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StartseiteSport am WochenendeZwei Hochschulen, zwei Systeme, kaum Austausch27.12.2020

DHfK Leipzig und DHSH Köln Zwei Hochschulen, zwei Systeme, kaum Austausch

Vor 30 Jahren ist die DHfK, die Deutsche Hochschule für Körperkultur, in Leipzig aufgelöst worden. Was die DHfK in der DDR war, war die Deutsche Sporthochschule in Köln in der BRD. Einen offiziellen Austausch zwischen den beiden Institutionen gab es bewusst nicht – doch die DHfK hinterließ auch in Köln Eindruck.

Von Sabine Lerche

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Der Eingangsbereich der Deutschen Sporthochschule Köln.
Der Eingangsbereich der Deutschen Sporthochschule Köln.
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Nur ein Hörsaal, enge Zimmer, gerade mal um die 100 Studierende, untergebracht in den alten Bauten des Müngersdorfer Stadions in Köln. Wer heute am Spielort des 1. FC Köln vorbeikommt, kann sich nur schwer vorstellen, dass in den alten Backsteinbauten vor dem Fußballstadion einmal die Geschichte der Deutschen Sporthochschule Köln, kurz SpoHo, begonnen hat. Gründungsjahr war 1947, drei Jahre vor der DHfK in Leipzig.

Und doch ist die Hochschule in Leipzig gebäudetechnisch deutlich besser ausgestattet gewesen als die Kölner Sporthochschule. Das hat in Köln für Kritik gesorgt  - bei der Hochschulleitung und in der Presse, so der Kölner Sporthistoriker Ansgar Molzberger:

Schickere Hochschule in der DDR

"Dass man nämlich sagt: Das ist ja eigentlich eine Schande, dass hier so tolle Arbeit gemacht wird unter so schlechten Bedingungen, infrastrukturell gesehen. Und da wurde dann sehr wohl gesagt: Guck doch mal in den Osten, was in der DDR da für eine schicke Hochschule gebaut wurde. Und ihr - in Anführungszeichen - haust hier in den Katakomben des Stadions."

Bild mit einem Radfahrer im Kreis von Kindern mit ihren Fahrrädern (Deutschlandradio / Jennifer Stange) (Deutschlandradio / Jennifer Stange)Ex-DDR-Prestigeobjekt im Wandel der Zeit 
Die DHfK, die Hochschule des DDR-Sports, gibt es nicht mehr. Vor rund 30 Jahren wurde sie geschlossen. Dennoch ist sie den meisten Leipzigerinnen und Leipzigern nach wie vor ein Begriff – genauso wie das Gebäude, in der sie untergebracht war und in dessen Keller eine imposante Kunstsammlung lagert.

1954 hat Bärbel Schöttler an der Sporthochschule in Köln studiert. Sie glaubt, dass sich die Studierenden an der SpoHo in Köln damals keine Gedanken über die DHfK gemacht haben. Im Gegensatz zu ihr. Sie hat die Bücher der DHfK zur Weiterbildung genutzt:

"Wir hatten zum Beispiel zu der Zeit noch keine Trainingslehre. Aber ich habe Verwandte in der damaligen DDR gehabt. Ein weitläufiger Verwandter studierte in Leipzig zum Beispiel Sport. Von dem habe ich Bücher geschickt bekommen: Meine Bewegungslehre oder so."

Man mied sich auf Kongressen

Auch auf der Ebene der Wissenschaft habe es zwischen der SpoHo und der DHfK keine Zusammenarbeit gegeben, erinnert sich Wildor Hollmann, Sportmediziner und ehemaliger Rektor der Kölner SpoHo:

"Wir hatten ja eine Fülle von internationalen Wissenschaftskongressen, wo man automatisch von Ost und West zusammentraf. Nur die meisten West- wie auch die meisten Ost-Leute hielten sich völlig getrennt. Man mied sich gegenseitig. Wissen, dass da etwas existiert: ja. Inhaltliche oder gar persönliche Verbindungen: nein."

Bärbel Schöttler hat als Studentin und auch später als Dozentin an der SpoHo Bekannte in der DDR und an der DHfK gehabt. Als sie in den 50er-Jahren als studentische Hilfskraft Fotos der neu gebauten DHfK in Leipzig ausgeschnitten und beschriftet hat, ist in ihr die Idee entstanden, eine Studienfahrt nach Leipzig zu organisieren:

"Ich habe dann einen Termin gesetzt, habe das beschrieben, was wir vorhatten, und der Hörsaal war brechend voll. Es wollten so viele mitfahren. Und dann stand ein jungen Mann auf, der sagte: 'Ich komme gerade nach fünf Jahren Knast aus Bautzen. Ihr wollt jetzt, wo noch Professoren und Kommilitonen im Gefängnis sitzen, da wollt ihr eine Luxusfahrt nach Leipzig machen?' Das Ergebnis war: Wir sind von der Fahrt zurückgetreten."

Leipzig wollte keinen Austausch mit Köln

Ob es überhaupt möglich gewesen wäre, nach Leipzig zu fahren, weiß Schöttler nicht. Denn auch an der DHfK habe es eine klare Meinung über die SpoHo gegeben, erinnert sich der ehemalige SpoHo-Rektor Wildor Hollmann:

"Die Politik war ja maßgebend und die Politik schrieb alles vor. Das war Feuer und Wasser. Die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig, die brachte in Einführungssemestern, dass also diejenige Institution, bei der man keinerlei Berührung wünschte, die Deutsche Sporthochschule Köln wäre. Das wäre ein rein kapitalistisches, antisozialistisches Unternehmen, das nicht in ihr Weltbild passen würde."

