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StartseiteHistorische AufnahmenIn vielen Sprachen zuhause19.03.2020

Der Tenor Nigel Rogers In vielen Sprachen zuhause

Nigel Rogers setzte seit den 1960er Jahren mit seinem virtuosen Gesangsstil neue Maßstäbe im Repertoire vom Mittelalter bis zum Barock. Legendär sind seine Interpretationen der reich ausgezierten Arie „Possente spirto“ aus Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“.

Am Mikrofon: Bernd Heyder

Eine Schallplattennadel aus nächster Nähe fotografiert. Sie fährt über die Rillen einer schwarzen Schallplatte. (imago stock&people / Panthermedia)
Von sanftem Rauschen begleitet: eine Schallplatte wird abgespielt. (imago stock&people / Panthermedia)
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Übermorgen, am 21. März, ist der Geburtstag von Johann Sebastian Bach. Am gleichen Tag kann eine regelrechte Ikone der Alte-Musik-Bewegung den 85. Geburtstag feiern: der englische Tenor Nigel Rogers. Mit seiner rhetorischen und virtuosen Gesangskunst ist er für mehrere Generationen von Interpretinnen und Interpreten stilprägend geworden, vor allem im barocken Repertoire.

Musik: Francesco Rasi
"Indarno Febo"
Nigel Rogers (Tenor)
Anthony Bailes (Chitarrone)
Colin Tilney (Cembalo)
Jordi Savall (Viola da gamba)
Pere Ros (Violone)

"Vergebens bewegen sich die verführerischen Winde, murmeln anmutige Bäche durch die schönen Wiesen – wenn ich dir ferne bin, höre ich nichts davon." So klagt hier der Liebende über seine Einsamkeit, in der Arie "Indamo Febo" von Francesco Rasi. Vermutlich hat Rasi dieses Stück für sich selbst komponiert, denn er war ein Starsänger in Italien um 1600. Für ihn schrieb beispielsweise Claudio Monteverdi die Titelpartie in seiner frühen Oper "L’Orfeo".

Archiv-Produktionen für die Deutsche Grammophon

Der Tenor Nigel Rogers hat diese Komposition, die zwischen Rezitativ und Arie changiert, 1975 für die Archiv-Produktion der Deutschen Grammophon aufgenommen. Seine Begleiter sind der Lautenist Anthony Bailes auf dem Chitarrone, Colin Tilney am Cembalo, Jordi Savall auf der Bassgambe und Pere Ros auf dem tieferen Violone. Fast nebenbei, ganz am Text orientiert, demonstriert Rogers hier seine außergewöhnliche Technik, lässt seine Stimme perlen, wenn er von "murmelnden Bächen" singt.

Der Weg zu diesem alten Repertoire begann für Nigel Rogers schon in seinem musikalischen Elternhaus in der englischen Kleinstadt Wellington. Die Mutter war dort Klavierlehrerin und unterrichtete den Sohn früh auch im Singen. Der Vater sang im Kirchenchor, und mit ihm bald auch Nigel Rogers im Sopran. Als 13-Jähriger konnte er schon anspruchsvollere Solo-Partien übernehmen, und das stimmlich und intonatorisch sehr souverän. Das belegt eine Schallplattenaufnahme des Chores von 1948 mit der englischsprachigen Urfassung von Felix Mendelssohn Bartholdys Hymne "Hör mein Bitten".

Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy
Hymne "Hear my prayer"
Nigel Rogers (Knabensopran)
Willington Parish Church Choir, Shropshire
F. Williams (Orgel)

Ein Knabensopran, der nicht dem gängigen vibratolosen Stimmideal der englischen Kathedralchöre entspricht, sondern den Klang einer Frauenstimme imitiert: so hat Nigel Rogers einmal rückblickend seine Gesangstechnik als Kind charakterisiert. In dieser Aufnahme von 1948 ist sie dokumentiert: Da singt er das Solo in Felix Mendelssohn Bartholdys Hymne "Hear my prayer" mit dem Kirchenchor seiner Heimatgemeinde Wellington.

