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Der unsichtbare Dritte: Der Weg des Donezker Oligarchen Rinat Achmetov nach Kiew

Viele internationale Fachleute messen dieser Präsidentschaftswahl eine größere Bedeutung bei, als den vorangegangenen Wahlen. Denn von dieser Wahl, so heißt es, hängt der künftige Kurs der Ukraine ab. Ob sie sich weiter entwickelt als unabhängiger, demokratischer Staat oder ob sie zurückfällt in den Status eines russischen Satelliten.

Von Andrea Rehmsmeier |
    An dieser Polarisierung ist auch der derzeitige Amtsinhaber Leonid Kutschmar nicht unschuldig. Er tritt zwar nicht mehr an, er unterstützt jedoch die Kandidatur des jetzigen Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch. Janukowitsch gilt ebenso wie Kustschma selbst als russland-orientiert.
    Der pro-europäische Präsidentschaftkandidat Viktor Juschtschenko strebt marktwirtschaftliche Reformen und Demokratie an. Juschtschenko hat der Korruption im Land den Kampf erklärt und will den Monopolcharakter der ukrainischen Wirtschaft abbauen. Denn in der Ukraine werden viele Personalentscheidungen und Gesetzesentwürfe erst vor dem Hintergund der wahren Machtstrukturen deutlich: Filz, Klientelwirtschaft und Korruption.

    Die Oligarchen sind in der Ukraine viel mächtiger als die Politiker. Einer von ihnen ist Rinat Achmetov: Er ist einer der reichsten ukrainischen Unternehmer, sein Clan herrscht im Osten des Landes: im Donbass. Dort scheint er die Fäden in der Hand zu halten - internationale Beobachter meinen auch die, an denen der Präsidentschaftskandidat Janukowitsch hängt.

    Nach Umfragen ist die Hälfte der Bevölkerung der Überzeugung, dass die Wahl manipuliert wird. Und Wahlmanipulation findet auf vielen Ebenen statt:

    ATMO FANGEJOHLE BEIM FUßBALLSPIEL "SCHACHTJOR - SCHACHTJOR!

    Ein Großereignis, dem die Donezker seit Jahren entgegengefiebert haben: Die großen Mannschaften des europäischen Fußball kämpfen um den Europapokal, und Schachtjor Donezk ist dabei: Der Fußball-Club steht im Guppenspiel zur Champions League, sein Gegner heißt AC Mailand.

    Unter den Fans herrscht Zweckoptimismus angesichts des übermächtigen Gegners: 2:0 – 2:1 – 1:1 lauten die Tipps. Das Spiel ist seit Wochen ausverkauft. Hunderte stehen ratlos vor der geschlossenen Abendkasse und warten auf ein Wunder. Und das wird wahr: Kurz vor Spielbeginn geben die Ordner Eingänge ins Stadion frei – Der Eintritt ist frei, willkommen bei Schachtjor! Die Fürsorge des Fußball-Clubs für seine Fans ist legendär, und die sind begeistert.

    Kennen Sie Achmétov, unseren Fußball-Club-Präsidenten? Er finanziert den Club, und er zahlt die Karten für die Fans. Aber die Details sind nicht für die Presse!

    Oh-oh, ja, wir haben einen wunderbaren Präsidenten. Haben Sie gehört, dass er uns 2007 ein neues Fußball-Stadion bauen will? Ein Super-Stadion, nicht schlechter als die der großen Fußballclubs in Europa – besser sogar.

    Rinat Achmétov – im Donbass klingt der Name wie ein Paukenschlag. Von den Rängen aus kann man ihn auf der Ehrentribüne sitzen sehen: Ein junger Mann - unscheinbar, fast jungenhaft. Aber er gilt als der reichste Mann der Ukraine, sein Privatvermögen wird auf knapp 2 Milliarden Dollar geschätzt. Ein Fußball-Präsident der Superlative: Unter seiner finanzkräftigen Führung wird die Ukraine ihren Platz unter den großen europäischen Fußballnationen zurückerobern, heißt es. Für 200 Millionen Euro will er der Stadt Donezk ein neues Stadion spendieren, und jetzt, während der Champions-League, freuen sich hunderte Fans über einen vollfinanzierten Kurzurlaub bei den Rückspielen in Mailand und Barcelona. Die Nachwuchsförderung des Clubs gilt europaweit als vorbildlich. Die Besten werden in einem Fußball-Internat auf ihre Karriere bei Schachtjor vorbereitet – alles auf Achmétovs Privatkosten, versteht sich. Da ist es kein Wunder, dass der Internatsdirektor ins Schwärmen gerät:

