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StartseiteTag für Tag"Der Schutz von Christen sollte Leitlinie westlicher Außenpolitik sein"08.08.2013

"Der Schutz von Christen sollte Leitlinie westlicher Außenpolitik sein"

Metropolit Ilarion besorgt über Zunahme von Christenverfolgungen

Der Außenamtsleiter des Moskauer Patriarchats, Metropolit Ilarion, blickt mit Sorge auf die Lage der Christen in der arabischen Welt. Insbesondere die Situation in Syrien sei beunruhigend. Der Westen müsse aufpassen, nicht zu "Helfershelfern" von Christenverfolgern zu werden.

Von Henning von Löwis

Metropolit Ilarion, Außenamtschef des orthodoxen Moskauer Patriarchats  (picture alliance / dpa / Vladimir Fedorenko)
Metropolit Ilarion, Außenamtschef des orthodoxen Moskauer Patriarchats (picture alliance / dpa / Vladimir Fedorenko)
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Es ist das älteste Kloster Moskaus und das erste, das bereits 1983 in der UdSSR der russisch-orthodoxen Kirche zurückgegeben wurde: das Heilige Danilow Kloster am rechten Ufer der Moskwa, gegründet Ende des 13. Jahrhunderts von Prinz Daniel, dem Sohn des legendären Alexander Newski. Seit 2008 läuten hier wieder die Glocken, die in der Universität von Harvard in den USA die Zeiten des Atheismus in der Sowjetunion überdauerten, ehe sie nach Moskau zurückkehren konnten.

Hinter den wuchtigen weißen Mauern des Heiligen Danilow Klosters schlägt das Herz der russisch-orthodoxen Kirche. Hier residiert der Patriarch von Moskau und ganz Russland. Und hier schaltet und waltet ein Mann, den manche Russlands zweiten Außenminister nennen: Ilarion Alfeyev, Metropolit von Wolokolamsk – seit 2009 Erzbischof und Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats.
Ein repräsentatives dreistöckiges Gebäude in zartem Grün: In der Sonne glänzende Messingschilder weisen darauf hin, dass hier eine bedeutende Institution ihren Sitz hat: Moskauer Patriarchat – Russisch-Orthodoxe Kirche – Heilige Synode – Abteilung für Auswärtige Beziehungen der Kirche.

Was Metropolit Ilarion verkündet, das ist von höchster Stelle abgesegnet, das hat Gewicht und dokumentiert den offiziellen Standpunkt der russisch-orthodoxen Kirche. Er nutzt jede Gelegenheit, die Position des Moskauer Patriarchats in gesellschaftlichen und weltpolitischen Fragen zu erläutern und offensiv zu vertreten. Und dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. Zum Beispiel in punkto Homo-Ehe:

"Ich glaube, dass jeder Mensch in der modernen pluralistischen Gesellschaft die Möglichkeit hat, seinen Lebenswandel und seine moralischen Orientierungspunkte zu wählen. Niemand kann jemandem irgendetwas verbieten. Aber ich halte es für einen gefährlichen Konzeptwechsel, wenn zum Beispiel der Bund zwischen zwei Menschen desselben Geschlechts zu einer Ehe erklärt wird und auf Grundlage einer solchen ideologischen Ausrichtung Gesetze angenommen werden, welche gleichgeschlechtliche Verbindungen der traditionellen Ehe gleichstellen."

Die traditionelle Ehe sei eine Säule des Christentums. Mit Kirchen, die die Homo-Ehe unterstützten, könne es keinen Dialog geben.

"Unsere Kirche tritt kategorisch gegen einen solchen Konzeptwechsel ein, weil wir glauben, dass dies zur Zerstörung der Institution der Familie führt, zu einer demographischen Krise und letztendlich zum Aussterben der europäischen Völker. Wir halten diese Politik für verbrecherisch und selbstmörderisch, und wir sprechen offen darüber."

Offen spricht Metropolit Ilarion auch über das Thema, das ihm besonders am Herzen liegt: den Krieg in Syrien und das Schicksal der Christen in der arabischen Welt. Was da ablaufe auf dem Krisen- und Kriegsschauplatz Syrien, das sei nicht zuletzt ein von außen gesteuerter Konflikt.

Das Danilow Kloster am rechten Ufer der Moskwa, gegründet Ende des 13. Jahrhunderts (Deutschlandradio - Henning von Löwis)Das Danilow Kloster am rechten Ufer der Moskwa, gegründet Ende des 13. Jahrhunderts (Deutschlandradio - Henning von Löwis)"Zurzeit findet in Syrien nicht einfach ein Bürgerkrieg statt; dies ist ein bewaffneter Konflikt, in den verschiedene Staaten involviert sind. Wir wissen, dass aufseiten der Opposition in Syrien ausländische Söldner kämpfen: Das sind Personen aus einer Reihe von Ländern am Persischen Golf, einige tschetschenische Kämpfer, die hier in Russland nicht Fuß zu fassen vermochten und nun im Nahen Osten versuchen, eine Verwendung für sich zu finden. Was uns am meisten beunruhigt, ist natürlich das Schicksal der Christen in Syrien und anderen Ländern der nahöstlichen Region."

