Sonntag, 29. Januar 2023

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Deutsch-argentinische Buchachse

Argentinien wird auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober als Gastland einen großen Auftritt haben. Im Vorfeld knüpft das Projekt Rayuela literarische Kontakte: Fünf deutschsprachige Autoren reisen nach Argentinien, fünf argentinische kommen nach Europa. Organisiert wird das Stadtschreiber-Projekt vom Goethe-Institut und von den Literaturhäusern in Deutschland und der Schweiz.

Von Lisa Rauschenberger | 16.09.2010

    Bahía Blanca: eine Kleinstadt in der argentinischen Provinz, rund 600 km von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt. Schon seit drei Wochen ist Ulf Stolterfoht in Bahía Blanca. Die Hafenstadt unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von europäischen Städten, findet der Autor:

    "Also, mir kommt die Stadt sehr wohlhabend vor, es gibt sehr, sehr vornehme Geschäfte, vor allem Kleider- und Schuhgeschäfte, die Leute sind recht gut gekleidet, zumindest besser als ich, und es gibt sehr wenig Arme, zumindest sieht man sehr wenige Arme in der Innenstadt. Ich bin überzeugt, dass es Arme gibt, aber es ist kein Vergleich zu Buenos Aires, wo die Armen und sehr Armen wirklich Bestandteil des Stadtbildes sind, das sind sie hier überhaupt nicht. Und es gibt sehr viele vornehme alte Damen, die im Café sitzen und Kaffee trinken, also es hat wenig Exotisches eigentlich."

    Statt Exotik hat Ulf Stolterfoht jetzt vor allem eins: Ruhe. Die nutzt er, um den ganzen Tag zu schreiben. Gedichte und natürlich sein Reisetagebuch. In seinem Blog auf der Website des Goethe-Instituts berichtet er täglich über sein Leben in Bahía Blanca. "Rayuela" heißt das Stadtschreiber-Projekt, genauso wie der Roman von Julio Cortázar. Das Konzept: Fünf deutschsprachige Autoren reisen nach Argentinien. Darunter bekannte Namen wie Alissa Walser und noch relativ unbekannte wie Ron Winkler. Jeder berichtet aus einer anderen Stadt, über eine andere Umgebung. Im Gegenzug besuchen fünf argentinische Autoren Leipzig, Frankfurt, Berlin, Stuttgart und Zürich. Organisiert wird das Stadtschreiber-Projekt vom Goethe-Institut und von den Literaturhäusern in Deutschland und der Schweiz. Gabriela Massuh ist Programmreferentin des Goethe-Instituts in Buenos Aires und betreut das Projekt vor Ort. Sie ist überzeugt davon, dass der Austausch Spuren bei den Autoren hinterlassen wird:

    "Zunächst einmal ist es ganz wichtig, dass deutsche Autoren, die nie im Leben die Möglichkeit gehabt hätten, nach Argentinien zu kommen, zunächst nach Argentinien kommen, weil es ganz andere Umstände sind, weil man viel lernt in einer Reise und weil man in Ruhe sein kann, sich Gedanken zu machen, und schon das ist wichtig. Und danach, was passiert - ich weiß, dass für diese fünf Autoren Argentinien eine sehr große Rolle spielen wird oder sie werden den Namen Argentinien in Hörfunk oder in Presse nicht so betrachten, wie es früher war. Schon das lohnt sich. Und auf der anderen Seite natürlich das Bekanntmachen der Autoren, das ist schon wichtig in diesem Land und in Deutschland."

