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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDer Zahn der Weisen20.02.2011

Der Zahn der Weisen

Manuskript zur Sendung

Das Element Strontium ist in größeren Mengen hochgiftig. Für die Archäologie wird Strontium aber immer wichtiger. Denn jeder Mensch trägt eine ganz kleine, ungiftige Menge davon in sich, in Knochen und Zähnen. Dort bleibt es, auch noch lange nach dem Tod des Menschen. Selbst Jahrtausende später können Forscher anhand des Strontiumgehalts in den Zähnen sagen, was ein Mensch gegessen hat und woher er stammt. Diese Strontium-Analytik gehört mehr und mehr zum Standard-Repertoire bei der Auswertung gut erhaltener archäologischer Funde.

Von Jens Wellhöner

Bei Ausgrabungen, hier in der Nähe von Halberstadt, spielen naturwissenschaftliche Verfahren eine große Rolle. (Science)
Bei Ausgrabungen, hier in der Nähe von Halberstadt, spielen naturwissenschaftliche Verfahren eine große Rolle. (Science)

Es ist das Jahr 1983: Österreichische Archäologen machen auf einem Feld nördlich von Wien eine grausige Entdeckung: Ellbogen ragen aus feuchter Erde heraus. Wind bläst Blätter über Schädeldächer. In einem zugeschütteten Graben aus der Steinzeit liegen menschliche Skelette wild durcheinander. Sie fangen an zu graben. Zu den Archäologen stösst später Maria Teschler-Nicola, Pathologin am Naturhistorischen Museum in Wien. Sie sieht sich das Grabungsgelände genauer an. Ihr ist gleich klar: da komme viel Arbeit auf sie zu. Denn selten hat Maria Teschler-Nicola ein vollständiges Skelett vor Augen:

"Das heißt es waren immer nur die Einzelteile von Armen. Oder ein Torso ohne Beine oder Reste, wo Füße und Hände gefehlt haben."

Dafür, dass die Knochen aus der Steinzeit 7000 Jahre im Boden steckten, sind sie doch erstaunlich gut erhalten. Selbst Zähne stecken in dem ein oder anderen Kieferknochen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt Maria Teschler-Nicola Spalten, Kerben, centgrosse Löcher. Die Pathologin ist sich sicher: Das sind Spuren brutaler Hiebe:

"Das ist ganz eindeutig durch Waffen passiert und nicht durch Bodendruck, wo halt die Bruchmuster anders ausgeschaut hätten."

Steinbeile kommen dafür in Frage. Etwa 100 Menschen wurden vor rund 7000 Jahren in der Nähe des Dorfes Asparn in Niederösterreich in einer brutalen Auseinandersetzung erschlagen. Häufig traktierten die Angreifer ihre Opfer mehrmals hintereinander mit Steinbeilhieben, die schließlich tödlich waren. Da ist sich die Pathologin vom Wiener Naturhistorischen Museum sicher. Ihr fiel aber auch etwas Eigenartiges auf: Es muss offensichtlich Überlebende gegeben haben. Denn Maria Teschler-Nicola konnte keine Knochen von jungen Frauen finden:

"Dass die jungen Frauen fehlen, ist für mich ein Beispiel für aggressive Auseinandersetzung. Und ich glaube, dass die jung-adulten Frauen geraubt wurden. Jedenfalls, sie fehlen, das ist eine atypische, eine absolut atypische Verteilung in diesem Sample."

Frauenraub ist in der Geschichte übrigens gar nicht selten: Der Sage nach hat Romulus, der Gründer Roms, mit seinen Männern die Sabinerinnen geraubt, die Jungfrauen des Nachbarstamms. Mit ihnen gründeten sie das Volk der Römer. Auch der legendäre Gründer Athens, Theseus, ging auf Frauenraub. Ähnliches hat sich wohl auch in Asparn abgespielt.

1998 kamen die Steinzeit-Knochen aus Asparn auf den Tisch von Thomas Prohaska. Der Professor für analytische Chemie an der Universität für Bodenkultur Wien ist Experte für die neue entwickelte Strontium-Analytik. In seinem Institut befindet sich eines der renommiertesten Labore für diese Methode, die schnell in der Archäologie Einzug fand. Der Chemiker konnte mit Isotopen-Analyse aufklären, woher die Toten stammten. Dass sie tatsächlich aus dem Dorf kamen, in dem sie verscharrt wurden. Dass es sich bei einigen Toten wohl auch um die Mörder gehandelt haben müsste, die aus einer anderen Gegend kamen.

