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StartseiteHintergrundDer schwere Weg aus der Unmündigkeit07.03.2009

Der schwere Weg aus der Unmündigkeit

Bildung für Afghanistans Frauen

Der Bildungsgrad in Afghanistan war noch nie sehr hoch, Bürgerkrieg und Islamisten-Regime verschlechterten die Situation, besonders die der Frauen. Mit Alphabetisierungskursen für Frauen will die internationale Gemeinschaft gegensteuern. Bei den religiösen Autoritäten und Stammesführern stoßen die Bildungsbemühungen aber auf Widerstand.

Von Sabina Matthay

Nicht mal zwei von zehn Frauen in Afghanistan können lesen und schreiben. (AP)
Nicht mal zwei von zehn Frauen in Afghanistan können lesen und schreiben. (AP)
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Das Alphabet in afghanischem Persisch, gesungen von Mädchen. In einem Land, in dem nicht mal zwei von zehn Frauen lesen und schreiben können und kaum die Hälfte der Männer. Der Bildungsgrad der Afghanen war noch nie sehr hoch, Bürgerkrieg und Islamisten-Regime verschlechterten die Situation, besonders die der Frauen.

Ein Dorf in der Provinz Kapisa, anderthalb Fahrtstunden nördlich von Kabul: Männer schreiten durch die Gassen, kleine Jungen toben zwischen den Häusern, manchmal huscht ein blauer Schatten vorbei - Frauen und halbwüchsige Mädchen, in Burkas gehüllt.

Ihr Platz ist hinter den hohen Mauern der Gehöfte, kontrolliert von männlichen Verwandten, dem öffentlichen Blick entzogen.

Doch die Zeit ist nicht völlig stehen geblieben: In dem 600-Seelen-Dorf gibt es gleich zwei Alphabetisierungskurse für Frauen. Hinter fest verschlossenen Toren:

Fateh Mohammad, der Leiter des Alphabetisierungs-Programms in Kapisa, muss warten, wenn er zur Inspektion kommt.

Der Kurs findet nicht in einer Schule, sondern in einem Privathaus statt, in dem Teil, in dem Frauen garantiert nicht auf fremde Männer treffen.

Nur der allseits respektierte Fateh Mohammad ist eine Ausnahme.

Zwei Dutzend Mädchen und Frauen hocken auf dem Boden des kargen Raums, manche erst fünfzehn, andere wirken wie fünfzig. An rostigen Nägeln in den lehmverputzten Wänden haben die Kursteilnehmerinnen ihre himmelblauen Burkas aufgehängt.

Eine schmale junge Frau in hochgeschlossenem bodenlangen, schwarzen Kleid steht vor der Klasse: Nazira Kohistani hat Abitur, eine Seltenheit in Afghanistan, vor allem in der Provinz. Nach der 12. Klasse hat sie ein Lehrerseminar besucht. Seit neun Monaten leitet sie diesen Kurs, es ist ihr erster.

"Es ist wichtig, dass die Mädchen und Frauen im Dorf etwas lernen, dass sie lesen und schreiben können, sagt Nazira. In der afghanischen Verfassung steht schließlich, dass die Bürgerinnen des Landes das gleiche Recht auf Bildung haben wie die Bürger."

Mit einfachsten Mitteln kommt die Lehrerin aus: Tafel und Kreide sind vorhanden. Bücher, Stifte, Papier, Poster mit Alphabet und Zahlen liefert das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, die UNICEF zahlt Nazira auch das karge Gehalt von 1.250 Afghani - rund 25 Dollar im Monat.

Ihre Vorzeigeschülerin ist die 18-jährige Faida, älteste von acht Geschwistern: Den Besuch einer normalen Schule hat ihre Familie nicht zugelassen, die Schule war zu weit entfernt. Diesen Kurs darf sie besuchen, weil er ganz in der Nähe ihres Zuhauses ist, ein Bruder sie dorthin begleiten kann.

In Kapisa hat niemand etwas gegen Bildung für Frauen, erklärt Fateh Mohammad in seinem Büro.

Die Väter, Brüder, Ehemänner sehen es gern, wenn die Frauen etwas lernen, sie hindern sie nicht daran, sagt er. Nur dass die Frauen allein und ohne ihre Erlaubnis irgendwohin gehen, dass wollen die Männer eben nicht.

