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Dick, dicker, am dicksten?

Das Phänomen Adipositas wird seit einigen Jahren auch von Gesellschaftswissenschaftlern erforscht. Doch ist die im Volksmund als "Fettleibigkeit" bezeichnete Erkrankung wirklich ein gesellschaftliches Problem?

Von Barbara Weber | 13.05.2010

"Darf ich offen sein: Ich kann Sie nicht einstellen. Der Friseurberuf ist ja ein ästhetischer."

"Ja?!?"

"Sie, sie sind nicht ästhetisch."

"Es gibt ständig Situationen, wo ich denke, ich wäre gerne dünner. Also manchmal, wenn ich rausgehe und das Gefühl habe, dass mir da auch schon so ein gewisser Widerwille entgegenschlägt, also wenn man mal eine Currywurst irgendwo auf dem Marktplatz isst, und die Leute gucken einen angewidert an, dann wünschte man sich schon, dass man einfach unsichtbar wär'."

Stephanie von Liebenstein, Lektorin.

"Diese Supersizing-Kultur, der Big Mac noch größer, aber low fat, das ist natürlich dann sehr schwer, diese Kalorienzufuhr wieder zu kompensieren über mehr Bewegung oder durch andere Aktivitäten."

Dr.Franz Benstetter, Volkswirt und Gesundheitsökonom, Münchner Rück

"Also von daher ist es nicht verwunderlich, dass hier gerade in den USA wie ein Flächenbrand dieses Übergewicht und diese Fettleibigkeit steigt."

Von einem Flächenbrand spricht hierzulande niemand. Doch generell lässt sich sagen: Die Bevölkerung der Bundesrepublik wird größer und dicker. Das zeigen Untersuchungen am Bekleidungsphysiologischen Institut in Hohenheim aus dem letzten Jahr, bei dem 13.000 Kinder, Frauen und Männer vermessen wurden.

Eine neue Studie an 4000 überwiegend schwäbischen Frauen führte zu der Erkenntnis, dass mehr als die Hälfte der Frauen Größe 48 hatte. Und noch ein Ergebnis brachte die Vermessung mit dem 3D-Scanner zutage: Die Pfunde verteilen sich nicht proportional, was Probleme beim Kleiderkauf mit sich bringt, denn Größe 48 ist nicht einfach Größe 36 mit Schnittzugabe. Deshalb entwickelten Wissenschaftler an der Technischen Universität Dresden auf der Grundlage der Scan-Daten virtuelle Formkörper, die dann in reale Büsten verwandelt werden.

Die nackten bundesrepublikanischen Realitäten erinnern kaum noch an Barbie und superschlanke Schaufensterpuppen.

Unästhetisch, willensschwach, sinnlose Mengen an Kalorien in sich hineinstopfend - wenn von Fettleibigkeit die Rede ist, hat jeder seine eigene Meinung.

Zum Beispiel die Versicherungen, die wie die Münchner Rück Risiken abdecken. Die Münchner Rück - laut Financial Times Deutschland der größte Rückversicherer weltweit - versichert nicht nur Risiken von Krankenkassen, sondern ist mit der Marke Ergo auch selbst als Krankenversicherung aktiv. Ihr Interesse ist es, riskante, kostentreibende Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen und gegenzusteuern. Als eine solche Entwicklung hat der Konzern weltweit die Fettleibigkeit ausgemacht und die mit ihr assoziierten üblichen Verdächtigen.

"Also an erster Stelle ist hier Diabetes mellitus. Da sehen wir einen sehr, sehr starken Anstieg weltweit, also nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in Schwellenländern, beispielsweise in den Städten in China oder in Indien, wo auch schon sehr viele Kinder mittlerweile übergewichtig sind und auch in jungen Jahren Diabetes mellitus entwickeln. Andere Bereiche sind Bluthochdruck, koronare Herzkrankheiten. Diese Krankheitsbilder nehmen auch sehr stark zu, oft mit Komplikationen, mit einer gestiegenen Sterberate, aber auch mit höheren Kosten für die Versicherten und für die Versicherungen."

