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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDer Traum von Agropolis13.06.2010

Der Traum von Agropolis

Manuskript zur Sendung

Die Menschheit lebt seit 2007 überwiegend in Städten. Vor allem in den Ländern der Dritten Welt üben die Metropolen einen unwiderstehlichen Sog aus. Das wachstumsstärkste Segment unter all den Städten sind die Riesenstädte oder Megacities mit Einwohnerzahlen jenseits der fünf Millionen. Solche Bevölkerungsmassen wollen ernährt werden, und das gelingt nur mit neuartigen Konzepten.

Von Arndt Reuning

Die Megastädte der Zukunft müssen sich selbst ernähren. (AP)
Die Megastädte der Zukunft müssen sich selbst ernähren. (AP)

New York im Jahr 2030. Die Jazzbands im Central Park spielen noch immer die Bossa-Nova-Klassiker des vergangenen Jahrhunderts. Doch die Stadt hat sich verändert: Sie ist grüner geworden. Durch die Straßen rollen Elektroautos, die Stadtverwaltung hat neue Parks angelegt, die überalterten, lecken Wasserleitungen sind erneuert worden. So wie sich das Michael Bloomberg in seinem Plan aus dem Jahr 2007 ausgedacht hatte. Und mitten im Häusermeer von Queens arbeitet ein Heer von Konstrukteuren gerade am jüngsten Projekt: an einer riesigen Agrarfabrik auf engstem Raum, an einem Bauernhof mitten in der Megastadt, der wie die Wolkenkratzer in Manhattan in die Höhe wächst.

"Das Prinzip dahinter ist eigentlich ganz einfach: Man nehme ein Treibhaus mit modernster Technologie und errichte nach diesem Vorbild ein Gebäude, das dreißig Stockwerke hoch ist. Und in jedem Geschoss wachsen Nutzpflanzen in Hydrokulturen. Ein Gebäude mit der Grundfläche eines typischen Straßenblocks in New York. Das ist schon ziemlich, ziemlich groß. Aber mit den Erträgen solch einer Hochhaus-Farm könnte man 50.000 Menschen das ganze Jahr über ernähren."

Das Mega-Treibhaus in der Mega-Stadt - noch ist die Idee eine Zukunftsvision. Studien auf Papier, Computergraphiken auf der Festplatte. Der Mann hinter diesem Konzept ist der emeritierte Parasitologie-Professor Dickson Despommier von der Columbia University in New York. Zusammen mit einer Handvoll Mitarbeitern arbeitet er seit 1999 an der Idee einer "Vertikalen Farm”, die gen Himmel strebt, statt sich in der Fläche auszubreiten.

"Wir wissen, dass uns bald schon das Ackerland ausgeht. Bereits heute gibt es viele Leute, die nicht genug zu essen haben. Aber in 50 Jahren werden wir drei Milliarden Menschen zusätzlich zu ernähren haben. Zurzeit nutzen wir schon die Hälfte der weltweiten Landfläche für Ackerbau und Viehzucht. Mit drei Milliarden Menschen zusätzlich sind wir an den Grenzen dessen angekommen, was das Land hervorbringen kann. Das können wir meiner Meinung nach aber recht einfach vermeiden. Wir packen die Landwirtschaft in Hochhäuser, stellen die in der Stadt auf und lassen das Land draußen brach liegen."

Ein Bauer muss sein Feld pflügen, die Saat ausbringen, die Pflanzen düngen, eventuell bewässern und gegen Schädlinge schützen. All das verbraucht viel Energie und Wasser. Pestizide und Düngemittel gelangen in die Umwelt. Ganz am Ende erntet der Landwirt die Früchte seiner Arbeit und transportiert sie möglicherweise über weite Strecken zu seinem Abnehmer. Farmen in Hochhäusern würden Obst und Gemüse dort wachsen lassen, wo sie auch verbraucht werden: in den urbanen Zentren – das ganze Jahr über, nahezu unbehelligt von äußeren Einflüssen. Schädlinge und Krankheiten, Unwetter und Trockenheit könnten den Pflanzen nichts anhaben. Die Technologie für diese vertikalen Bauernhöfe existiere bereits, sagt der Visionär Dickson Despommier.

"Ich möchte Sie einladen zu einer imaginären Tour durch meine vertikale Farm – so wie ich sie mir in meinen Träumen vorstelle. Zunächst einmal: Sie besteht nicht nur aus einem einzigen Gebäude. Denn vor dem Ernten kommt das Säen. Und die Samen müssen frei sein von Pflanzenkrankheiten. Das müssen wir untersuchen. Nicht in der Farm selbst, sondern in einem Labor in der Nähe. Da gehen wir jetzt also zuerst hin. Ich zeige Ihnen den Weg. Aber ich fürchte, Sie werden Ihre Kleidung wechseln müssen, um keine Krankheitserreger einzuschleppen. Und vielleicht sollten Sie sicherheitshalber sogar vorher duschen."

Das mikrobiologische Labor in der Vorstellung des Professors erinnert an eine hoch technologisierte Küche. Die Analysegeräte für die DNA-Tests könnten genauso gut Brotback-Automaten sein. Und auch die nächsten beiden Räume sehen nicht viel anders aus. In dem einen werden die Inhaltsstoffe der Pflanzen überwacht, in dem zweiten werden die Nährstofflösungen vorbereitet – maßgeschneidert für jede Pflanzenart.

"Da drüben in den Gefäßen haben wir das alles stehen. Das da ist die Nährstofflösung für Kohl, diese ist für Mais und da hinten die für Weizen. Eine für Karotten und eine für Rüben. Ach, ich könnt’ endlos so weiter machen."

Das Gebäude selbst hat die Form eines riesigen Zylinders, weil es so am meisten Licht einfangen kann. Die Fassade ist komplett verglast und mit einem selbstreinigenden Material beschichtet. Innen wachsen Obst, Gemüse und Getreide. Die meisten Pflanzen wurzeln in dem Substrat einer Hydrokultur, aus dem sie auch ihre Nährstofflösung beziehen. In einem großen Kreislauf wird die Flüssigkeit durch die Treibhäuser gepumpt und später wieder aufbereitet. Dickson Despommier:

"Ich kenne ja die Vorbehalte, die die Leute gegen Treibhaus-Gemüse haben: Dass es einfach keinen Geschmack hat, besonders die Tomaten nicht. Ich weiß auch nicht, warum immer gerade über die Tomaten gemeckert wird. Aber ich möchte Ihnen jetzt erklären, wie ich in meiner vertikalen Farm den Tomaten zu einem guten Geschmack verhelfe. Zwei Tage vor der Ernte drosseln wir ihre Wasserzufuhr. Haben Sie eine Idee, was dann passiert? Die Tomaten schrumpfen ein wenig. Sie enthalten dann weniger Wasser. Und dadurch steigt die Konzentration des Zuckers in der Pflanze. Und auch andere Inhaltsstoffe, die Flavonoide, schmecken dann einfach besser."

Wasser, das über die Blätter der Pflanzen verdunstet, schlägt sich an kalten Rohren nieder und kann in den Kreislauf zurückströmen. Leuchtdioden bestrahlen die Pflanzen, auch wenn das natürliche Licht mal nicht ausreicht. Die Energie für die Lampen, für die Pumpen und die Klimaanlage kommt aus erneuerbaren Quelle: Von Windrädern und Solarzellen auf dem Dach des Gebäudes und aus Biomasse-Öfen im Kellergeschoss. Despommier:

"Aber zurück zu unserer Führung. Denn auf eines möchte ich Sie noch aufmerksam machen: Wie gut es hier riecht. Atmen Sie mal tief ein! Wunderbar, nicht wahr? Und warum? Weil die Luft sehr reich an Sauerstoff. Die Pflanzen absorbieren das Kohlendioxid, das wir ausatmen, und geben Sauerstoff als Nebenprodukt ab. Ist das nicht ein schöner Platz zum Arbeiten? Jedes mal wenn man ausatmet, sagt die Pflanze: Dankeschön."

Ein schöner Arbeitsplatz, der aber bisher nur in der Fantasie des Hochschullehrers existiert. Ob aus der Vision Realität wird, bezweifeln einige Experten. Unter ihnen der Umwelt- und Klimaexperte Lester Brown vom Earth Policy Institute in Washington.