Die Tradition und die Sharia, das religiös begründete Recht des Islam, führt Fateh Mohammad als Begründung an. Diese Vorstellungen muss man beachten - und die Machtverhältnisse am Ort: Als er die Kurse in Kapisa einrichten wollte, holte er die Zustimmung von Mullahs und Dorfältesten ein.

Das war im Oktober 2007. Die Federführung des Programms hat die afghanische Regierung, umgesetzt wird es von der UNICEF und Partnerorganisationen.

Seit Juli 2008 läuft die zweite Staffel, rund 550 Frauen in der ganzen Provinz nehmen daran teil. Für Männer gibt es eigene Kurse. Doch Frauen und Mädchen sind oft viel begieriger aufs Lernen, sagt Fateh Mohammad. So gut wie nie bricht eine den Kurs ab, sicher auch, weil die Teilnehmerinnen in den ersten sechs Monaten Grundnahrungsmittel vom Welternährungsprogramm erhalten.

Lesen, Schreiben und Rechnen werden gelehrt, zwei Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, neun Monate lang.

Faida kann inzwischen fließend von der Tafel ablesen:

Faida hat ein Ziel: Sie will selbst Lehrerin werden. Und bekräftigt das mit dem einzigen englischen Wort, das sie kennt:

"Yes."

An vielen Orten gehört Schneidern oder Teppichweben zum Unterricht. Das sind traditionelle Fertigkeiten, die Frauen abseits der Öffentlichkeit ausüben können, und die ihnen auch berufliche Möglichkeiten eröffnen könnten.

Darauf setzt Faidas Klassenkameradin Nazima: Nazima ist Mutter von fünf Kindern und seit zehn Jahren Witwe.

Wenn ich diesen Kurs absolviert habe, sagt die mollige Frau mittleren Alters, dann bin ich gebildet. Dann kann ich eine Arbeit annehmen und meine Familie unterstützen.

Nur wenige Kursteilnehmerinnen haben so ehrgeizige Ziele. Die meisten sind schon hocherfreut, dass sie nun endlich Schilder lesen und Preise nachrechnen können, Händlern keine Betrügereien mehr durchgehen lassen müssen.

Um vieles schwieriger ist das in einer fremden Sprache:

"Noch einmal - Guten Tag! - (Klasse) Guten Tag!
Wie geht es Ihnen? - (Klasse) Danke gut, wie geht es Ihnen?
Mir geht's gut."

Deutschunterricht am Goetheinstitut in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

20 Kursteilnehmer, vor allem junge Frauen, haben sich an diesem Vormittag um vier große Tische gruppiert.

"Unsere Kursteilnehmerinnen haben sich inzwischen auf ungefähr 50 bis 55 Prozent der Kursteilnehmerschaft hochgearbeitet. Das war zu Anfang nicht der Fall, da waren es vielleicht 10 bis 15 Prozent."

Kursleiterin Rebecca Wagner.

"Durch dieses neue Gesetz zum Ehegatten-Nachzug hat sich die Zahl doch stark erhöht."

Seit 2007 die Nachweispflicht für Deutschkenntnisse eingeführt wurde, hat sich die Zahl der Anmeldungen am Goetheinstitut Kabul schlagartig auf rund 800 verdoppelt.

" Wir kennen viele Fragewörter.
Fragen sie bitte unseren Gast.
(Schülerin: ) Wie heißen Sie? "

Die vorwiegend sehr jungen Frauen stammen meist aus der Mittelschicht.

Aber auch hier kann kaum eine lesen und schreiben, wenn sie sich zum Deutschkurs am Goetheinstitut anmeldet.

"Und wir haben uns auch entschieden, neue Kurse anzubieten, speziell für die nachziehenden Ehegatten und Ehegattinnen und zwar einen Alphabetisierungskurs in Dari und einen in Pashtu, um die Lücken zu schließen."

Wahida hat so einen Kurs besucht:

"Ich heiße Wahida Buchmal, ich bin 17 geboren."

17 Jahre alt ist das Mädchen, seit fünf Monaten verheiratet mit einem Mann, der in Frankfurt lebt. Dort war Wahida noch nie. Auch Kabul kennt sie erst seit der Eheschließung. Vorher hat sie in der Provinz gelebt.

Von dem Land, in dem sie bald leben soll, hat Wahida nur sehr unklare Vorstellungen:

In Deutschland, sagt sie, leben die Menschen, wie sie wollen. Das habe ihr Mann erzählt. Mehr nicht.

