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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer Zauber magischer Welten11.10.2012

Der Zauber magischer Welten

Eine Tagung an der Universität Würzburg untersucht Fantasy und Politik

Bei Fantasy geht es oft um magische Welten, in denen tugendhafte Helden und grausame Bösewichter nach Macht streben und ums Überleben kämpfen. Dabei lassen sich deutliche Parallelen zur Politik ziehen.

Von Tilla M. Schnickmann

Kostümierte Star-Wars-Fans bei der Premiere in Großbritannien (AP)
Kostümierte Star-Wars-Fans bei der Premiere in Großbritannien (AP)

Spätestens seit dem durchschlagenden Erfolg von "Harry Potter" und den Verfilmungen von "Herr der Ringe" oder den "Chroniken von Narnia" hat Fantasy ein Massenpublikum erreicht. Was lange Zeit als Schund- und Trivialliteratur galt, hat sich zu einem Aushängeschild postmoderner Populärkultur entwickelt. In der Wissenschaft ist Fantasy bislang jedoch noch ein Randbereich. An der Universität Würzburg stand nun das Genre drei Tage im Mittelpunkt einer internationalen Tagung, unter dem Titel "The Politics of Contemporary Fantasy".

Hinter dem Konstrukt magischer Fantasywelten steht mehr als reiner Eskapismus, behauptet der Anglistikprofessor Gerold Sedlmayr, der die Tagung in Würzburg veranstaltete. Vielmehr verberge sich hinter den fantastischen Geschichten oft eine eigene Weltordnung:

"Wenn wir uns die Fantasykultur ansehen - und zwar in allen möglichen Ausrichtungen, Literatur, Film und Computerspiele, Rollenspiele und so weiter -, steckt da irgendeine Art von Ideologie dahinter, die es Wert ist, einmal untersucht zu werden. Und vor allem auch: Welche politische Aussagekraft hat das."

Fantasy ist politisch, selbst wenn, oder gerade, weil sie sich unpolitisch gibt, lautet eine These. Auch, wenn reale Bezüge fehlen, spiegeln sich in den Geschichten von Helden, Zauberern und Monstern tiefere Wertesysteme: Wie wird Macht legalisiert, welchen Führern folgt man, wie entstehen Kriege, was sind die erstrebenswerten Ziele der Helden? Fantasyliteratur lässt sich im Hinblick auf viele weltanschaulichen Fragen untersuchen:

"Ich nehme an, die meisten kennen die alten Conan-Filme mit Arnold Schwarzenegger. Also man könnte sagen, da ist eine bestimmte Art von Genderideologie darin. Das heißt, der Held im Film ist ein Mann und dann gibt es vielleicht noch ein paar Frauen, die sind vor allem schmückendes Beiwerk. Und es ist wichtig, dass man relativ viel Haut sieht. Man könnte body politics betrachten. Wie sieht denn ein Held heutzutage aus? Dann könnte man gucken, was sind denn die Gegner, wen tötet der da und gibt es denn dabei moralische Bedenken."

Fantasy ist die Heldendichtung unserer Zeit. Der binäre Kampf zwischen Gut und Böse steht im Mittelpunkt der Geschichten. Wer aber sind die Guten, wer die Bösen? Dr. Dimitria Fimi von der University of Cardiff, forscht zum Rasse-und Ethnizitätsverständnis bei J. R. R. Tolkien. Zwar arbeiten in Tolkiens Welt Menschen, Zwerge, Elben und Hobbits im Sinne der Völkerverständigung durchaus zusammen, doch herrscht gleichzeitig in der Weltordnung von Mittelerde eine starke Bipolarität und Hierarchie: Die Weißen sind die Guten, die Dunklen, die Bösen und Minderwertigen. Das klingt rassistisch.

"Für uns heute natürlich. Manches ist schockierend, manche Zitate und Briefe von Tolkien sind aus heutiger Sicht nicht mehr zu akzeptieren. Aber man muss den Autor auch in seiner Zeit sehen. Er beginnt als ein Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters und endet dann in der Moderne. Es findet sich viel viktorianische Anthropologie bei ihm, etwa das Verständnis von der Verbindung von körperlichen Merkmalen mit geistigen Fähigkeiten. Eine durchaus gängige Meinung dieser Zeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen Grausamkeiten, beginnt sich die Anthropologie von diesem Verständnis zu lösen und erkennt, zu welch gefährlichen Entwicklungen dies führen kann."

Gut gegen Böse, Weiß gegen Schwarz. Natürlich ist es Fiktion und Fantasy, die immanente Logik einer anderen, nicht existierenden Welt. Was passiert aber, wenn Millionen Menschen das Sterben des schwarzen Bösen durch die Hand der weißen Guten verfolgen, fragt Sedlmayr. Peter Jacksons Verfilmung von "Herr der Ringe" ist die erfolgreichste Kinotrilogie der Welt:

"In den Filmen wird das repliziert und es transportiert dann auch ein bestimmtes Bild der Welt, das dann schon auch eine Relevanz für unser Denken hat. Und wenn wir mit solchen Filmen aufwachsen, dann setzten sich unter Umständen bestimmte Denkmuster fest, die dann politische und reelle Relevanz haben."

Immer wieder wurde auf der Würzburger Tagung deutlich, dass Fantasy, gesellschaftliche Realität und reale Politik wechselseitig Bezug aufeinander nehmen. Auch wenn die Frage nach dem gegenseitigen Einfluss oft die Frage nach Henne oder Ei ist: Die Parallelen von Fantasywelt und der realen Politik sind manchmal eklatant, wie die Kulturwissenschaftlerin Dr. Christina Flotmann von der Universität Paderborn untersucht hat:

"Ich habe Textstellen aus "Star Wars" und "Harry Potter" untersucht und verglichen. Das waren hauptsächlich Statements von Politikern oder Figuren, die eben die Geschicke in dieser fantastischen Welt bestimmen. Und habe das konkret mit politischen Zitaten von zum Beispiel George W. Bush oder Tony Blair nach dem 11. September verglichen. Da kam eben heraus, dass diese Zitate sehr ähnlich sind."

Erklärt uns Fantasy in überhöhter Weise eben doch die Welt, wie wir sie täglich in der Tagesschau erleben? Der kritische Leser, so Flotmann, erhält Welterkenntnis - zumindest Erkenntnisse über die westliche Welt. Die meisten Autoren der klassischen High Fantasy kommen nach wie vor aus dem englischsprachigen Raum. In ihren Geschichten gibt es immer wieder Bezüge zur nordeuropäischen Mythologie, christlichen Normen, aber auch zur westlich geprägten Symbolik und Denkweise. Es sind Geschichten, die trotz ihrer gewollten Loslösung von allem Realen und trotz ihrer globalen Vermarktung, nur aus dem Kontext der eignen Kultur zu verstehen sind, sagt Sedlmayr:

"Junot Diaz, ein Pulitzer Preisträger, der aus Dominikanischen Republik kommt, der meint, dass er, als er nach USA ausgewandert ist, nicht nur die englische Sprache lernen musste, sondern auch die Sprache der Science-Fiction und der Fantasy. Einfach, weil diese Sprache so sehr in den westlichen Kulturen verankern ist. Das heißt, jeder, der von außen kommt, muss sich auch mit der Art von Denke, die sehr prominent vorhanden zu sein scheint, auseinandersetzen. Man muss daher auch fragen: Ist Fantasyliteratur und -kultur ein dezidiert westliches Phänomen und transportiert damit auch dezidiert westliche Wertigkeiten?"

Bislang ist dem so. Doch in den letzten Jahren sind in der zeitgenössischen Fantasyliteratur auch neue Strömungen und Einflüsse zu finden, so Dimitria Fimi:

"Oh, es gibt moderne Fantasyliteratur, die das Genre auf den Kopf stellt. Ursula Le Guin ist ein Beispiel. Ihr Erdsee-Zyklus, den sie schreibt, basiert auf einer polynesischen Weltordnung. Die guten Figuren in ihrem Buch sind rothäutige, amerikanische Ureinwohner und die Bösen sind weiße Nordeuropäer. Es gibt moderne Fantasy, die das Bisherige verändert und es wird ein neuer, stärkerer Trend werden."

Auch im Bereich der klassischen Computerrollenspiele, deren Entwicklung von Beginn an eng mit dem Genre Fantasy verbunden ist, und die längst nicht mehr nur in der Schmuddelecke verschrobener Computernerds zuhause sind, setzt eine Veränderung ein, so Referent Andreas Blüml:

"Das kann aufgebrochen werden. Bei den Einzelspielerspielen gibt es zwar meist eine vom Hersteller vorgegebene Grundkonfiguration, wie der Charakter ausschaut. Und das ist meist irgendein Stereotyp. Doch man kann das aufbrechen und andere Charaktere draufsetzen. Man kann eben in einem Science-Fiction-Rollenspiel wie 'Mass Effect' einen dunkelhäutigen, schlitzäugigen, kleinwüchsigen Schwulen spielen, der dann als Held das Universum rettet. Das sind schon Veränderungen in der Gender- und Rassenkonstruktion, die interessant sind."

Ob aber in dieser Fantasywelt tatsächlich neue Helden und Grundordnungen entstehen? Hier fehlen weiterführende Untersuchungen. Obwohl sich Fantasy in den letzten Jahren zum Aushängeschild postmoderner Populärkultur entwickelt hat, steckt die wissenschaftliche Begleitung noch in den Kinderschuhen. In Würzburg wurden neue Anstöße gegeben – aber noch mehr Fragen aufgeworfen.

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