    Für Alissa Walser hatte der Austausch Erfolg: Der argentinische Verlag Adriana Hidalgo will ihren Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" jetzt verlegen. Auch die argentinischen Autoren werden Gelegenheit haben, sich dem ausländischen Publikum zu präsentieren: Einige haben sich in Deutschland bereits einen Namen gemacht, so etwa Alan Pauls. Für María Negroni dagegen ist der deutsche Büchermarkt Neuland. Als Abschluss des Projekts werden alle Autoren die Frankfurter Buchmesse besuchen. Auch Ariel Magnus wird dort seinen Roman "Ein Chinese auf dem Fahrrad" vorstellen, der dieses Jahr auf Deutsch erschienen ist. Davor jedoch wird der Argentinier als Stadtschreiber aus Zürich berichten. Dass er dort viel Muße haben wird, um an einem neuen Roman zu arbeiten, glaubt er nicht.

    "Ich weiß nicht, also, die Ruhe, um zu schreiben, die habe ich hier in Buenos Aires. Ich schreibe jeden Tag und habe hier meine Ruhe, dafür muss ich nicht in die Schweiz fahren. Tatsächlich werde ich dort wenig Ruhe haben, ich werde Sachen machen müssen: Lesungen, unterwegs sein. All das unterbricht mich nur beim Schreiben. Also, ich sehe es mehr als Arbeitsreise. Ich werde hinfahren, werde Lesungen geben, um Geld zu verdienen. Denn zumindest in meinem Fall wird es das letzte Jahr sein, dass man mir in Deutschland viel Beachtung schenken wird, zum Beispiel auf der Buchmesse in Frankfurt."

    Ganz anders Ulf Stolterfoht in Bahía Blanca: Für ihn bedeutet der Aufenthalt in Argentinien vor allem die Möglichkeit, so viel zu schreiben, wie er es in Berlin nur selten kann. Keine Lesungen, keine sozialen Verpflichtungen. Das Haus verlässt er nur selten, zum Einkaufen und abends zum Essengehen. Die Autoren sollen das Gastland auch abseits der touristischen Pfade kennenlernen. Das ist zumindest die Idee hinter dem Stadtschreiber-Projekt.

    Einen Kulturschock muss Ariel Magnus in der Schweiz nicht fürchten. Er hat Jahre lang in Berlin gelebt und spricht fließend Deutsch. Gerade deswegen kann er sich vorstellen, die Zeit in der Schweiz in einem Roman zu verarbeiten.

    "Hoffentlich wird es der Anstoß für mich sein, um auf Deutsch zu schreiben. Ich würde gerne einen Roman auf Deutsch schreiben und habe schon an einen gedacht, der in Deutschland spielt, aber einer über die Schweiz, die Idee finde ich sympathisch. Ja klar, da habe ich schon große Erwartungen."

    Ganz unerwartet dagegen hat Ulf Stolterfoht in der unscheinbaren Provinzstadt Bahía Blanca Gleichgesinnte gefunden. Die schaffen es sogar, ihn aus seiner Schreibisolation zu holen:

    "Morgen treffe ich mich mit einem Dichter, der heißt Sergio Raimondi und leitet hier ein Museum am Hafen über die argentinische Immigrationsgeschichte und schreibt ganz tolle Gedichte und in diesem Umfeld des Museums gibt es noch einige Leute, die Gedichte schreiben, die ich jetzt so nach und nach treffe und treffen werde hoffentlich, also insofern habe ich es ganz gut getroffen mit der Stadt und das Großartige ist, die schreiben nicht nur einfach Gedichte, sondern die schreiben wirklich ganz tolle Gedichte und ich habe gerade mit lateinamerikanischer Lyrik an sich, ja das ist blöd zu sagen, aber ich habe damit große Schwierigkeiten, weil die ganz, ganz anders aussieht als die Sachen, die ich schreibe und die ich normalerweise lese. Aber diese Bahía-Blanca-Leute, die machen was ganz Europäisches, was mir viel näher liegt als, ach ja, Liebeslyrik und solche Sachen. Also, insofern habe ich Glück, dass es die Leute gibt und dass die auch noch so tolle Sachen machen."

    Kulturaustausch - da, wo man es am wenigsten erwartet hätte. Vielleicht ist das so etwas wie die Essenz dieses Stadtschreiberprojekts.