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StartseiteLange NachtDer Tag, an dem die Sonne sechzehn Mal aufging31.03.2012

Der Tag, an dem die Sonne sechzehn Mal aufging

Eine Lange Nacht über Menschen im Weltall

Raumfahrer erleben 16 Sonnenaufgänge und 16 Sonnenuntergänge am Tag, sie umrunden die Erde in nur 90 Minuten. Die amerikanischen und europäischen Astronauten, die russischen Kosmonauten oder die chinesischen Taikonauten sind Teil eines der größten menschlichen Experimente, zugleich das wichtigste Objekt der Beobachtung.

Von Dana Ranga

Das Space Shuttle Atlantis nach dem Abdocken von der ISS. (AP / NASA)
Das Space Shuttle Atlantis nach dem Abdocken von der ISS. (AP / NASA)

Gerhard Paul Julius Thiele (* 2. September 1953 in Heidenheim an der Brenz) ist ein deutscher Physiker und ehemaliger Wissenschaftsastronaut.
Wikipedia-Eintrag
ESA-Biografie
DLR-Biografie

Auszug aus dem Manuskript:
Ein Kandidat bekommt keinen Einblick in die Entscheidungsprozesse, die bestimmen, wer mit wem, wann und mit welcher Mission ins All fliegt. Und dabei gibt es noch einen Faktor der Ungewissheit - die Zuteilung zum Team, das fliegt, oder zum Reserve-Team. Beide Gruppen müssen gleich hart trainieren und es ist schon einige Male passiert, dass das Reserve-Team geflogen ist, in letzter Minute. Thiele:

"Wie lange ich auf den Flug gewartet habe, ist natürlich auch wieder eine Frage, welche Perspektive man da einnimmt. Wenn man sagt, das Warten beginnt mit dem Umstand, dass man ausgewählt worden ist und man hofft dann gleich, dass es so schnell wie möglich losgeht, dann wären das ja über 12 Jahre gewesen. Aber das stimmt in dieser Form nicht. Es gibt sicherlich Phasen, wo man auch drauf wartet und sagt, es wäre jetzt eigentlich mal an der Zeit, dass man auch an die Reihe kommt. Aber man ist eigentlich stets eingebunden in Aufgaben, die entweder sehr direkt, zum Beispiel im Kontrollzentrum, oder in einen Flug eingebunden sind, oder auf die Vorbereitung eines Fluges eingebunden ist und das empfinde ich jedenfalls nicht als eine Wartezeit. Aus der heutigen Sicht ist dieser zeitliche Unterschied völlig irrelevant."

Zwölf Jahre nach der Aufnahme ins Astronautenteam flog Gerhard Thiele im Jahr 2000 mit dem Shuttle ins All - zu seinem Team gehörten Kevin Kregel, Dominic Gorie, Janet Kavandi, Janice Voss und Mamoru Mohri. Die Mission hatte die Kartografierung der Erdoberfläche mithilfe von Radarstrahlen als Ziel. Das Ergebnis sollte ein digitales, dreidimensionales Modell der Erde werden, von bisher nicht gekannter Genauigkeit. Einige Wochen oder Tage vor dem Start wird den Astronauten der NASA in Cape Canaveral oder den Kosmonauten in Baikonur erlaubt, die Bedeutung dieses Moments privat zu würdigen. Thiele:

