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Der verfluchte Mensch

Robert Schumanns Stück "Das Paradies und die Peri" changiert zwischen Gattungen und Genres. Weder echtes Oratorium noch reine Oper, wird es eher selten gespielt. Die Peri ist ein Fabelwesen aus der persischen Sagenwelt. Die Textvorlage stammt aus Thomas Moores Dichtung "Lalla Rookh". Joachim Schlömer hat das Stück in Mannheim aufwendig inszeniert.

Von Jörn Florian Fuchs |
    Es ein Problemfall der Musikgeschichte. Weder echtes Oratorium noch reine Oper, dafür ein wenig Liederkreis und reichlich Orchesterschmackes mit schillernden Effekten - Schumanns "Paradies und die Peri" changiert zwischen den Gattungen und Genres. Dass das etwa eindreiviertelstündige Werk eine brillante Musik bietet, wird dabei leicht übersehen beziehungsweise überhört - zu sehr liegt der Fokus auf den inhaltlichen Problemen und der scheinbaren Unmöglichkeit, die Geschichte um das Luftwesen Peri und ihre Paradiessehnsucht in Szene zu setzen.

    Peri ist das Ergebnis einer Liebesbeziehung zwischen Mensch und Engel, ob ihrer unklaren "Himmlischkeit" muss sie vor dem Paradieseintritt erst eine Art Schlüssel finden. Weder das Blut des mutigen, von einem Tyrannen hingemetzelten jungen Kriegers, noch das solidarisch am Pesthauch ihres Geliebten verschmachtende Mädchen öffnen aber die Pforten, erst die Träne eines Verbrechers beim Anblick eines ins Gebet versunkenen Knaben erwirkt die überfällige Erlösung.

    In Mannheim findet Erlösung ausschließlich in und durch Musik statt. Friedemann Layer und Tilmann Michael haben Orchester und Chöre bestens im Griff, zu erleben ist die ganze Farbpalette der Partitur. Der oft sehr flächige, motivreiche Orchesterpart korrespondiert dabei vorzüglich mit den rezitativischen Gesängen, die Schumann seinen Protagonisten in die Kehlen schrieb. Fast das gesamte Ensemble überzeugt, wobei Eteri Gvazava als Peri gegen Ende ein klein wenig der Atem und die Modulationsfähigkeit abhanden kommen.

    Joachim Schlömer nimmt die Herausforderungen des Stücks vor allem sportlich. Es wird viel getanzt, gerannt und sogar durch den Raum geflogen. Beim Bühnenbild von Jens Kilian sticht zunächst die große, beleuchtbare Sprossenwand ins Auge, ganz oben ist eine quadratische Luke, hier ist das Paradies. Von dort fällt die Peri anfangs hinab zu Erden beziehungsweise auf einen hereingeschneiten Konzertflügel. Ganz vorne gibt es eine verschiebbare Box, in der mal Landschaftsdias angesehen werden, mal blutige Schüttbilder à la Hermann Nitsch entstehen.

    Die eigentliche Handlung interessiert Schlömer nur am Rande, es geht ihm vor allem um Paarbeziehungen, um Macht- und Rollenspiele. Das Programmheft gibt ein wenig Aufschluss: Auch um Schumann selber und seine - sehr erfolgreiche - Frau Clara dreht sich dieser Bühnenzirkus, der auch noch mit Live-Videos und multimedialen Verfremdungseffekten aufwartet. Das Stück wird dadurch jedoch völlig überfrachtet und letztlich verstellt. Immerhin sind einige Bilder durchaus gelungen, etwa der Todes- und Machtkampf des an Pest erkrankten Paares, der im Wortsinne bis aufs Blut ausgetragen wird.

    Während die Tänzer sich szenisch recht echauffieren, verharren die Sänger meist statisch an der Rampe. Sie tragen vorwiegend Abendkleidung und verweisen so auf den Oratoriencharakter des Werks, auf dessen angebliche Bühnenuntauglichkeit. Auch die Choristen ziehen sich entweder auf der Bühne um oder singen ihren Part von den Ranglogen aus. Letztlich ist die Mannheimer Produktion leider ein gigantisches Ausweichmanöver. Schade um den Aufwand!