Was der Volkswirt von der Versicherung beobachtet, können Wissenschaftler inzwischen bestätigen: Je nach Land sind unterschiedliche Bevölkerungsgruppen von Fettleibigkeit betroffen.

Im letzten Jahr verglich Professor Olaf von dem Knesebeck vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf in einer Übersichtsarbeit 500 verschiedene Studien, die den Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und Adipositas untersuchten. Dabei zeigt sich, dass es eine Korrelation gibt zwischen dem sozialen Status und der Entwicklung von Adipositas.

Seine Mitarbeiterin, die Soziologin Kerstin Hofreuter-Gätgens, hat sich näher mit dem sozialen Status einer Person und Fettleibigkeit beschäftigt.
Bei ihrer Literaturrecherche entdeckte sie eine kanadische Studie, die Adipositas in entwickelten Ländern und Schwellenländern untersuchte und zu dem Ergebnis kam,

"dass sich dort Unterschiede zwischen dem Zusammenhang der sozioökonomischen Kriterien und Adipositas ergeben haben und zwar insofern, als dass in den entwickelten Ländern ein negativer Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Kriterien und Adipositas sich aufzeigt, das heißt also, dass es bei uns ja so ist, dass diejenigen, die eine niedrige Bildung haben, eine niedrige berufliche Stellung oder generell niedrige sozioökonomische Kriterien, ein erhöhtes Risiko haben an Adipositas zu erkranken, während es bei Entwicklungsländern oder Schwellenländern eher so ist, dass es einen positiven Zusammenhang gibt, das heißt also, dass diejenigen, die sehr viel Einkommen haben und denen es sehr gut geht, ein erhöhtes Risiko haben, adipös zu sein. Da zeigt sich, dass es genau ein umgekehrter Effekt ist."

Zum Beispiel die Arabischen Emirate: Hier leiden inzwischen 60 Prozent an Übergewicht, 30 Prozent an Fettleibigkeit und 20 Prozent der Bevölkerung ist dabei, einen Diabetes Typ II zu entwickeln. Die staatliche Krankenversicherung von Abu Dhabi ist alarmiert. Sie will gegensteuern und hat mit der Münchner Rückversicherung gemeinsame Maßnahmen entwickelt. Diese Programme umfassen das Bekannte: Aufklärung über gesunde Ernährung und Sport.

Das Projekt läuft jetzt seit einem Jahr. Wir haben jetzt erste Beobachtungen, erste Zahlen, beispielsweise die Bewegung sehr stark zunimmt, die sportlichen Aktivitäten, zum Teil 50 Prozent der Befragten. Wir sind aber gerade noch dabei das wissenschaftlich auszuwerten, gemeinsam mit Universitäten, weil wir auch diese wissenschaftliche Auswertung brauchen, die statistischen Auswertungen, um Rückschlüsse zu ziehen für nächste Projekte.

Anders als in Schwellen- und Entwicklungsländern ist das Bild in entwickelten Ländern wie der Bundesrepublik. Hier erhöht ein niedriger sozioökonomischer Status das Adipositas-Risiko im Vergleich zu Personen mit einem hohen sozialen Status. Ganz so pauschal stimmt die Aussage aber nicht.

So ist bei Frauen das Risiko, übergewichtig zu werden, umso stärker ausgeprägt, je niedriger die Bildung, je schlechter das Wohnumfeld und je einfacher die Berufstätigkeit ist. Bei Männern hingegen zeigt sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Adipositas. Bei beiden Geschlechtern scheint allerdings die Bildung eine große Rolle in Bezug auf das Körpergewicht zu spielen.

Bildung ist demnach der Haupteinflussfaktor auf das Körpergewicht. Das gilt auch für die späteren Lebensjahre - wie die Soziologin Kerstin Hofreuter–Gätgens in einer Studie bestätigen konnte. Wie das jetzt zusammenhängt - da stochern die Wissenschaftler noch im Nebel:

"Bei der Erklärung sind noch sehr viele Fragen offen. Es wird generell unterschieden zwischen zwei verschiedenen Hypothesen, die dort in Betracht kommen. Einmal kann es sein, dass eine sogenannte Selektion stattfindet oder eine soziale Verursachung."

Was heißt das?

