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Der Streit um die Milch

Etwa 35 Cent für einen Liter Milch erhalten die Bauern in Deutschland derzeit für einen Liter Milch. Wie sich der Preis entwickelt, wenn im März 2015 die bisherige Milchquote fällt, weiß niemand. Die Landwirte sind uneins darüber, wie die EU danach in den Markt eingreifen soll.

Von Verena Kemna | 15.03.2013

Es sind natürlich die anstehenden EU-Agrarreformen, die die Vertreter der Milchindustrie, der verschiedenen Agrarverbände und vor allem die Landwirte selbst bei diesem Berliner Milchforum diskutieren. Ein Termin, auf den sich die deutschen Milchbauern längst eingestellt haben, ist der März 2015. Dann soll das System der Milchquoten wegfallen. Doch viele Landwirte sind skeptisch, sie befürchten, dass die Abschaffung der Milchquote zur Disposition stehen könnte. Peter Lüschow, Milchbauer in Schleswig-Holstein, hat selbst einhundert Milchkühe im Stall stehen. Er leitet seit Jahrzenten einen Familienbetrieb. 35 Cent pro Liter erwirtschaftet er derzeit über die Milchgenossenschaft.

"Im Moment ist die Situation so, dass wir klarkommen, aber auch nicht mehr. Dazu muss man wissen, dass die Erzeugungskosten durchaus von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich sind, dass da der eine bei 35 Cent Milchgeld durchaus mehr Geld verdient als der andere. Wir wissen aber auch, dass Milch weltweit gehandelt wird und dass uns da keiner einen festen Preis geben kann."

Milchbauer Lüschow vertritt im Bauernverband Schleswig-Holstein die Interessen der dort vornehmlich genossenschaftlich organisierten Milchbauern. Er fordert, dass die EU unbedingt an der geplanten Abschaffung der Milchquoten festhält. Dass die Milchmärkte in der EU ohne Quotenregelung aus dem Ruder laufen könnten, glaubt er nicht.

"Ob mit oder ohne Quote wollen wir in der Familie, wenn mein Sohn mit der Ausbildung fertig ist, gerne fünfzig Kühe mehr halten. Das heißt, dass wir dann fünfzig Prozent mehr Milch produzieren, aber es wird deutschlandweit nicht mehr Milch produziert werden. Da muss man Flächen haben, mit der Düngung aufpassen, den Tierschutz beachten, so dass ich keine Angst habe, dass wenn die Quote wegfällt, plötzlich viel Milch kommt."

Sein Credo: Der Milchpreis wird am Markt gemacht, sprich der Milchbauer bekommt den Preis, den die Molkereien auf dem Weltmarkt erzielen und an die Landwirte weitergeben. Auch der Deutsche Bauernverband steht hinter einer Liberalisierung der Märkte. Von einer sogenannten Bonus- Malus Regelung, wie sie derzeit in Brüssel diskutiert wird, will Udo Folgart, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes gar nichts wissen. Das würde bedeuten, dass die Landwirte Überproduktionen in Zukunft dadurch regeln, dass diejenigen, die wenig Milch abliefern, von denjenigen, die viel liefern, bezuschusst werden. Das Szenario würde bei einer Preisuntergrenze von 24 Cent pro Liter greifen. Eine Milchquote getarnt als Krisengeld, kritisiert Udo Folgart. Er bezeichnet das diskutierte System als völlig ungeeignet.

"Also, dass die Märkte so schnell reagieren in Richtung auf und ab, dass man mit einem Szenario 24 Cent und mit einer Vorausschau, sich einzuschränken für 12 Monate, vielleicht dann den wachsenden Markt, der sich nach zwei, drei Monaten erholt hat, gar nicht bedienen kann und dann wieder andere in diesen Markt hineinspringen."

Der Deutsche Bauernverband setzt auf marktorientierte Milchproduktion, will europäische und internationale Märkte nutzen. Bei offenen Grenzen gegenüber dem Weltmarkt sei ein freiwilliger Produktionsverzicht auf dem EU-Binnenmarkt völlig ungeeignet. Ganz anders sieht das Bernd Voss, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Er hält die angekündigte Bonus-Malus Regelung für sinnvoll.

"Es soll verhindern, dass wir eine Überproduktion bekommen und wir wissen ja gerade, dass bei Produkten wie Milch bereits geringe Überproduktion im Bereich von einem Prozent und teilweise auch darunter verheerend sein kann für die Preise, verheerend sein kann für die Märkte und damit für die Situation der Milchbetriebe. Damit wird unheimlich viel kaputt geschlagen, es entstehen gewaltige volkswirtschaftliche Kosten, wenn die Betriebe aufgeben müssen."

Staatliche Subventionen auf dem EU-Binnenmarkt wie den sogenannten Interventionspreis sieht er grundsätzlich kritisch.

"Das ist für uns einfach kein adäquates marktwirtschaftliches Instrument, um letztlich über eine Anpassung der Erzeugung an den Markt, Märkte regeln zu können."