"Dazu gehört zum Beispiel das sogenannte Night-Viewing - am Abend vor dem Start darf man 22 liebe Menschen benennen, die dann in einem Bus zur Startrampe gefahren werden und dort vielleicht 150, 200 Meter vom Shuttle entfernt stehen, das dann schon frei auf der Startrampe steht und von vielen Scheinwerfern angestrahlt wird. Das ist schon ein sehr emotionales Ereignis. Ein anderes Beispiel ist der regelmäßige Besuch im Beach-House. Es gibt im Startzentrum in Cape Canaveral am Strand ein nettes kleines Häuschen, in das man sich zurückziehen kann und wo wir auch mit unseren Familien hingegangen sind. Da gibt es dann einen schönen Grill-Nachmittag, zu dem jeder vier Freunde einladen kann, nebst der Ehefrau und diese Art der Bräuche, auf der amerikanischen Seite. Was mir auf der Russischen einfällt, das hab ich wirklich als ein Ritual empfunden. Die Crew, wenn die am Startmorgen, wenn die ihr Zimmer im Crew-Quartier verlässt, dann steht da der orthodoxe Priester und besprüht alle mit Weihwasser. Und gibt so den Segen Gottes auch für diese Mission dazu. In unserer Crew, da war das eben so, dass Kevin, unser Commander, mit Erstaunen festgestellt hat, dass ich der Science-Fiction überhaupt nicht zugewandt bin und die Star-Wars-Serie nicht kannte. Und daraufhin sagte er in einer Crewbesprechung, Gerhard kommt mir nicht an Bord, wenn er nicht vorher alle Filme gesehen hat. Und das hat die Crew so ernst genommen, dass die tatsächlich mit mir im Crew-Quartier in Florida, als wir die sieben Tage in Quarantäne waren, dass wir dort unten die drei Filme, die es damals gab, geguckt haben. Und zwar hat man da nicht den Film eingeschoben und mich hingesetzt, sondern man hat sich danebengesetzt, um zu gucken, dass ich nicht etwa rausgehe. Jetzt muss ich aber dazu sagen, ich fand dann die Geschichte durchaus spannend!"

Ein Kosmonaut, der nicht spätestens mit seiner zweiten Ernennung erfolgreich fliegt, wird auf raffinierte Weise aus dem Hauptteam ausgeschlossen, weil er angeblich ein Unglücksbringer ist. Die Ausnahme der Regel war Wladimir Georgijewitch Titow, der beim ersten Flug nach zwei Tagen zurückgerufen wurde, weil es Andockprobleme gab. Bei der zweiten ihm zugeteilten Mission explodierte beim Start ein Teil der Rakete. Wie durch ein Wunder überlebte er. Und durch ein weiteres Wunder überzeugte er seine Vorgesetzten, ihm einen weiteren Versuch zu gewähren. Letztendlich flog er ins All und es war eine der erfolgreichsten russischen Missionen - der erste Flug, der ein Jahr dauerte.

Das DLR ist das Forschungszentrum der Bundesrepublik Deutschland für Luft- und Raumfahrt.

Seine umfangreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Luftfahrt, Raumfahrt, Energie und Verkehr sind in nationale und internationale Kooperationen eingebunden. Über die eigene Forschung hinaus ist das DLR als Raumfahrtagentur im Auftrag der Bundesregierung für die Planung und Umsetzung der deutschen Raumfahrtaktivitäten zuständig.

ESA - European Space Agency
Die Europäische Weltraumorganisation ESA ist Europas Tor zum Weltraum. Sie soll die Entwicklung der europäischen Raumfahrt koordinieren und fördern - und natürlich sicherstellen, dass die diesbezüglichen Investitionen allen Europäern dauerhaften Nutzen bringen.
Die ESA: Fakten und Zahlen

Dietrich Manzey
(* 31. August 1956 in Kiel) ist ein deutscher Psychologe und Professor für Raumfahrtpsychologie an der TU Berlin.
Wikipedia-Eintrag


Liste der Raumfahrer (Wikipedia)

Auszug aus dem Manuskript:
Was zeichnet einen Raumfahrer aus? Professor Dietrich Manzey:
"Das ist eine schwierige Frage. Also zum einen ist sie deshalb schwierig, weil man sich natürlich überlegen muss, wer sollte ins All fliegen und wer fliegt tatsächlich ins All. Ich glaube, dass wir durch die Auswahl von Astronauten da eine große Übereinstimmung hinbekommen haben. Was diejenigen, die zumindest aus Europa ins All fliegen - und das sind in der Regel Wissenschaftler - am meisten auszeichnet, ist, glaube ich, ihre Neugierde, ihr Interesse an sehr unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen und auch sicherlich die Bereitschaft für diese Neugierde auch Risiken einzugehen oder für die Faszination, die der Weltraum mit sich bringt. Darüber hinaus glaube ich sind es Personen, die ja schon auch von ihrer Persönlichkeit her sehr stabil sind, die einigermaßen genau wissen, was sie gerne machen möchten und die auch durch ihren familiären Hintergrund die Flexibilität haben, die man für diesen Beruf braucht."