"Bei der Selektion ist es so, dass man davon ausgeht, dass das Übergewicht in einer früheren Lebensphase dazu führt, dass die Betroffenen im späteren Verlauf eine vergleichsweise niedrige sozioökonomische Position einnehmen."

Das heißt, dass ein fettleibiger Mensch im Leben seltener eine Chance hat, eine gehobene soziale Position einzunehmen.

"Bei der sozialen Verursachung ist es eher so, dass der sozioökonomische Status vermittelt, das heißt also, dass man davon ausgeht, dass über den sozioökonomischen Status bestimmte Verhaltensweisen wie Bewegungsmangel oder Fehlernährung oder auch psychosoziale oder materielle Faktoren das Übergewichtsrisiko beeinflussen, und dass man da dementsprechend, wenn man in einer niedrigen sozioökonomischen Position zu Hause ist, dort diese Verhaltensmaßnahmen oder von diesen Risiken eher betroffen ist als Personen, die aus einer höheren sozialen Position stammen"

Doch auch unabhängig vom Status lässt sich feststellen: Wir legen zu.
Die Politik ist alarmiert, fördert Adipositas – Zentren und Programme, mit deren Hilfe abgespeckt werden soll. Von denen weiß man wiederum nur, dass sie kaum Effekte zeigen. Stellt sich die Frage:

Wie reagieren die Bundesbürger auf die Zunahme an Pfunden? Werden Übergewicht und Fettleibigkeit überhaupt als Problem angesehen?

Das untersuchten in einer Studie die beiden Psychologen Prof. Anja Hilbert, Universität Freiburg, Schweiz, und Professor Elmar Brähler, Universität Leipzig, gemeinsam mit Kollegen der Universität Marburg:

"Adipositas wird schon als Gesundheitsproblem verstanden, und man weiß das sicher auch aus seinem Umfeld, von der überwiegenden Mehrzahl wird das doch als Problem gesehen. Man weiß, dass mit Adipositas doch sehr viele Einschränkungen verbunden sind und auch Folgeerkrankungen. Es sind doch einige Informationsdefizite offenkundig geworden, beispielsweise, dass die Menschen nicht genau wissen, was ist eigentlich Adipositas, also ab wann spricht man davon, und damit einhergehend haben sie auch die Auftretenshäufigkeit stark überschätzt."

Bei dieser repräsentativen Befragung wollten die Wissenschaftler unter anderem herausfinden, inwiefern Menschen bereit für präventive Maßnahmen sind. Generell - und das gilt insbesondere in Bezug auf Vorbeugung bei Kindern - ist die Bereitschaft groß. Zwänge werden allerdings strickt abgelehnt. Auch bei dieser Studie ergaben sich Unterschiede zwischen dem Problembewusstsein in Bezug auf Adipositas und dem sozioökonomischen Status der Befragten. Anja Hilbert

"Wir haben gefunden, dass die Bereitschaft zur Prävention eigentlich am geringsten ist bei den Menschen mit niedrigem Bildungsstand. Nun wissen wir ja, dass die Adipositas gerade in geringen sozioökonomischen Schichten besonders stark ausgeprägt ist, und wir wissen auch aus Präventionsstudien, dass es besonders schwer ist, eben diese Bevölkerungsgruppen überhaupt anzusprechen und einzubeziehen, und aus unserer Studie wird eigentlich deutlich, dass dies auch an einem geringeren Erkennen des Problems aber auch vor allem geringeren Unterstützungsbereitschaft - das bringt sowieso nichts - liegt."

Eine weitere Gruppe zeigte - so Elmar Brähler - wenig Problembewusstsein in Bezug auf Fettleibigkeit: die Älteren:

"Wir wissen nicht, hängt das mit dem Alter zusammen oder hängt das mit der Kohorte zusammen, wann sind die aufgewachsen, die Älteren, waren das die, die die sogenannten schlechten Zeiten erlebt haben, die das als Luxusproblem sehen, und so weiter. Da wissen wir nicht, ist es auf das Alter oder das Aufwachsen in einer bestimmten Epoche zurückzuführen."

Dieses Phänomen zeigt die unterschiedliche gesellschaftliche Wahrnehmung von Adipositas.