"Auf ein begrenztes Stück Land fällt eben nur eine bestimmte Menge Sonnenlicht. Das kann man nutzen, indem man dort Pflanzen anbaut oder eben jene mehrstöckigen Treibhäuser errichtet. Aber diese Gebäude nehmen den umliegenden Arealen das Licht weg. Sie werfen einen Schatten. Mehrere von ihnen am selben Fleck verdunkeln sich gegenseitig. Der Gedanke, man könne die Ernte deutlich erhöhen, indem diese vertikalen Strukturen baut, der hat keine wissenschaftliche Grundlage."

Die Befürworter der Mega-Treibhäuser glauben, dass Sonne, Wind und Biomasse genug Energie liefern können, um die Pflanzen mit künstlichem Licht zu bestrahlen. Aber vielleicht brauchen die städtischen Landwirte solche technischen Lösungen überhaupt nicht. Brown:

"Zurzeit entstehen viele Initiativen, die sich mit der urbanen Landwirtschaft beschäftigen. Das können Menschen sein, die einen Nachbarschaftsgarten in einem Hinterhof anlegen oder auch einen Dachgarten. Wir erkennen, dass gerade frisches Obst und Gemüse auf einer relativ kleinen Fläche in bedeutenden Mengen erzeugt werden können – und das kann ein bedeutender Beitrag sein zur Versorgung einer Stadt mit Lebensmitteln."

Gerade Gebäudedächer stehen oft als ungenutzte Fläche zur Verfügung. Wie man dort in konventionellen Treibhäusern Nutzpflanzen anbauen kann, das will der Verein Groundwork Hudson Valley zeigen – mit einer Demonstration der besonderen Art, der Science Barge, übersetzt etwa: Wissenschaftskahn.

"Ein gutes Stück nördlich von New York. Vom historischen Bahnhof in Yonkers ist es nur ein Katzensprung zum Hudson River, wo die "Science Barge" ankert. Am Flussufer gegenüber erheben sich die gewaltigen Felsklippen der New Jersey Palisades, im Süden zeichnet sich am dunstigen Horizont die Skyline von Manhattan ab. Die Barge selbst ist ein schlichter Ponton. Die vordere Hälfte beherbergt zwei Solarmodule und einen umfunktionierten Transportcontainer mit einer Reihe von Windrädern darauf. Auf dem hinteren Teil stehen zwei Treibhäuser."

Die "Science Barge" wurde von der Firma New York Sunworks konstruiert und gebaut. Sie ist eine kleine, schwimmende Agrarfabrik. Sie arbeitet vollkommen unabhängig vom Stromnetz und der Wasserversorgung. "Groundwork Hudson Valley" benutzt den Kahn, um Schulklassen und anderen Interessierten die Idee der urbanen Landwirtschaft nahe zu bringen, erklärt die Mitarbeiterin Devon Spencer.

"Wir möchten, dass die Menschen, die hier vor Ort wohnen, an Bord kommen und sich begeistern lassen. Wir möchten ihnen eine Vision von der Zukunft bieten, in der solche Treibhäuser wie diese hier überall auf den Hausdächern stehen. Ich bitte unsere Besucher immer, ihre Augen zu schließen und sich das einmal vorzustellen: Sie gehen einkaufen bei ihrem Lebensmittelhändler, und der hat eine Farm auf seinem Dach stehen. Die Kunden fahren mit dem Aufzug hoch, pflücken die frischen Früchte, die ihnen gefallen, fahren dann wieder runter, bezahlen und gehen nach Hause. Das Obst und Gemüse wäre sehr viel frischer als im Supermarkt, und weil die Waren nicht über weite Strecken transportiert werden müssen, reduziert das auch die Luftverschmutzung."

Die junge Frau leitet das Bildungsprogramm auf dem Wissenschaftskahn. Täglich kommen Schulklassen vorbei, um über Pflanzenzucht und Nachhaltigkeit zu lernen. Das ist der Hauptzweck des Projekts. Die geernteten Pflanzen werden unentgeltlich an eine Kirchengemeinde abgegeben, die sie dann an bedürftige Familien weiter verteilt. Eine frische Brise lässt plötzlich die Windräder anspringen. Ein Sportboot gleitet auf dem Hudson vorbei. Devon Spencer geht hinüber zu dem Treibhaus. Davor stehen einige Kunststofftonnen. Einen der Deckel hebt sie ab und steckt ihre Hand in die Masse aus halb verrotteten Pflanzenresten und Holzschnitzeln.

