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Der Zionist

Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller und Politiker Theodor Herzl geboren

Er begründete den modernen politischen Zionismus: der Publizist und Politiker Theodor Herzl. Seine Vision eines jüdischen Staates wurde - 50 Jahre nachdem er Juden aus aller Welt zum ersten zionistischen Kongress geladen hatte - Wirklichkeit.

Von Igal Avidan

Der Schriftsteller und Politiker Theodor Herzl (AP)
Der Schriftsteller und Politiker Theodor Herzl (AP)

"Ein einsamer Mann, höchst erregt, schritt entlang der Kieswege der Pariser Tuileriengärten, blieb manchmal stehen und schrieb ein paar Zeilen in ein kleines Notizbuch. Der Herr in seinem peinlich korrekten Anzug bot einen merkwürdigen Anblick: die fiebrigen, dunkel umrandeten Augen und die Blässe des Gesichts ließen an Krankheit denken oder an eine schwere innere Krise. Er war ein ungewöhnlich gut aussehender Mann um die Mitte 30. Er trug sich dandyhaft, von den Glacéhandschuhen bis zur versilberten Krücke seines Spazierstocks. Der sorgfältig gepflegte, tiefschwarze Vollbart verlieh seinem Antlitz düstere Strenge. Die dunklen Augen waren das Schönste: sanft und ausdrucksvoll, mit einem flackernden Licht um die Iris","

… so beschrieb Amos Elon, Theodor Herzls Biograf, den Begründer des Zionismus im Sommer 1895. Die Ursache für Herzls Erregung war eine politische Broschüre, an der er damals arbeitete, eine der einflussreichsten ihrer Zeit. Sie hieß: "Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage".

Antisemiten in Westeuropa verwendeten damals den Begriff "Die Judenfrage", um damit die angebliche Unfähigkeit der Juden zur Assimilation auszudrücken, die die Entwicklung der Gesellschaft behindere. Herzl selbst fühlte sich vom Judenhass nicht tangiert. Am
2. Mai 1860 war er als Sohn einer wohlhabenden, assimilierten jüdischen Familie geboren worden und in Budapest aufgewachsen. In Wien absolvierte er ein Jurastudium, wo er Komödien fürs Theater und Feuilletons für die liberal-bürgerliche "Neue Freie Presse" schrieb, dem führenden Blatt der Habsburgermonarchie.

Erst antisemitische Vorfälle in Paris, über die Herzl als Korrespondent dieser Zeitung berichtete, weckten sein Interesse für jüdische Politik.

1894 wurde der jüdisch-französische Hauptmann Alfred Dreyfus aufgrund gefälschter Beweise und unter Mobilisierung antisemitischer Ressentiments wegen Spionage verurteilt und öffentlich degradiert. Der Herzl-Forscher Julius Schoeps:

""Ich habe die These vertreten, dass es das Schockerlebnis des Dreyfuss-Prozesses war, das dazu führte, dass Herzl vom assimilierten Juden zum Zionisten wurde."

Das Gebrüll der Menge in Paris während des Prozesses und bei der öffentlichen Degradierung - "Tod den Juden!" - ließ Herzl nicht mehr los. In seinem Buch "Der Judenstaat", das 1896 erschien, schrieb er:

"Wir sind ein Volk, ein Volk. Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem anderen zu versetzen. Das vermag nur eine Idee."

"Er hat die Juden als Volk gesehen, nicht als Religion. Und hat die Judenfrage nicht als eine soziale Frage definiert, sondern als eine nationale Frage. Das ist das Entscheidende. Er war der Überzeugung: Die Gründung und die Schaffung eines nationalen jüdischen Staates würde ein Ende des Antisemitismus in der Welt bedeuten."

Diese Schrift, die nur ein kleiner, unbekannter Verlag veröffentlichen wollte, schlug wie eine Bombe ein. Die Wiener Juden, die Herzl als einen deutschen Patrioten kannten, staunten über seine Verwandlung. Die meisten Rabbiner und prominenten Juden in Westeuropa lehnten sie ab. Herzls treueste Anhänger waren die Zionisten in Osteuropa, von deren Existenz er bis dahin keine Kenntnis hatte.

Nach der Veröffentlichung reiste Herzl vergeblich durch Europa, um Geldgeber für sein Projekt aufzutreiben. 1897 berief der - so sein Biograf Elon - "selbsternannte Staatsmann ohne Staat" in Basel den ersten zionistischen Kongress ein.

Zum ersten Mal seit der Zerstörung des zweiten Tempels vor 2500 Jahren versammelten sich jüdische Vertreter aus aller Welt. Herzl inszenierte die Veranstaltung, die mit der Musik seines Lieblingskomponisten Richard Wagner begann, bis ins Detail. In seinem Tagebuch notierte er:

"In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sage, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in 50, wird es jeder einsehen."

In den nächsten neun Jahren bis zu seinem frühen Tod 1904 formte Herzl die zionistische Bewegung, verhandelte mit Kaiser Wilhelm II., dem Sultan Abdul Hamid II. und Papst Pius X., die alle eine jüdische Heimstätte ablehnten.

Aber Herzls Vision wurde doch Realität. 50 Jahre und acht Monate nach dem ersten zionistischen Kongress verkündete David Ben Gurion die Gründung eines jüdischen Staates. An der Wand hinter ihm hing ein großes Porträt von Theodor Herzl.

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