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StartseiteKultur heuteDer Schmerz des Deliriums06.02.2012

Der Schmerz des Deliriums

"Der Trinker" nach Hans Fallada am Maxim Gorki Theater in Berlin

Der Schriftsteller Hans Fallada verarbeitete in seinem Roman "Der Trinker" seine eigene Alkoholabhängigkeit. Sebastian Hartmann hat die Bühnenfassung mit Samuel Finzi und Andreas Leupold in der Titelrolle inszeniert. Bei der Premiere am Maxim Gorki-Theater in Berlin wurde gesoffen, geschrien und reichlich gekotzt.

Von Eberhard Spreng

Andreas Leupold als Erich Sommer in "Der Trinker" am Maxim Gorki Theater Berlin (Thomas Aurin)
Andreas Leupold als Erich Sommer in "Der Trinker" am Maxim Gorki Theater Berlin (Thomas Aurin)

Drei Herren sitzen auf der Vorderbühne und singen mit trüber Stimme zu den schräg-süßen Akkorden des Bühnenmusikers Steve Binetti. Während der gesamten Aufführung wird er im Tom-Waits-Stil ein Duo begleiten, das sich dem autobiografisch geprägten Roman des Hans Fallada annähert, ohne je die Stationen der Trinkerkarriere szenisch nachzuerzählen. Zu sehen ist also nichts von den traurigen Szenen der scheiternden Ehe zwischen dem Großhändler Erwin Sommer und seiner Ehefrau Magda, nichts vom Untergang seines kleinen Unternehmens, nichts auch von den Kneipenbesuchen und Elsabe, von deren Hand er dort die fatale Flüssigkeit verabreicht bekommt, die sein Leben ruiniert, nichts auch vom Medizinalrat und dem Leben in der Trinkerheilanstalt. Sebastian Hartmann hat Samuel Finzi und Andreas Leupold stattdessen auf eine Höllenfahrt geschickt, indem das Duo für die Persönlichkeitsspaltung steht, die der Drogenkranke erlebt.

Aber auch die Ambivalenz von literarischer Figur und seinem Autor Fallada in diesem autobiografischen Roman ist gemeint sowie diejenige zwischen Rudolf Dietzen, als der der spätere Autor in gutbürgerlichem Hause geboren wurde und dem Literaten mit dem Pseudonym Hans Fallada. Der als Duell getarnte Doppelsuizid mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker im Jahre 1911, den dieser Rudolf Dietzen schwer verletzt überlebte, ist für den Regisseur der Ausgangspunkt. Laut lässt er seine beiden Akteure mit Theaterpistolen aufeinander knallen. Andreas Leupold spielt in diesem durchgängig aus der Ich-Perspektive geschilderten Lebensrückblick eher den erfahrenen, lakonischen, schicksalsergebenen Alkoholiker, Samuel Finzi den Choleriker, der mit manischer Wut sich und andere zerstört, mit den Füßen auf den Bühnenboden stampft und damit die ganze Vorderbühne zum Zittern bringt, und mit dem Zeigefinger in der Luft herumfuchtelt, wenn er seine rauschgetrübten Gedanken vorträgt.

"Ich musste mich Magda gegenüberstellen, ihre Vorwürfe anhören, mich mit Recht Lügner und Betrüger schelten lassen, musste ich zugeben, dass ich versagt hatte, auf eine schmähliche und feige Art versagt! Unerträglich war dieser Gedanke, und ich fing an, mit dem Gedanken zu spielen, gar nicht wieder heimzukehren."

Leider fehlt in Leupolds und Finzis Drogendoppel die Darstellung der Entwicklung vom Mann, der eines Tages die Erfahrung macht, dass die persönliche Unsicherheit und ein geschäftlicher Misserfolg mit einer Flasche Rotwein besser zu ertragen sind hin zum physisch und psychisch vollends zerrütteten Vollalkoholiker. Stattdessen wird in schönster Ekel-Theatermanier mit eine grauweiße Flüssigkeit ausspeienden Schläuchen minutenlang eine Kotzorgie veranstaltet, mit einer rohen Leber hantiert, Theaterblut verspritzt, bevor ein Höllenlärm das gesamte Theater erbeben lässt. Jetzt will die Bühne die Innenperspektive annehmen, soll das Dröhnen im berauschten Kopf zur Darstellung kommen, der Wirklichkeitsverlust und der Schmerz des Deliriums. Der Leipziger Maler Tilo Baumgärtel hat hierfür in seiner ersten Arbeit als Bühnenbildner eine große, in expressionistischer Manier bemalte Leinwand durch eine andere ersetzt, auf die ein Videobeamer Zeichentrickanimationen projiziert: Insekten in tödlichem Zweikampf; eine herannahende Lokomotive, deren Front sich zu Edward Munchs "Der Schrei" verformt; Äxte, die auf den Boden einschlagen, bis dieser von einer gewaltigen Blutlache überströmt wird.

In etwas mechanischem Wechsel werden diese apokalyptischen Visionen vom kalten nüchternen Blick auf die drei Akteure auf der Vorderbühne abgelöst. Der Blick ins neuronale Chaos des Protagonisten wechselt mehrfach mit dem klassischen Blick auf seinen Körper auf der Bühne. Allzu ausgedacht wirken Hartmanns Regieideen, mit denen er Erzählperspektiven und Wahrnehmungsebenen kenntlich und unterscheidbar macht und dabei selbstverständlich jeden Naturalismus in der Darstellung eines traurigen Trinkers vermeidet. Den Schauspielern erlaubt derlei Pädagogik des Sehens keine besonders organische Spielentwicklung. Andreas Leupold, der furiose Samuel Finzi und der maliziös grinsende Steve Binetti exekutieren das mit respektabler Hingabe aber dennoch bleiben Roman, Spieler und Regie einander am Ende merkwürdig fremd.

Weiterführende Informationen:
Maxim Gorki Theater

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