"Das sind unsere Würmer. Sie sind ein wenig lichtscheu, deshalb sehen wir jetzt keine. Aber wenn ich jetzt ein wenig im Kompost wühle, dann finde ich gleich welche. Die Würmer ernähren sich von Pflanzenresten. Mit Bakterien zusammen können sie uns auf der Science Barge mit Erdboden versorgen. Darin lassen wir unsere Pflanzen wachsen, hier draußen. In den Treibhäusern benutzen wir gar keine Erde."

Dann betritt die Gartenexpertin das Treibhaus und tritt an einen Tisch, auf dem in akkuraten Reihen junge Pflänzchen sprießen. Spencer:

"Hier das ist der Tisch, wo wir unsere Setzlinge ziehen – in Mineralwolle. Die fühlt sich wie ein Schwamm an und kann eine Menge Wasser speichern. Wenn die Pflänzchen hier groß genug sind, setzen wir sie in eine andere Kultur um. In das Aquaponik-System oder in unseren Pflanzturm oder in die Hydrokulturen in den großen Eimern. Das sind dann meistens Kletterpflanzen. Tomaten oder Melonen. Ansonsten haben wir hier eher Kräuter, Salat und Blattgemüse. Basilikum, Pok Choi, Römersalat, Eichblattsalat und Mangold. Die können wir alle zwei Wochen ernten."

Gegenüber dem Setzling-Tisch steht eine Art Regal. Auf den oberen Brettern wachsen in flachen Schalen größere Pflanzen, vor allem Salat und verschiedene Kräuter. Unten im Regal ist eine große, mit Wasser gefüllte Wanne verankert. Fische schwimmen darin herum. Devon Spencer:

"Hier im Treibhaus steht unser Aquaponik-System, wo die Fische Nährstoffe für unsere Pflanzen liefern. Das ist ein Kreislaufsystem. Die Fische füttern wir mit den Würmern aus dem Kompost. Die Fische scheiden wertvolle Nährstoffe ins Wasser ab. Das Wasser mit dem natürlichen Dünger pumpen wir zu den Pflanzen hoch, die im Gegenzug das Wasser wieder für die Fische reinigen. Eine eindrückliche Demonstration für eine symbiotische Gemeinschaft aus Tier und Pflanze. Würden wir diese Farm hier kommerziell betreiben, würden wir das Gemüse und auch die Fische verkaufen. Aber uns geht es ja nur ums Prinzip, deshalb halten wir Goldfische. Die essen wir lieber nicht."

An der Fensterfront stehen Türme aus würfelförmigen Kunststoff-Töpfen, gefüllt mit einem Granulat. Sie sind versetzt aufeinandergestapelt, so dass aus den Ecken verschiedene Kräuter sprießen können.

"Das ist unser Pflanzturm, das Verti-gro-System. In den Töpfen wachsen Basilikum, Mangold und Schnittlauch. Damit wollen wir zeigen, dass wir auch in die Höhe gehen können. Auf einer städtischen Farm muss man mit einer kleinen Grundfläche auskommen, besonders wenn man Pflanzen auf Hausdächern anbaut. Mit dieser Methode nutzen wir den Raum besser aus, als wenn wir die Pflanzen in Reihen nebeneinander setzen würden. Stattdessen stapeln wir sie übereinander."

In den beiden Ecken des Treibhauses steht je ein großer, blauer Stahltank. Von dort laufen Rohre zu den verschiedenen Pflanzenkulturen.

"Wir haben unseren Wasserverbrauch drastisch gesenkt, weil wir das Wasser immer wiederverwenden. Das Wasser fließt im Kreis durch unsere Hydrokulturen. Wir versuchen, möglichst sorgsam mit diesem Rohstoff umzugehen. Denn das einzige Wasser, das wir hier haben, ist der Regen. Wir sammeln ihn ein und speichern ihn in diesen Tanks dort. Wenn das nicht reicht, müssen wir das schmutzige Wasser aus dem Hudson reinigen – mit Umkehrosmose. Dazu braucht man Pumpen, die verschlingen viel Energie. Wir müssen dann extra unser Stromaggregat anwerfen, das läuft mit Biodiesel. Also versuchen wir, soviel Wasser zu sparen, wie wir nur können. Damit wir mit dem Regenwasser auskommen."

