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Der Tänzer und die Maler

Wie schade: Als der jüdisch-russische Künstler Alexander Sacharoff sich Anfang des 20. Jahrhunderts spontan entschloss, statt Maler Tänzer zu werden, vernichtete er fast alle Werke, die er bis dato geschaffen hatte. Doch ein paar winzige Aquarelle und wunderbar-poetische Collagen aus Silber-, Gold- und Buntpapier – Entwürfe für Kostüme und Bühnenbilder – sind erhalten. Diese späten Entdeckungen im Nachlass würden selbst für eine gut gemeinte Ausstellung nicht reichen; doch eine Unmenge Bilder und Fotos, Drucke und Skizzen beweisen, wie viele Spuren Alexander Sacharoff und seine Frau, die Tänzerin Clotilde Derp, in der Kunst ihrer Zeit hinterlassen haben. In den letzten 3 Jahren hat Frank Manuel Peter vom deutschen Tanzarchiv Köln diese Dokumente zusammengetragen:

Rainer-Berthold Schossig | 29.09.2002

Der Nachlass des Tänzerpaars Sacharoff war in Privatbesitz in Rom und ist erst durch das Rückholen dieses Nachlasses nach Deutschland für die Forschung zugänglich geworden und kann jetzt erst ausgestellt und ausgewertet werden.

Dieser Nachlass barg auch für die Fachleute jede Menge Überraschungen, vor allem aus den Münchener Jahren der Sacharoffs, in denen sie mit den Malern des Blauen Reiters zusammentrafen; die Expressionisten dachten interdisziplinär, eine innere Verwandtschaft zum Theater, zur Musik und zur Literatur war selbstverständlich. Kandinsky zum Beispiel erklärte seine Abstraktionen gern in Begriffen der Musik. Einmal ließ er den Komponisten Thomas Hartmann einige Aquarelle vertonen, bat seinen Freund Sacharoff, nach dieser Musik zu tanzen, und ließ ihn dann raten, nach welchem Aquarell er wohl getanzt habe:

Es kein improvisierter Tanz, es ist durchgeistigte Tanzform.

So hat ihn auch der Maler Alexander Jawlensky portraitiert: Wie einen Zaubervogel, mit einer weißen Feder im nacht-schwarzen Haar, oder grellrot geschminkt, in satanisch-rotem Kleid. Marianne Werefkin malte ihn dagegen ganz in Blau, mit einem bunten Schmetterling, in Offenbachs Ballett-Pantomime "Papillon":

Gerade vom Profil ist es das Exotische, das Androgyne, dieses Ferne und Fremde, was in seinem Porträt mitschwingt, was ihn zu einer ganz eigenartigen Persönlichkeit gemacht hat, die viele Künstler fasziniert hat.

Rainer Stamm, Direktor des Museums in der Bremer Böttcherstraße, sieht das Tänzerpaar Sacharoff nicht nur im Umkreis des Blauen Reiters sondern ordnet ihn insgesamt in die künstlerisch bewegte Zeit des Aufbruchs der Moderne um 1900 ein:

Das muss man sich vorstellen: 1910 debütiert ein erster Solotänzer allein mit einem eigenen Tanzprogramm; er ist Jude, er ist Russe, er tanzt ganz deutlich androgyne Rollen, in Frauenkleidern. Das hat das Publikum nicht nur fasziniert sondern auch schockiert, wobei alle gesehen haben, dass da eine ganz eigene Tanzsprache neu entstanden ist.

Das war – selbst im gerade angebrochenen Zeitalter des Ausdruckstanzes – neu: Die Leute gingen ins Ballett, um einen Mann tanzen zu sehen. Dass dieser dann in Frauenkleidern auftrat, in bunten Federn statt in der Krachledernen, das war – zumal in München – shocking. Das Exotische – besonders natürlich das Androgyne – stieß auf höchste Bewunderung und - tiefe Ablehnung. So war das Schicksal der Sacharoffs besiegelt, als der 1. Weltkrieg ausbrach. Noch einmal Rainer Stamm:

Man vergisst ja oft, dass es eine erste Exilwelle schon 1914 gegeben hat, insbesondere russische Künstler mussten als feindliche Ausländer das Land verlassen, auch Sacharoff, der 1914 in die Schweiz ging. Von dort setzt sich das Wirken dieses Tänzerpaares international fort, in Frankreich, USA, Japan. Aber diese spezifische Wirkungskreis um den Blauen Reiter, daran hat er nicht mehr anknüpfen können.

Mit welch einmaliger Eleganz und innerer Harmonie sich die Ausdrucks-Tänzer Clotilde und Alexander bewegten, davon legen nicht nur Presse- und Fotodokumente Zeugnis ab sondern auch bisher unbekannte Bilder aus dem Nachlass. Dass Künstler wie die Sacharoffs durch zwei Kriege aus Deutschland vertrieben wurden und schließlich im italienischen Exil nahezu in Vergessenheit gerieten, auch das gehört zu den tragischen Ereignissen europäischer Kunst des vergangenen Jahrhunderts.

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