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StartseiteKalenderblattDer Raubritter hinter dem Mythos23.07.2012

Der Raubritter hinter dem Mythos

Vor 450 Jahren starbt der Reichsritter Götz von Berlichingen

Goethe verklärte Götz von Berlichingen zum Helden von tragischer Größe. Das 19. Jahrhundert machte aus ihm einen Nationalhelden, den noch die Nazis als Idol feierten. Doch der echte Götz von Berlichingen hatte wenig mit dem späteren Mythos zu tun - ganz im Gegenteil.

Von Christian Berndt

Auf Burg Jagsthausen wurde Götz von Berlichingen geboren. (dpa / Friedel Gierth)
Auf Burg Jagsthausen wurde Götz von Berlichingen geboren. (dpa / Friedel Gierth)
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Zu Gast bei Götz von Berlichingen
Mich ergeben! Mit wem redet ihr!

"Stirb, Du hast Dich selbst überlebt. Arme Frau, ich lasse Dich in einer nichtswürdigen Welt. Es kommen die Zeiten des Betruges, die Schwachen werden regieren mit List, und der Tapfere wird in die Netze fallen, womit die Feigheit die Pfade verwebt."

Heinrich George in seiner Paraderolle. Götz von Berlichingen stirbt - und mit ihm eine ganze Epoche: Die Zeit der tapferen Ritter, die für Kaiser und Ehre kämpften, geht zu Ende, es herrscht nun der Geist nüchterner Machtgier und Intrige. Goethe beschreibt in seinem Drama " Götz von Berlichingen" den alten Kämpfer als Figur einer Zeitenwende: ein Kraftkerl von altem Schrot und Korn, der vergeblich gegen den neuen Zeitgeist ankämpft. Goethe nennt ihn "einen der edelsten Deutschen". Doch mit dem historischen Vorbild stimmt das nicht überein.

Um 1480 wird Götz von Berlichingen im fränkischen Jagsthausen geboren. Er entstammt einem bedeutenden Reichsrittergeschlecht, 17-jährig kommt er an den prächtigen Hof des Markgrafen von Brandenburg. Schon zwei Jahre später allerdings nimmt der rauflustige Haudegen seinen Abschied, um sich einem berüchtigten Raubritter anzuschließen. Von denen gibt es viele in einer Zeit, in der Kanonen und Söldnerheere die schwertkämpfenden Ritter überflüssig gemacht haben. Es fällt den früheren Elitekämpfern des Kaisers schwer, im Zeitalter der entstehenden Territorialstaaten ihren Platz zu finden. Auch Berlichingen kämpft ziellos als Soldat verschiedener Herren - bis zu jener schicksalhaften Schlacht, über die er in seiner Lebensbeschreibung berichtet:

"Wie wir am Sonntag vor Landshut wieder scharmützelten, haben die Nürnberger das Geschütz auf uns gerichtet. Und da schießt mir einer den Schwertkopf entzwei, dass mir die eine Hälfte in den Arm ging. Als ich sah, dass die Hand nur noch ein wenig an der Haut hing, tat ich eben, als wäre nichts geschehn, wandte den Gaul langsam um und kam von den Feinden ungefangen zu meinem Haufen."

Götz hat die rechte Hand verloren. Doch der 24-jährige Überlebenskünstler lässt sich eine technisch hoch entwickelte, bewegliche Eisenhand schmieden. Von nun an arbeitet Götz auf eigene Faust - er steigt ins Fehdewesen ein.

Die Fehde – nach germanischem Recht ein legitimer Privatkrieg zwischen Sippen oder Adligen - ist zwar mittlerweile verboten, aber den Adel schert das nicht. Götz macht daraus ein profitables Geschäft, er lässt sich entweder von Auftraggebern anheuern oder führt eigene Fehden: Die Stadt Nürnberg etwa beschuldigt er der Gefangennahme eines Bekannten – deshalb überfällt er einen Zug Nürnberger Kaufleute, um Lösegeld zu erpressen. Götz verdient mit solchen Gaunereien ein Vermögen - dafür wird insgesamt viermal die Reichsacht über ihn verhängt. In der Urfassung seines Dramas lässt ihn Goethe darauf folgendermaßen reagieren:

"Ihr, Götz von Berlichingen, habt Euch der Rebellion gegen Kaiser und Reich schuldig gemacht. Darum wird nunmehr an Euch die Reichsexekution vollzogen. Ihr werdet aufgefordert, Euch dem ausgesandten Hauptmann auf Gnade und Ungnade zu ergeben."

"Ich ergeben? Mit wem redet Ihr? Sage Deinem Hauptmann, vor Ihro Kaiserlichen Majestät habe ich immer schuldigen Respekt. Er aber, er kann mich im Arsch lecken."

Goethe verklärt Berlichingen zum Kämpfer gegen das Unrecht - in Wirklichkeit ist er ein erfolgreicher Raubunternehmer. Zum Verhängnis werden ihm erst die Bauernkriege. Als 1525 die rebellierenden Bauernarmeen Franken erreichen, fordern sie den beim Volk beliebten Berlichingen dazu auf, sie zu führen. Er lehnt zunächst ab, wie Goethe in seinem Drama fast wörtlich aus Berlichingens Lebensbericht zitiert:

"Was wollt ihr von mir?"
"Ihr sollt unser Hauptmann sein."
"Euch behilflich sein zu Eurem schändlich, rasenden Wesen? Eher sollt Ihr mich totschlagen wie einen wütigen Hund, als dass ich Euer Haupt würde! "Das war eben das Unglück, dass sie keinen Führer hatten, der ihrer Wut Einhalt tun könnte."

Unter dem Druck erklärt sich Götz bereit - allerdings nur für vier Wochen - und tatsächlich kann er mäßigend auf die Rebellen einwirken. Doch nachdem die Bauernaufstände niedergeschlagen sind, wird er wegen dieser Beteiligung zu lebenslangem Hausarrest verurteilt.

Goethe hat Berlichingen zum tragischen Helden stilisiert, der standhaft an alten Idealen festhielt und deshalb an der Gegenwart scheiterte. Der reale Götz dagegen passte sich hervorragend den neuen Verhältnissen an und nutzte ihre Möglichkeiten. Er war kein großer Stratege, aber ein Organisationsgenie, das nicht nur Gewalt, sondern auch modernste Mittel für seine Interessen einsetzte. Er führte zahllose juristische Prozesse und beschäftigte alleine das Reichskammergericht über Jahrzehnte - bis er am 23. Juli 1562 im Alter von 82 Jahren rehabilitiert und friedlich starb.

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