Das ist typisch. Das Goethe-Institut Kabul vermittelt den jungen Frauen deshalb mehr als Sprachkenntnisse. Sie werden auf Behördengänge, Einkäufe, Krankmeldungen vorbereitet, auf größere Selbstständigkeit als in der Heimat, unter Kontrolle der Familie.

Das fängt an mit dem Unterricht in gemischten Klassen, sagt Rebecca Wagner. Möglich, weil das Goetheinstitut als integerer Raum gilt.

"Es gab bisher auch nie eine Nachfrage oder ein Problem.

Es gibt allerdings Schülerinnen, die einen Begleiter mitnehmen. Jemanden aus der Familie, der mit zum Kurs kommt und auch am Sprachkurs teilnimmt."

In meinem Kurs ist es eher eine Bereicherung, eine Hilfe, weil die Leute auch aktiv teilnehmen, auch mal was erklären, auch zu Hause noch helfen können.

Wahida etwa wird immer von ihrem Schwager begleitet. Der 25-jährige ist Student und hat Zeit, sie zu begleiten. Weil sie die Stadt kaum kennt und um über ihre Tugend zu wachen.

Um einiges freier bewegt sich Hosneya Malian Sadeed:

"Ich habe vier Jahre im Studium Deutsch gelernt und jetzt arbeite ich mit Deutschen und möchte ich auch etwas lernen, besser als früher."

Die 25-jährige gebürtige Kabulerin unterricht am Goethe-Institut. Sie war zweimal in der Bundesrepublik. Ganz anders als zuhause war es dort, sagt sie, aber toll. Zum Beispiel das Leben im Studentenwohnheim:

"Das war super!"

Hosneya stammt aus einem Arzthaushalt, die Familie hatte keine Bedenken gegen die Aufenthalte in Deutschland.

Ihr Mann, ein Kollege, mit dem sie seit kurzem verheiratet ist, teilt ihre liberalen Lebensvorstellungen. Berufstätigkeit ist für Hosneya selbstverständlich. Sorgen macht sie sich eher um den Zustand ihres Heimatlandes:

"Afghanistan ist ein Staat, dort können wir unser Leben nicht besser machen, nicht? Nicht soviel lernen, wir haben keine Freiheit. Nein, nicht so viel Freiheit. Wir können nicht nur über Kabul sprechen, in unseren Provinzen gibt es Probleme.

Aber in Deutschland können wir frei sein, frei studieren."

Pause in der Ayshe-Durrani-Mädchenschule. Im 20. Jahrhundert gegründet, in einem ehemaligen Palast im alten Zentrum von Kabul untergebracht.

"Man war, was die Bildung, auch die Mädchenbildung angeht, vor 30, 40 Jahren schon so weit, wie man das für Europa auch für selbstverständlich erachtet."

Dr. Hans Thieme ist von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen ZfA als Fachberater und Koordinator für Deutsch nach Afghanistan entsandt worden.

Die Ayshe-Durrani-Schule ist eines von drei Gymnasien, die die Bundesrepublik in Kabul fördert. Deutsch ist hier erste Fremdsprache:

"Das ist unsere Bibliothek, die wir vor kurzem erweitert haben. Wir haben also zwei neue Arbeitsplätze mit Computer, neue Bücher, neue Regale."

Ein ruhiger Raum mit hohen Decken, durch den Deutschlehrerin Ingeborg Marx führt. Zwei Fachkräfte entsendet die ZfA jeweils für mehrere Jahre an das Kabuler Mädchengymnasium.

80 Lehrerinnen unterrichten insgesamt hier im Schichtbetrieb 1500 Schülerinnen.

Zubaida ist in der siebten Klasse:

"Meine Lieblingsfächer sind Geschichte und Deutsch."

Die Tochter eines Bankmanagers hat ein Jahr im Krankenhaus in Deutschland verbracht, die Sprachkenntnisse sind ihr geblieben.

Sieben Geschwister hat sie, alle gehen zur Schule. Ganz klar für Zubaida, dass sie eines Tages Abitur machen wird. Was sie damit anfangen will, darüber macht sie sich noch keine Gedanken. Heiraten allerdings steht vorläufig nicht an.

"Mein Mama sagt immer, ich soll ein Arzt werden, aber ich mag das nicht! Da muss man soviel lernen, und ist auch sehr schwer, das kann nicht jeder."