Gilt das, was gestern noch gesund war heute als krank? Ist die Definition der WHO, die einen BMI von 30 für adipös erklärt, nicht willkürlich angesetzt? Galt demnach Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Zeiten auch als adipös? Und ist es berechtigt, dass das individuelle Körpergewicht zum öffentlichen, gesellschaftlichen Problem erklärt wird?

Nein - sagen immer mehr Betroffene in den USA. Sie glauben, dass die ungesunde Lebensweise jenseits des Dickseins vieler Dicker die Gesundheitskosten nach oben treibe. Das habe nichts mit dem Dicksein an sich zu tun. Deshalb gründeten Dicke schon in den 1960er-Jahren die Fat Acceptance – Bewegung. Eine der deutschen Protagonistinnen dieser Idee ist die Lektorin Stephanie von Liebenstein, die in den USA mit der Bewegung in Berührung kam:

"Ich war 2005 in New York, habe da eine Weile in einer Literaturagentur gearbeitet und bin da in Kontakt gekommen mit der Fat Acceptance Bewegung in Amerika, unter anderem mit NAAFA, der National Association to Advance Fat Acceptance."

Fat Acceptance hat ein Ziel, nämlich die gesellschaftliche Diskriminierung von adipösen Menschen abzubauen. In den letzten Jahren hat die Bewegung auch die Universitäten erreicht:

"Es gibt eine wissenschaftliche Richtung, die heißt Fat Studies, die ist auch in den USA entstanden, in den letzten Jahren sehr stark geworden. Im letzten Jahr gab es zum Beispiel drei große Kongresse zu dem Thema. In Deutschland gibt es so was leider noch nicht. Ich würde gerne mich auch dafür engagieren, so was hier aufzubauen, weil ich selber sehr wissenschaftlich interessiert bin und hoffe, dass es auch in Zukunft hier Lehrstühle gibt zu dem Thema."

Im Mittelpunkt der Untersuchungen:

"Ganz knapp ausgedrückt befasst sich Fat Studies damit, die gesellschaftliche Behandlung und den gesellschaftlichen Blick auf dicke Körper zu untersuchen, das heißt, dicke Körper nicht gleich als Essenz zu sehen, also nicht als etwas, was qua dicker Körper also zum Beispiel ungesund ist, oder willenlos - abnorm und so weiter , sondern die schauen sich erst mal an, was macht denn die Gesellschaft, also wie reagiert die Medizin darauf, wie reagieren die Menschen auf der Straße darauf und so, und tragen das zusammen und analysieren anhand des dicken Körpers die Gesellschaft."

Das, was die Fat Acceptance Bewegung in den USA bislang erreicht hat, möchte die Lektorin auch in Deutschland schaffen: Deshalb gründete sie die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung.

"Unsere Ziele sind Informationen auf Deutsch zugänglich zu machen zu dem Thema, dann zweitens aber auch tatsächlich konkrete Hilfestellung anzubieten für Menschen, die von Gewichtsdiskriminierung betroffen sind, also zum Beispiel Menschen, die versuchen, verbeamtet zu werden oder die Probleme an ihrem Arbeitsplatz in irgendeiner Form haben, und da haben wir, ich glaube Deutschlandweit, erste Beratung für Gewichtsdiskriminierung aufgebaut, also mit fundierter Rechtsberatung von Experten."

Dass es sich bei Diskriminierung von Adipösen nicht nur um gefühlte Diskriminierung handelt, haben die Psychologen Anja Hilbert und Elmar Brähler in Studien untersucht. Sie wollten herausfinden, inwieweit Dicke stigmatisiert werden und konfrontierten in einer repräsentativen Befragung Personen mit entsprechenden Aussagen:

Dicke Menschen haben keine Willenskraft oder dicke Menschen sind faul oder solche Aussagen waren das. Und die Betreffenden sollten ihre Zustimmung oder Ablehnung kundtun. Darüber hinaus haben wir dann auch nach angenommenen Ursachen für die Adipositas gefragt Die Ergebnisse der Untersuchung überraschten auch die Wissenschaftler:

"In dieser Studie ist herausgekommen, dass 21 Prozent keine stigmatisierenden Einstellungen hatten während 23 Prozent eindeutig diesen klaren stigmatisierenden Aussagen zugestimmt haben. Überraschend fanden wir dann auch noch, dass 55 Prozent sich weder dafür noch dagegen aussprechen konnten. Nun haben wir es aber mit eindeutig stigmatisierenden Aussagen zu tun, und das kann man auch dann eben wieder im Sinne einer verdeckten Stigmatisierung interpretieren, wenn man sich nicht eindeutig dagegen stellt, gegen stigmatisierende Einstellungen, dann ist man sozusagen latent dafür."

