Donnerstag, 18.10.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCorsoEin Raum für Eurydike10.04.2018

Deutscher ComputerspielpreisEin Raum für Eurydike

Zutritt nur mit Schutzanzug und VR-Brille. Für 30 Minuten darf man "Eurydike" besuchen. Einen Raum der Künstlerin Evelyn Hribersek. Beim deutschen Computerspielpreis ist sie nominiert in der Kategorie "Beste Inszenierung" für einen klaustrophen Alptraum, der nicht nur die Gattin des Orpheus befreit.

Evelyn Hribersek im Corsogespräch mit Ulrich Biermann

(Adrian Schätz/ Evelyn Hriberšek)
Evelyn Hribersek ist mit "Eurydike" für den Deutschen Computerspielpreis nominiert (Adrian Schätz/ Evelyn Hriberšek)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Klänge und Bilder zum Eintauchen Das ISM Hexadome im Berliner Martin-Gropius-Bau

Virtuelle Installation von Iñárritu Mittendrin im Flüchtlingstrack

Virtual Reality Schöne neue Kunstwelt

Er will sie zurück, das wissen wir. Dafür steigt Orpheus hinab in die Unterwelt, will seine Eurydike aus dem Hades holen. Mehr wissen wir allerdings kaum aus der griechischen Mythologie über die Gattin. Aber bei Evelyn Hribersek erfahren wir mehr. Das aktuelle Projekt der Künstlerin, Bühnenbildnerin und Regisseurin schafft einen eigenen Raum für Eurydike. Einen Raum, den man betreten, begehen, erlauschen, befühlen, ertasten kann. Eine Mixed-Media-Installation mit virtueller und Augmented Reality. So beeindruckend und überraschend bis verstörend, dass sie dafür in der Kategorie "Beste Inszenierung" für den Deutschen Computerspielpreis nominiert ist - heute Abend wird der Preis vergeben. Nicht zum ersten Mal, für den Vorgänger, "O.R.pheus", war sie ebenfalls nominiert.

"Die Frau stirbt, damit Kunst entstehen kann"

Ulrich Biermann: Glückwunsch, Frau Hribersek.

Evelyn Hribersek: Vielen Dank.

Biermann: Wenn ich sage, Ihr Raum - ein klaustrophober Albtraum: getroffen?

Hribersek: Och, ich finde das ganz hübsch (lacht). Absolut.

Biermann: Was war der Reiz für Sie, einen Raum für Eurydike zu schaffen, jenseits der Fortsetzung?

Hribersek: Also, es ist ja so, dass wir denken, dass der Mythos uns bekannt ist - also Orpheus und Eurydike, das größte Liebespaar, eines der größten Liebespaare in der griechischen Mythologie; sie stirbt, kommt in den Hades, er überwindet alle den Menschen gegebenen Grenzen, um sie von den Toten zurück zu den Lebenden zu holen. Und das gelingt ihm auch bis zu einem gewissen Punkt, nämlich bis da, wo er sich nach ihr umdreht. Was die meisten aber nicht wissen ist, dass Eurydike mehrfach stirbt. Das heißt also: Das erste Mal, als sie vor einem Vergewaltiger flieht - so kommt sie auch in den Hades. Das zweite Mal tatsächlich, als sich Orpheus nach ihr umdreht.

Das Interessante ist natürlich, zu hinterfragen, wie diese Dinge denn zusammenhängen und warum Orpheus dieses Verbot übertritt, denn er steht ja sozusagen kurz vor dem Ziel. Und letztlich ist das ein sehr beliebtes Tool, kann man so sagen, oder eine Situation, die sich in den Künsten immer wieder findet: das Frauenopfer. Die Frau stirbt - oder wird geopfert -, damit Kunst entstehen kann. In dem Fall der Mythos selbst, denn Orpheus wird ja zum größten Sänger aller Zeiten, nachdem er sie ein zweites Mal verliert. Und das ist natürlich ganz spannend, wenn man sich das quer durch die Künste anguckt.

"'Eurydike' ist ein sprachloser Ort"

Biermann: Die klassische Heldenreise?

Hribersek: Die klassische Heldenreise, die aber so "klassisch" auch nicht mehr ist, beziehungsweise die ja immer wieder überall auftaucht, also die ja letztlich auch immer den Grund bildet, damit sich der Held transformieren kann. Und das ist ja auch etwas, was sich nicht nur in der Literatur und im Film, sondern auch im Gaming wiederfindet.

Biermann: Das ist einerseits klassisches Bildungsbürgertum - und das trifft jetzt auf Virtual Reality, Augmented Reality, auf 3D-Raumklang, synthetisch generiert, der sehr dräuend, sehr elektronisch, sehr düster klingt. Warum diese Vermählung bei Ihnen?