Kabuler Geschäftsleute, Beamte, Politiker schicken ihre Töchter in die Durrani-Schule. Noch einmal Hans Thieme:

"Ich habe den Eindruck, man versucht bei diesen bildungsnahen Schichten anzuknüpfen an historische Entwicklungslinien, wie sie vor Krieg und Bürgerkrieg in Afghanistan sich etabliert hatten in der Nachfolge des Reformkönigs Amanullah zu Anfang des 20. Jahrhunderts."

Amanullah hatte den Aufbau eines modernen Bildungswesens auch für Mädchen nach westlichem Vorbild in Afghanistan vorangetrieben.

Den Wandel befürwortete allerdings nur die sehr dünne aufgeklärte städtische Oberschicht. Bei den religiösen Autoritäten, den Stammesführern führten die Bildungsbemühungen zu Unmut und Widerstand, besonders die Patriarchen auf dem Lande wollten die Verfügungsgewalt über Frauen und Mädchen nicht abgeben.

So wenig wie später die Mujaheddin und dann die Taliban. Während der Herrschaft der islamischen Extremisten wurden in der Ayshe-Durrani-Schule keine Mädchen unterrichtet.

Heute gibt es dreieinhalb Millionen Mädchen im schulpflichtigen Alter in Afghanistan, zwei Drittel von ihnen besuchen die Schule.
Kaum eine Schülerin kommt allerdings über die fünfte Klasse hinaus, Gymnasialbildung ist nach wie vor ein Privileg.

An der Ayshe-Durrani-Schule bleiben heute 70-80 Prozent der Schülerinnen bis zum Abitur, berichtet Direktorin Shafika Ahmadi Wardak.

Der Trend geht also aufwärts.

In den ersten Jahren nach der Wiedereröffnung hatten noch über die Hälfte die Schule irgendwann abgebrochen. Folge von Bürgerkrieg und Islamisten-Regime: Die Bildungslücken waren zu groß, in vielen Familien wirkten die Tugend-Vorstellungen der Extremisten nach.

Es waren Frauen wie Gulalai Habib, die die geschlechterpolitische Reglementierung während der Taliban-Herrschaft zu unterlaufen versuchten:

Die Mittfünfzigerin empfängt in ihrer Wohnung im Kabuler Stadtteil Mikrorayon, Plattenbauten aus Zeiten der sowjetischen Besatzung, heruntergekommen, aber immer noch besser als die meisten anderen Häuser in der afghanischen Hauptstadt.

Die Ankunft der Taliban in Kabul ist der kleinen Frau mit dem kurzgeschnittenen grauen Haar präsent, als sei es gestern gewesen.

Sie wurden begrüßt, selbst von liberalen Gebildeten. Endlich, so hofften sie, würde Schluss sein mit dem Leid, mit dem die Hauptstadt von den Kommunisten, dann von den Mujaheddin während des Bürgerkriegs überzogen worden war.

65.000 Menschen waren während des Bürgerkriegs allein in Kabul gestorben, 70 Prozent der Stadt war zerstört, erinnert sich Gulalai Habib.

Aber schon kurz nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban war klar, dass die Zeiten sich nicht bessern würden, schon gar nicht für Frauen. Die Burka hatten bereits die Mudjaheddin verfügt, nun durften Frauen das Haus nur noch in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds verlassen, mit anderen Männern durften sie nicht mehr sprechen, Schulen für Mädchen wurden geschlossen.

Ein harter Schlag für die studierte Volkswirtin Gulalai Habib, die einst als Sozialkunde-Lehrerin in einer Jungenschule gearbeitet hatte.

Nun begann die Mutter von neun Kindern, zuhause heimlich Mädchen aus dem Viertel Lesen und Schreiben beizubringen. Immer nur in kleinen Gruppen, damit es wie eine private Zusammenkunft wirken konnte, wenn eine Kontrolle kam.

Das Unterrichten habe ihrem Leben in jenen Jahren einen Sinn gegeben, sagt Gulalai Habib. Dass sie ihr Wissen weitergeben konnte, darauf ist sie noch immer stolz.

Doch ihre Erinnerung ist bar jeder romantischen Verklärung: Die Bildungsfeindlichkeit der Taliban, deren Hass auf Frauen haben sich ihr eingeprägt.

Wenn die Taliban den Frauen das Atmen verbieten, den Sauerstoff hätten nehmen können, sagt Gulalai Habib, dann hätten sie auch das getan.

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