Interview im DLF
Freizeitpark Deutschland? DIW-Präsident Fratzscher kritisiert Forderungen nach Mehrarbeit

Ist Deutschland faul geworden und gefährdet so den Wohlstand? Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Fratzscher, hält nichts von dieser Debatte. Es werde so viel gearbeitet wie noch nie. Zugleich warnte er im DLF vor einer Rückkehr zu alten Rollenbildern.

02.05.2024
    Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher.
    Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. (imago / IPON)
    Fratzscher verwies im Deutschlandfunk darauf, dass in Deutschland inzwischen 46 Millionen Menschen einer Arbeit nachgingen. Zugleich würden so viele Arbeitsstunden geleistet wie noch nie. "Wir sind mitnichten faul geworden. Das ist einfach Unfug."
    Zwar würden Menschen mit einer Vollzeitstelle weniger Wochenstunden absolvieren als noch vor 30 Jahren, das liege aber vor allem an einem geänderten Familienbild. "Paare teilen sich die Arbeitszeit anders auf als früher, um eine gemeinsame Versorgung der Kinder zu ermöglichen." Die Folge sei, dass Männer etwas weniger arbeiteten als früher, Frauen dafür mehr, erklärte der Vorsitzende des arbeitnehmernahen Instituts.

    "Quantität nicht gleich Qualität"

    Fratzscher krtisierte in diesem Zusammenhang erneut den Vorstoß von Union und FDP, Überstunden steuerlich zu begünstigen: "Das fördert alte Rollenbilder, kostet den Staat viel Geld, führt aber nicht zu mehr Produktivität."
    Studien zeigten, dass weniger Wochenarbeitszeit sogar zu mehr Produktivität führen könne, weil Arbeitnehmer motivierter und ausgeruhter zu Arbeit kämen. "Quantität bedeute eben nicht mehr Qualität", betonte Fratzscher.

    Studie: Vor allem Generation Z will weniger arbeiten

    Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erklärte hingegen, dass Deutschland es sich nicht leisten könne, die Arbeitszeit zu verkürzen. Es verwies auf eine neue Studie, wonach Menschen in Deutschland immer weniger arbeiten wollen.
    Demnach wünschten sich Frauen unter 25 Jahren bei der Befragung 2021 eine Wochenarbeitszeit von 33 Stunden, im Jahr 2007 waren es noch 37 Wochenstunden. Männer zwischen 26 und 40 Jahren gaben im Jahr 2007 noch an, fast 40 Stunden arbeiten zu wollen, 2021 waren es der Studie zufolge im Schnitt noch 36 Stunden.

    IW fordert Anreize für Mehrarbeit

    "Diese Entwicklung gefährdet unseren Wohlstand, denn Deutschland altert enorm", warnte Holger Schäfer vom IW in einer Mitteilung. Es sei fraglich, ob ausländische Arbeitskräfte diese Lücke schließen könnten. Stattdessen müssten die Menschen eher ein bis zwei Stunden die Woche mehr arbeiten. Hier sei die Politik gefragt. Sie müsse dringend Anreize und Rahmenbedingungen schaffen, um längere Arbeitszeiten zu fördern.