Samstag, 01. Oktober 2022

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Der Windumtoste

Alpinisten haben den spanischen Dichter Francesco Petrarca zu ihrem Stammvater erkoren. Doch seine Briefe offenbaren mehr als eine Reisebeschreibung der Besteigung des Mont Ventoux, eines bis heute beliebten Berges in der Provence. Sie beschreiben auch den Weg seines Glaubens zu Gott.

Von Silke Häußler | 04.05.2008

    "Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdientermaßen Ventosus, den Windigen nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen. Dabei trieb mich einzig die Begierde, die ungewöhnliche Höhe dieses Flecks Erde durch Augenschein kennenzulernen. Viele Jahre lang hatte dieses Unternehmen mir im Sinne gelegen; habe ich doch in der hiesigen Gegend, wie du weißt, seit meiner Kindheit geweilt, wie eben das Schicksal die menschlichen Dinge fügt. Dieser Berg aber, der von allen Seiten weithin sichtbar ist, steht mir fast immer vor Augen. Nun aber fasste ich den Entschluss, endlich einmal auszuführen, was ich täglich hatte ausführen wollen ..."

    So beginnt ein Brief, den Francesco Petrarca vor über 650 Jahren an einen Freund schrieb. Bis heute fasziniert dieser Brief über die Besteigung des Mont Ventoux wie auch der Berg selbst, den der italienische Dichter als 30-Jähriger mit seinem Bruder erklomm. Petrarca lebte in der Provence, da seine Familie aus politischen Gründen Florenz verlassen musste.

    In diesem schönen Landstrich mit seinen kleinen Dörfern, mit Lavendelfeldern und imposanten Schluchten überragt der Mont Ventoux mit seinen 1912 Metern alle anderen Erhebungen. Ein kahler Gipfel, an dessen nördlichem Fuß Malaucéne liegt. Von diesem Ort brach seinerzeit der Dichter zur Bergbesteigung auf. Heute lebt dort Paul Peyre. Seit über 40 Jahren beschäftigt er sich mit Petrarcas Werk.

    "Ich glaube, die Sache hat sich folgendermaßen abgespielt", beginnt Peyre seine Ausführungen. Der schmale Forscher sitzt in seinem Arbeitszimmer auf einem Korbstuhl, inmitten von Bücherregalen, die bis an die Decke reichen. Ehrfurchtsvoll deutet er auf Petrarcas Werk hinter sich, auf die vielen Briefe, die Lieder über seine Geliebte Laura, und auf philosophische, historische sowie religiöse Schriften.

    Dazwischen steht im Goldrahmen eine Abbildung des Dichters, des vielbeschworenen Vater des Humanismus. Peyre betont, dass Petrarca den Brief, so wie er als Literatur vorliege, Jahre nach der Besteigung des Mont Ventoux überarbeitet habe. Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass Petrarca den Mont Ventoux überhaupt bestiegen hat. Für Peyre besteht daran kein Zweifel.

    "Sie haben Maulaucéne zu Fuß verlassen, und er hat den Ventoux auf direktem Wege bestiegen. Man weiß sehr genau, wie der Weg verlief. Das heißt, jedes Dorf hatte einen Pfad, den die Hirten nutzten. Es gab keine Wege für Touristen. Menschen, die von Maulaucéne kamen, nahmen diesen einen Weg. Wenn man das Land kennt und den Sinn dieses Pfades, der keineswegs für Spaziergänger war, dann kennt man ihn. Man kennt diesen Weg!"

    "Einen uralten Hirten trafen wir an den Hängen des Berges, der sich mit viel Worten bemühte, uns von der Besteigung abzubringen. Dieser sagte, er habe vor fünfzig Jahren in ebensolchen Ansturme jugendlichen Feuers den höchsten Gipfel erstiegen, indessen nichts von da heimgebracht als Reue und Mühe und von Felskanten und spitzen Dorngestrüpp zerrissenen Leib und Rock. Da jener dies uns zurief, wuchs bei uns am Verbote das Verlangen - denn jugendliche Herzen schenken ja Warnern nur ungern Glauben. Infolgedessen ging der Greis, als er sah, dass er sich vergebens mühe, etwas vorwärts und wies uns zwischen den Felsen einen steilen Pfad mit dem Finger. "

    Die Beschreibung, wie die Brüder dem Hirten begegnen, ist für Peyre ein Moment größter Intensität. Stark berührt ihn die großzügige Geste, mit dem der Greis den beiden schließlich den Weg weist. Eine Geste, die er weit ausholend mit dem Arm nachahmt. Der Hirte symbolisiere die Weisheit, erläutert er. Ob er nun real existiert habe oder nicht, sei nebensächlich. Wichtig sei, dass durch ihn die Spiritualität spreche. Implizit stelle der Hirte eine Geisteshaltung dar und die sage: Das solltet ihr nicht tun.