Eine DNA-Analyse konnte da leider nicht helfen: Denn das Erbgut hatte sich bei den meisten der Toten nicht erhalten. Im Fall Asparn nutzten die Wissenschaftler Strontium für ihre Untersuchungen. Denn das Element kann erzählen, aus welcher Gegend ein Mensch kommt. Strontium ist ein natürliches Element mit mehreren verschiednen Isotopen. Diese unterscheiden sich durch die Anzahl der Neutronen im Atomkern. Sie sind chemisch völlig identisch, besitzen jedoch ein geringfügig anderes Gewicht. Mit dem Isotopen-Verhältnis von Strontium lassen sich beispielsweise Keramiken und Metalle geographisch zuordnen. Dieses chemische Element liefert Thomas Prohaska also einen Fingerabdruck der Region, aus der es stammt:

"Und dieses Strontium wird dann direkt vom Boden über das Wasser eingebaut in die Pflanze und von dort in das Getreidekorn. Und derselbe Fingerabdruck, der sich in der Geologie befindet, befindet sich dann letztendlich auch im Getreidekorn. Dann im Mehl, im Brot und wird so über die Nahrungskette eingebaut, in Knochen oder Zähne."

Die Zähne sind also wichtig. Sie nehmen Strontium nur in den ersten Lebensjahren des Menschen auf. Thomas Prohaska nennt das menschliche Gebiss deswegen das Archiv der Kindheit:

"Diese Informationen in den Zähnen ist dort gespeichert. Und bleibt dort solange der Knochen oder Zahn zugänglich ist. Und ist heute für uns quasi als historisches Bildmaterial zu lesen. Wir brauchen dazu natürlich spezielle Geräte. Aber die haben wir zur Verfügung."

Diese speziellen Geräte stehen heute in vielen Labors weltweit. An der Wiener Universität für Bodenkultur bestimmen die Laboranten jedes Jahr Dutzende von Proben auf ihren Strontium-Gehalt. In Proben aus allen Regionen Österreichs. Die Zähne der Steinzeit-Menschen von Asparn sind auch dabei. Angeliefert in einem kleinen Kunststofftütchen. Prohaska:

"Die klingen auch sehr gut."

Zunächst zerlegen die Forscher im Labor die Zähne buchstäblich in ihre atomaren Bestandteile. Bis zum Schluss nur noch Isotope des Strontiums vorhanden sind, also Atome, die sich in ihrer Masse unterscheiden. Eine sehr aufwendige Arbeit. Dabei durchläuft der Zahn einen regelrechten Parcours durch das Labor, bis zur eigentlichen Strontium-Messung. Das dauert einen ganzen Tag. Johanna Irrgeher bereitet die Zahn-Untersuchung vor. Gerade hält sie ein gut erhaltenes Exemplar aus der Zeit vor 7000 Jahren in der Hand. Zuerst einmal muss sie Zähneputzen:

"Richtig! Genau. Wir starten, wenn wir die Zähne bekommen. Wir bekommen die meistens schon gezogen aus den Schädeln im Museum. Die werden hier aufgereinigt, das heißt die Oberfläche wird gereinigt, um die organischen Reste zu entfernen."

Das Zähneputzen im Strontium-Labor beginnt genauso wie die alltägliche Zahnpflege im Badezimmer: Mit einer elektrischen Zahnbürste. Mit ihr putzt Johanna Irrgeher erst einmal den groben Schmutz weg. Manchmal werden die Zähne auch schon von den Archäologen während der Ausgrabung geputzt. Die Chemiker im Labor haben dann weniger Arbeit. Dieser erste Zahnputz mit der Bürste reicht aber noch nicht. Denn auch die kleinsten Schmutzpartikel aus Tausenden von Jahren müssen weg. Prohaska:

"Und aus diesem Grund bringen wir diese Proben in eine Reinigungslösung in ein Ultraschallbad."

