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Deutsche Bank
Die Prozesse werden zur Chefsache

Der neue Chef der Deutschen Bank, John Cryan, hat schon in der vergangenen Woche bei der Vorlage der Quartalszahlen den Finger in alte Wunden gelegt. Dazu gehören vor allem die zahlreichen Rechtsstreitigkeiten. Die hat Cryan inzwischen zur Chefsache gemacht - und auch die Rechtsabteilung übernommen.

Von Stefan Wolff | 06.08.2015

    Polizisten bei der Durchsuchung der Zentrale der Deutschen Bank 2012
    Polizisten bei einer Durchsuchung der Zentrale 2012. Die Deutsche Bank ist derzeit in über 7.000 Prozesse verwickelt. (dpa / picture-alliance / Frank Rumpenhorst)
    Es war nur ein Halbsatz in dem 156 Seiten umfassenden Quartalsbericht und dieser war so gut in dem Bilanzwerk versteckt, dass er der Fachwelt erst zwei Wochen nachdem der Bericht veröffentlicht wurde, auch auffiel. Dabei hätte die Entscheidung Signalwirkung haben können. John Cryan, der neue Chef der Deutschen Bank, ist nun auch Leiter der Rechtsabteilung des Hauses.
    "Warum das nicht öffentlicher kommuniziert worden ist, ob‘s ne intelligente Strategie ist, vermutlich nicht", urteilt Stefan Bongardt, Bankenexperte beim Analysehaus Independent Research. Schließlich wurde der Deutschen Bank stets vorgeworfen, ihre Skandale und Rechtsstreitigkeiten nicht eben transparent abzuarbeiten. Die Entscheidung selbst bezeichnet nicht nur Bongardt als strategisch richtig und gut. Auch sein Kollege Philipp Häßler von der Equinet-Bank traut Cryan eine Menge zu: "Ich denke, die Wahrscheinlichkeit ist wesentlich höher, dass sich jetzt etwas ändern wird. Und die ersten Eindrücke, die man von ihm bekommen hat, sind doch durchaus positiv und ich denke, der Wille ist schon ganz klar da bei der Deutschen Bank, jetzt auch den Kulturwandel aktiv voranzutreiben."
    Vorstandschef John Cryan übernimmt das Ressort von Christian Sewing. Bei der Deutschen Bank hieß es, dass dieser mit dem Privat- und Geschäftskundenbereich voll ausgelastet sei. Allerdings war Sewing erst vergangenen Dezember mit dem Rechtsressort betraut worden. Er hatte damit Stefan Leithner beerbt, der - nach Ansicht der Bankenaufsichtsbehörde Bafin - keine gute Figur bei der Aufarbeitung gemacht habe. In einem vor wenigen Wochen bekannt gewordenen Brief war Bafin-Abteilungsleiterin Frauke Menke hart mit dem Vorstand ins Gericht gegangen und hatte Leithner vorgeworfen, gegenüber Sonderprüfern nicht die Wahrheit gesagt zu haben.
    Dass nun der Chef persönlich das Rechtsressort führt, könnte als Signal an die Bafin gewertet werden, dass nun ein unbeschriebenes Blatt im Vorstand die Verantwortung übernimmt. Doch dieses Signal reicht nicht, sagt Stefan Bongardt. "Wichtig ist für Investoren halt, dass die Probleme schnell abgearbeitet werden, also das wird mit Sicherheit auch ein Thema für die kommenden Quartale sein. Ein ganz großes Thema sind ja auch die Rückkaufforderungen von Hypotheken in den USA für die Deutsche Bank. Und da geht es jetzt in den kommenden Quartalen darum, soweit wie möglich Transparenz an die Investoren zu geben und da eben aufzuzeigen, wann eben mit Abflauen dieser hohen Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten zu rechnen ist."
    Dass das eher Jahre als Monate dauern kann, ist Branchenbeobachtern völlig klar. Und: Die Sache kann teuer werden, die Bilanzen auf Jahre belasten. Die Deutsche Bank ist derzeit in über 7.000 Rechtstreitigkeiten verwickelt. Allein beim Hypothekenstreit in den USA haben sich die Forderungen der Kläger bislang auf drei Milliarden Euro summiert. Beispiele US-amerikanischer Banken zeigen, dass weitere Forderungen nicht ausgeschlossen sind. Die Deutsche Bank aber habe für diesen Streitpunkt nur eine halbe Milliarde Euro zurückgelegt, erklärt Stefan Bongardt.
    John Cryan müsse jetzt liefern, fordert der Analyst: "Das sind bisher alles Lippenbekenntnisse. Das gilt es jetzt auch mit Taten zu untermauern. Cryan hat jetzt die Aufgabe, das glaubwürdig zu transportieren." Und wenn dies transparenter und öffentlichkeitswirksamer erfolgt als die Übernahme der Rechtsabteilung durch Cryan, könnte das sogar das ramponierte Image der Deutschen Bank aufpolieren.