Am Gesang hielt er auch nach dem Stimmbruch fest. Mit 18 Jahren ging er zum Musikstudium an das King’s College in Cambridge. Er war inzwischen ein fähiger Tenorsänger, wirkte als "Choral Scholar" in den Gottesdiensten des King’s College Choir mit und wurde dafür mit einem Stipendium gefördert. Der Organist Boris Ord leitete damals den Chor und wurde für Rogers zum Mentor. In der Radio-Übertragung der feierlichen "Nine Lessons and Carols" am Heiligen Abend 1954 setzt er ihn als Solist ein. In der Engelsszene aus dem Weihnachts-Oratorium von Johann Sebastian Bach singt Rogers da als 19-jähriger Student schon mit seiner krakftvoll strahlenden Stimme die Evangelisten-Partie in englischer Fassung. Neben ihm ein Knabensopran aus Cambridge, der nach dem schlanken Stimmideal der englischen Kathedralchöre ausgebildet war.

Musik: Johann Sebastian Bach
Rezitativ "And there were shepherds" aus: "Weihnachtsoratorium" BWV 248
Rodney Williams (Knabensopran)
Nigel Rogers (Tenor)
Hugh Maclean (Orgel)
Leitung: Boris Ord

Ein akustischer Rückblick auf den Heiligen Abend 1954 mit Nigel Rogers in der Evangelisten-Partie aus Bachs Weihnachts-Oratorium. Sein charakteristisches Tenortimbre, das ein Kritiker später einmal als "körnig" bezeichnen wird, hebt sich hier schon vom etwas dumpfen Orgelklang deutlich ab. Als Ziel seiner Gesangsausbildung in Cambridge hatte Rogers die großen italienischen Opernpartien vor Augen. Um diesem Ziel entscheidend näherzukommen, reiste er 1956 nach Italien. Rogers erinnert sich: "In Rom studierte ich ein Jahr lang Italienisch und Gesang bei verschiedenen Lehrern. Ich war aber nicht richtig zufrieden mit dem, was sie mit mir und aus mir machten. Also ging ich im Jahr darauf nach Mailand, doch letztlich mit demselben Ergebnis. Ich konnte mich in diese italienische Schule nicht einfinden; mir wurde klar, dass ich nicht zum italienischen Operntenor geboren war."

Nigel Rogers Weg zur Alten Musik

1959 fand Rogers an der Münchner Musikhochschule den richtigen Lehrer für seine lyrische Stimme: den Bariton Gerhard Hüsch, ein großer Liedersänger der 1930er Jahre. In München fand auch seine entscheidende Begegnung mit der Alten Musik statt. Allerdings abseits des Unterrichts bei Hüsch. Der wäre nie auf die Idee gekommen, sich mit der Vokalmusik vor Johann Sebastian Bach zu befassen. Nigel Rogers: "Er wäre darüber sehr erstaunt gewesen, um nicht zu sagen: entsetzt. Er lebte sehr viel Wert darauf, dass man sehr gutes Deutsch sang. Er achtete sehr auf die Sprache, und von ihm habe ich viel darüber gelernt, wie man Deutsch singt."

Rogers wird Mitglied im "Studio der Frühen Musik". Das Quartett, wurde 1960 in München gründet, von der Mezzosopranistin Andrea von Ramm und dem Lautenisten Thomas Binkley. Der Geiger Sterling Jones war als Fidel-Spieler-dabei. Das Ensemble hatte zunächst mittelalterliche Musik im Blick. Dann befasste es sich aber auch mit etwas jüngerem Repertoire. 1964 nahm es für das Archiv-Label der Deutschen Grammophon Lautenlieder aus dem Elisabethanischen Zeitalters von John Dowland auf. Zur dezenten Lautenbegleitung von Binkley singt Rogers dieser melancholische Musik in seiner Muttersprache weich und charmant und mit Leichtigkeit bis in die hohen Lagen.

Musik: John Dowland
"Shall I sue - Sorrow, stay"
Nigel Rogers (Tenor)
Studio der Frühen Musik

Die Aufnahme von Nigel Rogers und Thomas Binkley mit Lautenliedern von John Dowland wurde zu einem großen internationalen Erfolg. Die Musikwelt begann damals, die historische Aufführungspraxis ernstzunehmen und dem älteren Repertoire mehr Beachtung zu schenken.

Kurz darauf sang Rogers als Tenorsolist in der ersten Einspielung der Marienvesper von Claudio Monteverdi, die den Prinzipien der historischen Aufführungspraxis folgte. Dazu taten sich 1967 der Dirigent Jürgen Jürgens mit seinem Monteverdi-Chor Hamburg und der Cellist Nikolaus Harnoncourt mit seinem Concentus Musicus Wien zusammen, für die Teldec-Reihe "Das Alte Werk".