Die Science Barge versammelt die verschiedenen Elemente, mit denen sich auch New Yorks Dächer begrünen ließen: Hydrokulturen, Treibhaustechnik, erneuerbare Energien und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. Ob sich das Konzept tatsächlich in ein tragfähiges Geschäftsmodell umsetzen lässt, damit beschäftigen sich die Konstrukteure des schwimmenden Gartens.

Manhattan an der 23. Straße. Ein Strom gelber Taxis fließt am Madison Square Park vorbei. Schräg gegenüber, im spitzen Winkel zwischen fünfter Avenue und Broadway, steht das berühmte Flatiron Building – in Form eines Tortenstücks. Sein dreieckiger Grundriss nutzt das schmale Grundstück optimal aus. Nur einen Straßenblock weiter südlich tüfteln die Mitarbeiter von New York Sun Works an einer ähnlichen Herausforderung: Wie lassen sich die Dächer der Stadt begrünen, so dass möglichst viele Menschen davon profitieren und so dass dabei möglichst wenig Kohlendioxid freigesetzt wird. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner BrightFarm Systems entwerfen sie Treibhäuser, die auf Dächern von Gebäuden errichtet werden und einen Teil der Abwärme nutzen, die sonst ungenutzt verloren ginge. Zu ihren Kunden gehören die Besitzer von Mietshäusern, Schulen und Supermärkten, erklärt Benjamin Linsley, der Pressesprecher der Firma.

"Viele Supermärkte in den USA interessieren sich sehr für unsere Arbeit. Sie verfügen über große Gebäude, sie verkaufen Gemüse und sie machen sich Gedanken darüber, wie ihr Geschäft die Umwelt beeinflusst. Also sagen wir den Supermarktketten: Schaut mal, wo eure größeren Gebäude mit Flachdach stehen, und wir sehen uns an, wie diese Gebäude mit ihrer Energie umgehen und ob man ein Teil davon nutzen kann, um ein Treibhaus auf dem Dach zu unterhalten."

Die Grundfläche des Gebäudes entscheidet darüber, ob sich das Treibhaus rentiert. Denn Farmen auf Dächern sind deutlich teurer als solche auf dem Erdboden. Der größte Batzen steckt in den Baukosten. Der Quadratmeterpreis ist jedoch umso günstiger, je größer das zu errichtende Treibhaus ist. Zu kleine Anlagen lohnen sich daher nicht. Aber auch der Standort ist entscheidend. Linsley:

"Als Landwirt in der Stadt hat man auch Vorteile. Die Wege für den Transport zum Kunden sind sehr viel kürzer, man muss nicht auch noch einen Spediteur bezahlen. Und man kann höhere Preise verlangen. In New York zum Beispiel ist frisches Gemüse sehr teuer, das heißt solch ein Treibhaus produziert sehr wertvolle Handelsgüter."

Lukrativ könnte es auch sein, die Pflanzen in bereits bestehende Gebäude zu integrieren. New York Sun Works und BrightFarm Systems haben dafür ein Konzept entworfen: eine vertikale Anordnung von Hydrokulturen, die in doppelt verglasten Fassaden von Hochhäusern Platz findet. Die Pflanzen ankern dabei in langen, wasserdurchströmten Plastikschienen. Die Schienen können wie Lamellen einer Jalousie zwischen den Glasscheiben herunter gelassen werden – und das über die ganze Höhe des Gebäudes. Solch ein hängender Garten in der Glasfassade wäre zwar bei weitem nicht so ertragreich wie die mehrstöckigen Treibhaus-Farmen, die Dickson Despommier sich erträumt, käme aber ohne künstliche Beleuchtung aus. Wenn ein vertikales Konzept eine Zukunft hat, dann das des Fassadenbauernhofs, meint Benjamin Linsley. Despommiers Idee dagegen sieht er eher kritisch.