Ich hatte Urlaub und erholte mich am Meer, als ich an die Rezeption gerufen wurde. Mein Kommandeur war am Telefon und er sagte, ich hätte genau 30 Minuten, um zu überlegen, ob ich Kosmonaut werden wollte! Stellen Sie sich vor, wie überrascht ich war. Was sollte ich sagen? Kann man in 30 Minuten entscheiden, ob man radikal sein Leben verändern will? Nach 30 Minuten rief ich meinen Kommandeur an und sagte ihm, ich bräuchte nochmals 30 Minuten. Er willigte ein... Zum Schluss habe ich mit Ja geantwortet. - Kosmonaut Juri Iwanowitch Malentschenko -

Zu den wichtigen psychologischen Auswahlkriterien zählen: logisches Denken, technisches Verständnis, Konzentrationsfähigkeit, die Koordination mehrerer Aktivitäten, Raumgefühl, Entscheidungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeiten und die psychomotorische Koordination. Manzey:

"Ein großer Bereich, der natürlich eine Rolle spielt bei Astronauten, ist der Leistungsbereich. Ich glaube, dass wir Astronauten brauchen, die sich gerade dadurch auszeichnen, dass sie in keinem Leistungsbereich irgendeine eine Schwäche haben. Sie müssen auch nicht unbedingt in einem oder in allen Leistungsbereichen superspitze sein, also, wenn man jetzt anschaut, Wahrnehmung, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, wie geschickt ist man. Es gibt ein ganzes Leistungsspektrum, in dem sich menschliche Talente zeigen und Astronauten glaube ich, sind dann besonders geeignet, wenn sie in sehr vielen Bereichen Vieles können, also mindestens durchschnittlich sind. Es ist eben sehr selten, dass man Personen findet, die in keinem Bereich eine echte Schwäche haben."

Zu den Persönlichkeitsmerkmalen eines Raumfahrers gehören Empathie, Ausdauer, Motivation, Flexibilität, Extraversion, persönliche Wärme, Loyalität, ethische Integrität, emotionale Standfestigkeit und Sinn für Humor. Manzey:

"Der zweite große Bereich betrifft natürlich die Persönlichkeit. Das hat sich über die Jahrzehnte der Raumfahrt sicherlich geändert, man hat in der Anfangszeit eher Personen gebraucht, die tough waren, die sehr stark waren, die auch in gewisser Weise relativ dominant waren. Und mit der Verlängerung der Missionen sind zunehmend auch andere Qualitäten in den Mittelpunkt gerückt, eben sehr stark eine Teamfähigkeit, sehr stark sich auch in einem interkulturellen Umfeld sicher bewegen zu können. Und was Astronauten dabei möglicherweise am meisten auszeichnen muss, ist, dass sie sich auf sehr viele unterschiedliche Menschen einstellen können und mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen auch gleichermaßen in einen guten Arbeitskontakt kommen können."

Spacefacts bietet Daten und Porträts aus der bemannten Raumfahrt.

Quellen

Whalt Whitman: Zitat (7 Verse) aus dem Gedicht "Salut au monde" aus dem Band "Grashalme" nachgedichtet von Hans Reisiger, Diogenes Verlag, Zürich, 1985

Rainer Maria Rilke: - Zitat (8 Verse) aus "Die Sechste Elegie" und - Zitat (2 Verse) aus "Die Neunte Elegie", beides aus dem Band "Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus", Suhrkamp, Frankfurt, 1996

Vladimir Nabokov: Zitat (8 Zeilen) aus der Kurzgeschichte "La Venetiana", aus "The Stories of Vladimir Nabokov", Vintage International, New York, 1997 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

William Carlos Williams: Zitat (12 Verse) aus "Heel & Toe to the End", aus der Anthologie "Inside Outer Space", Anchor Books, New York, 1970 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Allen Ginsberg: - Zitat (6 Verse) aus "Poem Rocket", aus der Anthologie "Inside Outer Space", Anchor Books, New York, 1970 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

- Zitat (8 Verse) aus "Einsiedlerhütte im Mondschein", aus dem Band "Der Untergang Amerikas. Gedichte", Carl Hanser Verlag, München, 1975; Übersetzung: Carl Weissner

Ray Bradbury: Zitat (2 Zeilen) aus "We Are the Carpenters of an Invisible Cathedral", Vorwort zu "In the Stream of Stars. The Soviet/American Space Art Book", Workman Publishing, New York, 1990 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Ulrich Walter: Zitat (6 Zeilen) aus einem Interview/Artikel "Was bleibt, ist das Denken", in "Der Spiegel" (8/1997)