Als Harnoncourt im Jahr darauf Monteverdis erste Oper "L’Orfeo" aufnahm, war Rogers wieder dabei, allerdings nur in Nebenrollen – die Titelpartie sang Lajos Kosma. Jürgen Jürgens engagierte Rogers aber fünf Jahre später als Orfeo für die Konkurrenzaufnahme mit seinem Monteverdi-Chor und der Camerata Academica Hamburg. Rogers hatte sich inzwischen weiter in die frühbarocke solistische Gesangkunst Italiens vertieft. So war seine Stimme auch technisch bestens vorbereitet auf die anspruchsvolle Partie mit ihren vielen schnellen Passagen, Trillern und Vorhalten. Er profitierte da im Nachhinein sogar von einer Begegnung aus dem Jahr 1964. Damals hatte er auf einem Kongress in Indien Bhimsen Joshi kennengelernt, einen Sänger der klassischen Hindustanischen Musik. Aufnahmen mit Bhimsen Joshis Gesang halfen Rogers jetzt bei seinem autodidaktischen Weg zu seiner außergewöhnlich flexiblen Vokaltechnik.

Hindustanische Musik als Inspirationsquelle

Nigel Rogers: "Das ist natürlich eine vollkommen andere Art zu singen. Man darf nicht vergessen, dass indische Sänger ihre Stimme nicht auf besondere Tonschönheit hin trainieren wie in der westlichen Musik. Ihnen geht es um andere Dinge, und Beweglichkeit ist da einer der wesentlichen Aspekte. Ich merkte mir das. Ich habe das nicht erlernt, sondern nachgemacht, als ich mich in diese indischen Techniken versenkte."

Die theoretische Fundierung seiner erstaunlichen Vokaltechnik gelang Rogers Anfang der 1970er Jahre. Da war er schon als Gesangs-Dozent an die Schola Cantorum in Basel berufen worden, das führende Hochschul-Institut für Alte Musik. Hier begann er, seine Technik auch an jüngere Sängerinnen und Sänger weiterzugeben: "Ich las die Bücher erst später, als ich zum Unterrichten nach Basel an die Schola Cantorum ging. Das war eine wunderbare Gelegenheit – es gab dort eine große Musikbibliothek, eigentlich alles in einem Raum. Da forschte ich ziemlich viel in den frühen italienischen Traktaten und Gesangsnoten. Ich bestätigte also mehr oder weniger meine vorgefassten Meinungen."

Wertvolle Hinweise zur frühbarocken Verzierungspraxis finden sich auch im Erstdruck von Monteverdis "L’Orfeo", der 1608 erschien. In der zentralen Arie "Possente spirto" hat Monteverdi die Gesangspartie zweifach notiert: in einer schlichten Gerüst-Fassung und in einer reich ausgeschmückten Alternative. An der orientierte sich Nigel Rogers, wenn er die Rolle des Orfeo im Laufe seiner Karriere immer wieder sang. In dieser Arie versucht der mythische Sänger den Fährmann Charon zu bewegen, ihn über den Fluss Styx ins Totenreich zu seiner geliebten Eurydike zu bringen. Er singt hier besonders kunstvoll und gleichzeitig tief bewegend. Am schönsten dokumentiert das eine EMI-Aufnahme von 1983 aus den Londoner Abbey Road-Studios. Rogers leitet sein eigenes Vokalensemble Chiaroscuro sowie London Baroque und The London Cornett & Sackbut Ensemble. Deren Instrumentalsoli beflügeln seinen reich verzierten Gesang.

Musik: Claudio Monteverdi
Arie "Possente spirto" aus: "L’Orfeo"
Nigel Rogers (Tenor)
London Baroque
The London Cornett & Sackbut Ensemble

Mit seiner einzigartigen Interpretation der Arie "Possente spirto" von Claudio Monteverdi hat Nigel Rogers in der Titelrolle der Oper "L’Orfeo" Interpretationsgeschichte geschrieben. Als diese Aufnahme 1983 in London entstand, war er dort schon seit fünf Jahren Professor für Gesang am Royal College of Music, und er blieb das bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000. Sein Schwerpunkt blieb die historische Aufführungspraxis in der Musik des frühen 17. Jahrhunderts.

