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Dichterische Inspiration dank Whiskey

Er erhielt den Literaturnobelpreis und viele weitere Auszeichnungen, zum Beispiel die Medaille der französischen Ehrenlegion. Der Schriftsteller William Faulkner wohnte in einem alten Haus von 1844 in Oxford, Mississippi. Und er hat viele Spuren in dieser Stadt hinterlassen.

Von Rita und Rudi Schneider | 29.07.2012

Es ist ein sonniger Tag in Oxford, Mississippi. Vielleicht wäre diese Stadt relativ unbekannt geblieben, wenn die Gründer nicht eine pfiffige Idee gehabt hätten. Bei der Suche nach einem Städtenamen wählte man nicht ohne Hintergrund den Namen Oxford. Würde man sich mit diesem Namen um den Sitz der Universität von Mississippi bewerben, dann hätte das sicher einen gewissen Charme. Die pfiffige Idee hatte Erfolg. Oxford ist heute nicht nur Sitz der Universität des Staates Mississippi, kurz "Ole Miss" genannt. Sie ist geradezu ein Kleinod mit allerlei interessanten Geschichten.

Einer dieser Geschichten wollen wir nun folgen. Es sind die Spuren des Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, vor dessen Haus wir uns mit William Griffith verabredet haben. Er ist der Kurator des Hauses von William Faulkner. Und er begrüßt uns mit einem Satz, den wir schon öfter gehört haben:

"Meine Großeltern kamen aus Deutschland. Beide kamen aus Süddeutschland, an der Grenze zu Elsass-Lothringen. Ich spreche nur noch wenig Deutsch."

"Auf Wiedersehen" wäre etwas früh, denn wir wollen unseren Besuch ja gerade erst beginnen. Mit William wandern wir unter alten Zypressen auf einen Kiesweg, der zur Rowan Oak führt. Und finden uns in Sichtweite des Hauses auf einer kleinen gemütlichen Holzbank ein.

"Wir sitzen hier direkt vor der "Rowan Oak". Das Antebellum-Haus wurde 1844 erbaut. Zum Haus gehören 13 Hektar Land. William Faulkner kaufte die Rowan Oak 1930 und lebte hier bis zu seinem Tod im Jahr 1962. Zum Haupthaus gehören zwei weitere Gebäude, die er restaurierte. Und dazu hat er noch zwei weitere Gebäude während der 50er-Jahre selbst gebaut."

Das Leben mancher Schriftsteller ist oft selbst wie ein Roman. Und damit ist das Haus, das er gekauft hatte, schon mit so mancher Geschichte, die er schrieb, verknüpft.

"Er kaufte es, aber es war in unbewohnbarem Zustand. Das Haus war nicht kanalisiert, hatte keine Elektrizität, keine Heizung. Um die ganze Renovierung bezahlen zu können, schrieb er seine Novelle "Sanctuary" mit dem Ziel um, sie einfacher lesbar zu machen, was für einen Schriftsteller immer schlimm ist. Und es funktionierte. Sie wurde ein Bestseller. Hollywood kaufte ihm die Novelle für 25.000 Dollar ab. Er konnte mit dem Geld sein Haus und die erste Renovierung zahlen. Und die Aktion brachte ihm in Hollywood sogar einen Job als Drehbuchautor für 15 Jahre ein."

Von der Bank führt ein mit Ziegelsteinen gepflasterter Weg durch eine Allee mit alten Bäumen zum Haupteingang, der sich auf einer Veranda unter vier großen Säulen befindet. Neben und hinter dem Haupthaus befinden sich weitere Gebäude. Faulkner liebte die Fuchsjagd. Ein Stall, in dem er mehrere Pferde untergebracht hatte, befindet sich auf der linken Seite. Ein Ziegelsteingebäude auf der anderen Seite ist die Küche. Bei Antebellum-Häusern war die Küche immer in einem separaten Gebäude ausgelagert, um das Haupthaus vor einem Feuer zu schützen.

Jack Mayfield gesellt sich zu uns. Er ist ein bekannter Historiker und Kolumnist in Oxford. Er erlebte William Faulkner nicht nur während seiner Kindheit, er kennt hier rund um die Rowan Oak auch jeden Ziegelstein:

"Dort drüben ist noch ein weiteres Haus, das William Faulkner für seine Hausangestellte Mammy Kelly gebaut hat. Mammy Kelly arbeitete für die Faulkner-Familie seit 1910 und half, die Faulkner-Jungs aufzuziehen. Als William groß war, nahm er Mammy Kelly in seinen Haushalt auf. Sie wohnte in diesem Haus hinter der Rowan Oak, bis sie im Alter von 100 Jahren starb. William Faulkner ließ die Trauerfeier für Mammy Kelly im Parlor (Wohnzimmer) des Haupthauses stattfinden. Er schrieb ihre Traueranzeige selbst und veröffentlichte sie amerikaweit in den Pressagenturen AP und UPI. Er liebte Mammy Kelly ganz einfach und widmete ihr "Go down Moses". Sie war übrigens in seinem Roman "The Sound and the Fury" Vorbild für die Figur "Dilsey"."

Mit Jack schlendern wir durch den Garten. Und ich pflücke im Vorbeigehen einen Apfel von einem knorrigen Baum und beiße herzhaft in die saftige Frucht. "William Faulkner, vor allem seine Eltern und Großeltern liebten diesen Garten", erzählt Jack. Und wir finden uns am Haupteingang ein.

Hinter der Tür mit einem alten Messingknauf wartet Caroline Croon auf uns. Caroline lädt uns zunächst in den hinteren Teil des Erdgeschosses ein. Auf der linken Seite, in der Ecke zum Garten mit dem Apfelbaum, befindet sich ein besonderes Zimmer.

"Das ist Faulkners Studierzimmer, das er sich in den frühen 50er-Jahren eingerichtet hat. Eine seiner ganz besonderen Eigenheiten war es, wichtige Dinge einfach an die Wand zu schreiben. Hier drüben sieht man noch die Storylines für ein Hollywood-Drehbuch. Das Bett in seinem Studierzimmer stammt aus der Zeit, als er kaum mehr die Treppe ins Obergeschoss schaffte. Seit dieser Zeit schlief er hier unten. Unterhalb des Fensters steht ein kleiner Tisch mit seiner Reiseschreibmaschine, auf der er viele seiner Werke geschrieben hat. Beim Schreiben liebte er offenes Licht und offene Räume."
Der kleine Tisch am Fenster, die alte Tischlampe über der Reiseschreibmaschine, auf der Weltliteratur getippt wurde. Es wirkt wie ein Stillleben, ein eingefrorenes Bild, auf mich. Ruhe liegt über der Szene, fast hört man sie noch rattern, die alte Maschine.

Während das Tippgeräusch in meiner Fantasie noch tickert, betritt Hale Freeland, ein Rechtsanwalt aus Oxford, das Studierzimmer und knüpft irgendwie an meine Gedanken zur Schreibmaschine an, ohne es zu ahnen.

"Der erste Partner in der Anwaltskanzlei meines Vaters war Phil Stone. Er war wohl einer der Mentoren von William Faulkner. Zu dieser Zeit war Faulkner hier in Oxford noch relativ unbekannt. Ich habe ihn oft im Büro meines Vaters getroffen, als ich noch ein kleiner Junge war. Immer, wenn seine Schreibmaschine kaputt war, schrieb er auf der Maschine meines Vaters. Ich denke, einige seiner Geschichten und Bücher hat Faulkner auf der Schreibmaschine meines Vaters im Anwaltsbüro getippt."

Noch ein anderes Gerät ist ein geradezu historisches Relikt, das die Besucher des Haus normalerweise nicht sehen. Caroline führt uns in eine Art Kammer unter der Treppe. Auf einem simplen Holzbrett steht ein altes schwarzes Wähltelefon.

Das ist das Telefon, das 1949 genau an dieser Stelle klingelte. Am anderen Ende war ein Herr des Nobelpreiskomitees aus Oslo und hatte eine atemberaubende Nachricht für William Faulkner. Auch hier, wie im Studierzimmer, hatte er alle mögliche Notizen, besonders aber eine Unmenge von Telefonnummern ganz einfach rund um das Telefon in großen Lettern mit Bleistift an die Wand geschrieben. Und das hat seit seinem Tod niemand mehr verändert. Es gibt nur einen Unterschied zu damals. Das alte Telefon ist nicht mehr mit dem Netz verbunden.

Caroline schließt die faulknersche Telefonzentrale wieder ab und wir begeben uns in einen wichtigen Raum der Familie.

"Wir stehen in der Tür des Wohnzimmers, das für die Faulkners auch ein formaler Raum war, in dem wichtige Ereignisse gefeiert wurden. An der Wand sehen sie ein Porträt von Mister Faulkner. In dieser Ecke steht noch das Originalpiano seiner Frau Estelle und einige Mitbringsel, die Mister Faulkner von seiner Reise nach Japan mitbrachte. Seine Trauerfeier fand 1962 in diesem Raum statt. Und zu seinen Lebzeiten hat er die Trauerfeier für seine geliebte Hausangestellte Mammy Kelly in diesem Raum ausgerichtet. In diesem Raum fand aber auch der Empfang zur Hochzeit seiner Tochter statt. Für die Familie war das wirklich ein spezieller Raum."

Estelle Faulkners Flügel ist wie ein Kleinod in diesem Raum. Ob er nach so vielen Jahren der Stille noch klingt? Caroline hebt den Deckel des Instruments, und meine Finger gleiten unsicher über die Tasten.

Ich hatte befürchtet, dass der Flügel nach so vielen Jahren sehr verstimmt ist, aber die Melodie war noch erkennbar. Wir verabschieden uns von William Faulkners Haus, das irgendwie seit seinem Tod in der Zeit stehen geblieben ist und uns einen lebendigen Eindruck der Zeit vermittelte, als er und seine Familie diese Räume noch bewohnten. Bevor wir nun mit Jack Mayfield den Spuren William Faulkners in der Stadt und auf dem Land folgen, möchte William, der Kurator und Hüter des Hauses, uns noch "Good bye" sagen, allerdings in der Sprache seiner Vorfahren.

"Wann immer sie nach Oxford, Mississippi, kommen, besuchen sie uns in William Faulkners Haus. Das Haus ist ein Erlebnis."

"Unser nächstes Ziel", sagt Jack, "ist die ehrwürdige Universität von Mississippi, wo immerhin der erste afroamerikanische Student James Meredith im Jahr 1962 zum Studium zugelassen wurde." Sein Denkmal steht vor dem Eingang zur Universitätsbibliothek, wo Jennifer Ford auf uns wartet.

"Wir befinden uns im Faulkner-Raum. Natürlich zeigen wir immer die Originalmedaille seines Nobelpreises und die dazugehörige Urkunde, die er vom Nobelpreiskomitee in Oslo erhielt. In den anderen Displays zeigen wir auch etliche seiner anderen Auszeichnungen, wie die Medaille der französischen Ehrenlegion."

Faulkner erhielt den Nobelpreis für das Jahr 1949 und nahm ihn im Dezember 1950 in Oslo in Empfang. 1954 sprach er in einem Studio nochmal seine Nobelpreis-Ansprache.

Wir verlassen die Universitätsbibliothek und wandern noch ein wenig über den Campus. Sehenswert ist auch die 1889 erbaute Ventress Hall, in der im Treppenhaus ein großes original Tiffany-Fenster zu sehen ist. Mittelpunkt von Downtown Oxford ist der Townsquare mit einem wunderbaren alten Bookstore. In den Straßen von Oxford übertreffen sich eine ganze Reihe bemerkenswerter Antebellum-Häuser. Alle haben eine Geschichte zu erzählen, manche auch von William Faulkner:

"Das ist das Haus, das William Faulkner im Roman "The Sound and the Fury" als das Haus von Jason Compson Pate stand. Der bekannte William Turner war der Architekt dieses Hauses, das der Rowan Oak sehr ähnlich sieht. Auf der rechten Seite ist eine Hütte. Sie war für Faulkner die Vorlage für Dilseys Hütte im Buch. Und in diesem Haus lebte in der Realität ein Junge namens Edwin Chandler, der offenbar als Benji Compson im Roman auftaucht. Der kleine Edwin Chandler kam bei einem Feuer in diesem Haus unglücklicherweise ums Leben. Faulkners Romanfigur Benji Compson erlitt das gleiche Schicksal. Faulkner pflegte immer zu sagen: Schreibe über Dinge, die Du kennst. Und das tat er, da drüben ist die Hütte."

Wir setzen unsere Spurensuche fort und begeben uns etwas außerhalb der Stadt, wo wir in der üppigen Südstaatenvegetation unterhalb eines historischen Wasserturmes einen kleinen General Store finden.

"Das ist ein typischer Country Store. Er wurde um 1840 gebaut und ist seitdem immer noch in Betrieb. Er wurde 1949 in William Faulkners Film "Intruder in the Dust" als Filmset verwendet. Sollten sie also den Film aus dem Jahr 1949 sehen, das hier ist der original Country Store, der im Film zu sehen ist. Er sieht heute innen und außen genau so aus, wie solche Country Stores um 1840 aussahen."

William Faulkner sagte: "Die Menschheit ist ein Buch, das immer wieder von Neuem aufgelegt wird, ohne die Aussicht, jemals ein Bestseller zu werden". So ist es. Alle Geschichten, die das Leben je erzählte, enden auf dem Friedhof. Nur die Kunde derer, die dort ruhen, lebt weiter.
Jack lädt uns nun ein, die Grabstätten der Faulkner-Familie zu besuchen.

"Das ist das Familiengrab der Großeltern von William Faulkner. Hier vorne liegt seine Mutter und hier drüben sein Großvater Karl J. W. T. Faulkner. Als William Faulkner im Jahr 1962 starb, war in diesem Familiengrab klein Platz mehr. Deshalb wählte die Familie eine neue Grabstelle. Ich gehe jetzt mit ihnen den Hügel dort runter. Und ich zeige ihnen das Grab von William Faulkner."

Neben den Faulkners finden wir das Grabmahl von Wilhelm Wohlleb, einem deutschen Einwanderer, der in der Geschichte von Oxford eine wichtige Rolle spielte. Und er ist nicht der einzige deutsche Namen, den wir auf den Grabsteinen rundherum finden. Letztendlich wandern wir über den Hügel, wie Jack sagte, und dann stehen wir vor der letzten Ruhestätte des Mannes, dessen Leben eher Unruhe war.

"Wir stehen hier an William Faulkners Grab. Er starb vor 50 Jahren im Juli 1962. Seine Frau Estelle wurde neben ihm bestattet. Die Besucher seines Grabes hinterlassen als letzten Gruß gerne mal eine angebrochene Flasche Whiskey. Mister Faulkner war bekannt dafür, dass er den Whiskey liebte. Er pflegte immer zu sagen: Solange ich eine Pfeife, Tabak, Papier und einen kleinen Jack Daniels habe, kann ich schreiben."

William Faulkner sagt dazu: "Die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration ergibt: 99 Prozent Whiskey und ein Prozent Schweiß." Wenn denn der Whiskey eine üble Gewohnheit war, hat er auch darauf eine Antwort: Zitat: "Wer keine üblen Gewohnheiten hat, hat wahrscheinlich auch keine Persönlichkeit."
NUR SONNTAGSSPAZIERGANG: Die "Telefonzentrale" im Faulkner-Haus
Die "Telefonzentrale" im Faulkner-Haus (Rudi Schneider)
NUR SONNTAGSSPAZIERGANG: Das Wohnzimmer mit der Schreibmaschine im Faulkner-Haus
Das Wohnzimmer mit der Schreibmaschine im Faulkner-Haus (Rudi Schneider)