Den Grund für die gegenseitige Ignoranz und gar Abneigung sieht Sporthistoriker Ansgar Molzberger in der allgemeinen politischen Situation: Der kalte Krieg, ein ständiges Ost gegen West. Auch im geteilten Deutschland:

"Jetzt ist die spezifisch deutsche Lage ja zunächst mal so, dass mit Gründung der Bundesrepublik, der westliche Staat die DDR nicht anerkennt, offiziell. Dementsprechend ist natürlich das auch auf Hochschulen zu übertragen, dass das erstmal sozusagen beäugt wird. Und erst in den 70er-Jahren, als sich die deutsch-deutsche Politik dann insofern entspannt, dass man diesen Fakt, es gibt die DDR, auch staatsrechtlich akzeptiert, dann beginnt auch stärker ein wirklicher Austausch: Dass man sich auch gegenseitig besucht, dass dann DHfK-Vertreter hierher kommen, sich neu gebaute Hallen anschauen."

Olympische Spiele 1972 brachten Rückenwind für die SpoHo

Ab 1963 hat die SpoHo angefangen zu wachsen - in jedem Sinne: Neuer Campus, Universitätsstatus, Hallen und Institute. Die Olympischen Spiele 1972 in München haben für Rückenwind gesorgt, vor allem bei der Orientierung Richtung Leistungssport. Informationen aus dem Osten habe man gerne genutzt, erzählt Wildor Hollmann:

"Es war interessant zu erleben, welche Kontakte die hatten, welche Publikationen die schrieben, aber deren Existenz hat in keiner Weise das Niveau oder die Beziehungen zur Sporthochschule Köln beeinflusst, null Komma null", beschreibt der frühere Rektor der SpoHo das jahrelange Konkurrenzdenken zwischen den beiden Hochschulen.

Die Skulptur Speerwerfer steht vor dem Gebäude der ehemailigen Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig. Dort befinden sich jetzt Räume der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig und der Handelshochschule Leipzig. Der vordere Teil des Speeres an der Skulptur ist abgebrochen. Ausschnitt aus der Skulptur Speerwerfer  the Sculpture Speerwerfer is before the Building the ehemailigen German College for Corporate culture DHfK in Leipzig there are to Now Spaces the Sports Science Faculty the University Leipzig and the Business School Leipzig the Front Part the  to the Sculpture is canceled Part of out the Sculpture Speerwerfer   (imago images / Klaus Martin Höfer) (imago images / Klaus Martin Höfer)Trainerlehrgang an der DHfK Leipzig - Wie verdrängte Geschichte zurückgeholt wird
Der Internationale Trainerkurs an der DHfK in Leipzig war Markenzeichen der DDR-Außenpolitik. Während die Hochschule nach der Wende geschlossen wurde, blieb der Trainerlehrgang erhalten. Die Geschichte wurde jedoch lieber ausgeklammert.

Da liegt die Vermutung nahe, dass diese Rivalität auch bei der Auflösung der DHfK 1990 eine Rolle gespielt haben könnte. Zumindest in Leipzig hat man das vermutet, weiß Bärbel Schöttler von ihren Bekannten an der DHfK:

"Die werfen unserem damaligen Rektor Professor Mester vor, dass er nicht alles getan hat, um Leipzig zu erhalten. Und dann kann ich nur sagen: Da geht es nicht um Qualität, wer ist jetzt besser, sondern ich glaube, jeder tut dann für sein Umfeld das Beste. So sehe ich die Rolle von Mester."

Politische Begründung für die Auflösung?

Wildor Hollmann ist aber der Meinung, dass die Entscheidung damals nur von Seiten der Politik getroffen worden ist. Die Begründung für die Auflösung sei gewesen: "Dass man zwei große, sportwissenschaftliche Vereinigungen mit vollen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht halten könnte. Und in Folge dessen war es naheliegend: Köln blieb und Leipzig verschwand. Das hatte primär finanzielle Gründe, aber auch sekundär personelle. Denn diejenigen, die nennenswerte Positionen bei der Deutschen Hochschule für Körperkult in Leipzig hatten, waren natürlich stark im kommunistischen Kader verschmiedet. Und das war natürlich nichts für die Bundesrepublik besonders Empfehlenswertes."

Schöttler: Dozierende aus Leipzig wären sinnvoll für Köln gewesen

Laut Hollmann habe es auch einfach keine Kapazitäten an der SpoHo gegeben, um Dozierende aus Leipzig zu übernehmen. Bärbel Schöttler, damals Dozentin an der SpoHo, hätte das aber sinnvoll gefunden:

"Damals ist kein Kollege aus Leipzig an unsere Hochschule gekommen. Das wäre eine sinnvolle Sache meiner Ansicht nach gewesen. Weil die DHfK zu dieser Zeit auch in manchen Gebieten, Bewegungslehre oder so was, hätte ein Vorteil für die Hochschule sein können."

Nach der Auflösung der DHfK ist das Sportstudium in die Sportwissenschaftliche Fakultät der Universität in Leipzig eingegliedert worden. Die SpoHo in Köln hingegen ist seit damals die einzige Sporthochschule in Deutschland geblieben und stets weiter gewachsen.

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