Ein kurzer Gastauftritt in Giacomo Puccinis Einakter "Il tabarro" versinnbildlicht, wie Nigel Rogers dagegen auf Abstand gegangen ist zur "großen Oper". Diese Schallplattenproduktion von Erich Leinsdorf mit dem New Philharmonia Orchestra entstand 1971. Rogers ist da nur für ein Dutzend Takte und aus der Ferne hören: gemeinsam mit Elizabeth Gale in zwei kurzen Duo-Einwürfen eines Liebespaares. Puccini hat die Partien als "Voce di Sopranino" und "Voce di Tenorino" bezeichnet: hier brauchte er also nicht die "großen" Stimmen.

Musik: Giacomo Puccini
Duo "Bocca di rosa fresca" aus: "Il tabarro"
Elizabeth Gale (Sopran)
Nigel Rogers (Tenor)
New Philharmonia Orchestra
Leitung: Erich Leinsdorf

Intensiver als dieser Abstecher in die Opernmusik von Giacomo Puccini war Nigel Rogers’ Beschäftigung mit dem romantischen Lied, das in den 1960er Jahren im Zentrum seiner Ausbildung bei Gerhard Hüsch in München gestanden hatte. Auf Schallplatte ist das dokumentiert in einer Aufnahme von 1975 mit dem Liederzyklus "Die schöne Müllerin" von Franz Schubert. Der Pianist Richard Burnett begleitet ihn hier auf einem originalen Wiener Hammerflügel von Conrad Graf aus dem Jahr 1826. Nigel Rogers: "Man möchte doch immer wissen, wie es damals war, welchen Klang der Komponist gehört hätte. Und als ich das erste Mal den Hammerflügel hörte, dachte ich sofort: Das ist genau das Richtige für meine Art zu singen und diese Musik. Es passt so perfekt zu Schubert! Besonders, weil die Klavierstimme in der Schönen Müllerin so tief liegt. Das klingt auf einem modernen Klavier so schummrig, zumindest, wenn man keinen wirklich fähigen Pianisten hat, der das überspielen kann."

Musik: Franz Schubert
"Eine Mühle seh ich blinken" und "War es also gemeint" aus: Die Schöne Müllerin D 795
Nigel Rogers (Tenor)
Richard Burnett (Graf-Fortepiano 1826)

Den Text in dieser Aufnahme artikuliert Rogers auffallend deutlich. Das brachte ihm auch Kritik ein, erinnert sich Rogers:"Ein Kritiker meiner Schubert-Aufnahme fand, dass ich zu viel Gewicht auf die Aussprache lege. Anders gesagt; es sei zu klar. Vielleicht hat er Recht. Aber klassische Lieder werden eigentlich nie so deutlich artikuliert, wie ich es gerne hätte. Es liegt in der Natur der deutschen Sprache, dass sie etwas größere Arbeit verlangt, um die Konsonanten zu bewältigen und trotzdem einen schönen Ton hervorzubringen. Im Italienischen erledigt sich die Hälfte der Arbeit von selbst."

Ersteinspielung von Bachs Matthäus-Passion unter Harnoncourt

Den sängerischen Herausforderungen deutscher Texte hat sich Rogers auch im Werk Johann Sebastian Bachs immer wieder gestellt. So gehörte er 1970 zu den Solisten einer weiteren legendären Schallplattenproduktion: der Ersteinspielung der Matthäus-Passion auf historischen Instrumenten unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt. Gut zehn Jahre später war er an einer Aufnahme von Kantaten Bachs mit der Knabenkantorei Basel und dem Linde-Consort beteiligt. Rogers singt hier die Tenor-Arie aus der Kantate "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ". Das ist eine der wenigen Arien, zu denen Bach eine Partie für solistisches Fagott geschrieben hat. Er führt es in einem Triosatz mit einer Violine und dem Generalbass. Mit seiner koloraturgewandten Stimme fügt sich Nigel Rogers in das beredte instrumentale Konzertieren vollkommen ein.

Musik: Johann Sebastian Bach
Arie "Lass mich kein Lust noch Furcht von dir" aus: Kantate "Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ" BWV 177
Nigel Rogers (Tenor)
Linde-Consort, Leitung: Hans-Martin Linde

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