"Das ist zwar sehr inspirierend, ein großartiges Konzept. Es zeigt, was mit der entsprechenden Technologie alles möglich ist und wo im Moment die Probleme unserer Agrarindustrie liegen: Landnutzung, Ökologie und Klimawandel. Aber das Konzept ist noch nicht so weit gediehen, dass es sich im Moment verwirklichen ließe. Das ist das Problem mit der künstlichen Beleuchtung. Dafür geht ziemlich viel Energie drauf. Uns ist es wichtig, dass wir nachhaltige Systeme bauen. Wenn man den Energieverbrauch solch eines Treibhauses stark nach oben treibt, dann sollte man aber auch erklären können, woher diese Energie stammen soll. Und solange wir das nicht wissen, ist es unserer Meinung nach nicht besonders klug, eine Hochhausfarm zu konstruieren, die riesige Mengen an Energie verbraucht."

Vertikale Farmen im Wolkenkratzer oder blühende Landschaften über den Dächern von New York – für beide Konzepte wird es wohl noch ein Weilchen dauern, bis sie Wirklichkeit werden. Aber vielleicht müssen Tomaten auch nicht unbedingt mitten in Manhattan wachsen. Leerstehende Fabrikgebäude oder ungenutzte Grundstücke am Rand der Stadt oder im Umland bieten sich genauso an. Landwirtschaftliche Produkte legen in den USA durchschnittliche eine Strecke von 2500 Kilometern zurück, bevor sie bei den Verbrauchern auf dem Teller landen. Das entspricht fast der Strecke von Chicago nach Mexiko-Stadt. Viel wäre also schon gewonnen, wenn sich diese Distanz deutlich verkürzen ließe. Ein Unternehmer, der das versucht, ist Will Allen – ein Pionier der urbanen Landwirtschaft in den USA. Auf den städtischen Bauernhöfen seiner Firma "Growing Power" wachsen die Bäume zwar nicht in den Himmel, aber erfolgreich ist das Konzept trotzdem. Ein eher schlichtes Gewächshaus: Plastikfolie, über gebogene Metallstangen gespannt. Eine große Schar Hühner wärmt die Luft unter der Plane – und die Pflanzen in einem abgetrennten Teil der zeltartigen Konstruktion. Es riecht nach Ammoniak.

"Wir haben über 200 Hühner hier drinnen. Wir füttern sie mit Salat und Körnern. Das meiste Grünzeug bekommen wir von Großhändlern und von Lebensmittelhändlern. Es ist abgelaufen, aber das heißt ja nicht, dass es verdorben ist. Vor allem nicht für die Hühner."

Jordan Stone, ein junger Mann mit rotem Vollbart und einer sportlichen Sonnenbrille auf der Nase, führt ein kleines Besuchergrüppchen über das Gelände von Growing Power. Das Gelände liegt am Rande der Stadt, an einer vielbefahrenen Straße. Eine Gegend mit Wohnhäusern, hier und da eine Tankstelle, ein Fast-Food-Restaurant oder ein Schnapsladen. Auf der Farm steht ein Treibhaus neben dem anderen. Auf dem hinteren Teil des Geländes dösen die Ziegen in der Nachmittagssonne. Eine kleine Herde, hinter einem hölzernen Zaun. Ein kleines Stück weiter stehen fünf Bienenstöcke.

"Da haben wir sie, unsere Ziegen. Was hier so streng riecht, das ist Oakley, unser netter, stinkender Ziegenbock. Was hier noch so alles rumliegt, das ist zum großen Teil sein Werk. Die Ziegen geben uns vier Dinge. Können Sie sich vorstellen, was das ist? Ja, Dünger, der große Haufen dort hinten. Zweitens Milch und Käse. Drittens Fleisch und viertens? Weiß es jemand? Sie machen einfach Spaß. Sie gehören mit zum Farm-Erlebnis. Es gibt in der Stadt Menschen, die haben noch nie in ihrem Leben eine Ziege gesehen. Und das ist schon ein Wert an sich, dass sie das mal so nah an ihrem Wohnort erleben."

Growing Power ist eine Organisation, die zum einen eine nachhaltige Form von Landwirtschaft in einer städtischen Umgebung erproben möchte. Andererseits geht es ihnen darum, die Gemeinschaft der Menschen vor Ort zu stärken. In den Wohngebieten rund um die Farm leben viele Familien mit geringem Einkommen, bei denen oft Fastfood auf dem Tisch steht. Hier müssen die Mitarbeiter oft Überzeugungsarbeit leisten, dass eine gesunde Ernährung zu vernünftigen Preisen möglich ist. Was auf der Farm geerntet wird, verkauft Growing Power in einem kleinen Ladenlokal auf dem Gelände. Mittlerweile haben Jordan Stone und seine Besucher eines der großen gläsernen Treibhäuser betreten. In einer Ecke bündeln zwei Mitarbeiter gerade ein paar Zweige Kräuter.