Hribersek: Puh (lacht)! Also, "Eurydike" ist meiner Meinung nach ein ganz anderes Feld als "O.R.pheus". Sie hat eigentlich von Anfang an keine Stimme. Sie wird nicht gefragt, die Dinge passieren mit ihr, sie hat da drin keine Position. Und das Projekt selbst, also meine Interpretation von Eurydike, soll sie aus diesem Schattendasein letztlich auch befreien. Und das ist eben das, was über die Musik auch letztlich passiert. Also, "Eurydike" ist ja tatsächlich ein sprachloser Ort, ein Ort, der seine Stimme verloren hat. Und das Leben kann durch den Besucher, durch seine Interaktivität an diesen Ort zurückkehren. Und hierzu habe ich eben ein musikalisches Konzept entwickelt, das ich persönlich als Musiktheater auch betrachte: Eine 3D-Komposition, die in "Eurydike" verortet ist, und die eben durch ein Zusammenspiel von Zufall, Interaktivität, Experimentierfreude vom Besucher her erspielt werden kann.

Bildungsbürgertum trifft auf Gaming

Biermann: Man betritt mit einem Schutzanzug, mit Headset und Virtual-Reality-Brille - in München war das im letzten Jahr so - zwei Räume von je 500 Quadratmetern. Jetzt wandert Ihre Installation, Ihr Werk, nach Stuttgart, ins Theater "Die Rampe", ist dort ab nächster Woche zu sehen. Wenn man diesen Raum betritt, ist das dann auch quasi ein Eintritt in ein neues Musiktheater?

Hribersek: Absolut. Also, ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, es ist noch ein "Mehr", das sich nicht kategorisieren lässt. Und das macht es in der Beschreibung auch immer so schwierig, denn "Eurydike" ist wirklich ein Mix aus interaktiver Kunstinstallation, aus Neuem Musiktheater, aus Real-Life-Game, das eben auch noch neue Technologien wie Augmented - und Virtual Reality und 3D-Sound mit einbindet - und damit auch eine Klientel zwischen Hochkultur und Mainstream unterschiedlichster Altersklassen und unterschiedlichster Backgrounds vereint.

Biermann: Das klingt für mich auch ein bisschen so, als ob Sie das Musiktheater aus dem Hades der Opernhäuser befreien wollten.

Hribersek: Absolut (lacht). Genau - also, das ist ja mein Background, aus dem ich stamme. Und was ich persönlich ja häufig dann doch auch in der Hochkultur vermisse ist, dass meiner Meinung nach gesellschaftlich relevante Themen den Hochkulturbereich verlassen und dass sich eine breite Masse mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzt. Und ich glaube, dafür müssen neue Formen gefunden werden, damit man mit einem seriösen, mit einem "serious content", mit einem sperrigen, ernsthaften Inhalt auch wirklich durchdringt - auf eine Art und Weise, die nicht den erhobenen Zeigefinger zeigt, sondern die mit Spaß und Freude und Neugierde und Herausforderung und eben, ja, mit Spiel und Spaß einhergehen kann.

Die freien Projekte brauchen sehr viel Unterstützung

Biermann: Ich drücke die Daumen für heute Abend. Da wird der Deutsche Computerspielpreis vergeben. Sie sind nominiert - 40.000 Euro Preisgeld winken. Wofür würden Sie die brauchen können?

Hribersek: Natürlich für die Fortsetzung.

Biermann: Sie arbeiten gern in Trilogien, habe ich gelesen?

Hribersek: Absolut, genau. Und bis dato dauert die Produktion eines Teils vier bis fünf Jahre, was natürlich auch mit den Produktionsbedingungen zu tun hat. Man muss sagen, sowohl "O.R.pheus" als auch "Eurydike" sind freie Projekte, die eben auch nur mit sehr viel Unterstützung verschiedenster Art - von Kulturfördermitteln über Medien- und Kooperationspartner aus allen Bereichen eben überhaupt entstehen können. Sie haben es aber immer noch sehr, sehr schwer, weil sie eben nicht einzukategorisieren sind. Und da würde natürlich der Deutsche Computerspielpreis helfen, das Ganze zu beschleunigen. Und dann sprechen wir vielleicht nicht von 2022, sondern von 2020 (lacht).

Biermann: Wie gesagt, ich drücke die Daumen. "Eurydike" - zu sehen im Theater "Die Rampe" in Stuttgart vom 18. April bis zum 1. Mai. Mehr Informationen im Netz unter www.eurydike.org. Danke für das Gespräch!

Hribersek: Vielen Dank auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk