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Der Stasi-Spion im Kanzleramt

Der Historiker Eckard Michels bezweifelt, dass Günter Guillaume, Stasi-Spion im Kanzleramt unter Bundeskanzler Willy Brandt, wirklich bedeutende Informationen der Regierung an die Stasi übermitteln konnte. Die Affäre habe lediglich den Anlass zum Rücktritt Brandts im Jahr 1974 geliefert.

Von Elke Kimmel | 11.03.2013

"Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das!"

Mit diesen Worten stellte sich der Kanzleramtsreferent Günter Guillaume den Beamten des Bundeskriminalamtes bei seiner Verhaftung. Am 24. April 1974 beendeten sie seinen 18-jährigen Einsatz als Agent der DDR-Staatssicherheit in der Bundesrepublik. Fast ein Jahr schon hatten die Geheimdienste Hinweise auf Guillaumes Arbeit für die Stasi besessen, ohne Bundeskanzler Willy Brandt nachdrücklich zu warnen. Sie hatten den Regierungschef als Köder benutzt, ohne ihn entsprechend zu schützen. Brandt trat zurück. In Eckard Michels Studie nimmt Guillaumes Arbeit im Kanzleramt viel Raum ein, aber er versucht sich darüber hinaus an einem umfassenden Charakterbild, an einer Fallstudie über die Westagenten des MfS. Was die geheimdienstliche Arbeit anbelangt, keine einfache Sache:

"Ein Problem, dem sich der Historiker gegenübersieht, der über Nachrichtendienste arbeitet, ist natürlich die fehlende Zugänglichkeit zu den Akten, denn Geheimdienste sind natürlich – wie der Name schon sagt – geheim, und das heißt auch, dass sie für den Historiker in der Regel verschlossen bleiben. Das trifft besonders auf die westdeutschen Nachrichtendienste, also Verfassungsschutz und BND, zu. Es betrifft aber leider auch die Akten der Staatssicherheit, weil der DDR-Nachrichtendienst, die sogenannte HVA, das war eine Abteilung innerhalb der Staatssicherheit, sich 1989/90 selbst auflösen konnte und die Gelegenheit genutzt hat, um möglichst alle Spuren zu beseitigen."

Einzelne Karteien indes haben sich erhalten und Michels ergänzt die geheimdienstlichen Quellen mit Memoiren der beteiligten Politiker und den öffentlichen Stellungnahmen von Günter und Christel Guillaume. Er schildert, welchen materiellen Versuchungen insbesondere die "Übersiedlungs-IM" – das sind jene Agenten, die als angebliche DDR-Flüchtlinge in den Westen kamen – ausgesetzt waren. Dies galt in besonderer Weise für die Guillaumes, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammten und es in der Bundesrepublik weiter brachten, als dies in der DDR möglich gewesen wäre. Den Aufstieg des Agentenpärchens erzählt Michels als eine Reihe günstiger Gelegenheiten. 1988 notierte der Agent Guillaume in seinen von der Stasi publizierten Erinnerungen:

"Einiges geschah damals ohne mein Zutun. Für die weitere Karriere im Bundeskanzleramt reichte es, mich als Mann des Volkes immer wieder in Erinnerung zu bringen, als Praktiker, der es verstand, den einfachen Leuten aufs Maul zu schauen."

Michels bestätigt diese Selbsteinschätzung. Aber er kontrastiert sie mit einer Reihe von Urteilen über Guillaume, die sich wenig schmeichelhaft ausnehmen. Anbiedernd sei er gewesen, stets ein wenig zu devot und darüber hinaus bei Weitem nicht intelligent genug, um sich Interesse oder gar Sympathie seines höchsten Vorgesetzten zu erwerben.

"Die Auswahlkriterien Brandts waren nicht leicht zu durchschauen. Das Vermögen, witzig zu plaudern, rangierte oft vor der Zuverlässigkeit politischer Standorte",

... bemerkte Guillaume 1988, nachdem er wusste, wie vernichtend Brandt über ihn urteilte. Die Biederkeit des Referenten, so Michels, hätte letztlich auch verhindert, dass er an wirklich interessante Informationen gelangt sei. Weder bei konzeptionellen Überlegungen, noch bei der Überarbeitung von Redemanuskripten hätte der Agent Sinnvolles leisten können.

"Der zweite Grund ist der, dass Guillaume in seiner 18-jährigen Zeit in Westdeutschland langsam konvertiert ist vom SED-Mitglied und Stasispion zum SPD-Mitglied und Bundesbürger, sodass er selber auch kein großes Interesse mehr hatte, Geheimnisse, wirkliche Geheimnisse in den Osten zu schicken. Und schließlich war die SPD in Bonn so von anderen Spionen auch durchsetzt, dass man auch gar nicht unbedingt Guillaume brauchte für sensitive Nachrichten."

Michels legt überzeugend dar, wie wenig die romantische Vorstellung vom einsamen Top-Spion in der Fremde mit der Arbeit moderner Geheimdienste gemein hat. Die Guillaume-Affäre habe lediglich den Anlass zum Rücktritt Brandts geliefert - der Agent selbst und seine Auftraggeber in der DDR hätten diesen nie beabsichtigt. Im Gegenteil: Guillaume habe Brandt sowohl in seiner Rolle als Stasi-Spitzel als auch als SPD-Mann unterstützt. Nicht immer wirkten beide Rollen in die gleiche Richtung aber, so Guillaume:

"Es war der Auftrag, der mich vor der Persönlichkeitsspaltung schützte, es war der Auftrag im Interesse der besten Sache der Welt, der alles zusammenhielt. Das Entscheidende ist, dass man selbst im Schlaf nicht vergisst, wer man wirklich ist: ein Kundschafter im Dienste von Frieden und Sozialismus."

Tatsächlich hätten, so Michels, der Spion und seine Frau erst im Gefängnis ihre sozialistische Überzeugung wieder entdeckt. Beide kehrten 1981 aus der Haft direkt in die DDR zurück, wurden dort mit Ehrungen empfangen und materiell sehr großzügig behandelt. Ende 1989 betonte Guillaume im DDR-Rundfunk die Lauterkeit seiner Motive:

"Ich hab´s doch nicht für einen Staatslenker getan und hab´s auch nicht für den Minister getan, der an der Spitze des Organs stand, dem ich angehörte. Sondern ich hab´s doch getan für unsere Republik und für die Sicherheit unserer Republik. Ich hab´s getan für die Menschen."

Nicht einmal ein Jahr später war die DDR Geschichte. Dauerhafter als diese erwies sich die Legende vom Meisterspion. Dies sei auch deswegen der Fall, weil in der Bundesrepublik für viele Menschen die Arbeit im Kanzleramt gleichbedeutend mit dem Zugang zu geheimsten Informationen war und ist, meint Michels. Zudem wurde dieser Mythos von Guillaume selbst und der Stasi - allen voran HVA-Chef Markus Wolf - fleißig bedient. Faktisch aber gelte:

"Die berühmteste Spionageaffäre der deutschen Geschichte zeigt, dass nachrichtendienstliche Tätigkeit historisch nur dann relevant ist, wenn neben dem Zugang des Agenten zu sensiblen Informationen und seinem Vorsatz, diese Erkenntnisse tatsächlich an seinen geheimen Auftraggeber weiterzuleiten, aufseiten des Empfängers auch die Bereitschaft vorhanden ist, die gelieferten Informationen zur Entscheidungsfindung zu nutzen. Im Fall Guillaume bestehen starke Zweifel, ob auch nur eine der drei Bedingungen gegeben war."

Eckard Michels Beweisführung bis zu diesem Abschlussstatement ist sehr detailreich, über weite Strecken fesselnd und schlüssig. Irritierend ist die bisweilen fehlende Distanz zur Sprache des MfS - Begriffe wie "Tschekist" oder "Kundschafter des Friedens" sollten in einer solchen Darstellung stets als Stasijargon gekennzeichnet werden. Angesichts der großen Stärken des Bandes ist dies zwar lediglich ein Fauxpas, in der Folgeauflage sollte dieser aber korrigiert werden.


Eckard Michels: Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere
Ch. Links Verlag
416 Seiten, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-86153-708-3
Bundeskanzler Willy Brandt stellt am 20.09.1972 vor dem Bonner Bundestag die Vertrauensfrage.
Bundeskanzler Willy Brandt - Guillaume habe Brandt sowohl in seiner Rolle als Stasi-Spitzel als auch als SPD-Mann unterstützt, sagt Michels. (dpa)