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StartseiteKultur heuteIdentitätssuche in der Anstalt 26.04.2014

Deutsches Nationaltheater WeimarIdentitätssuche in der Anstalt

William Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" hat die Regesseurin Alice Buddeberg am Deutschen Nationaltheater Weimar inszeniert. Ihre Interpretation knüpft konsequent an das Moment der Verrücktheit an - und verwandelt den Ort der Handlung in eine Mischung aus Kindergarten und Anstalt.

Von Karin Fischer

Theaterplatz von Weimar befindet sich das neoklassizistische Deutsche Nationaltheater mit dem Goethe- und Schiller- Denkmal (picture alliance / Klaus Nowottnick)
Das Verwirrspiel wird bei der Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar auch im Bühnenbild aufgenommen. (picture alliance / Klaus Nowottnick)

Die Liebe hat ja oft etwas Wahnhaftes - frisch Verliebte gelten als verrückt, wie psychotisch, ähnlich pubertierenden Kindern oder Süchtigen. Dabei ist gar nicht sicher, ob wirklich das Objekt der Liebe diesen Wahn auslöst oder ob sie nicht in das Gefühl selbst verliebt sind. Shakespeare jedenfalls hat in "Was ihr wollt" viele solche monomanisch Liebende versammelt, und die Sache dann noch durch ein handfestes Identitätsproblem verkompliziert: Viola, die am Strand von Illyrien landet und glaubt, ihren Zwillingsbruder Sebastian verloren zu haben, heuert - als junger Mann verkleidet - beim Herzog Orsino an. Der braucht sie als Botschafter seiner Liebe zur jungen Gräfin Olivia, die sich in Viola verliebt. Die aber liebt inzwischen den Herzog, wovon er nichts ahnen kann, denn sie ist ja ein Junge.

Und wie immer wird diese Liebes-Farce mit wundersamem Happy End - Olivia kriegt Sebastian, der doch überlebt hat, und der Herzog entdeckt seine Liebe zu Viola - auf der Ebene der Nebenfiguren heiter-grotesk und vielfältig gespiegelt.

Die Interpretation der Regisseurin Alice Buddeberg knüpft konsequent an das Moment der Verrücktheit an: "Entweder bin ich irre oder leb', wo Träume sind", dieser Satz wird zum Ausgangspunkt eines Spiels, das die Zustände des Personals noch zuspitzt, indem es sie verdichtet. Hier ist keiner, wer er glaubt, zu sein! Illyrien ist deshalb eine Mischung aus Anstalt und Kindergarten. Alle außer Viola haben weiß geschminkte Gesichter, wie Clowns oder auch Tote; die Bediensteten Maria und Malvolio, ganz in Weiß, fungieren anfangs als fürsorgliches Anstaltspersonal; und Sir Toby und Sir Andrew sind mit Fellmütze und Kniestrümpfen gekleidet wie große Kinder und kommen auf einem Kinderfahrrad angefahren. Die wortreichen Szenen der Nebenfiguren sind fast ganz gestrichen und durch live Songs ersetzt, die auch das Irrewerden an der Liebe zum Thema haben.

Perfekte Verwirrung

Auf dieses Setting nun trifft Viola, ein ihrer zweiten Hälfte, des Zwillings beraubtes, traumatisiertes Mädchen - als Junge: Die Verwirrung ist so also schon vor der eigentlichen Handlung perfekt. Buddeberg interessiert sich für den Anteil der Verrücktheit in uns selbst; für das Thema Normalität versus Psychose; und für die Konsequenzen aus einem so dramatischen Identitätsverlust, wie Viola ihn inmitten der Verrückten in Illyrien erlebt. Konsequenterweise nennt sie sich hier gar nicht Cesario, sondern gleich Sebastian.

Die Anverwandlung des tot geglaubten Bruders geschieht aus Gründen des Selbstschutzes, doch - und das ist der Clou! - es wird bis zum Ende keinen "echten" Sebastian geben. Und auch kein Happy-End. Viola-Sebastian entwickelt eine Art doppelter Identität, die Zweigeschlechtlichkeit in einer Person. Oder eine Psychose? Sie kann am Ende zwei Mal lieben, zahlt aber einen hohen Preis dafür.

Das Verwirrspiel wird auch im Bühnenbild aufgenommen: Sandra Rosenstiel hat einfach den quent oberen Rang des Weimarer Nationaltheaters als leicht verzerrte, schräg laufende Balustrade in den Bühnenraum gespiegelt. Sie umgibt als hölzern umlaufendes Podest eine Spielfläche, die mit wenigen Requisiten - darunter viel rotes Konfetti - auskommt. Witzig die "Initiationsszene", die den Mann in Viola weckt, ein Duell mit Sir Andrew, in dem ein Baseballschläger, ein Schneebesen und ein zerbeulter Topfdeckel die Hauptrolle spielen. Eine herrliche Parodie ist das, auch auf alle tödlichen Duelle in den hanebüchenen Geschichten des 450 Jahre alten Klassikers.

In Weimar tagt die Shakespeare-Gesellschaft anlässlich dieses Jubiläums. Die Premiere von "Was ihr wollt" war dazu der Auftakt und eine großartige Vorlage: Denn nichts beweist die Lebendigkeit von Shakespeares Dramen besser als das deutsche Regie-Theater, das aus der Liebeswahn-Komödie hier eine kluge Studie zu den Identitäts-Krisen des modernen Jung-Menschen macht.

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