Aus der Sicht der russisch-orthodoxen Kirche liegt dem "Arabischen Frühling" eine außerhalb der arabischen Welt konzipierte Strategie zugrunde, die verhängnisvolle Konsequenzen nicht zuletzt für die Christen habe. Erzbischof Ilarion gegenüber dem Deutschlandfunk:

"Wir sehen, dass der so genannte Arabische Frühling den Christen des Nahen Ostens viele Sorgen bereitet. In unterschiedlichen Ländern entwickeln sich die Ereignisse nach demselben Szenario: Zunächst wird das eine oder andere politische Regime – ich möchte diese jetzt nicht bewerten – mithilfe einer ausländischen Macht im Namen der Demokratie gestürzt, auf den Austausch des vorherigen Regimes folgt aber nicht die Demokratie, sondern das Chaos, und an die Spitze des politischen Prozesses stellen sich radikale islamistische Kräfte, die sich die vollständige Auslöschung des Christentums zum Ziel setzen."

Die gezielte Christenverfolgung laufe überall nach dem gleichen Schema ab:

"Dies geschieht im Irak, wo unter Saddam Hussein 1,5 Millionen Christen lebten und nun lediglich ein Zehntel dieser Zahl übrig geblieben ist. Dies geschah in Libyen, wo zum jetzigen Zeitpunkt praktisch keine Christen verblieben sind. Dies geschieht in Ägypten, wo wir einen massenhaften Exodus der christlichen Bevölkerung beobachten, und dies geschieht in Syrien in den Gebieten, die von Widerstandskämpfern eingenommen wurden. Dort, wo sie an die Macht gelangen, wird das Christentum praktisch vollkommen ausgerottet, diejenigen, die an Christus glauben, werden entweder verjagt oder vernichtet."

Metropolit Ilarion, der seinen Doktorgrad in Philosophie an der Universität Oxford erwarb, war von 2002 bis 2009 Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche bei den europäischen Institutionen in Brüssel – und zeitgleich Bischof von Wien und Österreich und Administrator der Diözese Budapest. Er kennt sich bestens aus in Sachen Europapolitik. Und er kann es nicht begreifen, dass europäische Staaten – wie er meint – als Helfershelfer bei der Christenverfolgung im Nahen Osten fungieren.

"Wir sind sehr besorgt darüber, dass eine Reihe von westlichen Mächten nicht nur die Opposition unterstützen, sondern im Grunde genommen auch Banditen, die, sobald sie nur an die Macht gelangen, beginnen, Christen zu vernichten. Wir sind der Meinung, dass der Schutz von Christen ein fundamentaler Faktor der Außenpolitik der westlichen Mächte sein sollte, wie dies die Europäische Union im Jahr 2011 in ihrer Resolution empfahl. Diese rief die Staaten des Westens dazu auf, den Ländern, in denen die Rechte von Christen verletzt werden, nur dann wirtschaftliche, finanzielle und politische Unterstützung zu gewähren, wenn sie garantieren, dass die Rechte der Christen gewahrt werden. Leider geschieht dies derzeit nicht."

Wenn die russisch-orthodoxe Kirche sich für das Leben und Überleben der Christen in der arabischen Welt engagiere, so habe das nicht das Geringste mit Islamfeindlichkeit zu tun.

"Ein guter Freund von mir, der den päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen leitet, Kardinal Kurt Koch, hat, als er noch Bischof in der Schweiz war, folgenden Satz gesagt, der sich mir eingeprägt hat: 'Wir sollten uns nicht vor einem starken Islam fürchten, sondern vor einem schwachen Christentum.' Ich denke, dass dieser Satz der Schlüssel zum Verständnis von vielen heute stattfindenden Prozessen ist."

Für Russland stelle der Islam keine Bedrohung dar. Im Gegenteil, er sei wichtiger Bestandteil einer multinationalen, multireligiösen Gesellschaft.

"Wir haben keine Probleme mit dem Islam, und das Beispiel Russlands und anderer Länder der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten zeugt davon, dass Christen und Muslime ausgezeichnet miteinander auskommen. In Russland lebten sie über viele Jahrhunderte hinweg zusammen und tun dies auch heute. Es existiert ein sehr hohes Maß an gegenseitigem Verständnis."

Aber, so Metropolit Ilarion, das gute Miteinander und Nebeneinander in Russland, das gelte für den traditionellen Islam – den friedlichen Islam.

"Der traditionelle Islam muss von dem so genannten radikalen Islamismus unterschieden werden, genauer gesagt von dem Terrorismus unter islamistischer Flagge, gegen den sich die Führer des traditionellen Islam sträuben. Eben dieser Terrorismus und Extremismus, unter welcher Losung auch immer er auftritt, bringt eine enorme Gefahr für die gesamte menschliche Zivilisation mit sich und besonders für die Länder, in denen heute der so genannte Arabische Frühling stattfindet."

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