Weniger überraschend war hingegen ein Ergebnis, das sich wie ein - wenn auch dünner - roter Faden durch alle Studien zu ziehen scheint: der Zusammenhang zwischen Bildung und Adipositas.

"Da ist es eigentlich auch ähnlich, dass die Menschen mit niedrigem Bildungsstand stärker stigmatisieren."

Woran liegt das? – fragte sich die Psychologin und untersuchte bundesdeutsche Tageszeitungen: zwei große überregionale Blätter, zwei regionale und eine Boulevardzeitung. Das Ergebnis ist wenig überraschend:

"Auf der Bewertungsebene - das überrascht jetzt auch wieder nicht - war natürlich die Boulevardzeitung negativer, extremer, personalisierender als die anderen beiden Arten von Zeitungen aber auch die überregionalen Tageszeitungen haben zum Teil negative Bewertungen drin gehabt."

Das liegt auch an den Zahlen: Mal sind es zwölf Milliarden, mal 20 Milliarden, gar von 70 Milliarden ist die Rede, wenn die zukünftig entstehenden Kosten der Adipositas und der damit verbunden Herzkreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen benannt werden.

Dabei gerät aus dem Blick, dass die Gesellschaft andere Kostenverursacher sehr wohl zu akzeptieren gelernt hat - sagt Professor Jürgen Weyer, Versicherungsmathematiker und Aktuar in Köln, der mit seiner Firma anonymisierte Versicherungsdaten verschiedener Krankenversicherer auf zu erwartende Risiken analysiert. Er verfügt über mehr als 50 Millionen Beobachtungsjahre. Auch er kommt zu dem Ergebnis, dass Adipositas hohe Krankheitskosten verursacht. Allerdings gibt er zu Bedenken, dass andere Kostenverursacher keine Schlagzeilen wert sind:

"Wir dürfen nicht die Flut von Meniskusschäden, Bänderrissen und ähnlichen Verletzungen außer acht lassen, die einen riesigen Kostenblock erzeugen. Dazu vielleicht eine Eckzahl: Wir sehen, dass beispielsweise ein Viertel aller Kosten bei Männern in der Altersklasse von 20 bis 40 im stationären Bereich losgetreten wird durch derartige Unfallereignisse, man ist ja nicht besonders gesund, wenn man mit gebrochenem Bein, das man sich beim Skifahren gebrochen hat, im Krankenhaus liegt, und an erster Stelle möchte ich vielleicht auch mal die Gefahren des Fußballs erwähnen. Das ist ja alles ganz schön, aber die Verletzungsgefahr ist nicht ganz unerheblich und die Gesellschaft muss das tragen."

In der Gynäkologie - ein Bereich, der bei Frauen bis 40 Jahren über die Hälfte der Kosten verursacht - sind leicht Übergewichtige sogar im Vorteil. Das Bild ändert sich allerdings bei ausgeprägter Fettleibigkeit.

"Ein weiterer Bereich, den ich für sehr, sehr wichtig halte und der gesellschaftlich völlig tabuisiert ist, ist der Bereich der psychischen Erkrankungen. Wir beobachten zunächst mal, dass die Kosten für psychische Erkrankungen diejenigen sind, die die höchsten Zuwachsraten haben im Gesundheitswesen. Es gibt einige Altersklassen, in denen psychische Erkrankungen auf Platz zwei der möglichen Kosten stehen bereits, und wir erkennen insbesondere bei Frauen eine Korrelation zwischen psychischen Erkrankungen und auffälliger Schlankheit."

