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StartseiteForschung aktuellDiagnose eines Unglücks11.04.2011

Diagnose eines Unglücks

Japanische Wissenschaftler stellen die Analyse der Daten des Tohoku-Bebens vor

Geologie.- Seit dem 11. März kommt die Erde in Japan nicht zur Ruhe. Ständig erschüttern Nachbeben die Region und auch die Aktivität von zwölf Vulkanen hat sich erhöht. Inzwischen sind das Beben und seine Folgen näher analysiert worden.

Von Dagmar Röhrlich

Ein Radfahrer passiert in Miyako ein von einer Tsunamiwelle hochkant geschwemmtes Auto. (picture alliance / dpa)
Ein Radfahrer passiert in Miyako ein von einer Tsunamiwelle hochkant geschwemmtes Auto. (picture alliance / dpa)
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Obwohl es zunächst hieß, dass es an der Küste vor Sendai noch nie einen so starken Tsunami wie nach dem Tohoku-Beben gegeben habe, lehrt der Blick in die Geschichte etwas anderes:

"Japan hat über einen sehr lange Zeitraum hinweg historische Aufzeichnungen von Erdbeben und Tsunami. Es sieht so aus, als ob in der vom Tohoku-Beben betroffenen Region vor rund 1000 Jahren etwas Ähnliches passiert ist. Das Beben und der Tsunami vom 11. März scheinen die Wiederholung dieses historischen Ereignisses aus dem Jahr 869 zu sein",

erklärt Teruyuki Kato von der Universität Tokio. Bereits in den 1990er-Jahren untersuchten Geologen in Mooren landeinwärts Lagen aus Sand und Meeresmuscheln, die frühere Tsunami darin hinterlassen hatten. Diese Ablagerungen verraten, dass während der vergangenen 3800 Jahre vier oder fünf vergleichbare Ereignisse die Küste von Tohoku getroffen haben. Trotzdem hatten die Seismologen diese Erdbebenzone unterschätzt: Dass an ihr Beben der Stärke 9 entstehen könnten, damit hatten sie nicht gerechnet:

Dieses Beben könnte die höchste Magnitude aller Erdbeben in der Geschichte Japans haben. Es verformte die Erdkruste stark. GPS-Messungen zufolge rückte Japan - in der Nähe des zentralen Erdbebengebiets - um mehr als fünf Meter auf die Subduktionszone zu, an der das Beben entstand, weil die Pazifische Krustenplatte dort unter der eurasischen ins Erdinnere verschwindet. Außerdem sank das Land entlang der Küste um mehr als einen Meter ab. Diese Küstengebiete sind immer noch überflutet. Dadurch haben viele Menschen Land verloren.

Das seien lediglich die Werte an Land, betont Teruyuki Kato: An der eigentlichen Bruchzone im Meer, die 150 bis 200 Kilometer vor der Küste liege, sei der Versatz sehr viel größer:

"Der Versatz durch das Erdbeben betrug mehr als 30 Meter, außerdem wurde der Meeresboden um bis zu fünf Meter hochgepresst. Dadurch entstand dieser große Tsunami."

Dass das Tohoku-Beben am 11. März die Erdkruste nicht noch weiter in Richtung Tokio aufreißen konnte, verdanken die Japaner der Tatsache, dass es an einem tektonischen "Wechsel" zum Stillstand kam. Hiroshi Sato von der Universität Tokio:

"Der Riss breitete sich vom Hypozentrum in beide Richtungen aus. Dabei lief er nach Süden hin auf eine Art geologisches "Dreiländereck" zu, wo die pazifische Platte, die eurasische und die philippinische Platte aufeinandertreffen. Über diesen Punkt hinaus konnte die Erdkruste nicht noch weiter aufreißen."

Seit dem 11. März kommt die Erdkruste vor Nordjapan nicht zur Ruhe. Ständig ereignen sich an der Bruchzone selbst Nachbeben. Außerdem werden Ereignisse in benachbarten Gebieten ausgelöst: etwa das Beben der Stärke 7,4, das am Donnerstag vergangener Woche die Region erschütterte. Dieses Beben habe sich direkt innerhalb der abtauchenden pazifischen Krustenplatte ereignet, so Teruyuki Kato. Mit starken Beben sei außerdem noch lange zu rechnen:

"Damit haben wir Erfahrung. Das Sumatra-Beben von Weihnachten 2004 etwa zeigt, dass drei Monate später ein Beben der Magnitude 8 in der Fortsetzung des gerissenen Bereichs auslöste. Beben, die stärker waren als Magnitude 7, hat es noch Jahre nach dem Hauptbeben gegeben, und sie dauern immer noch an."

Einige dieser künftigen Beben dürften durchaus auch weitere Tsunami auslösen. Warum die Flutwellen des Tohuku-Bebens mehr als 30.000 Tote fordern konnten, wird diskutiert. Unter anderem waren die Schutzmauern zu niedrig. Masahiro Yamamoto von der Unesco:

"Die Warnung, dass ein schwerer Tsunami die Küste treffen würde, kam schon nach drei Minuten. Da waren es für die Region um Sendai etwa 20 Minuten bis zum Eintreffen der Wellen."

Man trainiere die Bevölkerung zwar, nicht auf eine Warnung zu warten, sondern nach einem starken Beben sofort in höher gelegene Bereiche zu fliehen - aber das hätte diesmal nicht gereicht.

Zum Portal "Katastrophen in Japan"

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