Dienstag, 21. Mai 2024

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Der Taumel

Es hat immer etwas Gewichtiges an sich, wenn vom "Werk" eines Autors oder einer Autorin die Rede ist. "Das Werk", dieser Singular legt nahe: Der oder die Schreibende kreist in allen Arbeiten um eine Sache, wie facettenreich sie auch sein mag und wie variantenreich sie auch dargestellt wird. Von einem Werk wird aber auch oft gesprochen, wenn nichts mehr hinzukommt, wenn der Schreibende tot ist. Libuse Moníková wurde ´45 in Prag geboren, ging ´71 in die BRD und starb 1998, gerade zweiundfünfzigjährig. Eine tschechische Autorin, die deutsch schrieb, und zwar über die vielfältig gebrochene tschechische Geschichte und Identität. Ihre Prosa und ihre Romane, in denen Prag immer präsent ist, umkreisen Opfer- und Tätergeschichten dieses Jahrhunderts, und bei aller Realitätsnähe entfalten ihre Arbeiten immer noch eine andere Dimension, in ihnen steckt immer ein Aufbegehren, ein utopisches Potential.

Sabine Peters | 12.07.2000
    Jetzt hat der Hanser-Verlag Moníkovás letzten, unvollendeten Roman veröffentlicht. "Der Taumel" war auf etwa 400 Seiten angelegt, etwa die Hälfte davon hat die Autorin noch schreiben können, bevor sie starb. Das jetzt vorliegende, unfertigfertige Buch spielt Ende der siebziger Jahre, vor allem in Prag. Auch hier tauchen spielerisch Motive und Zitate auf, die man aus anderen Romanen kennt, "Böhmen am Meer" etwa. Das Buch ist in erster Linie ein Künstlerroman über den Maler und Kunstprofessor Jakub Brandl, der sich in seiner Existenz bedroht sieht, äußerlich und innerlich: Er ist krank, und er wird ständig von der Staatssicherheit verhört. Brandl kann nicht mehr arbeiten, Zitat, "zwischen ihm und der Welt ist ein Spalt, der nicht gekittet wird, eine Rinne, durch die der Sinn sickert, entweicht. " Der Roman beschreibt unter anderem die "Verhöre" oder "Gespräche", denen Brandl ausgesetzt ist, und er zeigt ihn als Mensch, der zwischen Bitterkeit, Resignation und Auflehnung schwankt. Er gehört nicht zu den lautstarken "Aktionskünstlern", die ihr Selbst-bewußtsein aus der eigenen Dissidenz schöpfen und dafür im Westen gerühmt werden - dabei können sie doch auch nichts gegen die Stagnation im Land tun. Brandl sagt, Zitat, "Das schlimmste ist, jedes künstlerische Versagen . . . wird nachträglich als politische Aussage interpretiert. " Brandl ist aber auch nicht einer der Künstler und Wissenschaftler, deren Vorlesungen nur privat zirkulieren und die als Tellerwäscher arbeiten; er gehört zu den "leichten Fällen". Im Romanfragment taucht mehrfach ein Motiv auf, das Widerstand gegen die Zeitläufte signalisiert: Brandl möchte die Welt anhalten. Er und diejenigen, die ihm na-hestehen, sind bis ins Taumeln verletzt von persönlicher Geschichte, die politische Geschichte ist und die bis Treblinka führt. Das Wissen der Figuren um die Ungeheuerlichkeiten des Jahrhunderts ist gleichzeitig ihre Ohnmacht. Moníková hat, vielleicht um diese Ohnmacht nicht vollständig und unangetastet stehen zu lassen, eine Gegenfigur in den "Taumel" eingeführt. Die Studentin Tereza, eine Bekannte von Brandl, hat in Mexiko einen gefangenen Leguan gerettet und mit nach Prag gebracht. Dieser "kranke Drache", der unter ihrer Pflege genest, verkörpert etwas nicht Fassbares, Ungebändigtes. Er ist wehrhaft und wird kämpfen, gegen List, Grausamkeit, Stumpfheit.

    In seinem Nachwort schreibt Michael Krüger, der "Taumel" sei ein "rigoroser Exorzismus", der für Moníková notwendig gewesen sei. Ja. Aber besteht bei der Austreibung von Dämonen nicht die Gefahr, daß die Felder "gut" und "böse" allzu klar voneinander getrennt werden? Libuse Moníková hatte, das wissen ihre Leser, immer einen herzhaften Gerechtigkeitssinn; sie sagte einmal, mit ihrem Schreiben wolle sie "eine Welt kreieren, die vielleicht eine Chance hat." Auch im "Taumel" geht es darum, so etwas wie Gerechtigkeit wiederherzustellen. Einmal ist etwa vom viel verspotteten Maler Rousseau die Rede, und da heißt es dann verteidigend, Zitat:

    "Geduldig wartete er auf den Ruhm und ließ sich von der Banalität der Dummheit um ihn herum nicht stören. " Ein andermal spricht Brandl verbittert und unwidersprochen von der "asiatischen Stumpfheit der Befreier von ´45". Ob Moníková solche Sätze in dieser Form belassen hätte, wenn sie ihren Roman hätte vollenden können? Sie kann sich jetzt nicht mehr wehren, nichts mehr richtigstellen. Und so möchte man trotz einiger Fragen an diesen ja nun unfertigen Roman festhalten: Der "Taumel" ist ein gültiger Bestandteil von Moníkovás Arbeit, er ist die Fort-schreibung ihrer "einen Sache". Wer über den "Taumel" und andere Romane hinaus einen Zugang zu dieser Autorin finden will, kann das "Rowohlt- Literaturmagazin Nr 44" lesen. Freunde, Kollegen und Literaturkritiker erinnern sich an sie und führen in ihre Arbeit ein. Jirí Grusa weist darauf hin, daß Moníková die "Westerweiterung" des Landes repräsentierte und gleichzeitig Europäerin war; ein Mensch, für den Welt und Zuhause keine Kontradiktionen waren. F. C. Delius pointiert eine Grundhaltung von Libuse Moníková, zutreffend und schön schreibt er von ihrem federnden Ernst und vernünftigen Witz. Sibylle Cramer spricht in diesem Zusammenhang von einer "humoristischen Ästhetik des Widerstandes" und entfaltet, wie Moníková zu einer kritischen Überwindung des von ihr bewunderten Franz Kafka kam; wie ihre eigenen Texte eine Art Befreiung aus dem "Starrkrampf der Melancholie" versuchten. Etwas irritierend liest sich der Beitrag von Alena Wagnerová, er wirkt unwillig, laviert hin und her in den Zuschreibungen, was Moníková nun gewesen sei, "ungezähmt", "unbeirrbar", oder "fast arrogant". Daneben finden sich dann wieder andere Dokumente und Erinnerungen, nicht zu-letzt die ihres Bruders Josef Moník. Ein Literaturmagazin kann nicht den Anspruch haben, die ganze Person und alle Facetten ihres Werks vorzustellen. Aber wer das Heft gelesen hat, wird neugierig auf die Entdeckung oder Wiederentdeckung einer Autorin, die hohe Ansprüche an sich, an ihre Arbeit, an die Zeitgenossen stellte. Vielleicht kann man auch so sagen: Libuse Moníková hat als Person und als Autorin immer nach Integrität gesucht; ihr Schreiben war einer kritischen Idee von Aufklärung verpflichtet.