Andererseits lässt sich nicht verleugnen:

"Je höher das Übergewicht ist, desto dramatischer sind die Effekte, in Hinblick auf Herzkreislauf-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen."

Auf absolute Zahlen will der Mathematiker sich nicht festlegen lassen. Prozentual gesehen würden die Mehrkosten, bereinigt um die positiven Effekte, für Übergewicht generell bei 15 bis 20 Prozent im Vergleich zu Normalgewichtigen liegen.

Doch die%e dürfen über einen Punkt nicht hinwegtäuschen:
Wenn immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft fettleibig werden, wird es teuer:

"Es ist so, dass dergleichen natürlich auf die absoluten Kostenbeträge einen erheblichen Einfluss hätte, je mehr Leute mehr Kosten erzeugen, desto mehr kostet es halt in Summa. Dann wird das für das Gesundheitswesen immer ungünstiger, die absoluten Zahlen werden sich dramatisch verschieben, wir sprechen hier sicherlich über große absolute Zahlen. In diesem Sinne macht es schon Sinn, dass wir uns sehr darum bemühen, dafür zu sorgen, dass nicht immer mehr Leute immer fetter werden."

Doch rechtfertigen Kosten, über deren Höhe unter Experten heftig diskutiert wird, die gesellschaftliche Diskriminierung ganzer Bevölkerungsgruppen?

Lassen sich schlichte Vorurteile aufrechterhalten, wenn selbst Mediziner nicht wissen, inwiefern Adipositas genetisch bedingt ist?

Und liegt es einfach am mangelnder Selbstdisziplin, wenn Menschen dramatisch zunehmen?

Diese Fragen sind offen. Vielleicht auch ein Grund, warum Stephanie von Liebenstein mit ihrer Organisation gegen Diskriminierung kämpft.

"Ich wünsch' mir grundsätzlich, dass dicke Körper in der Öffentlichkeit nicht mit so einem spontanen Pauschalverurteilungsbild zusammengebracht werden, dass Menschen dicke Leute anschauen und mal einfach das Dicksein wahrnehmen so wie "ach, die ist ja blond" oder "die hat einen roten Pulli an" oder so was und einfach sagen, ja, die ist dick und da erst mal kein Werturteil mit verbinden und nicht immer zu glauben zu wissen, was mit dieser Person los ist. Ich fände es schön, wenn sich das ändern würde."

Literatur und Hinweise:

Bekleidungsphysiologisches Institut Hohenstein, Technische Universität Dresden: Abschlussbericht zum AIF – Forschungsvorhaben, Grundsatzuntersuchung zur Konstruktion passformgerechter Bekleidung für Frauen mit starken Figuren, Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen Nr.15144 BG/ August 2009

Hilbert, Anja, Ried, Jens, Obesity in Print: An Analysis of Daily Newspapers, in: Obesity Facts, The European Journal of Obesity, 2009, S.46 - 51

Hilbert, Anja, Rief, Winfried, Brähler, Elmar, Stigmatizing Attitudes Towards Obesity in a Representative Population-based Sample, in: Obesity, Volume 16 Number 7, July 2008

Hilbert, Anja, Ried, Winfried, Brähler, Elmar. Problembewusstsein und Einstellungen zur Adipositasprävention: Eine repräsentative Surveyuntersuchung, in: Psychotherapie – Psychosomatik – Medizinische Psychologie, 2007; 57; S.242 - 247

Hofreuter, Kerstin, u.a. Soziale Ugleichheit und Adipositas bei älteren Menschen, Ergebnisse der SHARE-Studie, in: Adipositas 3/2008, S.1 - 4

Knoll, K.-P., Hauner, H., Kosten der Adipositas in der Bundesrepublik Deutschland, in: Adipositas 4/2008S.204 - 210

Rothblum, Esther, u.a., The Fat Studies Reader, New York University Press, New York, London, 2009

Schorb, Friedrich, Dick, doof und arm? Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert, Droemer, 2009

von dem Knesebeck, Olaf, Sozioökonomische Faktoren und Adipositas, in: Science Allemagne - Adipositasforschung in Deutschland, Juni 2009

http://www.gewichtsdiskriminierung.de

http://www.naafaonline.com/dev2/