich keine Wurzeln hatte, keinen Ort, keine Gruppe für mich, sagt er. Die Teenager-Jahre in Honolulu, im Rückblick keine einfachen Jahre für Barack Obama:

"Es ging drunter und drüber, ich versuchte Drogen, ließ mich in der Schule hängen und bestätigte eigentlich das oft gängige Bild eines jungen Afro-Amerikaners."

1979, nach der High School ging Obama nach Los Angeles auf das College und von dort weiter nach New York zur Columbia University. Sein politisches Erwachen fällt in diese Zeit. Für ein Engagement in den dramatischen Zeiten der Bürgerrechtsbewegung kommt er zu spät. Es ist die Zeit der Anti-Apartheitsdemos und neben politischen Anliegen erkennt er die Wirkung seiner Reden auf andere. Kurz vor Abschluss seiner Studien in New York, ein Anruf aus Kenia. Sein Vater ist durch einen Auto-Unfall ums Leben gekommen. Barack hatte ein Wiedersehen nach der Abschlussprüfung geplant, der plötzliche Tod des Vaters, den er zwar mit zehn noch mal kurz wiedergesehen hatte, der aber dennoch weitgehend unbekannt blieb, ein prägendes Erlebnis:

"Ich wusste nun, dass es für mich nicht reichen würde, rein persönliche Ziele zu verfolgen sondern ich wollte mich größeren Herausforderungen stellen."

Er geht nach Chicago, die Stadtteilarbeit dort ist heute fester Teil seiner politischen Biografie. Was im Rückblick als perfekt geplantes Teilstück einer sorgfältig ausgearbeiteten Karriere erscheint, war eher ein spontaner Entschluss, so Obama selbst. Dennoch: drei Jahre, deren materielle Opfer sich längst ausgezahlt haben. Sein soziales Engagement in dieser Zeit ist im zurückliegenden Wahlkampf zu wertvollem Kapital geworden.

Über die Sozialarbeit hinaus wird Chicago sein Lebensmittelpunkt. Hier beobachtet er, wie sich der erste schwarze Bürgermeister Chicagos, Harold Washington gegen weiße Konkurrenten durchsetzt, hier findet er religiöse Wurzeln in der Trinity Church mit ihrem inzwischen legendären Pastor Jeremiah Wright und hier lernt er seine Frau Michelle kennen. Doch dies nicht sofort, Obama hat in den Straßen von Chicago eingesehen, dass Engagement an der Basis allein nicht ausreicht, um diese Welt zu verändern. Er bewirbt sich in Cambridge für das Jura-Studium an der Harvard Universität und wird angenommen. Obama profiliert sich schnell als beliebter und begabter Akademiker, der es versteht, damals beträchtliche politische Gräben innerhalb der Fakultät zu überbrücken. Im Februar 1990 macht Barack Obama zum ersten Mal nationale Schlagzeilen, er wird als erster Schwarzer Präsident der Harvard Law Review, einer angesehenen, von Studenten herausgegebenen Fachzeitschrift. Obama kurz nach seiner Wahl:

"Natürlich fühle ich mich geehrt, sicher ist dies innerhalb unseres Fachbereichs ein Fortschritt, doch darf dies nicht davon ablenken, dass vielen jungen Menschen Türen verschlossen sind, die mir offenstanden."

Nach seinem Abschluss in Harvard kehrt Obama zurück nach Chicago. Er heiratet Michelle Robinson, die sich aus einfachen Verhältnissen zu einer erfolgreichen Anwältin hochgearbeitet hat. 1998 und 2001 kommen die beiden Töcher, Malia und Sasha, auf die Welt. Michelle und ihre Familie geben Barack Obama Wurzeln, die er durch seine Familiengeschichte lange vermisst hat. Chicago bildet von nun an die Basis seiner politischen Ämterlaufbahn. 1997 wird er in den Senat von Illinois gewählt und im Wahlkampf offenbart er eine bis dahin unbekannte Qualität: taktische Härte, Chicago Politics, im ganze Land sprichwörtlich. Durch eine erfolgreiche Anfechtung aller Konkurrenz-Kandidaturen gewinnt Obama seine erste Wahl - ohne Gegenkandidaten. Drei Jahre später der erste Versuch, in Washington zu landen und eine schmerzhafte, lehrreiche Niederlage im Kampf gegen einen schwarzen Konkurrenten um einen Sitz im Abgeordnetenhaus. Zu elitär, zu wenig schwarz, zu wenig Erfahrung - diese Vorbehalte gegen seine Person hat er damals zum ersten und zum letzten Mal unterschätzt. 2004, jetzt schon mit seinem Wahlkampfmanager David Axelrod an seiner Seite vermeidet er Anfängerfehler und sein Auftritt beim Parteitag in Boston katapultiert ihn in eine völlig neue politische Umlaufbahn.

John Kerry, der seinerzeit zum Kandidaten gekrönt wurde, ist vergessen. Obamas Rede, seine Worte, ihre Wirkung - inzwischen gehört dies alles zum Inventar des Hauses für ALLE Amerikaner, wie Obama es gerne nennt. Glückliche Umstände begleiten seinen Wahlsieg 2004 für den US-Senat, doch Obama will mehr. Keine zwei Jahre später erwägt er die Präsidentschaftskandidatur. Sein Mentor in Washington Tom Daschle, lange Jahre demokratischer Fraktionsvorsitzender im Senat, ermutigt ihn:

"Ich habe ihm zugeraten und ihm gesagt, so eine Chance kriegst du vielleicht nie wieder."

Die Chance von der Daschle spricht hat einen Namen: Irak. Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar: Dieser Krieg verläuft gänzlich anders als vom Weißen Haus geplant. Wohl dem, der von Anfang an gegen ihn war.