Solche Ultraschallbäder benutzen zum Beispiel auch Goldschmiede oder Optiker, die ganz feinen Schmutz beseitigen wollen. Die erste Ultraschallwelle erzeugt an der Zahnoberfläche winzige Hohlräume. Bei der zweiten Ultraschallwelle lösen sich diese Hohlräume schlagartig auf, es entsteht ein Druck von bis zu 100.000 Bar. Sämtliche Schmutzpartikel fallen dabei vom Zahn ab, eine porentiefe Reinigung, auch in den winzigen Poren im Zahnschmelz ist anschließend aller Schmutz verschwunden. Johanna Irrgeher:

"Nun sind sie sauber. Und nach dem Trocknen werden sie mit einem Zahnarztbohrer, wirklich wie beim Zahnarzt, bebohrt auf ein paar Milligramm Probenmaterial. Das ist dann ein ganz feiner Probenstaub, mit dem dann weiter gearbeitet wird."

Den Probenstaub füllt die Putzmaschine anschließend in ein kleines steriles Teflon-Röhrchen. Absolute Sauberkeit ist nötig. Denn schon kleinste Verunreinigungen machen die Probe unbrauchbar oder führen zu falschen Messergebnissen. Die die Untersuchung völlig durcheinanderbringen könnten. Menschen dürfen in dieser Phase nicht mehr mit der Probe in direkten Kontakt kommen. Denn durch die Berührung mit Haut oder Atemluft wäre der Staub schon verunreinigt. Die verschlossenen Röhrchen trägt Johanna Irrgeher anschließend zur nächsten Station des Laborparcours:

"Der Probenstaub wird dann eingewogen. Das heißt mit Hilfe einer Waage wird abgewogen, wie viel Probenmaterial vorhanden ist. Und dort mit zwei bis drei Millilitern konzentrierter Salpetersäure versetzt und unter Druck und Temperatur aufgeschlossen. Das dauert drei, vier Stunden und der Staub ist aufgelöst und kann dann weiter verarbeitet werden."

Eine flüssige Probe lässt sich am leichtesten in ihre Bestandteile zerlegen. Manchmal benutzen die Forscher zum Verflüssigen auch ein ganz normales Haushaltsgerät. Laborleiter Prohaska steht gerade davor:

"Ja, wir sind jetzt beim Mikrowellenaufschlussgerät. Und zum Teil werden die Proben hier in der Mikrowelle mit Chemikalien aufgeschlossen. Das funktioniert wie bei einer ganz normalen Haushaltsmikrowelle. Hier werden dann die Probenmaterialien wirklich vom festen in den flüssigen Zustand überführt. Damit wir dann die weiteren Auftrennungsschritte beziehungsweise Messungen machen können."

Bei den hohen Temperaturen im Mikrowellenherd haben die Chemikalien leichtes Spiel: Der Probenstaub verwandelt sich in eine leicht durchsichtige Flüssigkeit. Die Vorbereitung für die eigentliche Strontium-Analyse ist abgeschlossen. Jetzt bringt der Forscher die Probenröhrchen in den Raum nebenan. Dort folgt dann der entscheidende Schritt: Die eigentliche Messung im sogenannten Reinraumlabor. Thomas Prohaska:

"Das Reinraumlabor ist insofern notwendig, um sämtliche Verunreinigungen, die jetzt im chemischen Analyseprozess passieren können, zu verhindern. Und das ist ein besonderer Bereich, wo die Luft spezifisch gefiltert wird. Und wir betreten dann das Reinraumlabor durch eine Luftdusche, wo wir als Analytiker selbst noch von sämtlichen Stäuben befreit werden, um nichts zu verunreinigen."

Deshalb müssen hier die Labormitarbeiter und Besucher einen Schutzkittel, Mundschutz und Haarhaube anziehen. Nur die Augen schauen aus Schlitzen hervor, sonst steckt der ganze Körper im weißen Kittel. Das Massenspektrometer füllt den etwa Wohnzimmer grossen Raum: zwei Meter hoch, fünf Meter lang, mit Kunststoff verkleidet. Hier wird die flüssige Probe aus den Zähnen in ihre Isotope zerlegt, also in Atome, die sich in ihrer Masse unterscheiden.

Sie sind wie Bälle, die sich im Element Strontium hin und her bewegen und unterschiedlich schwer sind. Die Wissenschaftler messen nun im Massenspektrometer, wie viele leichte und schwere Isotope es in der Probe aus dem Vorzeit-Zahn gibt. Dieses Verhältnis zwischen leichten und schweren Isotopen ist von Region zu Region unterschiedlich. Das ist die Kenngrösse der Herkunftsbestimmung. So können die Forscher ablesen, woher der Mensch stammt, dem der Zahn einmal gehörte. Aber zunächst einmal müssen die Forscher die Zahn-Probe so weit aufspalten, dass sie die Isotope sehen können. Thomas Prohaska steckt die flüssige Probe in eine Halterung am Massenspektrometer. Durch einen Schlauch saugt das Gerät die Flüssigkeit auf, sie verschwindet im Inneren. Dort wird die flüssige Probe auf 10.000 Grad erhitzt:

"Und bei 10.000 Grad Celsius bleibt kein Stein auf dem anderen. Sämtliche Verbindungen werden zerstört. Sämtliche Elemente liegen in ihrer atomaren Form vor."

Diese unterschiedlich schweren Atome fliegen im Massenspektrometer nun mit hoher Geschwindigkeit durch ein Magnetfeld. So werden sie nach ihrer Masse sortiert. Nun folgt der letzte und entscheidende Schritt: Am Ende ihres Fluges erkennen Detektoren, wie groß die Masse der einzelnen Isotope ist. Und melden das Ergebnis an den Computer, der dann zusammenzählt, wie viele leichte und schwere Strontium-Isotope es in der Zahn-Probe gibt. Thomas Prohaska sieht die Ergebnisse auf einem Computerbildschirm im Nebenraum:

"Ja, die Ergebnisse werden dann in Form von Tabellen dargestellt. Und natürlich gibt es von jeder Messung mehrere Wiederholungen, um auch hier statistisch auszuschließen, dass hier ein Messfehler vorliegen kann."

Ist das alles geschehen, schauen sich die Forscher die Computertabellen genauer an. Thomas Prohaska klickt auf die Messergebnisse aus Asparn:

"Also man sieht hier sehr eindeutig eine sehr enge Verteilung von den meisten Ergebnissen der Isotopen-Analytik. Was darauf hindeutet, dass die derselben sozialen Struktur und wahrscheinlich derselben Siedlung angehört haben. Währenddessen es hier einige Proben gibt, die signifikant unterschiedlich sind. Und diese werden wahrscheinlich den Fremden, den Eindringlingen zuzuordnen sein."

Für Thomas Prohaska ist damit bewiesen: Die Menschen von Asparn haben denselben Isotopen-Fingerabdruck. Und stammten somit auch aus derselben Region. Die Strontium-Analyse beweist aber auch, dass Fremde im Dorf zu Tode kamen. Sie hatten andere Isotopen-Werte, stammten wohl nicht aus dem Dorf. Jetzt geht’s ans Interpretieren. Die Archäologen streiten sich darüber, ob die Fremden zu den auswärtigen Krieger gehörten, die das Massaker anrichteten. Oder ob sie einfach in das Dorf hineinheirateten. Wer nun recht hat: Das ist längst noch nicht klar.

Wir schreiben das Jahr 1826. Ein paar Männer in schwarzen Anzügen steigen über eine Treppe hinab, in die Gruft an der Jakobskirche in Weimar. Hier unten herrschen Moder und Fäulnis. Knochen und Sargtrümmer liegen wild durcheinander. Irgendwo in diesem Chaos sollen die Reste Friedrich Schillers sein, der 21 Jahre zuvor gestorben war. Die Herren machen sich ans Werk. Und wühlen sich durch die verwesenden Leichenteile. Schließlich werden sie fündig. Das Skelett eines ungewöhnlich großen Mannes kommt zum Vorschein. Das war mal Schiller: Da sind sich die Herren sicher.