    Dieser Mann liebt den Fußball über alles! Er träumt von der Europameisterschaft! Die Menschen im Donbass leben doch nur für den Fußball, es ist der helle Wahnsinn! Und die Siege von Schachtjor – die sind bei uns ein Symbol. Für den Aufstieg unserer Region. Achmétov ist ja auch ein echter Wohltäter: Donezk ist eine so schöne Stadt geworden in den vergangenen Jahren! Er sorgt dafür, dass die Leute besser und besser leben, und dafür lieben sie ihn. Gebe Gott ihm Gesundheit und ein 100-jähriges Leben!

    Fußball und Wirtschaftsleben scheinen in Donezk untrennbar verwoben: Für beide geht es aufwärts. Den Eindruck machen wenigstens die elegant gekleideten Pärchen, die in den zahlreichen Straßencafes der Innenstadt sitzen und an ihren Cappucinos nippen. Das liegt an Achmétov, heißt es in der Eigenwerbung des Fußball-Clubs. Die Donzker aber fürchten ihn: Man nennt ihn "Chosjain" – den Hausherren, und den Donbass "SEIN Imperium". Achmétovs kometenhafter Aufstieg begann 1995 – natürlich mit einem Fußballspiel. Damals wurde der alte Schachtjor-Präsident auf der Ehrentribüne von einer Bombe zerfetzt – er war gleichzeitig der Chef des "Donezker Clans", einem Netzwerk aus Schutzgeld-Erpressern, Wirtschaftsbossen und korrupten Funktionären. Der junge Nachfolger stellte seine zweifelhaften Errungenschaften bald in den Schatten. Die Gerüchte über Achmétovs erste Jahre sind so widersprüchlich wie furchteinflößend. Seine Methoden galten als brutal und höchst effektiv – bis er sich vom Ober-Mafioso in einen ehrenwerten Stadtmäzen verwandelte. Das weiß niemand besser als der Verleger Leonid Tsodikov, dessen modernes Medienhaus unweit des Stadtzentrums liegt. Ende der 90-er hatte Tsodikov eine vielversprechende Wochenzeitung auf den Markt gebracht.

    Er hat mir ein Angebot gemacht. Auch Rinat Achmétov baute damals ein Medienunternehmen auf. Es ging um Geld für mich und meine Familie, ich persönlich habe profitiert. Viele haben mich damals beschuldigt, dass ich meine journalistische Unabhängigkeit den Oligarchen verkauft habe. Aber heute sehe ich, dass es richtig war. Ich bekam die Leitung einer großen Kiewer Tageszeitung, wir investierten in moderne Technologie. Jetzt geht die Entwicklung erst richtig los.
    Achmétovs Geschäfte gingen richtig los, als der Donbass 1997 einen neuen Gouverneur bekam: Viktor Janukóvitsch. Seitdem erhält er exklusive Quoten und Lizenzen, und die Antimonopol-Kommission macht keinen Ärger mehr. Staatsunternehmer geraten zu Vorzugspreisen unter die Fittiche von Achmétovs Holding. Janukóvitsch profitierte ebenfalls von der strategischen Allianz mit dem einflussreichen Oligarchen. Der zweifach vorbestrafte Ingenieur legte eine glänzende politische Karriere hin: Vom Gouverneur zum Premierminister, und nun zum aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten. Schon behaupten böse Zungen, Janukóvitsch sei Achmétovs langer Arm in dem Kiewer Staatshaushalt. Gegen diesen Verdacht verteidigt der Verleger Tsodikov seinen Chef:

    Was heißt hier, hinter Janukóvitsch steht Achmétov? Sie haben gemeinsame Interessen, das ist keine Geheimnis. Aber daran kann ich nichts Schlimmes finden! Die Investitionen zeigen doch, dass Achmétov ein tüchtiger Unternehmer ist – so sehen unsere Zeitungen das.

    Rinat Achmétov – noch genießt den Heimvorteil beim ukrainischen Premierminister, wenigstens bis zur Wahl. Beim Champions-League-Spiel im Donezker Stadion nützte ihm DER übrigens nichts: Nach einem spannenden Spiel unterlag Schachtjor gegen den AC Mailand mit 0:1.