Sonntag, 25. Februar 2024

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Dichtung in finsteren Zeiten

"Die Generation der um oder nach 1945 Geborenen hat den unverdienten Vorzug, nicht persönlich verantworten zu müssen, was den Juden in Deutschland angetan wurde. "Wie einen Buckel" - so Heiner Müller in der "Hamletmaschine" - "trägt sie gleichwohl die Traumata deutscher Geschichte. Und es besteht auch Grund, sich von ihnen zu befreien. Sie bürden die Pflicht zu geschichtlichem Denken auf, die Verantwortung für eine unabschließbare Trauerarbeit, die Notwendigkeit einer permanenten Selbstreflexion." Mit diesen Worten umreißt der Literaturwissenschaftler Ralf Schnell, Jahrgang 1943, das geistige Kraftfeld, aus dem sich seine Analysen über deutsche Literatur und Faschismus mit dem Titel "Dichtung in finsteren Zeiten" speisen.

Klaus Modick | 22.04.1998
    Es geht hier zwar auch sehr wesentlich um deutsche Literatur im Faschismus, aber der eigentliche Impuls Schnells gilt der Tatsache, daß eine Verlängerung der Geschichte nicht nur in die Gegenwart, sondern auch in die Vergangenheit hinein "die Raster verbreiteter Denkgewohnheiten zu irritieren vermag. Geschichte ist zwar analytisch, doch nicht als Prozeß in sich abgrenzbar durch epochale Daten." Für die deutsche Literatur nach 1945 bedeutet dieser Befund zweierlei. Zum einen erschüttert er nachhaltig die These von der literarischen "Stunde Null", die angeblich mit allen Traditionen gebrochen und einen radikalen Neuanfang geschafft habe. Zum anderen erklärt er "die kulturkonservativen Verdammungsallegorien" der bundesrepublikanischen Restaurationsphase gegenüber kritischer Intelligenz ("Ratten und Schmeißfliegen") aus dem Ungeist des Nationalsozialismus. Und umgekehrt findet sich dieser Ungeist in den national-chauvinistischen Werken des 19. Jahrhunderts vorgezeichnet. Innerhalb dieses Kontextes analysiert Schnell dann auch jene staatstheoretischen und mythologisierenden Diskurse des 19. Jahrhunderts, die zur geistigen Vorgeschichte des Dritten Reichs gehören, also zum Beispiel Carl Schmitt oder auch Julius Langbehns einflußreiches Groß-Pamphlet "Rembrancit als Erzieher".

    Schnells erhellender, präzise argumentierender Band bietet außerdem Skizzen der Schreibwirklichkeit im Dritten Reich zwischen Anpassung, innerer Emigration und rasendem Mitläufertum sowie eine in 15 Thesen wünschenswert klare Analyse "nationalsozialistischer Dichtung" mit dem Ergebnis, daß sie sich als pure Macht-Manifestation und -Verklärung und somit als Nicht-Literatur selbst entlarvt. Nationalsozialistische Dichtung ist nämlich, anders etwa als die Literatur aus dem Dunstkreis des italienischen Faschismus, der Versuch, "allen die identische Rede aufzuzwingen, allen ein identisches Reden abzuringen." Literatur aber wäre das genaue Gegenteil, nämlich, nach der Definition Roland Barthes', "die außerhalb der Macht stehende Sprache in dem Glanz einer permanenten Revolution der Rede zu hören."

    Den Band beschließen Aufsätze zur Widerstands- und Exilliteratur sowie Überlegungen zur literarischen Entwicklung nach 1945. Schnell wendet sich mit solchen literarhistorischen Analysen entschieden gegen die sich gerade in jüngster Zeit häufenden Versuche, eine nationale Identität auf der tabula rasa eines freigeräumten, historischen Bauplatzes zu konstruieren. Als argumentativer Leitfaden dient dabei, was Nietzsche über den Umgang mit Geschichte notierte: "Denn da wir nun einmal die Resultate früherer Geschlechter sind, sind wir auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen; es ist nicht möglich sich ganz von dieser Kette zu lösen."