John Grunsfeld: Zitat (10 Zeilen) aus "John Grunsfeld Reports", 23.und 25.12.2001 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Brian Eno: Zitat (13 Zeilen) Text auf der Schallplattenhülle "Apollo", E.G. Records Ltd., 1983, London

George Steiner: Zitat (16 Zeilen) aus "Der Europa Mythos", Vortrag zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, Salzburg, 1994

Story Musgrave: Zitat (13 Verse) aus dem Gedicht "Nature Walk", (c) Story Musgrave, 1990 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Donna Stonecipher: Zitat (8 Verse) aus dem Gedicht "A Swan", aus "The Reservoir", The University of Georgia Press, Athens, Georgia, 2002 (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Iwona Mickiewicz: Zitat (19 Zeilen), (c) Iwona Mickiewicz, 2004

Jan Faktor: Zitate aus "Prof.Dr.Voigts Abriss-Story", aus "Die Leute trinken zu viel, kommen gleich mit Flaschen an oder melden sich gar nicht..." Gerhard Wolf Janus Press, Berlin, 1995

Miron Jakupovic, Zitat (9 Verse) aus dem Song "Ein Schritt vor dem Traum", (c) Miron Jakupovic, 1999, (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)

Kate Bush: Zitat (6 Verse) aus dem Song "Rocket Man", vom Album "Two Rooms" (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga)
(c) 1991 John Reid Enterprises Ltd., Polygram Records, Inc., New York, New York, USA / 845 750-2, (Elton John/B.Taupin)
(P)1990 Novercia Ltd., performed by Kate Bush courtesy of Sony Music and EMI Records.
David Bowie: Zitat (6 Verse) aus dem Song "Space Oddity", vom Album "Space Oddity" (Übersetzung des Zitats: Dana Ranga), LC-05064, Spectrum.


Auszug aus dem Manuskript:

In vielen Städten Osteuropas waren die Kosmonauten und ihre Raketen zu trivialen Begleitern im Alltag geworden. Sie schauten von Fassaden und Denkmälern in den Himmel und schwebten auf diese Weise aus der Sphäre der Aufmerksamkeit hinaus. Sie waren als Spielzeug und Briefmarken-Bilder beliebt, weil sie damit aus der propagandistischen Wirklichkeit wieder in die Welt der Symbole und der Fantasie zurückkehrten. Auf der anderen Seite der Welt, in den USA, gab es allerdings auch Hindernisse, die die Kommunikation zwischen Intellektuellen und Raumfahrern erschwerte: die Sensationslust der Medien, die eine restriktive Informationspolitik der NASA und eine persönliche Abschottung der Astronauten bewirkte. In einem Gedicht von 1962 entdeckte William Carlos Williams hinter dem medialen Filter den Menschen im Helden:

Carlos Williams
Gagarin sagt, verzückt,
Er hätte ewig
So weitergemacht
Er schwebte,
Aß und sang
Und als er sich löste,
Hundert und acht Minuten lang
Fort von der Erde
Lächelte er.
Dann kehrte er zurück
Und nahm seinen Platz ein
Zwischen uns anderen.


Der Schriftsteller Jan Faktor kam 1978 aus Prag nach Berlin. Hier veröffentlichte er seine Bücher mit experimenteller Lyrik und Prosa. In der Tschechoslowakei erlebte er als Kind die ersten Momente der Raumfahrt:

"Ich kann mich erinnern an die ersten großen Ereignisse wie Sputnik, Laika und Gagarin. In Prag damals, das waren Ausbrüche nationaler Freude. Die Lautsprecher auf den Straßen wurden angeworfen, plötzlich, mitten am Tag, laute Musik kam, freudige, große Marschmusik, und dann eine Stimme, Gagarin, im Weltall und alle blieben stehen auf der Straße. So viele so freudige Ereignisse gab's damals nicht, das war etwas ganz Besonderes. Die Technik war weiter als die Kommunikation über diese Dinge, und weil sich sehr viel mehr im Kopf abspielte, war das alles auch intensiver. Wenn man sich Bilder von Menschen aus dieser Zeit anguckt, das war alles Osten, das war wirtschaftlich schwierig, und ideologisch schon sehr gebrochen, trotzdem, in den Gesichtern sieht man noch Optimismus. Deswegen waren diese kleinen Lichtpunkte in der Technik solche Wegweiser. Das Gefühl war schon, es geht jetzt los."

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