"Ich bin nicht in jedem Fall gegen Krieg, ich bin gegen sinnlose Kriege,"

Oktober 2002, noch als Senator in Illinois bei einer Anti-Kriegs-Demo. Diese Rede eröffnete ihm die Möglichkeit, mit dem seinerzeit wichtigsten Thema gegen alle anderen Kandidaten zu punkten. Gegen Hillary Clinton, gegen John Edwards und gegen die Republikaner sowieso.

Februar 2007. Barack Obama beginnt seinen zunächst aussichtslos scheinenden Kampf, erst innerhalb der eigenen Partei und dann gegen John McCain. Ein historischer Wahlkampf, der vor allem gegen Hillary Clinton monatelang auf des Messers Schneide steht, der diesen Mann öffentlich getestet hat und der vom amerikanischen Volk gestern für gut befunden wurde.

Wer zuhören wollte, nicht nur in Amerika sondern weltweit, der hat ihn kennengelernt in den zurückliegenden Monaten, seinen Intellekt, seine Geduld, seinen Humor, seinen Geschäftssinn, seine Fähigkeit ein kompetentes Team um sich zu scharen und nicht zuletzt seine Gabe zu kommunizieren. Wohl selten wurde diese deutlicher als im Moment größter Bedrängnis im März. Im Fernsehen laufen Tag und Nacht Fernsehclips seines ehemaligen Pastors Jeremiah Wright. Auszüge aus Predigten machen die Runde, in denen Wright den 11. September mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki in ursächliche Verbindung bringt, der den 11. September als Quittung für einen angeblich von den USA unterstützten Staatsterrorismus anderswo versteht.

Die enge Verbindung zwischen dem Pastor und den Kandidaten ist überhaupt nicht zu bestreiten, Wright hat die Obamas getraut, er hat ihre Kinder getauft. Obama steht vor wichtigen, möglicherweise entscheidenden Vorwahlen gegen Hillary Clinton, er muss handeln. Und unter Zeitdruck entwirft er eine Rede, die vielleicht mehr über ihn verrät als jede andere in diesem Wahlkampf. Er entscheidet sich gegen den Reflex, mit Wright zu brechen, das wird er erst später tun, als Wright nachlegt. In Philadelphia spricht Barack Obama zu Schwarzen und Weißen, versucht, auf die Befindlichkeiten beider Seiten einzugehen.

Er spricht über den Mangel an wirtschaftlichen Chancen für schwarze Männer, ihr Schamgefühl und ihre Frustration darüber, nicht für die eigene Familie sorgen zu können, von der Auflösung vieler dieser schwarzen Familien, von einer Generation, die in Zeiten strikter Rassentrennung groß geworden ist und die das Erbe der Niederlage weitergegeben hat.

Er spricht vom Zorn weißer Amerikaner aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht, die nicht den Eindruck haben, dass ihre Rasse sie in irgendeiner Weise bevorteilt. Die Verbitterung der weißen Amerikaner als fehlgeleitet oder sogar rassistisch zu bezeichnen, ohne die ihr zugrunde liegenden legitimen Sorgen zu erkennen, so Obama vergrößere die Kluft zwischen den Rassen.

Ein Meisterstück politischer Kommunikation. Die Entschärfung des politischen Sprengsatzes und gleichzeitig eine Profilierung als Vermittler zwischen Schwarz und Weiß. Barack Obama will ein neues Amerika, er will neue Mehrheiten. In seinem Buch "Hoffnung wagen" schreibt Barack Obama über diese Mehrheit:

Ich stelle mir vor, dass sie auf eine Politik und auf Politiker warten, die reif genug sind, um Realismus und Idealismus in ein Gleichgewicht zu bringen, um klar zu unterscheiden, wo Kompromisse möglich sind und wo nicht, und die einsehen und zugeben können, dass auch die andere Seite manchmal Recht hat. Diese Normalbürger verstehen nicht immer, worum es in dem Streit zwischen Linken und Rechten, Konservativen und Liberalen eigentlich geht, aber sie können zwischen Dogmatismus und gesundem Menschenverstand, zwischen Verantwortungsbereitschaft und Verantwortungslosigkeit, zwischen dauerhaften Errungenschaften und Strohfeuern unterscheiden.

Für diesen Wahlsieg hat er seine Mehrheit gefunden. Ob sie hält, ist eine ganz andere Frage. Obama will kein Strohfeuer. Es fällt auf, wie häufig er den Namen Ronald Reagan zitiert. Im Frühjahr rümpfte Hillary Clinton die Nase, als Obama Reagan als einen Politiker darstellte, der das Land stärker verändert habe als ein Bill Clinton. In einer Fernsehdebatte daraufhin zur Rede gestellt, erläutete Barack Obama:

"Wir sind an einem Punkt, an dem Demokraten das tun können, was Ronald Reagan 1980 gelang, viele Republikaner sind enttäuscht von George Bush, die Frage ist, ob wir diese Wähler für eine neue Mehrheit gewinnen können, um unsere Anliegen durchzusetzen."

Unabhängig von ideologischen Unterschieden. Obamas Respekt vor der politischen Leistung Reagans ist unverkennbar. Falls siegestrunkene Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat mit Barack Obama im Weißen Haus auf einen willfährigen Komplizen bei der Durchsetzung linker Ideen setzen, dann ist die ein oder andere Enttäuschung programmiert. Obama sucht einen neuen gesellschaftlichen Konsens, er will dieses Land gründlich verändern und braucht dazu acht, nicht nur vier Jahre. Der Wahlkampf ist tot, es lebe der Wahlkampf.

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