Freitag, 19. August 2022

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Deutsche Bürgersöhne als Juristen

In den Jahren um 1968 waren Christian Ströbele, Otto Schily und Horst Mahler Anwälte der Berliner APO-Szene und Weggefährten, heute würde man sie nicht einmal mehr zusammen vor die Kamera bekommen. Die Regisseurin Birgit Schulz hat die gegensätzlichen Entwicklungen dieser drei Männer zum Thema ihres Dokumentarfilms gemacht.

Von Rüdiger Suchsland | 22.11.2009

    Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler - drei Namen, die aufs Engste mit der deutschen Politikgeschichte seit den 60er-Jahren verbunden sind. Drei hochbegabte deutsche Anwälte, die stärker als ihre Kollegen gegen Ungerechtigkeit und die Missstände des Rechtsstaats kämpfen wollten. Sie waren wohl nie wirkliche Freunde, aber eine Zeit lang waren sie enge Kollegen, bevor sie ihr Weg zunächst allmählich, dann radikal voneinander distanzierte.

    "Die Anwälte" heißt Birgit Schulz' brisanter, kluger, ebenso hochspannender wie zutiefst irritierender Dokumentarfilm, in dem die Geschichte dieser drei Männer erzählt wird. Es beginnt mit einem Foto. Es ist eines der wenigen, auf denen die drei gemeinsam zu sehen sind, 1973, beim Prozess gegen Horst Mahler wegen dessen Beteiligung an Verbrechen der RAF. Da ist die gemeinsame Geschichte schon fast vorbei.

    Begonnen hatte sie sieben Jahre früher: Am 2. Juni 1967 in Berlin, als der Student Benno Ohnesorg aus bis heute ungeklärten Umständen von der Polizei erschossen wurde.

    "Der 2. Juni war für mich ein Schicksalstag, ein Schlüsselerlebnis, das Anlass meiner Politisierung und Teilnahme an der Außerparlamentarischen Opposition war. Das hat mein Gerechtigkeitsempfinden mobilisiert"," so Hans-Christian Ströbele

    ""Was den Fall so düster macht, ist, dass viel Beweismaterial verschwunden ist. Gab ja auch Filmaufnahmen, die sind merkwürdigerweise vernichtet worden. Deshalb bleibt natürlich ein großer Zweifel, was da wirklich geschehen ist," soweit Otto Schily.

    Und Horst Mahler resümiert:

    "Für mich war es die Bestätigung der marxistischen Theorie über die Rolle des Staates als Instrument der Herrschenden; für Schily der Zusammenbruch rechtsstaatlicher Illusionen, er hat sich da als Liberaler radikalisiert."

    Schon in diesen unterschiedlichen Reaktionen wird der Unterschied der drei Temperamente erkennbar, die auch drei verschiedene Varianten der Bewegung von 1968 repräsentieren: Ströbele - der betroffene Gewissensmensch; Schily - der Reformer, der den Rechtsstaat verbessern will; Mahler der Revolutionär, der auch zur Gewalt bereit ist.

    1969 gründeten die drei dann das "Sozialistische Anwaltskollektiv", verteidigten Opfer von Polizeigewalt, linke Demonstranten und Extremisten.

    Was folgte, ist bekannt: Ein Jahr später ging Horst Mahler mit der RAF in den Untergrund. Er wurde verhaftet, saß 14 Jahre im Gefängnis, und entwickelte sich dort vom Linksradikalen zum Rechtsextremisten und Holocaustleugner. Kurz nach Dreharbeiten musste er wieder in Haft, diesmal wegen Volksverhetzung.

    Ströbele und Schily wurden zunächst berühmt als "Linksanwälte", als Verteidiger der RAF im Stammheim-Prozess, später gingen sie zu den Grünen, Schily wechselte zur SPD und war sieben Jahre unter Gerhard Schröder Innenminister.

    Im Gedächtnis bleiben aber gerade auch die Passagen über den Stammheim-Prozess, in denen von Einschüchterung erzählt wird, von Sondergesetzen zum Ausschluss der Verteidiger die Rede ist, vom Versuch der Kriminalisierung der RAF-Anwälte auch durch demokratische Politiker. Da zeigt Schulz hervorragend, was sich in den letzten 35 Jahren bei uns verändert hat, und welchen Dienst vor allem Schily durch seine hartnäckige, aber nie paktierende Verteidigung der Angeklagten, dem Rechtsstaat erwiesen hat:

    "Wir führen gegenüber der Macht das Argument des Rechts ins Feld" - was für ein Satz. Gesprochen wurde er während des Stammheim-Prozesses, und eigentlich geht es darin nur um die humane und demokratische Selbstverständlichkeit, dass auch Angeklagte Rechte genießen, egal, was ihnen vorgeworfen wird.

    Der Untertitel des Films lautet "eine deutsche Geschichte". Und das ist diese hochinteressante Zeitreise tatsächlich: Eine Geschichte, die einerseits viel erzählt von der Geschichte der Bundesrepublik, davon wie der westdeutsche Staat erst auch innerlich zur Demokratie wurde. Eine Geschichte, die andererseits in all ihren Facetten, ihren Triumphen und Tragödien nur aus den Tiefen und Untiefen der allgemeinen deutschen Geistesgeschichte und des Milieus des deutschen Bildungsbürgertums zu erklären ist.

    Alle drei Anwälte gehörten jener Übergangsgeneration an, der man einmal die "Gnade der späten Geburt" unterstellte: Zu jung, um noch Soldat zu werden, aber alt genug um das Terrorsystem der Nazis am eigenen Leibe zu erleben. Alle drei eint eine gewisse elitäre Grundhaltung, das selbstbewusste Gefühl, ungewöhnlich, etwas Besseres und zu besonderen Aufgaben geboren zu sein.

    Schulz arbeitet dies sehr gut heraus. Indirekt erzählt sie in der Geschichte der drei Anwälte auch ein Stück deutscher Geistesgeschichte, sie erzählt, wie die Bundesrepublik wurde, was sie ist.