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"Der Staat verdient kräftig mit"

Der zu erwartende deutliche Anstieg der Ökostromumlage sei auch durch "nicht gerechtfertigte" Befreiungen für Großkunden verschuldet, glaubt Sebastian Sladek, Geschäftsführer der Elektrizitätswerke Schönau. Er plädiert für ein neues "Design" des Strommarkts.

Sebastian Sladek im Gespräch mit Susanne Kuhlmann | 09.10.2012
    Susanne Kuhlmann: In den nächsten Jahren wird sich also eine Menge ändern, und das nicht nur beim Energiemix, sondern auch beim Energiepreis. Am kommenden Montag soll bekanntgegeben werden, wie hoch die Ökostromumlage im nächsten Jahr ausfällt. Sie könnte von jetzt 3,6 auf 5,3 Cent steigen, und das wird längst nicht das Ende der Fahnenstange sein. Mieterbund, Handwerkstag und die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sind alarmiert und schreiben heute in einem offenen Brief, der Preis für Haushaltsstrom könne in Nordrhein-Westfalen bis zum Ende des Jahrzehnts auf 40 Cent je Kilowattstunde steigen. Für einen durchschnittlichen Dreipersonenhaushalt wäre das ein Mehrpreis von 500 Euro im Jahr. – Am Telefon ist Sebastian Sladek, Geschäftsführer der Vertriebsgesellschaft der Elektrizitätswerke Schönau im Schwarzwald. Guten Tag!

    Sebastian Sladek: Grüß Gott, Frau Kuhlmann!

    Kuhlmann: Die EWS sind aus einer Bürgerbewegung entstanden und investieren in nachhaltige Energieversorgung. Herr Sladek, die Ökostromumlage wird ab Januar höher ausfallen. Wie viel teurer wird denn die Kilowattstunde für Haushaltskunden bei Ihnen?

    Sladek: Das kann ich jetzt zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch nicht sagen, da wir noch nicht genau wissen, wie stark die EEG-Umlage ansteigen wird. Das erfahren wir dann am Montag. Und das ist ja nicht die einzige Komponente, die dann noch dazu kommt. Da kommt ja noch eine Umlage für die Anbindung von Offshore-Wind dazu, da kommt sie sogenannte Paragraph-19-Umlage dazu, über deren Höhe auch noch eine gewisse Unsicherheit besteht.

    Kuhlmann: Der Bundesumweltminister rät ja gerade zum Sparen. Gibt es in den Haushalten Ihrer Ansicht nach tatsächlich noch so viel Einsparpotenzial, dass sich der jetzt zu erwartende Preisanstieg auffangen ließe?

    Sladek: Also rein theoretisch denke ich, dass das Potenzial, diesen Preisanstieg abzufangen, vorhanden wäre. Allerdings lässt sich dieses Potenzial nicht so leicht heben und auch nicht so leicht heben, wie der Umweltminister sich das vorstellt.

    Kuhlmann: Was wären denn Beispiele? Wo sehen Sie die Möglichkeiten zum Sparen?

    Sladek: Es ist natürlich schon so, dass teilweise doch noch veraltete Großverbraucher in den Haushalten im Einsatz sind. Kühlschränke sind ein klassisches Beispiel. Da kann man sicher einiges machen. Dann wäre die Frage, ob man jetzt zum Beispiel einkommensschwachen Haushalten eher für energieeffiziente Geräte einen Zuschuss gibt, statt eine kostenlose Energieberatung, denn da sehe ich ehrlich gesagt die Erfolge, die aus einer solchen Beratung resultieren, eher skeptisch.

    Kuhlmann: Teile der Industrie sind ja von der Ökostromsteuer, von der EEG-Umlage und auch von Netzentgelten befreit, alles im Sinne der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Halten Sie diese Befreiungen für energiepolitisch gerechtfertigt?

    Sladek: Da kann ich sagen nein, halte ich nicht für gerechtfertigt, überhaupt nicht. Sicher gibt es einige Großverbraucher, die auch in sehr wettbewerbsintensiven Branchen sind, aber wer hier mittlerweile alles von der EEG-Umlage befreit wird, das kann mir keiner erzählen, dass das alles aus Wettbewerbssicht notwendig wäre und unterm Strich führt das natürlich zu einer enormen Verteuerung der EEG-Umlage für jeden Haushaltskunden und vor allem auch für Kleingewerbe.

    Kuhlmann: Bei Ihnen im Schwarzwald ist sicher eine andere Industriesituation als im Ruhrgebiet beispielsweise. Gibt es unter Ihren Kunden überhaupt solche energieintensiven Großunternehmen, die diese Befreiung genießen können?

    Sladek: Wir haben schon auch unter unseren Kunden große Industrieunternehmen, allerdings keinen, der diese Befreiung wirklich für sich in Anspruch nimmt.

    Kuhlmann: Vor einiger Zeit galten ja noch Gaskraftwerke als flexible und auch recht günstige Stromlieferanten. Sind die jetzt eigentlich kaum noch rentabel, weil zum Beispiel um die Mittagszeit ja oft viel günstiger Sonnenstrom vorhanden ist, dann, wenn die Leute kochen?

    Sladek: Das ist natürlich ein Problem, aber ich denke, hier ist ganz klar die Politik gefragt. Das Marktdesign muss einfach geändert werden. Ich gehe da mit vielen Kritikern konform, die einen Kapazitätsmarkt fordern für solche Kraftwerke, dass man schon ein bisschen Geld dafür bekommt, allein dass man so ein Kraftwerk bereit hält und eben nicht, wenn es läuft. Dieses zu ändernde Markt-Design trifft unter anderem auch auf die EEG-Umlage zu, weil natürlich die Großhandelspreise durch die EEG-Einspeisung stetig sinken, aber natürlich dadurch die EEG-Umlage steigt, weil die Differenz ja ausgeglichen werden muss zwischen dem erzielten Marktpreis und der garantierten Einspeisevergütung. Das heißt, je niedriger der Marktpreis ist, desto höher ist die Umlage. Auch dieses Marktdesign sollte man mal überdenken.

    Kuhlmann: Haben Sie eigentlich damals, als der Atomausstieg beschlossen wurde, erwartet, dass die Strompreise derartig ansteigen werden?

    Sladek: Was heißt "derartig ansteigen werden"? Wenn ich den Großmarkt für Energie betrachte, dann sehe ich da kein Ansteigen. Da hat der Atomausstieg keine preistreibenden Spuren hinterlassen. Im Gegenteil! Und dass das jetzt hier so ansteigt, die EEG-Umlage, da gehören wirklich viele Komponenten dazu, und der Atomausstieg spielt da sicher keine Rolle. Das ist zum einen, wie Sie es ja auch schon angesprochen haben, eben die Privilegien für die Industrie, die mit 1,3 Cent in der neuen Umlage zu Buche schlagen werden, das sind die anderen kleineren Abgaben, die ich vorher genannt habe. Da muss man natürlich auch sagen, der Staat verdient da ja kräftig mit.

    Kuhlmann: Danke schön! – Sebastian Sladek von den Elektrizitätswerken Schönau war das. Vielen Dank!


    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.