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StartseiteEine WeltDer Wert eines Menschenlebens13.04.2013

Der Wert eines Menschenlebens

Hinterbliebene des Luftangriffs von Kundus verlangen Entschädigung von Deutschland

Bei dem von einem deutschen Oberst befehligten Luftangriff 2009 im afghanischen Kundus verloren mehrere Zivilisten ihr Leben. Nächste Woche wird in Bonn der Prozess um Entschädigungszahlungen für die Angehörigen der Opfer fortgesetzt. Die Familien verlangen nicht nur Geld, sie wollen ein Schuldeingeständnis von Deutschland.

Sandra Petersmannn

Oberst Georg Klein, verantwortlich für den Nato-Luftangriff auf zwei Tanklaster in Afghanistan. (AP)
Oberst Georg Klein, verantwortlich für den Nato-Luftangriff auf zwei Tanklaster in Afghanistan. (AP)

"Nein, keine Fotos machen, auf gar keinen Fall!" Abdul Hanan und Jamaluddin aus dem nordafghanischen Kundus wehren ab. "Das benutzen die nur wieder gegen uns", sind sich die beiden Männer sicher. Und sprechen von deutschen Lügnern in der Regierung. Im Gespräch kippt die Stimmung manchmal ins Feindselige. Die Männer sind einfache Bauern - ohne große Bildung. Man sieht ihnen die harte Landarbeit an. Der 35-jährige Abdul Hanan sagt, dass jene verhängnisvolle Bombennacht vom 3. auf den 4. September 2009 das Leben seiner Familie zerstört hat. Er ist einer der beiden Kläger in Bonn.

"Das war so eine schreckliche Tat. Ich habe in dieser Nacht meine beiden ältesten Söhne und einen Neffen verloren. Ich kann das einfach nicht vergessen. Wir erinnern uns noch immer täglich an die Zeit, als sie noch zur Schule gingen und spielten. Wie oft soll ich noch von dieser Nacht erzählen? Die Deutschen wissen genau, was damals passiert ist. Sie haben uns bombardiert und unsere Kinder getötet, für ein paar Fässer Diesel. Warum haben sie das getan? Warum haben sie die Gegend nicht einfach abgeriegelt? Wo war die afghanische Regierung?"

Jamaluddin lebt im gleichen Dorf. Er ist 48 Jahre alt und sagt, dass er in der Bombennacht am Kundus-Fluss drei Brüder und einen Neffen verloren hat. Er kümmere sich seitdem um die Frauen seiner getöteten Brüder und um deren 14 Kinder – zusätzlich zu den eigenen 12. Eine der Witwen ist die zweite Klägerin in Bonn. Doch die Macht in der traditionellen, afghanischen Familie hat der Mann. Also Jamaluddin. Die klagende Frau bleibt unsichtbar.

"Die Deutschen hätten uns die Schuldigen ausliefern müssen, damit sie vor unseren Augen verbrennen. Sie sollten genauso sterben wie ihre Opfer. Aber das ist nicht passiert. Sie sind frei, und deswegen verlangen wir eine Kompensation und eine Bestrafung nach internationalen Gesetzen."

Ein Blick zurück: Am 3. September entführten die radikal-islamischen Taliban in der Nähe des Unruhedistrikts Chardara zwei Tanklaster der NATO. Auf der Flucht blieben die Tanker auf einer Sandbank im Kundus-Fluss stecken. Oberst Georg Klein, damals Kommandeur in Kundus, gab nach Mitternacht den Befehl zum Luftangriff auf die Tanker. Er hatte nach eigenen Angaben Angst davor, dass die Laster als Waffen gegen seine Soldaten eingesetzt werden könnten. Als die Bomben fielen, waren neben Taliban auch viele Zivilisten auf der Sandbank, um Diesel abzuzapfen. Wie viele ist unklar. Afghanische Menschenrechtler gehen von 91 getöteten und elf verletzten zivilen Opfern aus. Für Abdul Hanan ist die Rechtslage eindeutig: Deutschland ist schuldig. Er berichtet, dass er regelmäßig mit seinem Anwalt Karim Popal telefoniert. Offenbar weiß er, dass das Ermittlungsverfahren gegen den verantwortlichen Kommandeur Georg Klein eingestellt wurde. Klein ist inzwischen zum General befördert worden.

"Die deutsche Regierung muss für ihre Tat geradestehen. Sie muss uns den Kommandeur aushändigen, und wenn sie das nicht will, dann muss sie eine Kompensation zahlen, die unser Leben auf Dauer absichert. Die Deutschen werden uns den Kommandeur natürlich niemals übergeben. Aber warum lassen sie ihn laufen? Warum hat er befohlen, Bomben auf uns zu werden? Warum muss er sich dafür nicht verantworten?"

Die beiden afghanischen Männer verweisen auf den Islam und auf ihre Tradition. Danach wird ein Mord durch Blutrache gesühnt. Oder, in dem die Opferfamilie von der Täterfamilie eine Frau oder Vieh bekommt. Oder, in dem Geld fließt.

"Wir werden Deutschland erst vergeben, wenn die Regierung uns ausreichend kompensiert. Es ist unser Recht, das zu verlangen. Afghanen vergeben denen, die sie entschädigen. So ist es bei uns üblich."

Die Bundesregierung hat im Sommer 2010 Geld an rund 90 Opferfamilien gezahlt. Als freiwillige Hilfsleistung, alles andere hätte als juristisches Schuldeingeständnis gewertet werden können. Abdul Hanan hat nach eigenen Angaben 5000 Dollar bekommen. Jamaluddin erklärt, dass er als männliches Oberhaupt für die Familien seiner drei getöteten Brüder 15.000 Dollar bekommen hat. Was davon an die betroffenen Frauen gegangen ist, bleibt unklar. Doch nach Angaben ihres Bremer Anwalts Karim Popal hat die jetzt klagende Witwe zwischenzeitlich mehrere Kinder in ein Heim gegeben. Jamaluddin und Abdul Hanan sind beide der Meinung, dass die gezahlte Summe ihren Verlust nicht aufwiegt. Es ist schwierig, Detailfragen mit ihnen zu klären. Abdul Hanan sinkt immer wieder in sich zusammen und ist den Tränen nahe. Jamaluddin zeigt äußerlich keine Gefühle. Seine Haltung ist stocksteif, er ist eher wortkarg. Und froh, dass die Deutschen bis zum Ende des Jahres aus Kundus abziehen.

"Das macht uns glücklich. Gott ist groß, er wird uns beschützen. Wir brauchen die Deutschen nicht. Wir haben unsere eigene Regierung und eine eigene Polizei. Und wenn diese Regierung unsere Sicherheit nicht garantieren kann, dann wird es die nächste tun. Haben uns die Deutschen in den vergangenen zehn Jahren etwa beschützt? Nein, das hat Gott gemacht und das wird er auch in Zukunft tun."

Die Deutschen haben nach der Bombennacht in Kundus versucht, die Spuren zu verwischen, klagt Abdul Hanan. Der Verteidigungsminister gehöre vor Gericht.

Über die Taliban fällt kein böses Wort. Sie hätten nur versucht, die Tanker in ein Dorf zu bringen, weit weg von der Hauptstraße. Die Feinde der beiden Bauern aus Kundus sind die Fremden.


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