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StartseiteKalenderblattDer Philosoph der 68er29.07.2004

Der Philosoph der 68er

Zum 25. Todestag von Herbert Marcuse

Das hatten sie sich nicht träumen lassen, weder die rebellischen Studenten der APO noch jene unorthodoxen Marxisten, die ihre revolutionäre Theorie einige Jahre nach '68 ganz praktisch in den Betrieben an den Mann - und zunehmend auch an die Frau - bringen wollten: Herbert Marcuse, ihr geistiger Ziehvater, hatte mit seinem Hauptwerk "Der eindimensionale Mensch" den Kampf gegen die kapitalistische Industriegesellschaft beflügelt. Mit der Radikalität seiner Gastvorträge an den aufgeheizten deutschen Universitäten übertraf der in Boston und San Diego lehrende Politikwissenschaftler die für manch einen Aktivisten allzu sehr auf den Hörsaal begrenzte Kritische Theorie. Aber dann kam es an den Tag: Marcuse, der scharfzüngige Kritiker der Macht, war 1942 in die Dienste des OSS getreten, einer Vorläuferorganisation des US-Geheimdienstes CIA.

Von Jochen Stöckmann

Herbert Marcuse im Alter von 72 Jahren während eines Interviews in den USA im Oktober 1970 (AP Archiv)
Herbert Marcuse im Alter von 72 Jahren während eines Interviews in den USA im Oktober 1970 (AP Archiv)

In seiner typischen, stets ein wenig berlinernden Art, mit einem schnoddrigen "Na und?" hätte der am 29. Juli 1979 während einer seiner Deutschland-Tourneen gestorbene Marcuse wohl geantwortet auf derlei dümmliche Vorwürfe. Schließlich konnte ja jedermann lesen, was dieser "Agent" zu Papier gebracht hatte: Analysen des NS-Staates und Vorschläge für ein demokratisches Deutschland nach dem alliierten Sieg über Hitler. Mehr konnte ein Flüchtling damals nicht tun:

Refugees, die noch kein Bürgerrecht in diesem Land erworben haben, dürfen nicht direkt politisch tätig sein. Das war damals, bevor wir amerikanische Bürger wurden, unsere Situation. Also: Politische Wirkung war von Anfang an nur möglich als theoretisch-intellektuelle Wirkungsmöglichkeit.

Allein die Theorie aber scheint den 1898 in Berlin geborenen Heißsporn Marcuse nicht ausgefüllt zu haben. Seit der Emigration 1933 Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung, mochte der unruhige Geist sich nicht auf den Kreis der "Frankfurter Schule" beschränken und pflegte Freundschaften wie etwa zu Bert Brecht, geistige Wahlverwandtschaften also, die dem Denken von Adorno mehr oder weniger fern standen:

Brecht mochte die Frankfurter Schule nicht. Teilweise aus persönlichen Gründen, er hat ihnen den Lebensstil vorgeworfen. Teilweise auch aus mehr theoretischen Gründen. Der Brecht war sehr stark vom Korsch beeinflusst, meine Freunde in der Frankfurter Schule waren gegen diesen positivistischen Gehalt von Korschs Marxismus.

Im Gegensatz zu den Marx-Auslegungen von Karl Korsch, so gab der auch nicht unkompliziert formulierende Marcuse 1969 zu Protokoll, hätten ihn manche Schachtelsätze Adornos "in Raserei" gebracht, sogar "wütend gemacht". Aber diese Differenzen zählten nicht mehr, als dann wenig später Marcuse selbst mit seinen zu Schlagworten geronnenen Formeln von der "repressiven Toleranz" und einer dringend notwendigen "großen Weigerung" der geistigen Urheberschaft des Terrorismus bezichtigt wurde. Nach dem Anschlag der "Rote Armee Fraktion" auf die deutsche Botschaft in Stockholm konfrontierte der Journalist Ulrich Wickert Marcuse mit der Behauptung, diese blutige Form des Extremismus sei "aus der Studentenbewegung hervorgegangen":

Eine solche Bewegung verantwortlich zu machen für die terroristischen Akte einzelner Individuen und Gruppen ist unsinnig und ist einfach Demagogie.

Aber Wickert ließ nicht locker, gab das Sprachrohr der Boulevard-Presse und zitierte deren Anwürfe, dass Herbert Marcuse "ein Anwalt der Gewalt" sei. Das immerhin trug dem Journalisten ein Privatissimum ein von einem Professor, der nicht nur an Husserls Phänomenologie geschult und mit dem Existenzialismus bestens vertraut war, sondern sich auch in der Rechtsphilosophie auskannte. Dazu Marcuse:

Ich glaube, dass es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein Naturrecht auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen Mittel sich als unzulänglich herausgestellt haben. Ende des Zitats. Ich habe es nie verstanden, warum dieses Zitat solche Erregung hervorgerufen hat. Es tut nichts weiter, als zurückrufen, was eine der ältesten Kamellen der westlichen Zivilisation war, nämlich, dass es so etwas wie ein Naturrecht des Widerstands in bestimmten Situationen gibt.

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