"Hier in diesem Bereich arbeitet unser Team, das die Produkte reinigt. Sie ernten die Pflanzen, bringen sie hier rein, waschen sie in diesen Waschbecken dort, verpacken sie und machen sie für den Transport fertig. Aber bevor es soweit ist, müssen wir uns der vielleicht größten Herausforderung stellen, welche die urbane Landwirtschaft kennt, vom Platzproblem mal abgesehen. Wo bekommen wir gute Erde her? Entweder gibt es sie nicht, weil das Grundstück bebaut ist oder vorher ein Parkplatz war. Oder der Boden ist mit Umweltgiften verseucht. Also müssen wir unsere Erde selbst herstellen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Wir kompostieren daher im großen Maßstab."

Im Grunde genommen funktioniert das genauso wie auf der Science Barge in Yonkers: Würmer und Bakterien zersetzen Holz- und andere Pflanzenreste. Growing Power lässt sich den Großteil seines Kompostmaterials von den vielen lokalen Brauereien anliefern: Biertreber, die ausgelaugten Malzrückstände. Eine spezielle Aufzuchtstation sorgt für regelmäßigen Nachschub bei den Würmern. Die fruchtbare Erde wird in die niedrigen, zeltartigen Treibhäuser gekarrt. In den hohen, gläsernen Gewächshäusern stehen zusätzlich mehrstöckige Aquaponik-Systeme. Die Fischbecken sind in den Boden eingelassen. Jordan greift nach einem Kescher und zieht ihn durch das Wasser.

"Wir züchten hier Tilapia. Die sind sehr beliebt in der Aquaponik, denn sie sind sehr widerstandsfähig. Allerdings: Tilapia sind Warmwasser-Fische, das heißt, wir müssen das Becken heizen."

Growing Power unterhält noch weitere städtische Farmen und Gemeinschaftsgärten im Großraum Chicago und Milwaukee. Trotzdem gibt Jordan Stone zu bedenken, dass der Wirkungsradius der Organisation begrenzt bleibt.

"Wir alleine können gar keine nachhaltige Rundum-Versorgung gewährleisten. Wir können nicht alle Menschen hier in diesem Viertel mit allen Lebensmitteln versorgen. Wir züchten hier vor allem Salatvarietäten, Blattgemüse, Tomaten und Fische. Wir haben Eier und Honig, das war’s. Wir sind ein Teil der Lösung, aber wird sind nicht die komplette Lösung."

Der Samen ist gelegt für eine nachhaltige städtische Landwirtschaft. Und auch Dickson Despommier ist davon überzeugt, dass seine visionäre Idee von den gigantischen Hochhausfarmen schon bald Früchte tragen wird – wenn auch vielleicht nicht in den USA.

"Bisher hat mein Projekt nur sehr wenige negative Kommentare erhalten. Und wenn, dann ging es meistens um Fragen der Finanzierung. Und wenn es um den Energieverbrauch geht, diese Fragen lassen sich alle lösen. Woher soll das Licht kommen? Wir können Spiegel benutzen, um das Licht nach innen zu lenken, und Faseroptiken. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, mit den Fragen von Licht und Energie umzugehen. Es kommt auch auf den Standort an. Der Nahe Osten wäre ein großartiger Platz. Ein Stückchen außerhalb einer Stadt könnte man solch ein Gewächshaus fünf Meilen lang bauen, drei Stockwerke hoch. Und schon hat man eine vertikale Farm. Das gilt noch. Und man kann Lebensmittel für ganz Dubai darin erzeugen. Also, wenn da Geld dort für solch ein Projekt bereit steht und die das haben möchten, dann werden sie mit dem Finger schnipsen. Und tatsächlich, im Moment höre ich genau das – Fingerschnipsen."

"Fingers that are going like this: Make me one! No, no, make me one. Make me one, make me one."

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