    "Mein Bruder strebte freilich auf einem Abkürzungspfade geradeswegs auf das Bergjoch zu zur Höhe, ich dagegen, der ich weichlicher bin, wendete mich nach unten. Als er mich zurückrief und mir den richtigeren Weg wies, gab ich zur Antwort, ich hoffte, auf der anderen Seite einen leichteren Anstieg zu finden, und scheute den längeren Weg nicht, da ich auf ihm glatter vorwärts schreiten könne."

    Zur Deutung dieser Briefpassage zieht Peyre Biografisches hinzu. Petrarcas Bruder ist früh in ein Kloster eingetreten und pflegte von daher eine enge Verbindung zu Gott. Der Dichter hingegen liebte das ausschweifende Leben in Avignon, samt der Frauen, und nahm sich viel Zeit, bevor er sich dann intensiv Gott zuwandte. Diese unterschiedlichen Lebenswege spiegelt die Gipfelbesteigung wider: Sein Bruder wählt den direkten Weg, während Petrarca kleine Umwege auf sich nimmt. Doch der Dichter betone, so Peyre, dass ein weltliches Leben nicht direkt ins Paradies führe.

    "Ein Gipfel ist da, der höchste von allen, den nennen die Waldleute 'das Söhnlein' - warum, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass es wie manches andere nach dem Prinzip des Gegensatzes gesagt wird; denn in Wahrheit scheint er aller benachbarten Berge Vater zu sein. Dort ließen wir uns ermüdet, endlich zur Ruhe nieder."

    Den Gipfel des Mont Ventoux umgibt im Sommer der Geruch von süßen Bonbons und heißgelaufenen Kupplungen. Denn: Die meisten Besucher fahren kurzerhand mit dem Auto hinauf. Ein seltenes Vergnügen, da dies nur bei wenigen Bergen möglich ist.

    Das babylonische Sprachengewirr der Touristen untermalt bei klarer Sicht den beeindruckenden Rundblick während der Wind an der Kleidung zerrt. Unzählige Fahrradfahrer im verschwitzten Dress mit erschöpften Gesichtern schieben mit ihren klackenden Schritten vorsichtig ihr Rennrad an der Autoschlange vorbei.

    "Ich habe 2 Stunden und 20 Minuten gebraucht. Das ist dreimal solange wie Profis. Aber ich habe auch wenig unerlaubte Mittel genommen."

    Zum siebten Mal hat Donald Horn den Mont Ventoux mit dem Rennrad bezwungen. Ob Profi oder Amateur, der Berg ist ein Muss für jeden Radfanatiker. Der 58-Jährige ist einer von rund 1,3 Millionen Besuchern, die zwischen Mai und September den Gipfel stürmen: zu Fuß, mit dem Auto oder Rad.

    "Ach, das ist einfach eine Herausforderung, da mal hochzufahren. Ich komme aus Hamburg, da ist der höchste Berg 81 Meter. Den fahren wir mit Schwung hoch. Und das ist hier einfach was ganz anderes: Hier wird man ganz ruhig und sehr demütig. Ich weiß, dass ich der langsamste bin, der hochfährt. Das macht aber nichts! Sondern mir kommt es darauf an, dass ich irgendwie meinen Rhythmus finde und irgendwie ankomme - wobei die letzten Kilometer eher die leichteren sind. Also, ab Kilometer 15, ab da wird es immer leichter. Da sieht man den Gipfel so langsam vor sich - zwar noch die dicken Rampen, aber das sind die leichtesten. Die ersten fünf Kilometer sind für mich immer die härtesten."