Die Knochen kommen später in die berühmte Dichter-Gruft der Klassikerstadt Weimar. Fast 200 Jahre später wollen die Stadtväter wissen, ob wirklich Schillers Reste im Sarg liegen. Und schicken ein paar Knochenproben nach Wien, zu Thomas Prohaska:

"Ja, Schiller hat uns im Labor besucht. Und wir haben verschiedene Knochenteile von dem Skelett, das Schiller zugeordnet wurde, analysiert auf die Strontium-Isotopie. Wurde natürlich zum Teil verglichen mit der DNA-Analytik. Und da hat sich gezeigt, dass im Schädel, im Oberarm und im Oberschenkelknochen signifikant unterschiedliche Strontium-Isotopien vorhanden waren, was nicht zu erwarten wäre, wenn es von einem Individuum stammt. Also liegt die Wahrscheinlichkeit sehr nahe, dass mindestens drei Individuen ihre Skelettüberreste gegeben haben, um letztendlich dieses moderne Schiller-Skelett zu ergeben."

Eine verwirrende Erkenntnis. Von den drei Toten stammt wahrscheinlich keiner aus dem Raum um Marbach, dem schwäbischen Geburtsort Schillers. Was war passiert? Schiller starb im Jahr 1805. Bei der Exhumierung Schillers mehr als 20 Jahre nach seinem Tod ist den Beteiligten ein Fehler unterlaufen. Sie verwechselten die Gebeine. Heute ist der Schiller-Sarg in der Weimarer Dichter-Gruft leer. Die Suche nach den echten Gebeinen wurde aufgegeben.

Eine Handvoll Strontium-Labore gibt es auch in Deutschland. Viele Archäologen lassen dort ihre Funde untersuchen, um deren Herkunft zu bestimmen. Das kostet pro Probe etwa 100 Euro. Das können sich die meisten archäologischen Ämter und Museen gerade noch leisten. Die Forscher rekonstruieren aufgrund der Analyse-Ergebnisse gerne vorgeschichtliche Migrationsbewegungen über weite Räume. Dagegen mehren sich in letzter Zeit aber Einwände. Zu den Zweiflern gehört der Kieler Professor für Ur- und Frühgeschichte Johannes Müller:

"Inzwischen hat sich in vielen Fällen heraus gestellt, dass die Strontium-Isotopen-Variabilität in der Umgebung von vielen archäologischen Fundplätzen teilweise von Kleingebiet zu Kleingebiet sehr unterschiedlich sein kann. So dass vieles, was früher fremd wirkte, an Strontium-Isotopen-Werten, sich tatsächlich auch aus der näheren Umgebung erklären lässt."

Johannes Müller verweist auf den Bogenschützen aus Amesbury in England. Im Jahr 2002 brauchte eine Baggerschaufel in der Nähe von Stonehenge auf der britischen Insel ein Grab aus der Bronzezeit ans Tageslicht, aus der Periode um 2300 vor Christus. Handelte es sich um die letzte Ruhestätte des Erbauers der berühmten Kultstätte? Die weltweite Presse jedenfalls war sich sicher. Und veröffentlichte spektakuläre Artikel. Johannes Müller blickt auf einen Zeitungsstapel:

"Wir haben den schönen Fall, wo die britische Populärpresse, die 'Sun', eine deutsche Fahne über Stonehenge gehisst hat, weil die Strontium-Isotopen-Werte so interpretiert wurden, dass dieser Mensch auf alle Fälle aus dem mitteleuropäischen, möglicherweise aus dem bayerischen Raum stammte."

Denn der Strontium-Fingerabdruck des Amesbury-Archers – als solcher ist der Fund in die Geschichte eingegangen - stimmte mit der Geologie des Voralpenlandes überein. Johannes Müller:

"Inzwischen wird aber diskutiert, ob solche Strontium-Isotopen nicht bei einer kleineren Hügelkette in 30 Kilometern Entfernung ebenfalls vorhanden sind. Und dann wäre es kein mobiler, individueller Bayer, der dort Stonehenge miterrichtet hätte, sondern ein ganz normaler Wessex-Mensch."

Englische Geologen haben mittlerweile den Untergrund von Wessex genauer untersucht. Und festgestellt: Die Geologie in diesem Teil der Insel ist komplizierter als gedacht. Die betreffende Hügelkette besteht aus anderen Gesteinen als die Umgebung. Und hat damit auch andere Strontium-Isotopen-Werte. Wahrscheinlich verbrachte der Amesbury-Archer genau hier seine Kindheit.

