Dienstag, 21.08.2018
 
Seit 10:10 Uhr Sprechstunde
StartseiteEuropa heuteDer Reporter als Merkel-Erklärer in Spanien31.07.2012

Der Reporter als Merkel-Erklärer in Spanien

Serie: Nahaufnahme - Reporteralltag in der Eurokrise

Eigentlich will Hans-Günter Kellner auf seinem Madrider Wochenmarkt nur einkaufen und ein Schwätzchen halten. Doch die samstägliche Beschäftigung wird immer mehr zur Rechtfertigungstour: über die Eurokrise, die Haltung Merkels und die Lage in Spanien.

Von Hans-Günter Kellner

Ministerpräsident Rajoy sollte mehr an die Spanier denken, meint Markthändler Miguel.  (picture alliance / dpa / Emilio Naranjo)
Ministerpräsident Rajoy sollte mehr an die Spanier denken, meint Markthändler Miguel. (picture alliance / dpa / Emilio Naranjo)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Nahaufnahme - Reporteralltag in der Eurokrise
Zwei Nummern kleiner

Fast jeden Samstag gehe ich in die Markthalle in meinem Stadtteil in Madrid. Der Marktbesuch könnte für mich Stunden dauern, überall ist ein nettes Gespräch möglich, Rinderfilet, Krabben oder Tomaten sind frischer und meist auch günstiger als im Supermarkt. Doch neuerdings braucht es für so einen Besuch auch ein wenig Geduld. Nicht, weil es so lange dauern würde, bis man dran kommt. Das auch. Vielmehr geht es überall um die Krise, und als Deutscher ist man da in Spanien in keiner guten Position: Wenn ich Obsthändler Miguel zum Beispiel frage: "Wie geht's?" und mir nichts Böses dabei denke, ist die Antwort:

"Na es geht so, die Deutschen machen uns schwer zu Schaffen mit der ganzen Wirtschaft."

Wohlgemerkt, früher hat Miguel von Real Madrid geredet. Heute geht es nur noch um Angela Merkel. Ganz schlimm war es, als die Kanzlerin meinte, die Menschen im Süden Europas sollten doch bitteschön ein bisschen mehr arbeiten, so wie die Deutschen. Mein Obst- und Gemüsehändler Miguel dazu:

"Ich stehe um sechs Uhr auf und komme um 22 Uhr in der Nacht nach Hause. Ich bin nun wirklich nicht faul. Uns Spaniern wird viel nachgesagt, aber Tatsache ist: Wir arbeiten hart. Die Merkel sollte im Sommer bei uns mal an den Strand gehen und genauer hinsehen, wer da liegt. Sind das Spanier oder Urlauber aus dem Ausland?"

Ich wehre ab, sage, dass ich nicht der Sprecher der Bundeskanzlerin bin. Aber das zählt dann erst mal nichts. Letzte Woche ist in der Markthalle eingebrochen worden. Miguel sind 200 Euro Wechselgeld gestohlen worden. Er fragte mich, ob das vielleicht eine Abordnung der Bundesregierung gewesen sein könnte, die Schulden eintreiben wollte. Natürlich ist das Galgenhumor, wir haben darüber gelacht. Aber oft ist die Empörung echt:

"Jetzt heißt es, wir hätten über unsere Verhältnisse gelebt. Nein, Ihr habt uns doch eingeladen, gut zu leben. Wer lebt nicht gerne gut? Wenn Du den Leuten die Möglichkeit dazu anbietest, werden sie es auch annehmen."

Miguel redet von den niedrigen Zinsen nach der Euroumstellung, mit denen die Kredite in Spanien so billig geworden sind, dass sich Haushalte und Unternehmen so sehr verschulden konnten. Ganz ähnlich sagen es Finanzmarktexperten, wenn sie erklären, wie das billige Geld nach Spanien kam. Es kam nämlich von deutschen, französischen und holländischen Banken. Mich muss mein Obsthändler gar nicht überzeugen, doch er lässt sich nicht aufhalten. Manchmal verkörpere ich für ihn dabei nicht nur die Bundeskanzlerin, sondern gleich ganz Europa. Aber Merkel und Europa – das macht für die meisten Spanier so oder so kaum noch einen Unterschied aus:

"Europa übt großen Druck auf Rajoy aus. Rajoy sollte ein wenig egoistischer sein und sich um die Interessen der Spanier kümmern. Sind diese Sparprogramme wirklich von Vorteil für uns? Rajoy hat eine Steueramnestie erlassen und kürzt bei den kleinen Leuten. Mit meinem Obst- und Gemüsehandel merke ich doch, was los ist. Die Leute haben immer weniger in der Tasche. Sie geben nichts mehr aus. Am Ende steht die ganze Wirtschaft still."

Aber am Ende bin ich dann doch nicht an allem Schuld, sondern der langjährige Kunde, der auch mal früher auf ein Gespräch vorbeischaut, dem man augenzwinkernd ein Paket Datteln zu den Tomaten und Paprika steckt, der sich nach Rosi erkundigt, der Frau Miguels. Ihr wurde vor wenigen Wochen Multiple-Sklerose diagnostiziert und Miguel hat Angst, dass die Sozialkasse die teuren Medikamente nach den Kürzungen nicht mehr voll bezahlt. Denn der Obsthandel wirft keine 1000 Euro ab.

Insofern kann ich die Verärgerung über den Spardruck schon verstehen, über die guten Ratschläge der Bundeskanzlerin und die ominösen Märkte, die angeblich beruhigt werden müssen. Denn so plump es auch klingt, die Zeche zahlt der so oft bemühte "kleine Mann". Und Miguel hat den Verdacht, dass das auch in Deutschland ähnlich ist. Damit schafft mein Obsthändler, den Bogen zur europäischen Dimension des Problems zu schlagen. Immerhin ist er Experte in Sachen Markt-Wirtschaft:

"Ich habe hier Leute unter meinen Kunden, die bekommen die Mindestrente. Wenn die gekürzt wird, werden die nichts mehr bei mir einkaufen. Wo wird letztlich gespart? Hier, bei den Kartoffeln oder Bohnen. Das ist doch auch in Deutschland nicht anders. Am Ende kommt eben nicht mehr zwei, sondern nur noch eine Karotte in die Suppe!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk