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Diagnose Alzheimer – und nun?

Medizin. - Alzheimer ist eine heimtückische Erkrankung. Schon lange bevor die ersten Symptome auftauchen, lagern sich Proteine im Hirn ab. Diese Ablagerungen kann ein internationales Forscherteam jetzt mit einer neuen Methode erkennen, Behandlungsmöglichkeiten gibt es gleichwohl nicht. Was bedeutet daher dieser Fortschritt?

Von Anna-Lena Dohrmann | 01.07.2011

Florbetaben – so heißt die neue, leicht radioaktive Substanz, die Alzheimer jetzt sichtbar machen kann. Dieser sogenannte Tracer wird dem Patienten in den Arm gespritzt. Dann lagert er sich an die für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn. Mithilfe des Positronen-Emissions-Tomographen kann Professor Hermann-Josef Gertz mit seinen Kollegen genau sehen, wo sich dieser Tracer angelagert hat. Gertz, Leiter der Gedächtnisambulanz in Leipzig, ist Mitautor der Studie.

"Das ist auch etwas substanziell Neues insofern, als dass diese Möglichkeit der Autopsie vorbehalten war. Das heißt, der Mensch musste gestorben sein, bevor man das sehen konnte."

Bei den Eiweißablagerungen handelt es sich um β-Amyloid. Mediziner gehen davon aus, dass dieses Eiweiß giftig für die Nervenzellen ist und eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Alzheimer spielt. Schon Jahre vor den ersten Symptomen ist β-Amyloid im Gehirn nachweisbar. Doch was bringt diese Diagnose? Gertz:

"Also das ist sozusagen diese besondere Delikatesse an dieser Situation: Mit der frühen Diagnostik ergibt sich in keiner Weise eine unmittelbare Therapiemöglichkeit. Zugelassene Medikamente sind zugelassen für die Demenz bei Alzheimer-Krankheit. Und sind auch nur dafür getestet und untersucht. Das heißt: Man wartet quasi bis man in der Position ist, dass das Medikament verschreibungsfähig ist. Und das ist natürlich eine bizarre Situation."

Mediziner unterscheiden die Alzheimer-Krankheit von der Alzheimer-Demenz. Die Alzheimer-Krankheit ist sozusagen die stumme Phase. Für diese Phase gibt es bisher keine Therapie. In dieser Zeit finden zwar Veränderungen im Gehirn statt. Der Patient merkt davon aber zunächst nichts: keine Gedächtnisausfälle, keine Sprachstörungen, keine Desorientierung. Professor Hermann-Josef Gertz betreut regelmäßig Patienten, die an Alzheimer erkrankt sind. So sehr ihn das neue Verfahren fasziniert, in der Praxis hält er die Frühdiagnostik nicht für sinnvoll.

"Wenn das Angebot da ist, entsteht auch die Nachfrage. Und dann sind wir in der Situation, dass wir die Diagnose stellen können und die Leute haben noch gar nichts und wir denen sagen müssen, was das nun bedeutet. Und bei der Alzheimer-Krankheit, weil sie halt solche Implikationen hat, fragt sich da: Hat es dann Sinn den Leuten eine solche Diagnose anzubieten?"

Denn momentan können die Ärzte nicht sagen, was diese frühe Diagnose bedeutet. Es ist bisher nicht bewiesen, dass die Eiweißablagerungen zwangsläufig Alzheimer auslösen. Denkbar wäre auch, dass sie sich in einigen Fällen von alleine wieder auflösen. Außerdem ist ß-Amyloid nicht die einzige Ursache für eine Alzheimer-Krankheit. Mediziner wissen auch nicht, wie schnell die Krankheit voranschreitet. Aber vor allem ist es heute nicht möglich, den Patienten vor Ausbruch der Alzheimer-Demenz eine Therapie anzubieten. Doch genau deshalb ist die Frühdiagnostik wichtig, so Professor Thomas Arendt, Hirnforscher am Paul-Flechsig Institut in Leipzig.

"Alle Therapieversuche, muss man sagen, bisher sind ohne Erfolg gewesen. Und ein Argument, warum das so sein könnte, war immer, dass diese Erkrankungen, die in diesen Studien mit einbezogen wurden, einfach in ihrem Krankheitsverlauf schon zu weit fortgeschritten waren. Und insofern hat man jetzt natürlich die Hoffnung, hier doch vielleicht Erfolge erzielen zu können."

Neue Forschungen versuchen nämlich, die Bildung von Eiweißablagerungen zu verhindern oder sie wieder aufzulösen. Und nur wenn Mediziner die Krankheit früh genug erkennen, können die Patienten an entsprechenden Studien teilnehmen. Arendt:

"Es gibt in der Medizin den Ausdruck: Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gestellt. Das ist eigentlich in einem bisschen anderen Kontext ursprünglich geprägt worden. Das zeigt aber, dass ohne diagnostische Verfahren, Therapie niemals möglich sein wird. Und insofern ist das ein ganz wichtiger Schritt hin zur Entwicklung einer Therapie aber es ist natürlich noch keine Therapie, nicht? Es ist ein Schritt auf diesem schon noch langen Weg, den man gehen muss."