    Die dicken Rampen, mit ihren engen Nadelkurven und einer Steigung von bis zu 15 Prozent, schlängeln sich durch karge Kalkschotterfelder. 1967 kostete diese Serpentinenstraße einem Fahrer bei der Tour de France sogar das Leben. Stark gedopt brach er vor Erschöpfung kurz vor dem Gipfel tot zusammen. Sein Denkmal zieren Trinkflaschen, kaputte Bremszüge und abgebrochene Pedale.

    "Was mich am meisten interessiert, ist die Ankunft auf dem Gipfel. Vielleicht aus dem einfachen Grund, weil der Ort in diesem Moment am stärksten zum Vorschein kommt. Die ästhetische Beschreibung der Landschaft, so wie er sie gesehen hat. Die Rhône am Fuße der Berge, eine herrliche Beschreibung, er vermittelt eine Vision des Raumes. Er sah das Meer, das man heute wegen der Luftverschmutzung nicht mehr sehen kann. Er spricht von den verschneiten Alpen und er sieht das Land, mit dem er sich stark verbunden fühlt: Italien! Eine menschlich sehr bewegende Seite, die mich interessiert."

    Diese Verbundenheit mit der Landschaft und der kontemplative Blick darauf ist den meisten Gipfelstürmern heute fern. Sie genießen die beeindruckende 360-Grad-Aussicht oder die sportliche Herausforderung. Keiner käme auf die Idee, an diesem kahlen Ort ein Buch aufzuschlagen, außer vielleicht einen Reiseführer. Petrarca aber nimmt auf dem Gipfel die Bekenntnisse des heiligen Augustinus zur Hand, schlägt sie an zufälliger Stelle auf und liest:

    "Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst."

    Der Brief markiert in Petrarcas Leben einen Wendepunkt. Er hat ihn an jenen gelehrten Augustinereremiten adressiert, der ihn erstmals mit den Bekenntnissen des heiligen Augustinus bekannt machte. Nach deren Lektüre wendete sich der Dichter intensiv dem Glauben zu.

    "Um Gott nahe sein zu können, muss man nicht auf einen Berg steigen. Das ist ein physische Erfahrung, aber keine moralische. Aber genau das will Petrarca uns sagen: Ist er hinaufgestiegen, um sich Gott zu nähern? Und ist er wieder hinuntergegangen, weil Gott abwesend war? Er beschreibt, dass er sich auf dem Gipfel genauso wie in der Ebene erlebt, beschreibt, wie er hochklettert und Gottes Abwesenheit erfährt. Und da kommt ihm Augustinus zu Hilfe. Meiner Meinung ist das alles Teil seiner Überarbeitungen des Briefes."

    "Da beschied ich mich, genug von dem Berge gesehen zu haben, und wandte das innere Auge auf mich selbst, und von Stund an hat niemand mich reden hören, bis wir unten ankamen."

    Petrarca war einer der Ersten, der eine Bergwanderung als Selbstzweck beschrieben hat. Daher haben Alpinisten den Dichter zu ihrem Stammvater erkoren. Für Peyre eine ignorante Anmaßung:

    "Wen sollte es Anfang des 14. Jahrhundert interessieren, von der Besteigung auf den Ventoux zu erzählen? Sicherlich niemanden. Das wäre den Leuten egal gewesen. Er hat das nicht geschrieben, um zu erzählen, 'ich habe einen schönen Spaziergang gemacht', noch wollte er eine Wegbeschreibung geben - sondern weil er damit die Gelegenheit hatte, eine Entwicklung allegorisch darzustellen."

    Dabei hat Peyre als Heranwachsender selbst aus einem Alpinistenmagazin von diesem Brief erfahren. Dennoch empört ihn diese Vereinnahmung Petrarcas, obwohl er weiß, dass viele über den Brief sprechen, ohne ihn jemals gelesen zu haben. Ihn jedenfalls begeistert der literarische Text. Auch, weil er die Landschaft seiner Heimat so treffend beschreibt.

    Bis heute fasziniert der Ventoux als Berg. Ein Berg, der durch Petrarcas Brief eine Verbindung ins 14. Jahrhundert lebendig hält.

    "Siehe also, liebevollster Vater, wie ich so ganz und gar nichts in mir vor deinen Augen verborgen wissen will, da ich dir nicht nur mein ganzes Leben, nein jeden einzelnen Gedanken so sorgfältig eröffne."