Freitag, 30. September 2022

Archiv

Der sozial-mediale Fall Ribéry
Ein saftiges Steak-Posting schmeckt nicht allen

Mit seiner Reaktion auf Kritik habe Franck Ribéry der Vermutung Vorschub geleistet, "Soziale Medien verführten pisseckengleich zu asozialem Verhalten", meint Arno Orzessek in seiner Glosse. Überhaupt erreichten Fußballer im Netz nicht mehr "die Brillanz ihrer Kollegen einst" im TV.

Von Arno Orzessek | 09.01.2019

    Bayern-Mittelfeldspieler Franck Ribery (Archivbild).
    Bayern-Mittelfeldspieler Franck Ribery: Zuletzt auch außerhalb des Fußballplatzes auffällig (imago sportfotodienst)
    Zunächst ein Tipp für alle - pardon! - Fleischfresser aus Essen, die morgen im Stadtteil Borbeck-Mitte unterwegs sind: Besuchen Sie das Frischecenter Burkowski! In diesem Supermarkt gibt's, solange der Vorrat im Reifeschrank reicht - sicher nicht lange, bei diesem Preis -, "Dryager Steaks" für schlappe 2,25 Euro pro 100 Gramm. Und wenn Sie Ihre Beute gesichert haben, danken Sie im Stillen Frank Ribéry.
    Denn ohne Ribérys Blattgold-Schmaus in Dubai keine soziale Dryage-Aktion in Borbeck. Das verrät der Slogan, mit dem das Frischecenter das fleischrote Steak auf Facebook bewirbt: "Schmeckt bei uns auch ohne Gold megaaaa lecker!" Übrigens, liebe Werber, fürs nächste Posting: "megaaaa" mit vier a klingt wie der letzte Seufzer einer Kuh im Schlachthof. Schreiben Sie lieber "meeeega" mit überlangem e, ist cooler.
    Er beherrscht das Vulgäre ähnlich gut wie das Dribbling
    Aber so oder so: Falls Ribéry von der Nummer Wind bekommt, dürfte er froh sein. Denn nun resultieren aus dem Post mit dem vergoldeten Steak zumindest in Borbeck doch noch good vibrations. Was für die Beleidigungen zu Ungunsten seiner "Neider und Hater" nicht gilt. In schamhaften Massenmedien wie diesem werden sie ja weiterhin als 'nicht zitierfähig' nicht zitiert. Gewitzte Zeitungsleser konnten aber aus Andeutungen à la "F***t Eure Mütter" trotzdem schließen, dass Ribery das Vulgäre ähnlich gut beherrscht wie das Dribbling. Und damit der trüben Vermutung Vorschub leistet, Soziale Medien verführten pisseckengleich zu asozialem Verhalten.
    Ein gewisser Oliver schusterte aus diesem Verdacht auf Ribérys Facebook-Seite die soziologische These: "Man kriegt den Fußballer zwar aus dem Ghetto, aber das Ghetto nicht aus dem Fußballer". Während Ex-Kicker Fredi Bobic gestern per Zeitungsinterview ganz unakademisch beim Franck nachfragte: "Was bist du denn für ein Vollidiot?"
    Fußballer waren mal Wortkünstler
    Unbestreitbar ist: Was Fußballer heute in den Sozialen Medien posten, erreicht nie die Brillanz, die ihre Kollegen einst vor laufender Kamera ausgezeichnet hat. Bitte sehr! Bruno Labbadias "Das wird alles von den Medien hochsterilisiert", Mario Baslers "Jede Seite hat zwei Medaillen", Lukas Podolskis "Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln", Lothar Matthäus' "Wäre, wäre, Fahrradkette", Philipp Lahms "Man muss nicht immer das Salz in der Suppe suchen". Das waren Apercus! Und den Maßstab setzte, na klar, Andreas Möllers "Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien".
    Fußballer waren Wortkünstler, die Philosophie und Dadaismus lässig verschmolzen. Aber suchen Sie mal solche Perlen auf Twitter, Facebook & Co.! Insofern muss man sagen: Ribérys F-Wort-Tirade war kein Beispiel für gehobene Kicker-Kultur, fiel aber zwischen den geföhnten Posts anderer Spieler wenigstens durch wilde Authentizität auf. Und dass Ribéry die Shitstormer als "Kieselsteine in seinen Socken" tituliert hat, mag orthopädisch gesehen ungelenk sein - mit Kieselsteinen in den Socken schießt du kein Tor -, es zeugte jedoch von löblichen Ambitionen in puncto Bildsprache.
    "Hey, Hoeneß, Sie Wurstfabrikant!"
    Problem nur: Ribéry spielt beim FC Bayern, dem heiligen Gral des deutschen Fußballs. Und dessen Hüter, Hoeneß und Rummenigge, haben den hiesigen Medien vor Wochen unterlassene Huldigung und verbale Missachtung der Bayern-Würde vorgeworfen, von wegen Artikel 1 Grundgesetz. Das war sehr lustig: Hoeneß predigt den Medien Mäßigung, einem katholischen Priester gleich, der sich mit der Hand unterm Gewand des Messdieners zur Enthaltsamkeit bekennt.
    Aber mia san mia, Heucheln ist unser Job. Also brummt der Hoeneß-Club dem ehrlichen Ribéry nun eine "hohe Strafe" auf, höher noch als ein paar Tankrechnungen für dessen Lamborghini. Hey, Hoeneß, Sie Wurstfabrikant! Geben Sie doch endlich zu, warum Sie wirklich sauer sind auf Ribéry! Natürlich, weil der mit dem Facebook-Filmchen ein Steak berühmt gemacht hat - und keine vergoldeten Bratwürste. Dann hätte jeder Verständnis für Sie und wir könnten den Fall mit dem schönen Bobic-Wort beschließen: "Man darf jetzt nicht alles so schlecht reden, wie es war."