Die Strontium-Analytik ist nur zuverlässig, wenn es genaue geologische Karten von einem Fundort und seiner Umgebung gibt. Ohne sie wird die Interpretation der Ergebnisse zum Vabanque-Spiel. Deshalb haben Thomas Prohaska und sein Team von der Wiener Universität für Bodenkultur die geologischen Karten für Österreich ausgewertet. Und Strontium-Isotopen-Messungen vorgenommen, in allen Teilen des Landes:

"Das heißt, das Ziel ist letztendlich eine Landkarte der Isotopenverteilung zu erstellen, sogenannte Iso-Scapes, wie man sie heute bezeichnet. Wo jetzt Herkunft bestimmt werden kann. Das heißt, direkt aufgrund einer Isotopie, die ich heute in einer Probe messe, auch bestimmt werden kann, wo sie herkommt."

So euphorisch der Wiener auch ist: Die Geologie verhindert häufig genaue Bestimmungen. Johannes Müller nennt das Beispiel Norddeutschland. Dort haben die Gletscher der Eiszeit sehr viel Gestein aus Skandinavien mitgebracht, die Strontium-Isotopen-Werte ergeben so ein einziges Durcheinander. Cheryl Makarewicz ist seit Sommer Professorin für Isotopenforschung am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Uni Kiel. Eine der ersten Professuren dieser Art in Deutschland. Die Amerikanerin untersucht zur Zeit die Knochen von Steinzeit-Schafen aus dem Nahen Osten:

"Was wir bisher übersehen haben: Die Strontium-Daten sind hier einfach zu unzuverlässig. Wir müssen sie überprüfen. Und das geht ganz einfach: Indem wir Schafe weiden lassen, in unterschiedlichen Regionen. Dann nehmen wir Strontium-Isotopen-Proben von ihren Zähnen. Die Ergebnisse vergleichen wir dann mit der Realität, wir wissen ja, wo die Schafe wirklich gewesen sind. Das können wir in großen Gebieten machen und in kleineren. Dann würden wir wissen, wie zuverlässig unsere Daten aus archäologischen Funden wirklich sind."

Ein Gladiatoren-Kampf. Im Amphitheater der alten Römerstadt Carnuntum östlich von Wien trainieren Studenten aus Regensburg. Vier Wochen lang leben sie wie Gladiatoren. Dabei kämpfen sie in originalgetreu nachgebauten Rüstungen. Mit eckigen Helmen aus Bronze. Der 30-jährige Althistoriker Josef Löffl steht am Rand der Kampfarena. In einem groben Kittel aus brauner Wolle, so ähnlich haben wohl Gladiatorentrainer ausgesehen. Über die Kämpfer der Arena im alten Rom weiß die Forschung erstaunlich wenig:

"Sie werden viel Dissertationen finden über Gladiatorendarstellungen auf Tontäfelchen oder Öllampen oder Reliefs. Aber die Gesamtheit, der Fankult, das Merchandising, das Training, das Innenleben eines Gladiators..."

Das ist unbekannt. Dazu gehört auch die Ernährung eines Gladiators. Josef Löffl möchte diese Wissenslücken schließen. So weit es heute nach 2000 Jahren überhaupt noch geht. Er und seine Studenten sollen ein Gefühl dafür kriegen, wie es war, als Gladiator zu leben. Und er fragt sich:

"Kann man einen Menschen des 21. Jahrhunderts überhaupt so trainieren, mit den Angaben über die Ernährung aus der Antike, dass das in Ansätzen funktioniert?"

Was die Gladiatoren vor 2000 Jahren gegessen haben: Darüber geben die Knochen aus dem Gladiatorenfriedhof von Ephesus in der heutigen Türkei Auskunft. Österreichische Archäologen untersuchten ihn im Jahr 2003. 67 Skelette entdeckten sie dort. Experte für Ephesus ist Karl Großschmidt, Pathologe an der Wiener Medizinischen Universität. In seinem Büro stapeln sich in einer Ecke Totenschädel. In der anderen Pappkartons mit Knochenresten einiger Gladiatoren. Karl Großschmidt nimmt einen Schädel heraus. Dort, wo früher die Haare wuchsen, sind Dellen im Schädelknochen zu erkennen:

"Die Verletzungen, die wir hier sehen, das sind Verletzungen von der Spitze des Schwertes. Die gut verheilt sind. Vier, fünf Verletzungen hat er. Und keine davon war tödlich."

Dieser Gladiator wurde also nur mit der Schwertspitze getroffen. Und die Hiebe waren nicht besonders heftig, sonst wären die Dellen im Schädel tiefer: Sein Gegner wollte ihn nicht töten. Ärzte haben die Wunden später optimal versorgt: Die Mediziner in der Römerzeit waren hervorragend. Und sie gaben wohl auch weitsichtige Ernährungsempfehlungen. Die Kämpfer sollten keine Steaks essen, um Kraft zu bekommen, sondern Getreide. Großschmidt:

"Wir wissen aus unseren Spurenelementanalysen am Knochen, und das bestätigt natürlich die antiken Aufzeichnungen, dass sie eben Gerste, Hafer gegessen und sich vegetarisch ernährt haben."

Pathologe Karl Großschmidt hat diese Strontium-Zink-Analysen aber nicht selber gemacht. Dafür war wieder sein Chemiker-Kollege Thomas Prohaska von der Uni für Bodenkultur zuständig:

"Das ist in der Nahrung drinnen. Und kommt natürlich in unterschiedlichen Mengen vor. Und baut sich aus diesem Grund in einem unterschiedlichen Verhältnis ein."

In ihrem Labor untersuchen die Forscher nun, wie viel Strontium und Zink in den Gladiatoren-Knochen ist. Dabei tragen sie mit einem feinen Laserstrahl etwas Knochenmaterial von der Probe ab. Im sogenannten Plasma-Spektrometer messen sie dann die Verteilung der beiden Elemente. Die Forscher entdeckten in den Knochen sehr viel Strontium und wenig Zink. Das ist typisch für vegetarische Ernährung. Für Pathologe Großschmidt steht damit fest: Die antiken Kämpfer lebten gesund:

All diese Ergebnisse kennt der Regensburger Althistoriker Josef Löffl. Und hat seinen Studenten unter anderem die antike Gladiatorendiät verordnet. Bohnen mit Linsen, Linsen mit Bohnen. Und dazu viel Brot. Neu-Gladiator Sebastian Bernecker lächelt etwas gequält. Er hat schon daheim in Regensburg mit der Gladiatorendiät aus Hülsenfrüchten begonnen. Am Anfang war es...

"heftig! Die ersten fünf Wochen war es wirklich schwierig. Danach war es schlagartig weg. Seitdem geht es auch."

Die Strontium-Methode hilft aber nicht nur Archäologen auf die Sprünge. Mittlerweile ist sie auch unentbehrlich bei der Lebensmittelkontrolle. Thomas Prohaska und sein Team untersuchen in ihrem Labor auch Gemüse und Fleisch, im Auftrag der staatlichen Lebensmittelüberwachung:

"Also mittlerweile hat sich die Herkunft von Lebensmitteln als besonders wichtiges Thema im globalen Handel entwickelt. Und das Problem dabei ist ja, dass man dabei sehr schön etikettieren kann. Aber die Frage ist immer, ist wirklich drin, was drauf steht."

Und hierbei kann die Strontium-Analyse helfen. Das erste Gemüse, das die Wiener in ihrem Labor untersuchten, war der sogenannte Marchfelder Spargel. In Österreich eine sehr beliebte Gemüse-Sorte. Das Marchfeld liegt westlich von Wien. Eigentlich sollte der Spargel auch von dort kommen. Aber: Die österreichischen Behörden vermuteten, dass findige Händler billigen Spargel aus dem Ausland einfach umetikettierten und teuer als Marchfelder Spargel verkauften. Thomas Prohaskas Forscherteam bestimmte nun den Strontium-Fingerabdruck des österreichischen Marken-Gemüses. Die Forscher fuhren dafür ins Marchfeld und besuchten die vielen Verkaufsstände in der Region. Proben der Auslagen nahmen sie mit nach Wien ins Labor.

"Und das hat ergeben, dass man nächsten Tag, nachdem wir die Proben direkt vor Ort im Marchfeld geholt haben, die ersten Verkaufsstände verschwunden sind."

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